Berlin: „Die Walküre“, Richard Wagner

Beginnen wir heute mit den Sängern. Daß die mindestens drei Jahrzehnte lang wortreich beschworene „Krise des Wagnergesangs“, sollte es sie je gegeben haben, überwunden ist, konnte man schon bei den zurückliegenden Bayreuther Festspielen hören. Nun bietet die Deutsche Oper nach dem „Vorabend“ auch für den „ersten Tag“ des Bühnenfestspiels eine Besetzung ohne Ausfälle auf. Seit der Premiere dabei ist Annika Schlicht als Fricka, deren Mezzo kraftvoll und zupackend tönt, die aber eine Neigung zu Abwärts-Portamenti hat, die man bei Wagner für stilistisch unpassend halten kann. Ebenfalls zur Stammbesetzung seit der ersten Wiederaufnahme zählt Elisabeth Teige, deren jugendlich-dramatischer Sopran für die Sieglinde neben schwärmerischer Emphase auch verhangene Töne der Resignation kennt. Auch Tobias Kehrer gehört hat als Hunding Rollenerfahrung seit 2021 und imponiert wieder mit seinem schwarzen, kernigen Baß. Als Wotan ist Jordan Shanahan eingetauscht worden. Das ist gut so. Im Rheingold mag man Ian Paterson die leichten Gebrauchsspuren seines Baritons als Gestaltungsmittel für einen etwas derangierten Gott gutgeschrieben haben. Der Walküre-Wotan muß seine Autorität aber auch stimmlich beglaubigen, selbst wenn er bereits im zweiten Aufzug sein Scheitern eingesteht. Trine Møller ist eine jugendlich-frische Brünnhilde, die ihre Schlachtrufe unerschrocken angeht. Ob man ihr ausgeprägtes Vibrato goutiert, ist Geschmackssache. Schließlich ist von einem vielversprechenden Rollendebüt zu berichten: Matthew Newlin gibt in den beiden Ring-Zyklen an seinem langjährigen Stammhaus seinen ersten Siegmund. Über Jahre hinweg bediente er die großen Partien des lyrischen Repertoires. Nun hat er einen Fachwechsel vorgenommen. Für einen ehemals lyrischen Tenor erstaunt dabei die volltönende Mittellage. Gerade der Siegmund könnte über weite Strecken von einem hohen Bariton gesungen werden. Newlin verfügt über das nötige bronzenfarbene Register, aus dem heraus er dann zu einer angemessen heldischen Höhe ansetzen kann. Zu Beginn meint man bei wenigen gaumigen Beimischungen noch dieser Höhe anzumerken, daß ihr Stahl erarbeitet werden mußte. Schnell aber singt er sich hier frei. In die berühmt-berüchtigten Wälse-Rufe legt er seine gesamte Kraft. Bei seiner Absage an Brünnhilde in der Todverkündungsszene macht es ihm Donald Runnicles unnötig schwer, indem er ein Tempo am Rande des Stillstands wählt, so daß Newlin innerhalb der Phrasen nachatmen muß. Derartige Tempodrosselungen waren bereits im ersten Aufzug aufgefallen. Im Übrigen läßt es der Dirigent in den Vorspielen zum ersten und zweiten Aufzug ordentlich krachen und serviert den Walkürenritt mit dem erforderlichen Aplomb. Die acht Walküren schließlich sind tadellos besetzt und können mit dem kraftvollen Orchestersound mithalten.

© Bettina Stöß

Die Grundideen von Regie und Bühnenbild werden im ersten Aufzug zurückhaltend ausgespielt. Zu Beginn ist der Vorhang geschlossen, das Saallicht gelöscht. Wenn der Vorhang sich öffnet, befindet sich dieses Mal keine Menschenmenge auf der Bühne. Die im Rheingold herbeigeschafften Koffer dienen nun als Bausteine für Hundings Hütte, die sich geradezu antikisierend als Halb-Rotunde mit angedeuteten Säulen präsentiert. In deren Mitte steht wie am Vorabend der Konzertflügel samt dem von Wotan in die Klaviatur gerammten Schwert „Nothung“. Herheim arrangiert die Szenen zwischen Siegmund und Sieglinde und später Hunding als intensives Kammerspiel – beinahe klassisch. Zu den Orchesterstürmen des Vorspiels wehen Schneeflocken herein. Der „Wonnemond“ wird an passender Stelle auf ein Tuch projiziert, das sich aus dem Flügel heraus zur Baumkrone formt. „Du bist der Lenz“ wird mit Projektionen von üppigem Grün illustriert – in den äußeren Formen und Zeichen erweist sich Stefan Herheims Inszenierung immer wieder als geradezu texttreu. Die auffälligste Regiezutat ist ein stummer Schauspiel: Er wird im Programmheft als „Hundingling“ benannt, also als gemeinsamer Sohn von Hunding und Sieglinde. Anfangs wirkt sein Auftreten befremdend, allmählich aber entwickelt man Sympathien mit einer geschundenen Kreatur, die sich nach Zuneigung sehnt und diese ausgerechnet von Siegmund erhält, so daß man umso entsetzter ist, wenn der Junge am Ende des ersten Aktes von Sieglinde (als Akt der Befreiung aus ihrer Ehe) gemeuchelt wird. Der Regisseur begründet das damit, daß er die Schuldgefühle, welche Sieglinde im zweiten Aufzug ob ihres Ehebruchs zeigt, „höchst problematisch und in unserer Zeit nicht vertretbar“ finde. So habe er mit dem hinzuerfundenen Mord am eigenen Kind ein (vermeintlich) glaubwürdigeres Motiv für die Schuldgefühle konstruieren wollen. Was aber ist „unsere Zeit“? Spielt denn der Ring in „unserer Zeit“? Ganz sicher nicht nach dem Libretto Wagners, aber doch wohl auch nicht in der Inszenierung von Herheim, welche Flügelhelme und Brustpanzer, Schwerter und Speere (überwiegend) ohne ironische Brechungen verwendet und als wichtigstes Kulissenelement Koffer verwendet, die seit mindestens einem halben Jahrhundert aus der Mode geraten sind. Und ist es denn „in unserer Zeit“ vertretbar, daß ein „Gott“ ein Auge für seine Brautwerbung hingibt? Denn die Einäugigkeit Wotans zeigt Herheim in traditioneller Manier.

© Bettina Stöß

Jedenfalls klebt nun im gesamten zweiten Aufzug Blut an den Händen Sieglindes. Von der Rotunde des ersten Aufzugs sind nur noch die Säulen übrig geblieben. Ansonsten türmen sich die Koffer zu Mauerresten eines Trümmerfelds. Nun tauchen auch immer wieder die stummen Statisten aus dem Rheingold auf, geht das Saallicht unvermittelt zu Wotans „nur eines will ich noch: das Ende“ an, so als habe der Regisseur sich verpflichtet gefühlt, seine einmal eingeführten Regiemittel in Erinnerung zu rufen. Ein Mehrwert ergibt sich daraus allerdings nicht. Ein wenig zwanghaft wirkt es auch, daß immer wieder einzelne Sänger am Flügel Platz nehmen müssen, um dort so zu tun, als spielten sie den Orchestersatz mit.

© Bettina Stöß

Zum Walkürenritt des dritten Aufzugs erscheinen die gefallenen Helden als Zombies, welche den Walküren deren Speere entwinden, so daß sie außer Kontrolle zu geraten drohen. Auch der ermordete Hundingling taucht als Untoter wieder auf, erfährt, daß seine Mutter erneut schwanger ist und kann nur mühsam davon abgehalten werden, sich mit einem Messer auf sie zu stürzen. Unvermittelt fügen sich die Zombies und lassen sich vertreiben. Ohne weitere Verspieltheiten wird die große Abschiedsszene von Wotan und Brünnhilde gezeigt. Daß sie unter dem Deckel des Flügels in den Schlaf gebettet wird, war vorauszusehen. Auch, daß Tücher als Projektionsflächen wieder auftauchen. So wird mit Flammenprojektionen ein recht läppischer Feuerzauber illustriert. Dazu scheint sich auch Donald Runnicles im Orchestergraben zurückzuhalten, womöglich aus Rücksichtnahme gegenüber Jordan Shanahans nicht allzu voluminöser Stimme. Wieder wird am Ende bereits eine Verknüpfung zum nächsten Teil gezeigt: Der Deckel des Flügels öffnet sich. Man sieht die hochschwangere Sieglinde, die vom Zwerg Mime entbunden wird. Der Zwerg stiehlt sich mit dem Neugeborenen und den Stücken des zerborstenen Schwerts Nothung davon. Wenn man spitzfindig wäre, könnte man lästern, Brünnhilde habe sich im Flügelinneren unversehens in Sieglinde verwandelt. So ist es wohl nur ein ironischer Besetzungszufall, daß im Siegfried die Sängerin der Sieglinde nun die Partie der Brünnhilde übernehmen wird.

© Bettina Stöß

Großer, berechtigter Jubel auf sämtliche Beteiligten.

Michael Demel, 29. Mai 2026


Die Walküre
Erster Tag des Bühnenfestspiels Der Ring des Nibelungen von Richard Wagner

Deutsche Oper Berlin

Vorstellung am 27. Mai 2026
Premiere am 27. September 2020

Inszenierung: Stefan Herheim
Musikalische Leitung: Donald Runnicles
Orchester der Deutschen Oper Berlin