Lange gab es in Berlin keinen Lortzing mehr auf den Opern-Spielplänen. Das gilt selbst für Lortzings größten Erfolg, die 1837 uraufgeführte Verwechslungskomödie Zar und Zimmermann. Sie orientiert sich mit ihren durch gesprochene Dialoge voneinander abgesetzten Musiknummern formal an der französischen Opéra-comique. Lortzing gilt als Begründer der komischen Spieloper, indem er Elemente der französischen Opéra comique auf das deutsche Singspiel übertrug: gesprochenes Wort zum Vorantreiben der Handlung, Dominanz der Musik an dramaturgischen Höhepunkten. Das deutsche Singspiel aber scheint schon lange out zu sein, und schier unaufführbar. Verdienstvollerweise hatte am 20. Juni 2026 Lortzings Zar und Zimmermann an der Deutschen Oper Berlin Premiere. Die musikalische Leitung hatte Antonello Manacorda. Die Inszenierung besorgte Martin G. Berger. Ein Erfolg war der Abend nicht.

Die Handlung spielt – mit Bezug auf die historische, als Große Gesandtschaft bekannt gewordene Reise des Zaren Peter I. nach Saardam – in Holland im Jahr 1698. Peter, Zar von Russland, arbeitet inkognito auf der holländischen Schiffswerft der Witwe Browe in Saardam, um die Schiffsbaukunst zu erlernen und Arbeiter für Russland zu werben. Peter Iwanow, ein russischer Deserteur, arbeitet ebenfalls auf der Werft und liebt die Tochter des Bürgermeisters Marie. General Lefort rät dem Zaren abzureisen, da er in Russland gebraucht wird. Der Bürgermeister hat jedoch Verdacht geschöpft und lässt nach dem Zaren suchen. Daran beteiligen sich auch der englische und der französische Gesandte, die mit dem Zaren Friedensverhandlungen führen wollen. Während der richtige Zar mit dem französischen Gesandten einen Vertrag schließt, hält der Bürgermeister Iwanow für den Zaren. Dies stürzt Marie in Verzweiflung, da sie ihn als Zaren ja nicht heiraten kann. Iwanow fürchtet, als Deserteur entdeckt zu werden. Iwanow verhilft dem richtigen Zaren zur Flucht und erhält einen Brief von diesem, den er eine Stunde später öffnen soll. Nach den Feiern und Huldigungen hört man Kanonenschüsse und das Schiff mit dem echten Zaren läuft aus. Iwanow öffnet den Brief: Darin begnadigt ihn der Zar, erlaubt ihm, Marie zu heiraten und ernennt ihn zum kaiserlichen Oberaufseher.
Fast mit nostalgischer Wehmut denkt am an die letzte Premiere vom Zaren und Zimmermann in den Achtzigern an der Deutschen Oper Berlin in der Regie von Winfried Bauernfeind, der einen riesigen, im Bau befindlichen Schiffskörper zeigte. „Werktreue“ nennt man das. Aus der Mode gekommen. Immerhin ein faszinierendes Bühnenbild, das sich viele Jahre großen Zuspruchs erfreute. Heute ist jede Lortzing-Aufführung ein (meist enttäuschendes) Abenteuer.

Auch Martin Bergers Aufführung ist es. Der Regisseur hält nichts von Werktreue, von der Stoffgeschichte und dem Stück, so wie es ist, so scheint’s. Er zeigt kein Holland und auch keinen echten Lortzing, denn er hat den Text gründlich umgeschrieben, ergänzt um Nebenhandlungen und Nebenfiguren wie den Onkel des Zaren, einen Geheimdienstmitarbeiter und den Ministerpräsidenten von Holland. Was das Stück keineswegs verständlicher macht, sondern nur unnötig aufbläht. Es wird verunstaltet zu einer bonbonfarbenen Show samt riesiger, bespielbarer Erdbeertorte, die in einem sozialistischen Operettenstaat angesiedelt wird, in dem keine Anspielung auf das, was uns heute bewegt, ausgelassen wird. Im Programmheft heißt es: Man solle sich „als Gesellschaft auch Gedanken darüber machen, ob es andere Möglichkeiten als den radikalen Individualismus unserer Zeit geben“ müsse. Ist eine Diktatur wirklich die Alternative? Man liest: Ein Unterhaltungsstück brauche „die behutsame Anpassung ans heutige Zeitempfinden.“ Wir verstehen. Dass der Regisseur den Dreiakter zu einem publikumsfreundlicheren Zweiakter macht .wie er bekennt (obwohl man laut Programmheft die dreiaktige Fassung spielt), geht noch hin. Die Text-„Modernisierungen“, ja Verunstaltungen und Aktualisierungen sind weit fragwürdiger. Die Übertragung der Handlung ins Hier und Heute bzw. ins Utopia einer sozialistischen Diktatur ist geradezu absurd. Die Inszenierung sei „der Versuch, das Stück respektvoll in eine heutige Unterhaltungslogik zu übersetzen.“ Von wegen respektvoll! Der unrühmliche Abend beginnt schon mit quietschbunten Videovorführungen KI-generierter quasi sozialistischer Propagandafilme samt fliegendem Einhorn im SF-Kitschformat, wie es greller nicht in China oder Nordkorea ausgedacht worden sein könnte. Soldaten im Stechschritt (auch als Ballett) paradieren im Folgenden immer wieder über die Bühne, und immer präsent ist am Rande der Bühne die Amtsstube zweier alles beobachtender Aufpasser als Bespitzelungsspezialisten, eben dem Onkel des Zaren und einem Geheimdienstmitarbeiter im Militärlook. Texteinblendungen machen selbst dem unbedarftesten Zuschauer (sie werden im Grunde alle von der Regie entmündigt) deutlich, worum es geht und wie die „modernisierte“ Veranstaltung zu verstehen ist.
Werkshallenbilder mit politisch aufmunternden Parolen machen deutlich: Der Zar ist Herrscher eines fiktiven (repressiven und autokratischen, um nicht zu sagen sozialistischen) Operettenstaates, des „Volkszarentums“ Tschirikistan. Politisch gesprochen, könnte man sagen, in einem diktatorischen Staat „glücklicher“ Werktätiger, in einem Mini-Operettenregime mit Namen Tschirikistan betreibt Peter Iwanow (der eigentliche Zur) Industriespionage in den Niederlanden, der trottelige Bürgermeister van Bett verfolgt illegale Migranten, und Marie ist eine Feministin durch und durch. Lortzings klare Handlungsführung zu einem Happy End wird unklar in der Fassung von Martin G. Berger. Sie quält sich durch „heutige“ Probleme von „queren“ Alternativen zur Heterosexualität bis hin zur Transformation der Witwe Browe zu einer Dealerin und rüden Kapitalistin, Eignerin der robotergesteuerten Kanu-High-Tech-Werft. Berger überfrachtet die Verwechslungskomödie um den „echten Peter“ mit Glitter, Flitter, Glitzerkram und schwer erträglichem Hollywoodkitsch. Viel revuehaftes Gezappel, demonstratives Maschinenpistolengefuchtel, Orden, Sozialismussymbole und viel Slapstick erinnern an anspruchslose, ja platte Tik-Tok-Soaps und Fernsehserien. Doch allem Heutigen zum Trotz zündet die Aufführung nicht.

Der Regisseur nennt das Stück eine „Ideenkomödie“, nicht wenige Zuschauer haben seine Inszenierung – deren aufgepfropfte Ironie und deren aktuelle politische Anspielungen zum Trotz – als geschmacklose Kopfgeburt (wie man hörte) empfunden. Einige verließen schon zur Pause das Theater.
Der Regisseur, der zuletzt an der Komischen Oper In Frisco ist der Teufel los herausbrachte, scheint mehr Lust aufs Musical als aufs Deutsche Singspiel zu haben. Seine Inszenierung von Zar und Zimmermann jedenfalls beweist (trotz seines wortreichen Lobes des Genres im Programmheft), dass er kein Vertrauen in das Stück und die Gattung zu haben scheint und eine verquaste Veranstaltung hinlegte, er hat das Stück musicalhaft aufgedonnert. Kein Kalauer ist ihm zu schade, Es darf geblödelt werden auf „Teufel komm raus. In seiner Personenregie bleibt Berger allerdings brav konventionell.
Die Tänzer und Tänzerinnen des Opernballetts der Deutschen Oper Berlin offenbaren, choreografisch animiert von Marie-Christin Zeisset, seichtes, oftmals nicht mehr als überflüssiges Fernsehballett. Es dürfen auch mal Männerpaare oder Frauenpaare miteinander tanzen. Eine Reverenz an die schwul-lesbische Community. Revue- und Showanleihen dürften den anspruchslosen unter den Zuschauern „Spaß“ gemacht haben. Dass die, die von Lortzing nichts als nur „leichte Unterhaltung“ wollen, wie man hörte, sich wie Bolle amüsierten, bewies der zweigeteilte Beifall am Ende, trotz vieler Buhs gegen das Inszenierungsteam.
Die Dreh-Bühne (Sarah-Katharina Karl) besteht aus einem überdimensionierten, variablen Edelstahlgerüst, mit gelegentlich aufblitzenden Sternen und Glitzerwänden versehen. Zu Beginn wohnt man einer von Robotern betätigten Kanu-Herstellung bei, die Schiffswerft ist zur quasi industriellen Kanu-Produktionsstätte umfunktioniert worden. Die Kostüme von Esther Bialas bevorzugen Bonbonfarben, vornehmlich Rosa. Eine groteske optische Verunglimpfung des Stücks.
Das Orchester der Deutschen Oper spielte unter Antonello Manacordas engagiertem Dirigat einen munteren, ja rasanten und erfreulich temperament- und stilvollen Lortzing, man hörte oft geradezu Offenbachisches durchscheinen. Alle Achtung!
Der Chor der Deutschen Oper Berlin sang Unter Thoms Richters Leitung präzise, aber durchweg zu laut und ziemlich textunverständlich. Letzteres galt auch für die Dialoge und die Gesangssolisten, die mit Verlaub gesagt allenfalls „dritte Garde“ waren. Selbst an sogenannten „Provinztheatern“ habe ich weit bessere Besetzungen gehört!

Die Marie von Nadja Mchantaf war mit ihrem flatternden Sopran alles andere als eine Traumbesetzung. Die Partie des Peter Iwanow, dessen Ernennung zum Zaren keinen Mehrwert erhält, wurde von Philipp Kapeller mehr schlecht als recht gesungen. Auch der Chateauneuf von Kieran Carrel begeisterte weder durch Timbre, „dolcezza“, noch durchschlagende Kantabilität. Noch nie habe ich das Lied an das „Flandrische Mädchen“ derart schlecht gesungen gehört. Die besten lyrischen Tenöre haben vorgeführt, wie es idealerweise klingen kann. Und selbst in kleineren Theatern hört man es meist besser. Die Enttäuschung des Abends war allerding Patrick Zielke als stimmlich lauwarmer, ja überforderter und darstellerisch unbegabter van Bett. Was für profunde Bässe hat man schon in dieser Glanzrolle eines Komikers gehört. Von den übrigen, nicht wirklich ernst zu nehmenden Witzfiguren zu schweigen.
Was den Zaren angeht, beide Sänger, die die Inszenierung geprobt hatten, ließen sich krankheitsbedingt entschuldigen. Also engagierte die Deutsche Oper kurzerhand Daniel Schmutzhard. Er rettete die Aufführung, indem er von der Seite aus den Peter Michailow alias den inkognito reisenden Zaren Peter sang, allerdings nicht mehr als passabel, während der Regisseur die Darstellung und die gesprochenen Texte übernahm.
Der Dirigent, war der einzige an diesem Abend, der Lortzing ernst nahm. Er hat die Aufführung zu retten versucht, aber da war nichts zu retten. Der Abend ist blamabel und Lortzing wurde ein Bärendienst erwiesen.
Dieter David Scholz, 21. Juni 2026
Zar und Zimmermann
Komische Oper in drei Akten
Libretto von Albert Lortzing in einer neuen Sprechtextfassung von Martin G. Berger
Deutschen Oper Berlin
Besuchte Premiere am 20. Juni 2026
Inszenierung: Martin Berger
Musikalische Leitung: Antonello Manacorda
Orchester der Deutschen Oper Berlin
Nächste Aufführungen: 25., 27., Juni. 2. Juli, 9. Juli 2026