Die Idee neue Familienopern als Uraufführung herauszubringen, ging von dem ehemaligen Rheinopern-Intendanten Christoph Meyer aus. Später kamen die Opernhäuser in Bonn und Dortmund hinzu und gaben dem Projekt den Namen Junge Oper Rhein-Ruhr. Zuletzt stieg das Essener Aalto-Theater in das Projekt ein, das jetzt mit Die verzauberte Stadt seine erste Familienoper zur Uraufführung brachte.

Die literarische Vorlage ist der gleichnamige Roman von Edit Nesbith aus dem Jahr 1910. Erzählt wird die Geschichte von Philip, der bei seiner allein erziehenden Mutter aufwächst. Die verliebt sich aber in Peter, weshalb sie mit Philip bei ihm einzieht. Die Erwachsenen fahren direkt in den ersten Liebesurlaub, lassen Philip mit Peters Tochter Lucy und dem Au-Pair-Mädchen Nique zurück. Philip ist frustriert und wütend, träumt sich in eine Phantasiestadt, wo er verschiedene Aufgaben zu bestehen hat, bei denen ihm Lucy hilft. So muss er einen Drachen bekämpfen, die Stadt vor Piraten beschützen und ein Mikado-Labyrinth durchwandern. Dabei freundet er sich mit Lucy an, was der neuen Patchwork-Familie auch ein glückliches Ende im realen Leben beschert.
Susanne Lütje und Anne X. Weber haben das mit vielen Reimen gespickte Libretto verfasst. Diese enthalten nur wenige peinliche Verse. „Seelachs und Walfischzahn, wir herrschen über den Ozean.“ schmettert der Piratenchor. Etwas dürftig fällt das Duett zwischen Mutter Helen und ihrem neuen Partner Peter: „Nur wir zwei. Ich freu mich so. Ja!“
Die Musik zu Die verzauberte Stadt hat der in Wien lebende Australier Samuel Penderbayne komponiert. Die Ouvertüre gibt sich schon sehr melodienselig, mit kräftigem Blech sorgt Penderbayne dafür, dass es nicht zu schnulzig klingt. Der Komponist schreibt eine abwechslungsreiche und effektvolle Theatermusik, welche die Gefühle der Figuren und die Geschichte gut in Klang umsetzt. Philips Verzweiflung aufgrund der neuen familiären Situation garniert er mit unruhigen Rhythmen und geschärften Akkorden. Dirigent Michael Zlabinger feuert die Essener Philharmoniker zu einem farbenfrohen und plastischen Musizieren an. Bevor er sich dem Orchester zuwendet, leitet er einen kleinen Mitklatsch-Prolog mit dem Publikum.
Fraglich ist, ob eine Familienoper unbedingt solche Mitmachaktionen benötigt? Im Verlauf der Geschichte folgen weitere: Da gibt es eine Tanzaktion für das Publikum zu elektronischen Beats als Drachentanz. Außerdem soll beim Piratenchor mitgesungen werden. Teilen des jungen Publikums scheint es Spaß zu machen. Der ist aber schnell beendet, weil die Geschichte weitergeht. Solche Momente der Publikumsbeteiligung sind immer eine Gratwanderung.
Aljoscha Lennert muss seine Stimme hörbar zügeln, um den Philip zu verkörpern. In den großen Wutausbrüchen lässt sich hier schon ein kommender Heldentenor ahnen. Ansonsten spielt er den Jungen glaubhaft in seinem Wechselbad zwischen Liebe zur Mutter, seiner Irritation über den neuen Mann in deren Leben und dem selbstbewussten Problemlöser, der schließlich die Aufgaben souverän bewältigt.

Gleich mehrere Rollen verkörpert Tobias Greenhalgh: Er singt den Stiefvater Peter und den Piraten-Ken mit warmem Bariton. Mercy Malieloa singt die Lucy mit schönem lyrischen Sopran. Überzeugende Darstellerinnen mit schönen Stimmen sind Idil Kutay als Mutter Helen und Liliana de Sousa als Au-Pair Nique.
Regisseurin Louisa Proska hat erst kürzlich in Duisburg mit Bernsteins On the Town bewiesen, dass sie dem Publikum einen auf den Punkt inszenierten unterhaltsamen Theaterabend bieten kann. Auch Die verzauberte Stadt hat sie sich eine phantasievolle Inszenierung einfallen lassen.
Ausstatter Nils Momme Hinrichs bietet einiges fürs das Auge: Die neue Patchwork-Familie bewohnt ein realistisches Haus. In der Spielzeugstadt treten Chor und Statisterie als Lego-Figuren, Pippi Langstrumpf, Minions und diverse Filmhelden auf. Die eindrucksvollen Videos hat Judith Selenko entworfen. – Viel Beifall für die neue Familienoper!
Bis Ende der Saison gibt es noch sieben Vorstellungen im Aalto-Theater, in der nächsten Saison wechselt die neue Familienoper an das Duisburger Haus der Deutschen Oper am Rhein.
Rudolf Hermes, 4. Juni 2026
Die verzauberte Stadt
Samuel Penderbayne
Aalto-Theater Essen
Uraufführung: 31. Mai 2026
Inszenierung: Louisa Proska
Musikalische Leitung: Michael Zlabinge
Essener Philharmoniker