Traditionell gab es an Ende der über fünfstündigen Nijinsky-Gala am 5. 7. 2026 in der Staatsoper ein Blumenmeer und Konfettiregen. Ihr Programm hinterließ dennoch zwiespältige Eindrücke. Da gab es einige Beiträge, die im Timing überzogen und in der choreografischen Qualität fragwürdig waren. Dazu zählte ein Frauen-Pas de deux der jungen kanadischen Choreografin Neshama Nashman mit dem Titel „And so am I“, der im Vorjahr beim Stuttgarter Ballett Premiere hatte. In diesem überlangen Duo quält eine der beiden Tänzerinnen die anderem körperlich, so dass sie am Ende vor Schmerz in rhythmischer Folge stöhnt. Befremdlich, dass der Künstlerische Ballettdirektor Lloyd Riggins die Choreografin für die nächste Saison mit einer Neuschöpfung betraut hat. Einzig wegen der Besetzung war diese Nummer ein Ereignis, denn neben Emiliie Mazon, die die Compagnie in ab der nächsten Saison verlassen wird, um Ballettmeisterin und Tanzpädagogin zu werden, war die einzigartige Silvia Azzoni zu erleben. Lange Jahre Erste Solistin und in unzähligen tragenden Rollen gefeiert, ist sie seit 2020 Sonderdarstellerin. Schon bei Bournonvilles Ballett La Sylphide am Vorabend der Gala sah man sie als fulminante Hexe Madge und nun faszinierte sie auch hier mit ihrem totalen körperlichen Einsatz und den vielfachen Ausdrucksfacetten – nur eben leider in einer unbefriedigenden Choreografie. Ähnlich fragwürdig wirkten die Beiträge der chinesischen Choreografin Xie Xin, von ihr selbst und ihrem Partner Liu Xue getanzt, sowie „Islands“ von. der Choreografin Emma Portner mit Heather Ogden und Emma Ouellet als Gäste vom National Ballet of Canada.
Damit muss auf ein weiteres Problem bei dieser Gala hingewiesen werden – das Fehlen von hochkarätigen Starsolisten von international renommierten Compagnien. Sie gehören nun einmal zu einer Ballettgala, sorgen sie doch für Glanz und effektvolle Bravour. In diesem Jahr fiel die Auswahl bescheiden aus, beschränkte sich auf Anne Souder von der Martha Graham Company, Marijn Rademaker von WINN DANCE, Callum Linnane vom Australian Ballet und Alina Cojocaru, die seit Jahren als Gast in Hamburg auftritt und hier bereits in vielen Rollen zu sehen war. Sie tanzte aus John Neumeiers bislang letzter Choreografie, „Epilog“, gemeinsam mit Lennard Giesenberg einen für sie geschaffenen Pas de deux mit der ihr eigenen charismatischen Aura und technischen Perfektion. Als musikalische Folie dienten zwei der „Vier letzten Lieder“ von Richard Strauss, gesungen von Maria Bengtsson, wobei das zweite, „Beim Schlafengehen“, tänzerisch Aleix Martinez vorbehalten war, der dieses hektische Solo mit pathologisch schlotternden Bewegungen expressiv umsetzte. Der katalanische Erste Solist ist mittlerweile auch choreografisch erfolgreich. Aus seinem 2025 uraufgeführten Stück Äther, welches zusammen mit La Sylphide einen Ballettabend bildet, zeigten Hayley Page und Florian Pohl. den emotionalen Schluss-Pas de deux.
Dem Motto der diesjährigen Gala, Living Legacies, entsprach die Mitwirkung von Anne Souder ganz besonders. Die beiden von ihr gezeigten Graham-Soli konnten unterschiedlicher nicht sein – „Lamentation“ von 1930 auf Musik von Zoltán Kodály als ergreifende Klage in einer Körperhaltung wie von Ernst Barlach geformt oder von Käthe Kollwitz gezeichnet und „Satyric Festival Song“ von 1932 als ausgelassene Nummer voller Witz und Übermut. Wie die amerikanische Ikone des modernen Tanzes ist auch Maurice Béjart eine Legende. An ihn erinnerte John Neumeiers „Opus 100 – For Maurice“ auf Musik von Simon & Garfunkel, das 1996 anlässlich des 70. Geburtstages von Béjart entstand und in Lausanne seine Premiere erlebte. In diesem ergreifenden Hymnus auf eine Freundschaft und künstlerische Verehrung boten Alexandre Riabko und Rademaker einen Höhepunkt des Programms.
Der noch als Gast angekündigte Linnane ist bald Ensemblemitglied der Compagnie, denn er wechselt mit Beginn der neuen Spielzeit als Erster Solist nach Hamburg. Man darf sich auf einen neuen Danseur noble freuen, wie der Auszug aus Neumeiers A Cinderella Story zeigte. Das 1992 uraufgeführte Stück mit der traumhaften Ausstattung von Jürgen Rose wird als erste Wiederaufnahme der Saison 2026/27 angekündigt. In der Titelrolle war die zauberhafte, leichtfüßig-grazile Charlotte Larzelere zu sehen, die von Riggins nach ihrem Auftritt zur Ersten Solistin befördert wurde. Solche Ehre empfingen auch Olivia Betteridge nach ihrer Mitwirkung in Edvin Revazovs Distant Light und Louis Musin, der gemeinsam mit Ana Torrequebrada bei George Balanchines „Tarantella“ von 1964 die spektakulärste Bravour-Nummer des Abends bot. Davon hätte man gern mehr gesehen, aber immerhin gab es mit dem Pas de trois aus August Bournonvilles La Ventana noch eine virtuose Rarität, mit der Futaba Ishizaki, Charlotte Kragh und Francesco Cortese eine beachtliche Probe ihres Könnens abgaben.
Wie stets waren die Mitwirkungen der Ballettschule des Hamburg Ballett und des Bundesjugendballetts John Neumeier verdienstvoll. Erstere eröffnete den Abend mit Ausschnitten aus Neumeiers Yondering von 1996 – ein Stück voller Lebensfreude und Temperament, in welchem sich die jungen Tänzer vollauf wiederfanden. Kontrastreich dazu die Schüler, die sich zu Beginn des 3. Teils an drei Arien aus Bachs Matthäus-Passion wagten. Es war eine würdige Ehrung für den im Mai dieses Jahres verstorbenen Kirchenmusiker Günter Jena, ohne den Neumeiers Opus magnum nicht entstanden wäre. In diesem Jahr gab es mit dem Auftritt des 2023 von Edvin Revazov gegründeten Hamburger Kammerballetts sogar noch eine weitere Nachwuchs-Compagnie, die in seiner Choreografie Distant Light mitwirkte. Natürlich durfte der beim Hamburger Publikum überaus beliebte Erste Solist auch mit einem
tänzerischen Beitrag nicht fehlen. Mit seiner Frau Anna Laudere zeigte er einen Pas de deux aus Neumeiers Anna Karenina von 2017, welcher beider anhaltend grandiose Form bewies. Zwei weitere Hamburger Koryphäen sah man in der Schluss-Nummer „Shall We Dance?“ – Ida Praetorius, die am Vorabend die zarte, schwebende Sylphide getanzt hatte, und Matias Oberlin, der in seiner Eleganz einmal mehr bezauberte. Gemeinsam mit dem gesamten Ensemble sorgten sie für einen mitreißenden Schlusspunkt. Das Publikum hatte die einzelnen Beiträge recht undifferenziert beurteilt und jede Nummer enthusiastisch bejubelt, so natürlich auch das Finale, in welchem alle Solisten noch einmal erschienen. Auch Lloyd Riggins erhielt für seine sympathische Moderation mit dem liebenswürdigen Akzent reichlich Beifall. Ebenso gefeiert wurde das Philharmonische Staatsorchester Hamburg, das unter seinem Dirigenten Simon Hewett die unterschiedlichen musikalischen Stile souverän beherrschte.
Bernd Hoppe 9. Juli 2026
Nijinsky-Gala LI
Diverse Komponisten
Hamburg Ballett in der Hamburgischen Staatsoper
Einmalige Gala am 5. Juli 2026
Diverse Choreografen
Musikalische Leitung; Simon Hewett
Orchester der Hamburger Staatsoper