Ist Kunst nicht potenziertes Handwerk? Oder anders: Gibt es eine Kunst, die nicht auf Handwerk basiert?
Liest man das Gespräch, das Antonia Goldhammer mit Christian Thielemann geführt hat, erfährt man von Neuem, dass ein Orchester – noch dazu in so etwas Kompliziertem wie dem Festspielhaus – zu dirigieren in erster Linie bedeutet, die Materie aus dem Effeff, oder, wie Wolfgang Wagner gesagt hätte, von der Pike auf zu lernen. In diesem Sinn ist die 16. Ausgabe des Jahrbuchs der Gesellschaft der Freunde von Bayreuth e.V. immer wieder einer Praxis verpflichtet, die man mit dem guten alten Wort vom „Handwerk“ verbinden muss. Beispiel Rienzi: Markus Kiesel, der Dramaturg der Produktion, redet angesichts einer schwierigen Quellenlage über die „grundsätzliche Problematik einer autorisierten Fassung“ und die Möglichkeit, eine Version zu erstellen, die einerseits praxistauglich ist und andererseits Wagners (unbekannten) Willen in Bezug auf eine Aufführung harmonisch zu verbinden. Das Paar der beiden Regisseurinnen, die, zum ersten Mal in der Geschichte der Bayreuther Festspiele, das massive Werk in das Festspielhaus bringen, überlegen, wie sie ihre „künstlerische Vision innerhalb eines strengen Zeitrahmens“ verwirklichen können. Wenn Marcus Lobbes, der verantwortliche ästhetische Technikdirektor – so muss man wohl diesen zwischen Kunst und Technik changierenden Job beschreiben – vom KI-Ring dieser Festspiele spricht, erfahren wir, soweit es das Handwerk betrifft, bei aller Verschwiegenheitspflicht im Vorfeld einer Neuproduktion immerhin Folgendes: „So ist es eher eine Skulptur, die wir da sehen. Die Kostüme haben viel mit der Bühne zu tun, sind einerseits nur hingetupft, andererseits ganz deutlich.“ Und man erfährt ein wenig über die Quellen dieser Produktion, die nicht allein dem Festspielfundus entstammen.

Natürlich ist Kunst nicht allein Handwerk, sondern auch, wenn’s um Wagner geht, Rausch. Jochen Schmeckenbecher, der Alberich des diesjährigen Ring des Nibelungen, erzählt von seinen frühen Erlebnissen: „Ich habe Ring-Tage gemacht – morgens um sieben angefangen und alles am Stück gehört. Wer das macht, braucht nie wieder Drogen in seinem Leben.“ Wenn selbst ein Regisseur der jüngeren Generation, also der ehemalige Coburger Intendant Neil Barry Moss, Regisseur von Brünnhilde brennt, bekennt, dass er „leidenschaftlicher Wagnerianer“ sei, erhält der lange als Schimpfwort gebrauchte Begriff einen Wert zugewiesen, den jeder Wagnerfreund nachvollziehen kann, der sich dem Vergnügen des Rauschs hingibt, bevor er wieder zur mehr oder weniger intellektuellen Lektüre kommt. Bevor der Künstleragent Germinal Hilbert das Wort ergreift, um über die Praxis des Musikbetriebs und die technischen Anforderungen an die Sänger zu sprechen, haben drei Mitglieder des Streicherensembles des Bayreuther Festspielorchesters Gelegenheit, über ihre teilweise jahrzehntelange Arbeit im Graben Auskunft zu geben. Man erfährt, dass es auch hier, im wahrsten Sinn des Wortes, um Handwerk und Kommunikation geht, die die Emphase nicht ausschließt: „Das Interesse ist“, sagte der Geiger Hartmut Schill, „dass in Bayreuth alle Urtextforschung betreiben, gerade auch die Dirigenten. Und trotzdem kann die Lesart eines Werks sehr unterschiedlich sein.“ Er kenne kein Orchester, das diese Lesarten so schnell in einer so kurzen Probenzeit umsetzen könne – weil das „kollektive Gedächtnis“, das seit Jahrzehnten in Bayreuth wachse, für einen optimalen Arbeitsprozess sorgen würde. Während Christian Thielemann vom „Herz“ des Hauses redet, sitzen die Musiker im Graben, einem der fundamentalen Teile des Gesamtorganismus.
Die Frage, inwiefern Wagners Musik auf die der Gegenwartskomponisten einwirke, ist dagegen eine fast theoretische Angelegenheit. Man hat den Eindruck: Wagner wird eher zitiert und variiert, als dass, was seltsam wäre, seine Ästhetik angewandt wird, die eh unverwechselbar ist. Björn Gottstein nennt in seinem Beitrag Avantgarde avant la lettre immerhin einige Werke noch lebender Komponisten und macht Lust, sich so mit ihnen zu befassen wie mit den historischen Sängern, die Schmeckenbecher aufgrund ihrer enorm klaren Diktion und Leichtigkeit des Klangs als vorbildhaft empfindet: Hans Hermann Nissen („klar, schön, groß und trotzdem lyrisch“), der Gedda-Lehrer Carl Martin Öhman („Dem würde man heute den roten Teppich vom Flughafen bis zur Pforte legen“), Fritz Wolff, natürlich Frida Leider, auch Harry de Garmo („eine Stimme zum Verlieben“). Jens Malte Fischer nennt Öhman, der eine exzellente Gralserzählung (Schmeckenbecher: „Die haut einen von den Socken“) einspielte, in seiner Sängerbibel Große Stimmen, völlig richtig, „ein edles Organ von sicherer Technik“ – nicht allein Germinal Hilbert dürfte wissen, worum es sich handelt und es bedauern, dass nicht jede Stimme, die etwas versprach, langfristig etwas wurde.
Hört man nur im Festspielhaus ähnlich Gutes, benötigt man, das wissen gerade die Orchestermusiker, eine Erdung. Wer sich die wie üblich prachtvollen und meist doppelseitigen Farbbildstrecken Enrico Nawraths von jenen Inszenierungen, Künstlerinnen und Künstler anschaut, die im letzten Jahr über die Bühne des Festspielhauses gingen, weiß, dass es selbst im Nachklang nicht so einfach ist, wieder auf den berühmten Boden zu kommen. Der Almanach macht jedenfalls, falls sie zwischenzeitlich verschwunden sein sollte, Lust, das Festspielhaus zu betreten und dort, zwischen der Theorie des beschriebenen und der Praxis des angewandten Handwerks jene Erlebnisse zu haben, die die vier schlussendlich porträtierten Mitglieder der Gesellschaft dazu gebracht haben, den Freunden beizutreten, um die Festspiele praktisch zu unterstützen.
Frank Piontek, 13. Juli 2026
Almanach 2026. Jahrbuch der Gesellschaft der Freunde von Bayreuth e.V.
175 Seiten, 83 Fotos
Erhältlich bei: https://freunde-bayreuth.org/die-freunde