In diesem Jahr war ich mit meinen Freunden in der Oper Carmen, denn seit 2025 ist die Operette nach vielen Jahrzehnten scheinbar aus der Felsenbühne verbannt worden. Nun gut, die Aufführungen der Jahre nach Heinz Hellberg, waren nicht überwältigend und das hat man auch an der Auslastung der Aufführungen gemerkt. Am heutigen Sonntagnachmittag kann die Luisenburg mit der Auslastung mehr als zufrieden sein, es ist ausverkauft. Und mit Carmen wird eine der am meisten aufgeführten Opern auf die Felsenbühne nach Wunsiedel gebracht und da sind wir schon bei einem Kritikpunkt, der nur durch die hervorragende musikalische Darbietung stark gemindert wird. Ich gehe mit meinen Freunden seit Jahrzehnten nicht nur auf die Luisenburg, weil ich dort tolle Operetten und Opern (und selbstverständlich viele andere Stücke) sehen und hören kann, sondern weil die einmalige Atmosphäre der wunderbaren Felsenbühne einfach begeistert. Das Einbeziehen dieser Naturbühne in das entsprechende Stück, ist das Tüpfelchen auf dem I, das Sahnehäubchen. Durch den einmaligen Eindruck der gewachsenen Kulisse, einbezogen in die jeweilige Handlung, ist Wunsiedel einfach einmalig. Nun wurde bei den Vorstellungen der Carmen ein sogenannter geschlossener Ground Support aufgebaut, vor die Kulisse der Felsenbühne. Das ist eine freistehende Konstruktion aus Traversen (Stangen aus Aluminium oder Stahl), die fest auf dem Boden steht und schwere Lasten tragen kann. Bei großen Rock- und Popkonzerten wird so etwas meist aufgebaut. Mir wurde erklärt, dass aufgrund der Festspielsituation der Veranstalter dort einen von Wind und Regen geschützten Dachbau hinstellen muss. Das Orchester befindet sich unsichtbar in einem Zelt neben dieser Konstruktion, der Dirigent wird von gegenüber durch Filmübertragung den Sängern sichtbar gemacht. Für die Zuschauer ist es eine Art Guckkastensituation und der Hauptknaller jeder Aufführung, die imposante Felsenbühne, ist nicht mehr sichtbar. Dieser erste Besuch für mich auf der Felsenbühne ohne Felsenbühne ist auf jeden Fall gewöhnungsbedürftig. Gut, ohne diese Konstruktion hätten wir aber die Aufführung dieser Carmen nicht erlebt und das wäre mehr wie schade gewesen.
Praktisch alle Opernfreunde kennen mit Sicherheit den Inhalt dieser leidenschaftliche Oper auswendig, deshalb dazu nur wenige Worte. Die titelgebende Hauptfigur Carmen ist eine leidenschaftliche und feurige Arbeiterin in einer Zigarettenfabrik in Sevilla. Sie spielt mit den Männern und verführt die, die sie als interessant erachtet nach Lust und Laune. Sie ist eine Frau, die sich an keine Konditionen hält und sich auch nichts vorschreiben lässt. Der verliebte Soldat Don José verfällt ihr förmlich, lässt sein ruhiges und wenig aufregendes Leben, genau wie seine Braut Micaëla hinter sich, desertiert und schließt sich den Schmugglern an. Carmen ist Don José jedoch bald überdrüssig und verliebt sich in den Stierkämpfer Escamillo. Vor der Stierkampfarena, wo Carmen zu Escamillo will, versucht er die Liebe Carmens zurückzuholen, aber sie verspottet ihn nur und wirf ihm seinen Ring vor die Füße. Don José ersticht Carmen, bevor sie in die Arena flüchten kann, mit seinem Messer. Tödlich getroffen sinkt sie zu Boden, während er zusammenbrechend und völlig verzweifelt seine Tat gesteht und sich widerstandslos abführen lässt.

Die Inszenierung liegt in den Händen von Andrey Andreev, die Regie hat Nadia Hristo. Die Möglichkeiten sind natürlich bei so einer Bühnenkonstruktion sehr eingeschränkt und deshalb beziehen sich die beiden auch überwiegend auf die Gestaltung der musikalischen Seite. Durch die Überdachung ist auch die Ausdehnung der spielerischen Gestaltung auf dieser relativ engen Bühne sehr eingeschränkt und bietet keine großen Möglichkeiten. Alles erscheint ein bisschen zusammengepfercht.
Dazu passt natürlich auch das karge Bühnenbild von Rada Hadzhiyska und die Kostüme von Meglene Ilieva. Das Bühnenbild ist praktisch ein Einheitsbühnenbild, welches wohl Sevilla darstellt und dass praktisch nur unwesentlich während der Aufführung verändert wird. Umbaupausen gibt es deshalb keine. Aber eine viertelstündige Pause, die natürlich viel länger dauert, als geplant, weil alles versucht nach draußen zu stürmen. Warum, hat sich mir eigentlich nicht erschlossen. Normalerweise wird in Wunsiedel, was ich immer als positiv betrachtet habe, ohne Pause gespielt, aber heute ist ja einiges anders. Die Kostüme sind etwas zurückhaltend, teilweise sehr farbenfroh und vor allem Carmen nutzt mehrere Kleiderwechsel weidlich aus. Freunde, die am Tag davor in der Abendvorstellung waren, haben mir erzählt, dass durch die dann sichtbaren Farbspiele und die entsprechende Beleuchtung hier ein wesentlich besserer Eindruck entstanden ist und viel mehr Atmosphäre aufgekommen sei. Man hat sich darüber bei mir sehr positiv geäußert.
Das unsichtbare, über 45 Köpfe starke Orchester der Venezia Festival Opera wird von einem wahren Meister des Taktstocks geführt. Der in Plowdiw in Bulgarien geborene Nayden Todorov ist das Aushängeschild des renommierten, europaweit tourenden Ensembles mit langer Tradition. In seinem Hauptberuf ist er der Leiter des mehr als renommierten Sofia Philharmonic Orchestra. Mehrfach bekleidete er in Bulgarien das Amt des Kultusministers und hat ein unheimlich hohes Ansehen in der Bevölkerung und seine Dirigententätigkeit wird mehr als gelobt. Er besitzt eine hohe Sensibilität im Zusammenspiel mit seinen Solisten, obgleich er für diese, nur über die Leinwand sichtbar, seine Einsätze geben kann. Sein Dirigat ist leidenschaftlich, rasant und zupackend und er lässt die Orchesterwogen durch das weite Rund des Zuschauerraums fließen. Ein Dirigent der alten Schule, dem es gelingt die Spannung hochzuhalten, der aber auch feinfühlig auf seine Sänger eingeht, damit sie nicht in den Orchesterwogen untergehen. Trotz imposanter Stimmen ist dies immer etwas gefährlich, wenn der Klangkörper der Orchestermusiker droht die Stimmen zu überdecken. Leider kann man den Orchestermitgliedern nicht die mehr als vorhandene Freude an der Wiedergabe der wunderbaren Musik Bizets anmerken, da man sie ja leider nicht sehen kann. Erst beim Schlussapplaus ergießen sich alle eindrucksvoll auf die Bühne. Ja, das Orchester mit seinem ausgezeichneten Klangbild ist mit Sicherheit ein großer Aktivposten bei dieser Aufführung.

Nun aber zu dem, was für mich am wichtigsten bei einer guten Opernaufführung ist, den Sängern. Und hier hat man an diesem schönen, sonnigen und regenlosen Nachmittag nicht einen einzigen Ausfall. Alle Sänger agieren mit einer Leidenschaft, die auch auf den Bühnen schon etwas seltener geworden ist. Stimmlich schöpfen sie aus dem Vollen und werfen sich mit allen Möglichkeiten, die sie haben und das sind etliche, in diese packende Aufführung. Alles voller Feuer, Leidenschaft, professioneller Einstellung und bis an die Grenzen gehende Ausschöpfung ihrer stimmlichen Mittel und davon haben sie eine ganze Menge. Diese Truppe lässt den Kasten auf der Bühne vergessen und begeistert das Publikum, dass leidenschaftlich mitgeht und mit donnerndem Applaus zeigt, wie gut ihnen diese Aufführung gefällt. Ich selbst habe in meinem Leben schon sehr viele Carmen Aufführungen gesehen, doch sowohl gesanglich als auch orchestral spielt dieser Auftritt ganz vorne mit.
Als Carmen erleben wir die aus dem Osten der Ukraine stammenden Mezzosopranistin Natailiia Matvieiva. Mit einer riesigen Portion Leidenschaft wirft sie sich förmlich in diese wunderbare Partie. Ihr gefühlvoller, ausdruckstarker Mezzo füllt die Weite des Zuschauerraums ohne jegliche Probleme, ihre Präsenz auf der Bühne ist immer vorhanden, auch wenn sie nicht da ist. Mit facettenreichem und reinem, makellosem Timbre stellt sie die Carmen auf die Bretter, die die Welt bedeuten. Mit sinnlicher Ausstrahlung ist sie die Verkörperung der stolzen, selbstbewussten Frau, unbeugsam selbst bis zum Tod. Eine grandiose Verkörperung dieser Traumpartie für Mezzosopranistinnen.
Ja und dann ihr Partner, der in Jambol in Bulgarien geborene Tenor Georgi Dinev als Don José. Er steht seiner von ihm geliebten Carmen in keinster Weise nach. Mehr als eindrucksvoll verkörpert er den zerrissenen leidenschaftlich liebenden und sich selbst aufgebenden Korporal. Mit unbändiger Leidenschaft seines kraftvollen Tenors, der keinerlei Höhenprobleme zu kennen scheint, starker Bühnenpräsenz, dramatischer aber auch lyrischer Durchschlagskraft kann er auch seine Rolle bis ins letzte auskosten. Wunderbar gesungen die berühmte Blumenarie, gekonnt seine Ausbrüche, wobei er seine Kraft problemlos in die Stimme legen kann. Heutzutage könnte man wirklich sagen, ein richtiges Traumpaar, ja, wenn halt das traurige Ende nicht wäre.

Ein weitere Höhepunkt, an diesem sicher nicht höhepunktarmen Nachmittag, ist der Auftritt der in Bulgarien geborenen lyrischen Sopranistin Plamena Girginova als Micaëla. Sie überzeugt mit zartem, aber dennoch durchschlagskräftigem Sopran, gefühlvoll geführt und eingesetzt, mit Wärme und Leichtigkeit versehen und mit einer innigen Ausstrahlung, die das Publikum mucksmäuschenstill zuhören lässt um dann in teilweise frenetischen Beifall auszubrechen. Wenn sie gefühlvoll singend durch die Felsenschlucht (leider nicht die richtige) schreitet, kann man eine Stecknadel fallen hören. Eine gefühlvolle, mehr als überzeugende Leistung
Und dann als draufgängerischer, selbstbewusster Escamillo, der in Sofia in Bulgarien geborene Bariton Aleksandar Krunev. Mit einer riesigen Ausstrahlung und Bühnenpräsenz kann der Sänger alter Schule punkten und sein Publikum für sich gewinnen. Seine mehr als stabile, schöne, klare und gefühlvolle Stimme, kann warm und samten, aber auch mühelos durchschlagend sein. Im Torerolied kann er so richtig auftrumpfen, aus dem Vollen schöpfen und das macht er mit sichtbarer Freude für sich selbst und für sein begeistertes Publikum.
Besonders erwähnen möchte ich auch noch die beiden wunderbaren Sopranistinnen, Neli Petkova als Mercedes und Prolet Pencheva als Frasquita, die mit blitzsauberen, schönen und eindrucksvollen Stimmen als Freundinnen Carmens immer dabei sind. Besonders eindrucksvoll das sogenannten Kartenterzett, wo die Stimmen wunderschön miteinander verschmelzen. Beide mit Leidenschaft dabei.
Im gesamten Ensemble gibt es keinen einzigen Ausfall und ich möchte die restlichen, alle rollendeckend und ihren Beitrag eindrucksvoll auf die Bühne bringend, kurz namentlich vorstellen.
Als Zuniga Mihaul Yosifov, als Dancairo Teodor Petkov, als Remendado Ivaylo Yovchev und als Morales Teodor Petkov.
Eine Aufführung der Carmen, die vor allem von den Sängern und dem Orchester überragend war, man hat hier gesehen, welch tolle Künstler Bulgarien aufweisen kann, die uns eigentlich relativ wenig bekannt sind. Ein wunderschöner Nachmittag, bei dem die leichten Anfangsprobleme (Bühne) zum größten Teil vergessen wurden. Ein einfach gute, stimmlich und musikalisch prachtvolle Carmen.
Manfred Drescher, 25. August 2026
Carmen
Oper von Georges Bizet
Besuchte Vorstellung: 23. August 2026
Premiere: 21. August 2026
Inszenierung: Nadia Hristo
Musikalische Leitung: Nayden Todorov
Orchester und Chor: Venezia Festival Opera