Salzburg: „Verdi: Requiem“, Wiener Philharmoniker unter Riccardo Muti

Die Wiener Philharmoniker sind das Orchester seines Lebens, das Verdi-Requiem ist das Stück seines Lebens. Kein Zweiter durchdringt das Verdi-Requiem so tief wie Riccardo Muti. Das Stück, das er in Salzburg mehrfach dirigierte, vormals zuletzt 2019, ist Teil seiner DNA.

Nun aber ließ der Maestro verlauten, nach den Aufführungen in Salzburg würde er das Werk nicht mehr dirigieren. Am 18. August erklang es demnach zum letzten Mal. Warum, das sagt er nicht konkret dazu. Aber vielleicht mag das damit zusammenhängen, dass er seine hohen Ansprüche zusehends weniger umsetzen kann und ihn das zu sehr schmerzt. Auf den Proben, so kam mir zu Ohren, soll er nicht restlos glücklich gewesen sein. Aber offenbar wurde doch noch alles gut, denn zumindest an dem vor mir besuchten zweiten und dritten Abend war kein Anflug von Missstimmung zu bemerken. Und vielleicht wirkten die Aufführungen im Hinblick auf ihre historische Dimension auf mich sogar noch dramatischer als vorangegangene. Oder kam es mir nur so vor?

© SF/Marco Borrelli

Dass Muti so konsequent darauf besteht, mit den Solisten in Blickkontakt zu stehen und sie ergo direkt vor sich platziert, so dass Dirigent und Sänger einander ansehen können – in den meisten Konzerten stehen sie absurderweise mit dem Rücken zueinander – , hatte daran großen Teil. Am zweiten Abend schien es mir fast, als nehme Muti die Solisten fast mehr ins Visier als das auf ihn eingeschworene Orchester. Das zahlte sich aus.

Die hohen Solo-Stimmen, Iwona Sobotka und Michael Spyres, steigerten sich dabei noch vom zweiten zum dritten Abend: Ihre Spitzen im Fortissimo tönten da ohne Schärfen noch kultivierter. Sobotka gefiel mir überhaupt viel besser als 2024 in Paris, wo sie kurzfristig für eine andere Sängerin im Requiem eingesprungen war. Die Stimmführung wirkt nun insgesamt viel schlanker, das Timbre noch schöner und wärmer an einer Stelle wie dem „sed signifer sanctus Michael“ (der heilige Bannerträger Michael führe sie in das heilige Licht“), an der sie im herrlichsten dolcissimo auf einem langen hohen Ton crescendiert. Unter den heutigen Sopranistinnen kenne ich nicht allzu viele, die über eine vergleichsweise Durchschlagskraft im Dramatischen verfügen und gleichzeitig lyrische Passagen derart zärtlich zu gestalten vermögen.

Im „Dies Irae“ beben bei Muti immer die Wände, aber diesmal tönte es irgendwie noch furchterregender als sonst, zu erleben war hier ein regelrechtes Rasen, an dem neben den Donnerschlägen der Pauke die Streicher zur treibenden Kraft wurden. Mir kam es so vor, als würden Hunderte von Pfeilen meinen Körper durchbohren. Dabei bewirkte dieses körperliche Erleben – um das klar zu sagen- mitnichten nur die ungeheure Lautstärke, sondern eben dieses wütende Empfinden, das Muti auf alle Mitwirkenden, insbesondere in diesem Teil auf Orchester und den Wienerstaatsopernchor (Einstudierung: Ernst Raffeslberger) übertrug.

Beim „Tuba mirum“ ließ sich einmal mehr erleben, wie grandios sich Muti auf Raumeffekte versteht, wenn er hier die miteinander korrespondierenden Trompeten in weiter Ferne voneinander postierte, die einen links zur Seite auf der Bühne, die übrigen im Rang. Wenn die Musik dann beim „Mors stupebit et natura“ (Schaudernd sehen Tod und Leben) gespenstisch leise wird, ist Maharram Huseynov an der Reihe. Er verfügt über eine satte Tiefe und folgt Muti im unheilvollen Ausdruck, nur strömt sein Bass, zu verengt weit hinten im Hals, nicht ganz frei.

Mit Marianne Crebassa ist dagegen ein Mezzo an Bord, der meine hohen Erwartungen noch weit übertrifft. Schon bei ihrem ersten größeren Solo „Liber scriptus proferetur“ (Und ein Buch wird aufgeschlagen) lässt sie eine sonore, rotweindunkle prächtige große Stimme hören, schlank geführt durch alle Register. Vor ausladenden schaukelnden Vibrati, die zahlreiche ihrer Kolleginnen gerne an den Tag legen, bleibt man bei ihr verschont.

Sehr gebannt war man freilich auf Michael Spyres, der sich schon seit einiger Zeit im deutschen spätromantischen Repertoire als einer der besten Tenöre unserer Zeit empfohlen hat. Mit italienischem Repertoire hatte ich ihn bislang noch nicht gehört und freute mich umso mehr, dass er sich darauf ebenso gut versteht. Die Prüfsteine eines jeden Tenors im Verdi-Requiem sind das „Ingemisco“ sowie das Solo im Offertorium „Hostias et preces tibi“ (Opfer und Lobgebet bringen wir vor dich), eine der anrührend-zärtlichsten Stellen im gesamten Stück überhaupt. Da ist es, als halte Muti zu hauchfeinen ätherischen hohen Streicherklängen die Zeit an, stellt sich Gänsehaut ein, wenn Spyres dieses innigliche Gebet anstimmt, rein, unschuldig und schön.

© SF/Marco Borrelli

Ebenso dolcissimo musizieren die trefflichen Flötisten der Wiener Philharmoniker ihr Solo im zärtlichen Nachspiel des Sanctus. Intensiv geprobt haben dürfte Muti mit seinen Gesangssolisten auch am Lux Aeterna, das sie ohne Orchester und Chor im Quartett eröffnen. Seitens der Intonation ist das – ohne harmonisches Gerüst – sehr heikel. Am zweiten Abend gelingt ihnen das bereits sehr achtbar, am letzten Abend perfekt!

Das „Libera me“ stellt vermutlich die größte Herausforderung an die Sopranistin im Dialog mit dem Chor. Unter Mutis beschwörenden Zeichen gelingen Sobotka da magische Momente, dies schon mit den denkbar schönsten Klängen zu der von vier Fagotten eingeleiteten Versen „Tremens factus sum ego sunt et terra“ (Zitternd muss ich stehen und in Ängsten). Und wie die Polin dann nach dem hochdramatischen Fugato im Dialog mit dem Chor ihren letzten angsterfüllten Ausbruch durchlebt und dann ganz leise in den Worten „Libera me“ endet- das geht einfach mitten ins Herz.

Es versteht sich, dass in diesem letzten Verdi-Requiem Mutis Chor und Solistin in den Versen „Libera me Domine de morte aeterna in die illa tremenda“ die richtige Betonung finden, die die meisten Aufführungen unter anderen Dirigenten entbehren: Dank Mutis italienischer Opernakademie weiß ich, dass das Wort „illa“ betont werden muss, da es um keinen beliebigen, sondern eben genau diesen furchtbaren Tag des Weltgerichts geht, der Erschütterung von Himmel und Erde.

War die vom Salzburger Festspielpublikum am 18. August verdient frenetisch gefeierte Aufführung nun wirklich die letzte? Hanne Weber, Mitglied des Chors des Bayerischen Rundfunks, die der letzten Aufführung beiwohnte, wünscht sich, dass Muti das Verdi Requiem doch zumindest noch einmal mit ihrem Chor, den er für den besten der Welt hält, aufführen möge. Ich würde das auch sehr begrüßen. Die Aussichten darauf sind aber vermutlich gering. Wenn man einmal öffentlich von etwas Abschied genommen hat, bleibt es meistens dabei. Leider.

Kirsten Liese, 19. August 2026


Giuseppe Verdi: Requiem

Salzburger Festspiele

Konzert am 18. August 2026

Musikalische Leitung: Riccardo Muti
Wiener Philharmoniker