Als er einen guten Tag hatte, nannte er ihn „mittelmäßig“. Aus seinem Mund war das ein hohes Lob, denn ansonsten zählte er ihn zu den „Geistern zweiten dritten vierten Ranges“. Er attestierte ihm, zu dessen Schaden „nicht seine Grenzen erkannt zu haben“ und bezeichnete ihn als „überschraubtes Talent, von welchem er auch nicht eine eigentliche Melodie kenne und den er als ein ganz prekäres Talent mit Bewusstsein ansehe“. Er sänge sich oft Themen von Mendelssohn vor, „von Schumann sei ihm das nicht möglich“, denn Schumann habe „nicht eine einzige Melodie“ gehabt, weil er ein „Dorfmusikanten“ gewesen sei: „ohne Seele, ohne Einfälle“, ein „Popanz“, ein „närrscher Grübler“, ja: „Jetzt mache ich etwas, das soll sein wie nichts, wie nichts“, worauf der Name des Komponisten fiel. Als er am 4. Juni 1879 die C-Dur-Symphonie des gescholtenen Musiker las, war er, sagte er, „von dem Nichtssagenden und dem ‚Rosalien‘wesen“ (den „Schusterflecken“, wie die typischen Sequenzen im Musikerdeutsch heißen), „auf’s neue erfüllt“.
Der Kritiker Robert Schumanns, dessen Urteil die Jahre über erstaunlich konsistent blieb, war Richard Wagner. Im Licht dieser Aussagen, die allesamt in Cosima Wagners Tagebüchern zu finden sind, ist der Titel des Programms im 150. Jahr der Bayreuther Festspiele von robustem Selbstbewusstsein: Schumann! Damit bildet es den zweiten Teil einer kleinen Reihe, die am Ende der letzten Saison mit dem Programm zusammenhängt, das die Hofer Symphoniker im Juli in das Friedrichsforum brachten – nur wenige hundert Meter von jenem Ort entfernt, an dem die Gattin etliche der Meinungen ihres Gatten ins Schreibheft schrieb. Nach Mendelssohn! folgte also Schumann!, ohne indes, anders als beim ersten Teil, allzu viel Schumann zu enthalten. Lediglich die von Wagner als unbedeutend abqualifizierte 2. Symphonie stand auf dem Programmzettel: „im Kontext von Ludwig van Beethoven und Richard Wagner“, wie es im Waschzettel des Abends heißt. Die Zusammenhänge sind offensichtlich: Schumanns Symphonie verbindet mit Beethoven nicht allein das Liedzitat im letzten Satz, sondern auch die spezifische Art und Weise, mit einfachsten Mitteln zu arbeiten (wobei Beethoven denn doch der Raffiniertere war), während Wagners Bezug zum Symphoniker Beethoven in der einsätzigen „Symphonie“ – so nannte Wagner selbst sein Siegfried-Idyll – trotz der klassischen Form verschleiert wird. Was seine Theorie des Musikdramas mit der 9. Symphonie verbindet, muss in Bayreuth nicht erläutert werden. Dass Wagner nicht allein Schumanns, sondern ausnahmslos (noch einmal: ausnahmslos) alle Symphonien aller nachbeethovenschen Komponisten einschließlich Brahms und Bruckner schlicht und einfach überflüssig fand, gehört in diesen Zusammenhang. Also „Schumann!“? Ja, denn abgesehen davon, dass Schumann einer der ganz großen Komponisten des 19. Jahrhunderts war, dessen höchst vielfältiges musikdramatisches Werk die einzige auf deutschem Boden entstandene wie eigentümliche und gleichzeitig völlig eigenständige Alternative zu Wagners Opern und Musikdramen dieser Zeit ist – abgesehen davon hat sich inzwischen, nach einer Zeit der Kritik an der C-Dur-Symphonie, die Meinung durchgesetzt, dass sein op. 61 seine experimentellste symphonische Arbeit war: also quasi modern, nicht in irgendeiner Art missglückt.
Die Leute kommen natürlich nicht in das Friedrichsforum, um sich einen musikwissenschaftlichen Kurs anzutun, sondern, wenn sie denn kommen (dazu weiter unten ein paar Worte), guter Musik zu lauschen und sich dabei einen bekannten Dirigenten, einen sogenannten „Star“ anzuschauen, der zu jenen Orchesterleitern gehört, die in den letzten Jahren, vielleicht sogar Jahrzehnten nicht in der alten Stadthalle erlebt werden konnten. Simon Rattle selbst dürfte das Denken in solchen Kategorien fremd sein. Er macht mit dem Freiburger Barockorchester einfach nur die frischste Musik, die sich denken lässt. Beethovens Violinkonzert klingt bereits anders als mit einem „normalen“ Symphonieorchester. Das machen: die dunklen Holzbläser, die gelegentlich schroffen Blechbläser, die harte Pauke und die schlackenlosen Streicher – auch wenn man nicht beabsichtigt, den Sound von 1810 zu reproduzieren. Isabelle Faust spielt den Solopart, sie spielt ihn, man erwartet nichts anderes, brillant, bewegt und an den lyrischen Stellen lyrisch. Was Beethoven an diesem Abend mit Wagner und Schumann verbindet, ist zuerst etwas Unmittelbares. Nicht, dass man die Werke hörte, als kennte man sie nicht. Wer allerdings in der Kadenz des ersten Satzes Beethovens eigene Kadenz hört, die er für die Bearbeitung des Konzerts als Klavierkonzert op. 61a komponierte, hört eine quasi neue Musik, die ansonsten nicht im Kontext von op. 61 zu vernehmen ist. Der Effekt ist großartig: Wenn die Pauke in direkten Kontakt mit der Violine gerät, ein kleiner Marsch erklingt und schließlich eine 16tel-Reihe ertönt, die unter den Händen der Geigerin wie eine Variation aus Sibelius’ Konzert daherkommt, ist die Überraschung vollkommen. Was sonst auffällt, ist der enge Dialog, den die Solistin mit dem Orchester führt. Man musiziert hier nicht nebenher, sondern hörbar miteinander. Allein dies ist ja schon auffällig.
Ebenso groß mag die Überraschung zu Beginn des Siegfried-Idylls sein. Rattle lässt es in der originalen Kammermusikbesetzung spielen, also mit nur einem guten Dutzend Musikern. Die Frage, ob man – wie der Autor dieser Zeilen – das Werk noch genießen könne, weil man es innerhalb von gut fünf Wochen dreimal live gehört hat (das erste Mal am ersten Premierentag im Festspielhaus, das zweite Mal am letzten Aufführungstag am selben Ort, das dritte Mal fünf Tage später im Friedrichsforum), erledigte sich schnell von selbst, denn der Klang war ein völlig anderer als unter den Leitungen von Semyon Bychkov und Simone Young. Beginnend mit einem Streichquartett rekonstruierte man die Treppenhausmusik, die am Weihnachtstag des Jahres 1870 in Tribschen erklang. Man hört schon schnell, dass die Originalfassung nicht dem entsprach, was Wagner sich klanglich vorstellte, weil die geringe Zahl der Musiker der räumlichen Situation geschuldet war. „Er habe darüber nachgedacht“, hielt Cosima Wagner am 14. Januar 1874 fest, „ob er das Idyll würde für großes Orchester machen, aber es würde sich nicht so gut machen“, doch führte er es drei Jahre später, wie schon 1871 in Mannheim, in einem Meininger Hofkonzert mit vollem Orchester auf. Maximal 27 Streicher und die Bläser: das war Wagners Idealbesetzung, wogegen die Kammerfassung regelrecht dünn, positiv ausgedrückt: strukturell ausgehört in den Saal klingt. Es gibt Gründe, wieso die Urfassung selten gespielt wird, doch spricht für sie, dass die klangliche Durchsichtigkeit des Werks wesentlich deutlicher offenbar wird und an den dynamisch exponierten Stellen durchaus ein Volumen erreicht wird, das mit den kammermusikalischen Grenzen, die Wagner selbst bewusst waren, denn doch versöhnt – zumal dann, wenn derart lebendig aufspielende Musiker am Werk sind, die noch die kleinsten Binnenspannungen der Phrasen sinnhaft erfüllen.
Durchsichtigkeit: Es ist auch das Zauberwort bei Schumanns 2. Symphonie. Das Freiburger Kammerorchester spielt sie, als habe es niemals Diskussionen um Schumanns angeblich mangelhafte Instrumentation gegeben. Nur weiß man spätestens seit John Eliot Gardiners Einspielungen der Schumann-Symphonien, dass es nicht am Komponisten lag, dass seine symphonischen Werke jahrzehntelang problematisch ins Ohr drangen. Der verdickte Klang lag schlicht und einfach an den Wegen, die die Symphonieorchester seit dem Ende des 19. Jahrhunderts einschlugen. Nikolaus Harnoncourt sagte einmal, dass die Entwicklung der Blasinstrumente Mitte des 19. Jahrhunderts abgeschlossen war, also genau in jener Zeit, in der Schumann aufhörte zu komponieren. Spielt man seine Werke hingegen mit rekonstruierten oder originalen Instrumenten seiner Zeit, beachtet eine bestimmte Ensemblegröße und artikuliert so präzis, wie es sich Schumann vorgestellt haben mag, klingt auch eine Schumann-Symphonie so klar, dass Überlegungen über einen verdickten Klang erst gar nicht aufkommen. Nichts also klingt unter Simon Rattle teigig oder bräsig, alles ist klar, konturiert, bei allem Sentiment zumal des langsamen Satzes, des Adagio espressivo, ausdrucks-stark, in Schumann‘schem Sinn der Satz seines zärtlichen Alter Ego Eusebius, während die vorwärts stürmenden Passagen dem anderen Alter Ego, dem kühnen Florestan, gehören, während die von Wagner kritisierten „Rosalien“ dramatisch aufgeladen werden.
Großer Beifall also aus dem ausverkauften Haus. Ausverkauft? Um das Haus voll zu kriegen, da noch wenige Wochen vor dem Konzert allzu viele Plätze frei waren, wurden an ausgewählte Bayreuther Kultur- und Sozial-Institutionen Mitteilungen versendet, ob man nicht für fünf Euro das Konzert besuchen wolle. Die Aktion half, plötzlich war der Saal nicht mehr halb leer, sondern ganz voll. Positiv oder wenigstens halb positiv ausgedrückt: Es ist schön, dass viele Menschen, die nie für den Normalpreis ein klassisches Konzert besuchen würden, in den Genuss eines guten Konzerts kamen, vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben eine Schumann-Symphonie oder das Siegfried-Idyll hörten und zwischen den Sätzen ihrer Begeisterung Ausdruck geben konnten, wie es zu Beethovens Zeiten üblich war. Negativ argumentiert: Wenn nicht einmal der „Star“ Simon Rattle und das berühmte Freiburger Barockorchester es mit einem attraktiven Programm schaffen, das Friedrichsforum auch nur einigermaßen mit zahlenden Besuchern zu füllen, hat die Stadt ein Problem. Abgesehen davon, dass all jene Besucher, die 75 oder gar 100 Euro für ihren Platz bezahlten, neben und vor dem etliche 5-Euro-Leute sitzen, sich veräppelt fühlen mussten.
So viel zur „Musikstadt“ Bayreuth.
Frank Piontek, 1. September 2026
Schumann!
Beethoven: Violinkonzert op. 61
Wagner: Siegfried-Idyll
Schumann: 2. Symphonie op. 61
Friedrichsforum Bayreuth
Konzert am 31. August 2026
Violine: Isabelle Faust
Musikalische Leitung: Simon Rattle
Freiburger Barockorchester