Pionteks Bayreuth: „RE:SONANZ des Herzens – Frauenleben im Lied“

Des Menschen Leben ist ein Schatten, seine irdischen Güter vergehen im Nichts, wenn Gottes Blitz all das trifft: den Schatten, seine vergänglichen Dinge, all das eitle Zeug: Kronen und Waffen, Schlösser und Musikinstrumente.

Musikinstrumente? Wer im schönen Abteisaal des Klosters Speinshart sitzt, in dem das Bayreuther Festival junger Künstler mit einem musikalischen Programm gastiert, bekommt über das Deckengemälde den paradox scheinenden Bescheid, dass in genau diesem Raum, der nach der Musik benannt wurde und in dem seit seiner Erbauung im 18. Jahrhundert fleißig musiziert wurde, während die Abtei viele Musikalien sammelte und das Zentrum der klösterlichen Musikpflege in der nördlichen Oberpfalz bildete – dass also genau hier sich die Vergänglichkeit des Menschen in und mit seiner Musik spiegele. Ganz so unrichtig ist es ja nicht: Wird Musik live gebracht, vergeht sie wie in einem Hauch.

Genau dies aber macht sie für uns Erdenbürger so wertvoll: weil sie vergänglich ist. Die beiden Musikerinnen vom Duo Herztöne, der Mezzo Nicole Glamsch und die Pianistin Jeanne Vogt, verstärken die These, wenn sie einen wundersamen Liederabend, nein: ein szenisches „Liederspiel“, wie man und frau das seinerzeit beliebte Format im 19. Jahrhundert genannt hätte, dem Publikum schenken. Dass die Liebe eines Menschen zu einem anderen, dieses letzten Endes unerklärliche Verfallensein zugleich kostbar und vergänglich ist, daher auch besonders geschätzt werden sollte: Das ist die Behauptung, die Robert Schumanns bedeutenden, immer wieder aufgrund seines (angeblichen) abständigen Frauenbildes kritisierten Liederzyklus und seiner zarten Töne geliebten, auf Texte Adelbert von Chamissos komponierten Frauenliebe und -leben auszeichnet. Erst 2025 hat Marlis Petersen in ihrer Aufführung des Zyklus im Markgräflichen Opernhaus bewiesen, dass die Frau, die da singt, eine starke ist – also nicht das „Weibchen“, das kritische Feministinnen im lyrischen Ich einmal entdeckt haben, was historisch notwendig war, aber es ist eben, weil’s Kunst, immer eine Sache der persönlichen Interpretation.

© Astrid Loos

Glamsch und Vogt imaginierten mit dem Musiksaal nun den Schumann‘schen Salon im Leipzig des Jahres 1840 und verwandelten ihn in ihrer Deutung der Schumann‘schen Liebes- und Lebenswelt in einen Spielraum, der zwischen Damals und heute vermittelt, so dass Ferne und Nähe zu Schumanns Gedanken- und Gefühlswelt offenbar werden. Die acht Lieder, denen die beiden Damen ausgewählte Lieder Clara Schumanns beigaben, indem sie sie in die Frauenliebe einschoben, werden durch eine Art Handlung und neue Texte ins Heute gerückt; gefragt wird, wie es denn heute mit dem Verhältnis von Liebe und Freiheit, Leidenschaft und Vernunft aussieht, ohne dass daraus ein Proseminar entstünde. Es ist zudem schlichtweg zauberhaft, wie die eingeschalteten Lieder von Schumanns Lebenspartnerin Clara Schumann gleichsam „funktionieren“. Es stimmt ja: Sie führten, über den Tod des Mannes hinweg, ein kreatives, sich nicht zuletzt in Kompositionen äußerndes Gespräch über Liebe und Kunst, das bis heute in Aufführungen fortwirkt – quasi als „Resonanz des Herzens“, so wie in der Performance der beiden Musikerinnen, die die Geschichte einer liebenden Frau erzählen, die sich am Ende von ihrem toten Mann verabschiedet und über den letzten irdischen Moment mit ihm geistig verbunden bleibt. Das letzte Wort hat übrigens Clara Schumann: mit ihrem Lied auf Friedrich Rückerts Die gute Nacht, die ich dir sage, einem der Lieder-Kleinode Clara Schumanns, deren qualitätsvolles Liedwerk leider auf eine CD passt.

Um die Geschichte zu erzählen, genügen ein Spiegel, ein Stuhl, ein paar Blumen, eine „Frauenzeitschrift“, ein dickes Buch (Frauen Leben und Liebe, neu erzählt), zwei Kostüme – ein Alltagskleid und ein Brautkleid, das zum Witwenkleid wird, vorher auch, das ist rührend, das Ansingen eines unsichtbar-sichtbaren Kleinkinds ermöglicht. Der Raum wird bespielt, auch der Vorraum, einmal hören wir einen Text aus dem CD-Player, ein andermal ein eingespieltes Lied vom Band, das wie aus der Ferne längst vergangner Zeiten, wie Schumanns Bekannter Wagner gesagt hätte, zu uns dringt. Durchaus nicht nebenbei: Es ist bewundernswert, wie die Sängerin die 16 Lieder in der warmen und trockenen Atmosphäre zu singen vermag. Des Menschen Leben ist ein Schatten? Man kann dem nicht grundsätzlich widersprechen, aber in der Kunst gewinnt er doch eine gewisse Ewigkeit. Nur muss sie immer wieder reanimiert werden – so wie in dieser bewegenden Performance, die die Hörerinnen und Hörer sichtlich erreicht hat.

Frank Piontek, 14. August 2026


RE:SONANZ des Herzens – Frauenleben im Lied

Robert Schumann: Frauenliebe und -leben
Clara Schumann: Acht Lieder

Festival junger Künstler, Bayreuth
in Speinshart, Musiksaal der Abtei

9. August 2026

Duo Herztöne