Sankt Gallen: „Hoffmanns Erzählungen“, Jacques Offenbach

Lange ist’s her, dass ich bei einer Opernaufführung so viel geschmunzelt, ja gar gelacht habe – und schon gar nicht bei HOFFMANNS ERZÄHLUNGEN. Dabei reiht sich Offenbachs unvollendet gebliebenes Meisterwerk nicht in die Reihe seiner berühmten Bouffes (LA BELLE HÉLÈNE, LA VIE PARISIENNE, ORPHÉE AUX ENFERS) ein. Und doch enthält diese Opéra fantastique derart viele echt komische Momente, dass es durchaus legitim erscheint, diese auch ganz besonders herauszustreichen. In den fünf Akten blicken Offenbach und seine Librettisten auf das Leben des Dichters zwischen Liebeswirren, Trunkenheit und dem Ruf der Muse zur Kunst zurück. Warum soll so ein Rückblick nicht auch mit einer gehörigen Prise Selbstironie gespickt sein (einer Eigenschaft, die heutzutage in vielen Bereichen eben gerade fehlt)? Selbstironie ist immer besser als larmoyanter Bierernst. Ja und wenn wir schon beim Bier sind – die punktgenau auf die Musik erstellte und auf den Gazevorhang projizierte Choreografie der geflügelten Gläser und der Flasche zum kurzen Vorspiel ist der Hammer! (Kompliment an das grandiose Videodesign und die Illustration von Dietgard Brandenburg).

© Edyta Dufaj

Die Regisseurin Guta Rau und ihr Team (die wunderbar funktionelle Bühne von Isabelle Kittnar erlaubt eine Fokussierung auf die Aktion und die Interaktion der Handelnden, herrliche Kostüme aus der Zeit des Biedermeier von Mara Lena Schönborn, fantasievolles Lichtdesign von Andreas Enzler) betonen das Fantastisch-Groteske der tragischen Liebesverwirrungen Hoffmanns, würzen es gekonnt mit einem Hauch Schauerromantik und lassen es durch die genaue Charakterisierung der Personen beinahe slapstickartig ablaufen – und dies ohne jeglichen Leerlauf oder Overkill! Das ist handwerklich schlicht großartig gemacht. Die knapp drei Stunden vergehen wie im Flug. Optisch eingebettet ist das Ganze in ein digitales Notizbuch des Dichters E.T.A. Hoffmann, welches auf den Zwischenvorhang und an die beiden spitzwinkligen Wände des Bühnenbildes projiziert wird. Diese originalen Handschriften Hoffmanns (man kann sie im E.T.A. Hoffmann-Portal digital einsehen) sind mit Zeichnungen und Karikaturen versehen, die zu den entsprechenden Szenen wie durch Zauberhand ausgeführt auf den Flächen entstehen oder auch wieder ausradiert werden. Der Dichter hat tatsächlich dem Vernehmen nach stets ein Notizbuch dabeigehabt und darin seine Eindrücke und Impressionen aufgezeichnet. E.T.A Hoffmann war ja ein „Hans Dampf in allen Gassen“ – also positiv gesagt, ein echtes Multitalent in verschiedenen künstlerischen Bereichen (Schreiben, Zeichnen, Karikieren, Komponieren).

Ein solcher „Hans Dampf“ ist auch Rolando Villazón, der in St.Gallen die Titelrolle verkörperte: Einst (2005) nach seinem Alfredo in Salzburg in LA TRAVIATA an der Seite von Anna Netrebko auf den renommiertesten Bühnen weltweit gefeiert, später als Regisseur, als Moderator für Kulturvermittlung, als Intendant (Mozartwoche in Salzburg) und als Romanschriftsteller grosse Erfolge feiernd. Und er ist auch als Clown für karitative Zwecke tätig (Rote Nasen Clowndoctors). Energiegeladen interpretierte er dann auch den Hoffmann in der umjubelten Premiere gestern Abend in St.Gallen. Da stimmte einfach jede noch so kleine Geste, jeder Blick zur selbstironisch-naiv-tragischen Darstellung des liebes- und alkoholtrunkenen Geistes des Dichters. Angenehm und stabil klingt insbesondere seine Mittellage; Puristen mögen die fehlende französische Eleganz der Linie bemängeln, das Vermeiden von Spitzentönen (beim Lied von Klein Zack) und das Dauer forte, die weit vorne sitzende, manchmal leicht bellende Stimme. Doch von der Sicherheit und der Kraft der Interpretation gerade in dieser Inszenierung her, war das für mich nebensächlich, denn mit seinem verspielten, lausbübischen und kindlichen Charme vermochte er mich trotzdem zu begeistern. Manche mögen seine Interpretationen manieristisch nennen – für mich ist er eine Rampensau im besten Sinne, ein Advokat des Theaters.

Sein mephistophelischer Gegenspieler, Lindorf, wurde von Andrew Foster Williams mit dämonisch-kernigem Bassbariton und herausragender, unheimlicher Bühnenpräsenz verkörpert. Gerade auch in den Verkleidungen als Blender Coppélius, als mit perverser Freude am Töten agierender Dr. Miracle und als selbstbewusst manipulierender Dapertutto erreichte Andrew Foster Williams eine fantastische Rollendeckung. 

© Edyta Dufaj

Viel Gewicht legte das Inszenierungsteam zu Recht auf die Rolle der Muse, welche dann als Nicklausse zum Begleiter Hoffmanns durch die tragischen Liebesverstrickungen mutierte und ihn schließlich in der finalen Apotheose (ach, was ist das doch für eine genial-erhebende Musik!) der Kunst zuführte. Jennifer Panara füllte die große und Dauerpräsenz erfordernde, aber für eine Mezzosopranistin sehr dankbare Partie mit ihrer samtenen Stimme aufs Allerschönste aus. Das war mit grandioser Feinheit gesungen, mit stimmlicher und darstellerischer Agilität erfüllt. Wunderbar!

Spannend ist immer, wie die Frauen besetzt werden, von denen Hoffmann in seinem Notizbuch berichtet. Hier in der St.Galler Fassung von Guta Rau, dem Dirigenten Michael Zablinger, der Dramaturgin Barbara Tacchini und dem Dirigenten Stéphan Fromageot, welche auf der bekannten Kaye/Keck Fassung fußt, sind es drei Frauen: die Puppe Olympia, die junge Geigenbauer-Tochter Antonia und die Kurtisane Giulietta. Auf die Figur der Sängerin Stella, welche im Schlussakt kurz auftaucht, wurde zu Recht verzichtet. Ganz herrlich war Eva Langeland Gjerde als Olympia: Wie sie da als Puppe vom Bühnenhimmel schwebte, ihre Koloraturen mit verblüffender Virtuosität zum Besten gab, inklusive leerlaufendem Akku, war umwerfend komisch. Witzig auch die am Ende nicht mehr funktionierende Fernsteuerung von Cochenille, der stattdessen den Hoffmann fernsteuerte! Die Sopranistin Eva Langeland Gjerde sang auch die Giulietta im vierten Akt, mit ungewohnt leichter, agiler Stimme.

Zusammen mit Jennifer Panaras sanftem Mezzosopran erklang so eine bezaubernde Barkarole im vierten Akt. Als Antonia im dritten Akt erlebte man mit Sylvia D’Eramo eine feinfühlige Sängerin, welche ins besonders in den zarten Kantilenen der Romanze Elle a fuit, la tourterelle mit wunderschönen Piani glänzte. Ein Showstopper ist in diesem Akt das schlicht genial konzipierte Terzett-Finale Antonia – Dr.Miracle – Stimme der Mutter aus dem Jenseits. Dazu wurde das Gesicht der Mutter auf den Vorhang über dem Klavier projiziert, ein Gesicht, das sich von der schönen Frau zur verzerrten Todesfratze und wieder zurück verwandelte – auch hier Schauerromantik pur. Gloriela Villalobos steuerte dazu ihre einnehmende, wunderschön timbrierte Altstimme als Stimme der Mutter aus dem Off bei. 

Riccardo Botta war als Wilhelm, Cochenille, Frantz und Pittichinaccio wie Hoffmann, Lindorf, Nicklausse in jedem Akt präsent. Er wurde vor der Vorstellung vom Intendanten als indisponiert angesagt. Seiner träfen Verkörperung der verschiedenen Charaktere tat dies keinen Abbruch – und kaum jemand hat wohl je das Couplet Jour et nuit von Frantz mit den nicht getroffenen Tönen dermaßen naturalistisch interpretiert! Großes Kompliment und gute Besserung an Riccardo Botta! Dadurch, dass zwar französisch gesungen, die Dialoge aber deutsch (manchmal etwas gestelzt) gesprochen wurden, bekam man auch die Witze des (hier nur vermeintlich) schwerhörigen Frantz bestens mit. Wie er sich zum Beispiel mit satanischer Freude unter Vorspielung seiner Schwerhörigkeit über seinen Dienstherren, den Geigenbauer Crespel (dargestellt von Jonas Jud, der auch der umtriebige Lutter im Weinkeller war), lustig macht. In Lutters Weinkeller begegnete man auch dem Hermann von Felix Gygli (der dann im vierten Akt einen eindrücklichen, schattenlosen Schlemihl gab und in einem Schattenspiel-Duell von Hoffmann erstochen wurde). Ebenfalls in Lutters Weinkeller horchte man auf, als der Nathanael von Tenor Mziwamadoda Sipho Nodlayiya seine Stimme erhob. Ein großes Glück, dass er auch den umtriebigen Hochstapler Spalazani im zweiten Akt singen durfte: Eine wunderschön timbrierte Stimme, die man auf dem Radar behalten muss!

© Edyta Dufaj

All diese fantastischen sängerischen Leistungen und der imposant agierende und singende Chor des Theaters St.Gallen und der Opernchor St.Gallen (Einstudierung: Filip Paluchowski und Edward Mauritius Münch) waren perfekt ausgewogen eingebettet in den mitreißenden und subtil dynamisch abgestuften Klang des herausragend spielenden Sinfonieorchesters St.Gallen unter der Leitung von Michael Zlabinger. Der Dirigent achtete sorgsam auf das Herausheben und die Gestaltung der kammermusikalischen Finessen der Partitur.

Für mich war es ein durch und durch beglückender Abend, szenisch intelligent, kurzweilig und lustig, musikalisch überaus stimmig und stellenweise begeisternd!

Kaspar Sannemann 13. September 2026


Hoffmanns Erzählungen
Jacques Offenbach

Theater Sankt Gallen
Premiere 12. September 2026

Regie: Guta Rau
Michael Zlabinger
Sinfonieorchesters St.Gallen