Sie ziehen sich wie eine schleimige Spur des Grauens durch die Welt- und dadurch auch durch die Literatur- und Kulturgeschichte der Menschheit: Die Väter, welche ihre Töchter aus niedrigen Macht- und/oder Lustfantasien missbrauchen, zwangsverheiraten, manipulieren. Von Agamemnon, der seine Tochter Iphigenie zwecks versprochenen Expeditionserfolgs zu opfern bereit ist, über den biblischen Lot, der seine jungfräulichen Töchter dem Mob in Sodom anbietet, über Könige der Habsburger, der Stuarts, der Tudors, der Päpste der Borgias, der Zaren (z.B. Peter I.) u.v.a.m., die ihre Töchter oftmals zwecks Sicherung der Macht zwangsverheirateten, ihnen kein individuelles Liebesglück gönnte. In der Literatur begegnen wir solchen Vätern bei Shakespeare (Capulet würde seine Tochter Julia auf der Straße verhungern lassen, wenn sie nicht den Grafen Paris heiratet, Lear verstößt seine Tochter Cordelia), bei Schiller (der moralinsaure Miller gönnt seiner Tochter Luise die Liebe zu Ferdinand nicht) und bei Gabriel José García Márquez, in dessen Roman DIE LIEBE IN ZEITEN DER CHOLERA der despotische Vater seiner Tochter die Beziehung zu Florentino verbietet.

Und genau diese Thematik prägt auch Verdis Oper Aida, welche als diesjährige Opernproduktion der St. Galler Festspiele gestern Abend Premiere im Theater feierte: Auch in dieser Oper begegnen wir zwei Frauenfiguren, welche in starker, fataler Abhängigkeit von ihren Vätern gegen ihre eigenen Bedürfnisse zu agieren gezwungen werden. Genau auf diese Konstellation fokussiert sich der Regisseur Ben Baur, wobei ihn vor allem die Figur der Amneris am stärksten interessiert. Bereits während des Vorspiels sehen wir Amneris als alte Frau (sie überlebt ja dieses Liebes- und Kriegsdrama am Nil) in einem klaustrophobischen Raum, der das geistige Verließ der irre gewordenen Königstochter Amneris darstellt. Quasi in gedanklichen Rückblenden rollt sie die ganze tragische Geschichte nochmals auf. Der Regisseur hat die Figur aufgespalten auf das Mädchen Amneris, welches den Grausamkeiten am Königshof ausgesetzt ist, auf die junge Frau, die unsterblich in Radames verliebt ist und eben auf die gealterte Amneris. Elena Queiroz verkörpert diese alte Frau mit einer unter die Haut gehenden Intensität; ihr gebücktes Schlurfen, ihre Ausbrüche verzweifelter Raserei, ihre Waschung in der Badewanne im Irrenhaus – das ist ganz großes Theater. Da die Oper ja durch die Partitur ein relativ starres Korsett darstellt, das nur wenig Spielraum zur Erweiterung der Charaktere lässt, benutzte Ben Baur vor allem die instrumentalen Passagen wie eben die Ouvertüre oder die Balletteinlagen, um uns diese Frau und ihre verhängnisvolle Geschichte näher zu bringen. Ben Bauer hatte auch den Mut, nicht alles bis ins letzte Detail zu erklären, verzichtete auf allzu Plakatives und beließ vieles im Angedeuteten, im Vagen. Wohltuenderweise verzichtete er auf die Möglichkeit, welche viele Regisseure in dieser Situation nutzen würden, nämlich auf die in vielen heutigen Inszenierungen omnipräsenten Videoclips. Durch das rein Theatrale, durch den teils gefliesten, teils mit lehmverschmierten Wänden ausgestatteten Einheitsbühnenraum (der auch von Ben Baur entworfen worden war), durch das fahle Lichtdesign von Anselm Fischer und die strenge Kostümdramaturgie (Uta Meenen) legte sich über die vier Akte eine unentrinnbare Düsternis, eine deprimierende Stimmung, weit entfernt vom Arenapomp eines Zeffirelli. Doch damit traf Ben Bauer den eigentlichen Nerv des Stücks: AIDA ist keine Grand Opéra im eigentlichen Sinn (obwohl es sich der Vizekönig von Ägypten als Auftraggeber wohl so gewünscht haben mag). Denn Verdi, sein Librettist Ghislanzoni und Mariette und du Locle als ideelle Väter der Handlung konzipierten eigentlich ein intimes Kammerspiel, das man durchaus in die Nähe von Ibsen oder Strindberg rücken könnte. Natürlich gibt’s in AIDA das Finale II mit dem Triumphmarsch – aber das war’s dann auch schon an Massenszenen.

Baur nun lässt diesen Aufmarsch des siegreichen ägyptischen Heers und die Vorführung der gefangenen Äthiopier allesamt von misshandelten Opfern in der Irrenanstalt darstellen, welche von Amneris zum Jubel gezwungen werden. So hohl und banal, wie Verdi diesen Triumphmarsch bewusst komponiert hatte, so leer und falsch kommt er nun in dieser Inszenierung daher und lässt einen schaudern. Wir begleiten also an diesem Abend Amneris, die geistig umnachtete alte Frau, auf ihrer Reise zurück in die Vergangenheit, erleben sie als junge Frau. Dieser verlieh Libby Sokolowski differenziert ausgeleuchteten Charakter. Man kannte die Sängerin bisher in St. Gallen vor allem als dramatische Sopranistin (Tosca, Lady Macbeth). Deshalb war man sehr gespannt auf ihre Interpretation der Rolle, der Amneris die man meistens von gestandenen Mezzosopranistinnen zu hören bekommt. Zu Beginn hatte man manchmal das Gefühl, dass ihr die Partie vielleicht doch zu tief liegen könnte, sie sang „sanft“ und verzichtete wohltuend auf brustiges Imponieren. Doch dann kam die Gerichtsszene im vierten Akt – und was Libby Sokolowski da in ihre Darstellung der verzweifelten Amneris hineinlegte, übertraf alles: Pure, Gänsehaut erregende Wucht. Grandios! Ihren Vater, den namenlosen König, erlebte man als in der Öffentlichkeit jovial daherkommenden Typen, doch in der Erinnerung der Amneris war er ein Mann mit literweisem Blut an den Händen. Jonas Jud stellte ihn mit großartiger Bühnenpräsenz und ausgeglichen timbrierter stimmlicher Sonorität dar, gab einer Figur, der man sonst nicht allzu viel Beachtung schenkt, viel Profil. Dafür erhielt der andere Bass der Oper, der Oberpriester Ramfis (fast zu schön gesungen von Sultonbek Abdurakhimov), diesmal eher weniger Gewicht, blieb als schwarze, maskierte Eminenz vor allem im Hintergrund.
Amneris‘ Rivalin um die Liebe zu Radames ist ihre Sklavin Aida. Auch Aida muss unter der Dominanz ihres Vaters Amonasro leiden, wäre somit für Amneris eigentlich eine Schwester im Geiste. Doch zwischen den beiden steht halt eben ein Mann, Radames. Amber R. Monroe sang die Aida bestechend schön, mit wunderbar in der Höhe aufblühender Stimme, beglückender Leuchtkraft und wunderschönen, getragenen Piani. Die Nil Arie ein Traum, das Ritorna vincitor voller dramatisch ausgeleuchteter Zwiespälte und die Duette mit Amonasro und Radamès voll packender, energiegeladener Intensität. Vincenzo Neri war ein unheimlich stimmstarker Amonasro, liess seinen Bariton bedrohlich funkeln! Das Objekt der Liebessehnsucht der beiden Frauen, der ägyptische Feldherr Radamès, wurde von Marcelo Puente mit einnehmender Sensibilität gezeichnet, ein Tenor, der mit kontrollierter Stimmgebung die Rolle ausfüllt und ohne plakatives Forcieren hoher Töne auskommt. Gerade im abschließenden Duett O terra, addio, einem musikalischen Höhepunkt der Oper, verschmolzen die Stimmen Marcelo Puentes und Amber R. Monroes zu berührendem, feinstem Klang, sekundiert von Amneris‘ Pace-Gebetseinwürfen und den Anrufungen der Priesterinnen aus dem Off. Der Chor des Theaters St.Gallen und der Theaterchor St.Gallen (Einstudierung: Filip Paluchowski und Janko Kastelic) gestalteten ihre Szenen als Priester und im Finale II als malträtierte Irre mit präziser Intonation und dynamisch fein differenzierter Kraftentfaltung. Sara Peña Cagigas, Sara Pennella und Steven Forster evozierten mit ihrer Darstellung der Schatten der Amneris beängstigende Gefühle der geistigen Umnachtung der Königstochter, gerade da, wo sie in blutigen Gewändern Amneris mit Erde zuschütteten. Auch die Priesterin, welche mit ihrem Gesang in der Tempelszene erst aus dem Off, dann auf der Bühne auftrat, ein Skelett auf den Armen trug, das sich dann als Radames sterbliche Überreste entpuppte, trat im Kostüm der Amneris auf, eine weitere Figur aus Amneris‘ verwirrten, rätselhaften Erinnerungssequenzen. Olivia Smith sang diese Anrufungen des Gottes Ftha mit wunderschön gerundeter Stimme. Die junge Amneris (eindringliche und aufrüttelnde Darstellung durch Daria Gerig) wurde vom König gezwungen, das riesige Sacro brando (das heilige Schlachtschwert) zu halten. Riccardo Botta hatte einen kurzen, stimmlich souveränen Auftritt als Bote.

Einen ganz starken Abend hatte das Sinfonieorchester St.Gallen unter der Leitung seines abtretenden Chefdirigenten Modestas Pitrenas. Diese AIDA kam in keinem Moment mit Bombast oder parfümiertem Schwulst daher, das war alles ganz fein ziseliert, wunderbar ausgehorcht und mit feinsinniger Dynamik spannungsvoll aufgeladen. Die Sänger konnten sich ohne übermäßige Kraftanstrengungen voll und stimmschön entfalten.
Die über den ganzen Abend andauernde Morbidität und die klaustrophobische Atmosphäre waren sicher anstrengend für uns Zuschauer, auch das diffuse, fahle Licht, mit dem diese Endzeitstimmungsszenerie ausgeleuchtet wurde, fühlte sich unheimlich schwer und bedrückend an – und doch blieb man hellwach. Denn was das Inszenierungsteam und die Protagonisten aus dem Drama gemacht hatten, blieb bis zum Ende fesselnd, das Eintauchen in die Welt und die verschattete Vergangenheit der Amneris voll rätselhafter Spannung.
So war denn auch das Ende in dieser verwirrten Gedankenwelt der alten Amneris überraschend und berührend: Dem eingemauerten Liebepaar Aida-Radames gelang ein (wie verklärtes) Entkommen aus der Grabkammer, in welcher die alte Amneris wieder auf ihrem Stuhl Platz nahm, der Erzählkreis sich auf bewegende Weise schloss.
Kaspar Sannemann, 22. Juni 2026
Aida
Giuseppe Verdi
Sankt Galler Festspiele 2026
Theater Sankt Gallen
19. Juni 2026
Regisseur: Ben Baur
Dirigat: Modestas Pitrena
Sinfonieorchester St.Gallen