Lieber Opernfreund-Freund,
am Staatstheater Darmstadt wird die neue Spielzeit mit dem Opernzwilling Cavalleria rusticana und Pagliacci eröffnet. Intendant Karsten Wiegand präsentiert dem Publikum einen effektvollen Opernabend, Sänger und Orchester lassen dabei keine Wünsche offen.

Auch wenn die beiden Werke der Musikwelt 1892 auf der Wiener Musik- und Theaterausstellung präsentiert wurden, um dort die progressive Strömung des seinerzeit modernen italienischen Musiktheaters zu vertreten, ist die klassische Doppelvorstellung doch ein Kind der Metropolitan Opera in New York. Dort fand am 22. Dezember 1893 die erste verbürgte Vorstellung an einem einzigen Opernabend statt – und fortan wurden die beiden mehr als hundert Jahre lang fast ausschließlich zusammen als Double Bill präsentiert. Erst in den vergangenen Jahren begann man wieder, sie entweder einzeln oder zusammen mit anderen Kurzopern aufzuführen. Das ist durchaus legitim, denn außer, dass beide der Epoche des Verismo zuzurechnen sind und über das Verlagshauses Sonzogno das Licht der Musikwelt erblickt haben, haben die beiden Werke nichts gemein. Deshalb versucht Intendant Karsten Wiegand erst gar nicht, eine inhaltliche Gemeinsamkeit zu konstruieren. Und doch beginnt sein Spiel mit dem Theater im Theater, das dem Bajazzo zu eigen ist, schon mit den Klängen der Ouvertüre zur traditionell vorangestellten Cavalleria rusticana. Im Zuschauerraum platzierte Chorsänger und klangbombastische Auftritte durchs Parkett vermischen von Anfang an Spiel und Realität. Dazu im krassen Gegensatz steht die von Weigand nüchtern gestaltete Bühne bei Mascagnis Werk. Eine schiere Wand, auf die dann und wann ein sizilianischer Dorfplatz, kämpfende Stiere oder italienische Dorfbevölkerung projiziert werden, bietet nur einen engen Durchgang, über den die Dörfler nach und nach den Gottesdienst in der Kirche betreten. Der kleine Treppenaufgang verengt den bespielbaren Bühnenraum noch weiter, so dass sich das Drama zwischen Santuzza und Turiddu unweigerlich unter den Augen der Dorfbewohner stattfindet, die ihre Neugierde kaum verhehlen und ihre Ablehnung gegenüber Santuzza ebenso wenig verbergen. Vor dem weltberühmten Intermezzo spielt Wiegand eine Predigt ein, die sich um Opferlamm und Sündenbock dreht und dadurch dem Ostersonntag, an dem sich der Konflikt zuspitzt und in Turiddus Ermordung gipfeln wird, noch klarer hervorhebt. So gelingt dem Produktionsteam eine packende Umsetzung, die den Opernevergreen bewegend und sinnfällig präsentiert.

Nach der Pause ändert sich Wiegands Bildsprache komplett – sein Erzählstil wird alles andere als veristisch. Er verlegt das Eifersuchtsdrama des Schauspielerpaares Canio und Nedda in die heutige Medienwelt, beide sind Stars einer Fernsehserie im Zirkusmilieu. Beim Dreh werden sie von Fans umringt, die eine Art Studiobesichtigung gebucht haben. Auch hier ist der bespielte Zuschauerraum permanent Teil der Bühne, die allerdings ist mit modernster Technik bestückt: eine imposante Digitalleinwand auf der Drehbühne ermöglicht realistische Hintergrundvideos von großer Tiefe. Doch nach meinem Dafürhalten übertreibt es das Produktionsteam mit Live-Videos, die in teils extrem verwackelter Qualität auf zwei überdimensionale Leinwände an den Seiten übertragen werden. Das schafft immense Unruhe und macht ein Fokussieren auf die Bühnenhandlung nahezu unmöglich. Auch die Ideen der Umdeutung hat man schon da und dort gesehen: erst in der letzten Spielzeit hat die Regie in Freiberg Nedda und Silvio am Ende die Flucht ermöglicht – vielleicht erscheint mir Canio auch deshalb im Finale eher verzweifelt als vor rasender Eifersucht tobend. Und dass die Zuschauer in Clownskostümen auftreten, um hier Realität und Spiel noch weiter zu vermischen, hat Christopher Alden schon 2002 in Köln gezeigt. Unterm Strich bleibt dennoch eine actiongeladene Version der Pagliacci, die zwar dem Drama durch den geänderten Schluss eine gehörige Portion Dramatik nimmt, aber vor allem auch durch die exzellente Sängerriege überzeugen kann.

Ensemblemitglied Matthew Vickers überzeugt vom ersten Ton an, den er als Turiddu aus dem Off in den Zuschauerraum hinein erklingen lässt. Sein Tenor zeichnet sich durch sichere Höhe und nuancierte Klangfarben aus, neben viel Power ist da auch viel Emotion. Das hilft ihm auch als Canio im zweiten Teil, auch wenn er da im letzten Bild im Fangetümmel versinkt, anstatt in vorderster Reihe reüssieren zu können. Verinszeniert ist leider auch der Prolog im Bajazzo, den Leoncavallo vor der Uraufführung eigens für den französischen Bariton Victor Maurel eingefügt hat, der seine Rolle als zu klein empfand. In einem versteckten Seiteneckchen muss der polnische Sänger Rafał Pawnuk seinen klanggewaltigen Bass-Bariton entfalten, eine wacklige Handkamera überträgt Bilder zweifelhafter Qualität auf die erwähnten Seitenleinwände. So kann Pawnuks exzellente Interpretation der großen Szene kaum zur vollen Entfaltung kommen. Als nonchalanter Alfio gefällt er mir ebenso gut wie als durchtriebener Tonio, verfügt über umwerfende Bühnenpräsenz und eine imposant-voluminöse Stimme. Wechsel gibt es bei den Frauenrollen: während Réka Kristóf ihren gehaltvollen Sopran mit viel Leidenschaft ausstattet und als Santuzza in allen Belangen überzeugt, bietet die farbenreiche Stimme von Megan Marie Hart die idealen Voraussetzungen die beiden Facetten ihrer Figur vortrefflich auszuleuchten. Als desillusionierte Nedda klingt sie emotionsgeladen, enttäuscht und doch voller Hoffnung, als Colombina entfaltet sie eine wunderbare Leichtigkeit und viel Esprit. Katrin Gerstenberger ist für die Mamma Lucia eine echte Luxusbesetzung mit ihrem satten Mezzo und auch in den kleineren Rollen überzeugen Teresa Sales Rebardão als rassige Lola, Benjamin Russell aus gefühlvoller Silvio und Rafael Helbig-Kostka mit feinem Tenor als Arlecchino.

Beide Werke sind ausgesprochene Choropern, wohlgemerkt nicht im Sinne Verdis, jedoch mit ausufernden Chorszenen in der Osterprozession bei Mascagni oder als Zuschauer beim Bajazzo. Guillaume Fauchère hat die Damen und Herren des Opernchors exzellent auf ihre umfangreiche Aufgabe vorbereitet, während Alessandro Palumbo im Graben die Fäden zusammen hält und das Staatsorchester Darmstadt zu einer Mischung aus glühender Italianità, höchster Leidenschaft und gefühlvollen Melodienbögen anfeuert. Das Publikum im voll besetzten Haus ist begeistert, denn dem Staatstheater Darmstadt ist hier ein energiegeladener Opernabend gelungen.
Ihr
Jochen Rüth
14. September 2026
Cavalleria rusticana
Oper von Pietro Mascagni
Pagliacci
Oper von Ruggero Leoncavallo
Staatstheater Darmstadt
Premiere: 29. August 2026
besuchte Vorstellung: 13. September 2026
Regie: Karsten Wiegand
Musikalische Leitung: Alessandro Palumbo
Staatsorchester Darmstadt
weitere Vorstellungen: am 27. September, 16. Oktober, 6. und 21. November sowie am 11. Dezember 2026