Dortmund: „Rebecca“, Sylvester Levay und Michael Kunze

Am 28. September 2006 feierte das Musical Rebecca bei den Vereinigten Bühnen Wien (VBW) seine Weltpremiere. Das Stück war seinerzeit bei Michael Kunze und Sylvester Levay in Auftrag gegeben worden. Nach Elisabeth und Mozart! ist es ein weiteres gemeinsames Meisterwerk der beiden großen Musicalkomponisten. Bis heute zählt Rebecca neben den beiden eben genannten Stücken zu den erfolgreichsten Eigenproduktionen der VBW. Insbesondere in Japan und Südkorea erfreut sich das Musical größter Beliebtheit. In Deutschland ist Dortmund nach Stuttgart, Tecklenburg und Magdeburg allerdings erst die vierte Stadt, in der das Stück zu sehen ist. Dabei ist Rebecca hierzulande nun erstmals in den regulären Spielplan eines Stadttheaters eingebunden, nachdem das Werk nach rund 420 Aufführungen in Stuttgart durch Stage Entertainment sowohl in Tecklenburg als auch in Magdeburg im Rahmen der sommerlichen Open-Air-Saison aufgeführt wurde.

© Björn Hickmann

Das Musical basiert inhaltlich auf dem gleichnamigen Roman von Daphne du Maurier und weist in der Bühnenversion starke Parallelen zur Verfilmung durch Alfred Hitchcock aus dem Jahr 1940 auf. Von der Krimihandlung soll an dieser Stelle nicht zu viel vorweggenommen werden, nur so viel: Eine junge, schüchterne Frau trifft im Jahr 1926 auf den britischen Aristokraten Maxim de Winter und beide verlieben sich schnell ineinander. Nach der Hochzeit reisen sie nach Manderley, dem Landgut der Familie de Winter. Hier ist allerdings Maxims verstorbene erste Ehefrau Rebecca allgegenwärtig. Auch die Haushälterin Mrs. Danvers macht der neuen Mrs. de Winter das Leben schwer und hält die Erinnerungen an Rebecca wach. Als bei einem starken Sturm das gesunkene Segelboot von Rebecca samt einer Leiche im Meer auftaucht, stellt sich heraus, dass Maxims Ehefrau seinerzeit nicht ertrunken, sondern ermordet wurde. Was wirklich in der Vergangenheit geschah, kommt nun Stück für Stück ans Licht, bevor das Musical in einem feurigen Finale endet.

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Nahezu auf den Tag genau 20 Jahre nach der Uraufführung im Wiener Raimund Theater beweist das Theater Dortmund einmal mehr eindrucksvoll, warum seine Musicalproduktionen seit vielen Jahren zu den besten im ganzen Land zählen. Auf die großen Erfolge des Theaters in den vergangenen Spielzeiten ist Dortmunds Oberbürgermeister Alexander Kalouti zu Recht sehr stolz. Vor der Vorstellung eröffnete er die neue Spielzeit an seiner alten Wirkungsstätte mit kurzen und passenden Worten. Und auch die Spielzeit 2026/27 begann in Dortmund an diesem Wochenende mit einem echten „Knaller”, denn mit Rebecca ist der Oper eine der besten Musicalproduktionen der letzten Jahre gelungen. Dies beginnt mit der stimmungsvollen Regie von Gil Mehmert. Mit seinem gewohnt starken Blick für die große theatrale Wirkung wichtiger Szenen stellt Mehmert bei Rebecca aber vor allem die Protagonisten in den Mittelpunkt der Geschichte. Die Geschichte wird konsequent und fast filmisch erzählt, sodass die Zuschauer und Zuschauerinnen von der ersten bis zur letzten Minute gespannt der Handlung folgen können. Dies beginnt bereits beim Betreten des Theatersaals mit Kleinigkeiten: Das Rebecca-Logo ist auf den Vorhang projiziert und Brandungswellen mit dem passenden Klang umrunden es. Eine ähnliche Projektion ist dann am Ende beim Verlassen des Saals auf dem Vorhang zu sehen, die allerdings passend zur Geschichte entsprechend abgewandelt erscheint. Die große Drehbühne bringt die Zuschauer auf geschickte Weise von einem Grand Hotel an der Côte d’Azur nach Manderley. Auch das Bootshaus des Anwesens an der Küste wird mit großen Felssteinen stimmungsvoll abgebildet. Mit vergleichsweise wenigen Mitteln und geschickt platzierten Vorhängen überzeugt das Bühnenbild von Karl Fehringer und Judith Leikauf. Passend dazu sind auch die Kostüme von Falk Bauer, die zeitgemäß daherkommen. Beim großen Maskenball auf Manderley darf er sich dagegen kreativ austoben. Ein stimmungsvolles Lichtdesign von Michael Grundner rundet den positiven Gesamteindruck ab.

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Auch die Besetzung ist einmal mehr bis in die kleinste Nebenrolle gelungen. Obwohl er gesundheitlich angeschlagen war, übernahm Mark Seibert wie geplant die Rolle des Maxim de Winter in der Premierenvorstellung. Hätte der Opernintendant Heribert Germeshausen vor der Vorstellung nicht angekündigt, dass Seiberts Einsatz am Premierentag stark auf der Kippe stand, hätte dies wohl kein Zuschauer im Saal gemerkt. Absolut stark, wie souverän er die Rolle verkörpert! Vielleicht kommt ihm hierbei auch zugute, dass er in den Jahren 2022 bis 2024 bereits bei der neuen Wiener Fassung des Stücks als Erstbesetzung auf der Bühne des Wiener Raimund Theaters stand. Als Haushälterin Mrs. Danvers zeigt Bettina Mönch eine starke Bühnenpräsenz. Mit dem Song Rebecca hat sie zudem einen der großen Hits des Stücks auf ihrer Seite, der im Verlauf des Abends immer wieder in verschiedenen Abwandlungen erklingt. Ein Highlight des Abends ist er allerdings zu Beginn des zweiten Aktes in der langen Fassung. Star des Abends ist zweifelsfrei Antonia Kalinowski in der Rolle der jungen „Ich”. Im Übrigen ist es ein geschickter Kniff des Musicals, dass diese Rolle namenlos bleibt und sie mit dem grandiosen Ich hab geträumt von Manderley zudem eine erzählerische Klammer um die Geschichte legt. Wie Kalinowski die Unsicherheiten der jungen Frau auf die Bühne bringt, ist ganz große Schauspielkunst. Dies ist in unzähligen kleinen Momenten während des gesamten ersten Aktes erkennbar, ganz hervorragend. Auch die Wandlung zur selbstbewussten Ehefrau gelingt ihr später glaubhaft. Gesanglich meistert sie alle ihre zahlreichen Lieder – ob alleine bei Zeit in einer Flasche oder in den verschiedenen Duetten mit Maxim de Winter, Mrs. Danvers oder Maxims Schwester Beatrice. Allein diese Besetzung ist das Eintrittsgeld wert. Amani Robinson sorgt in der Rolle der exzentrischen Mrs. van Hopper für große Erheiterung beim Publikum. Auch David Jakobs hat sichtlich Spaß in der Rolle des fiesen Jack Favell und begeistert mit großer Spielfreude. Selbst die kleineren Rollen und das gesamte Musicalensemble sind hochkarätig besetzt, sodass auch die größeren Chorstücke klar und deutlich erklingen. Vor allem bei den Ensemblestücken zeigt sich, dass mit Yara Hassan eine Meisterin ihres Fachs als Choreografin am Werk ist.

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Musikalisch bietet Rebecca gefühlt einen Hit nach dem anderen, sodass die gut zweieinhalb Stunden Aufführungsdauer (zuzüglich der üblichen Pause) wie im Flug vergehen. Die Dortmunder Philharmoniker spielen unter der musikalischen Leitung von Carlos Vázquez kraftvoll und temperamentvoll, ohne die Sänger zu überlagern. Sie haben allerdings auch die glückliche Aufgabe, die wunderbaren Kompositionen von Michael Kunze und Sylvester Levay zu spielen, die allesamt sofort ins Ohr gehen. Nach einem lautstarken und langanhaltenden Applaus gab es für das Publikum dann noch eine große Überraschung: Die beiden Autoren des Werkes hatten trotz ihres hohen Alters die Reise nach Dortmund auf sich genommen, um die Premiere vor Ort zu verfolgen. Als die Komponisten die Bühne betraten, hatte man das Gefühl, der orkanartige Beifall des Publikums würde das Dach des Opernhauses wegfliegen lassen.

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Mit Rebecca ist dem Theater Dortmund zweifelsfrei ein großer Wurf gelungen. Vielleicht ist die erste Vorstellung der Spielzeit 2026/27 am Ende gleichzeitig die beste des Jahres, zumindest liegt die Messlatte in diesem Bereich aber mal hoch wie selten. Da der Kartenverkauf sehr gut läuft – viele der derzeit angesetzten 27 weiteren Vorstellungen sind bereits ausverkauft, für einige gibt es nur noch Restkarten – sollte man mit dem Ticketkauf nicht zu lange warten. Aufgrund der großen Nachfrage werden in Kürze allerdings auch drei Zusatzvorstellungen in den Verkauf gehen, wie Heribert Germeshausen im Rahmen der Premiere angekündigt hat. Interessierte Leser sollten daher die Informationsquellen des Theaters Dortmund im Auge behalten, da am Ende mit Sicherheit alle Vorstellungen dieser Produktion ausverkauft sein werden. Verdient ist dies ohne jeden Zweifel.

Markus Lamers, 20. September 2026


Rebecca
Musical von Michael Kunze (Buch und Liedtexte) und Sylvester Levay (Musik und Orchestrierung) basierend auf dem Roman von Daphne du Maurier

Theater Dortmund

Premiere: 19. September 2026

Inszenierung: Gil Mehmert
Musikalische Leitung: Carlos Vázquez

Trailer

Weitere Aufführungen bis voraussichtlich zum 10. April 2027