Buchkritik: „Italien übertrifft alles, was man mir darüber gesagt hat“, Günter Berger

„Sie werden Italien wie eine alte Kokotte finden, die sich für so schön hält, wie sie es in ihrer Jugend war.“ Nein, Friedrich II. war nicht begeistert von Italien. Und er fügte, nebst anderem, als schlechte Beispiele „die Herren Soprane“ und schlechten Musikmeister“ hinzu.

Der Preußenkönig hatte gut reden, hat er doch niemals seinen Fuß in das Land (nennen wir trotz seiner territorialen Zersplitterung im 18. Jahrhundert es der Einfachheit halber „Italien“) gesetzt, durch das zum Zeitpunkt der Niederschrift der arroganten Philippika gerade seine Schwester Wilhelmine von Bayreuth reiste. Liegt seit 2002 eine nachlässig besorgte Ausgabe des Reisetagebuchs der Markgräfin vor, so existiert seit einiger Zeit eine wissenschaftlich haltbare Edition von kompletten oder im Ausschnitt gebrachten 130, die Frankreich- und die Italienreise betreffenden Briefen der Bayreuther Fürstin im Netz, die, mit Abweichungen der Übersetzungen und der Briefausschnitte, die Grundlage eines kleinen Bandes ist, der die Italientour Wilhelmines von Bayreuth in einem „Briefdialog“ präsentiert. Der Herausgeber, Übersetzer und Kommentator heißt Günter Berger; er hat zuletzt 2023 den Briefwechsel zwischen Wilhelmine von Bayreuth und Voltaire in einer exzellenten, mit die kulturhistorischen Hintergründe aufschlüsselnden Anmerkungen versehenen Übersetzungsedition (unsere Rezension) vorgelegt, und auch diesmal spielen musikalische Aspekte eine Rolle, ja: Sie scheinen ein integraler Bestandteil der Erfahrungen zu sein, die die Reisende mit ihrem Bruder teilt. Da ist zwar 1755 nur einmal die Rede von einer italienischen Oper, die von der preußischen Königstochter angeschaut und -gehört wird – sie findet sie „abscheulich“ –, doch auf der anderen Seite ist mehrmals die Rede von Aufführungen. So geraten zunächst auf preußischer Seite Carl Heinrich Graun mit seinem Montezuma, den Fratelli nemici (zu denen Friedrich II. das Libretto geschrieben hatte) und Hasse mit dem Ezio kurzfristig in den Blick, auch Stefanino und die Astrua, also zwei Superstars der damaligen Sängerszene. Inhaltlich relevant wird Wilhelmine von Bayreuths Italienbild dort, wo sie ihren Bruder bestätigt – oder widerspricht. Ihr Urteil fällt durchaus differenziert aus, wenn sie hier die Sänger mit ihren „schwachen und fehlerhaften Stimmen“ in Grund und Boden kritisiert („Unter allen“, schreibt sie aus Bologna, „habe ich nichts Herausragendes gefunden“) und doch in einem Atemzug den guten Geschmack lobt, der in Bologna herrschen und den schlechten Gesang wenigstens erträglich machen würde. Da Wilhelmine von Bayreuth, als ihre eigene Bayreuther Opernchefin, sich mit dem Gesang und Stimmtechniken auskannte, darf man ihrem Urteil vertrauen: ein Giovanni Belardi, engagiert in Rom, Vokalfach: Prima Donna, habe zwar eine Stimme mit großem Umfang, doch „gezwungene“ Spitzentöne. Im Übrigen sei auch die Begleitung – dies ein Lieblingswort der Markgräfin – abscheulich, ja: Die Ritornelle seien „derart schlecht in der Ausführung, dass man nicht weiß, worum es sich handelt“.

Anders sah es in Venedig aus, wo Wilhelmine von Bayreuth zwei Konservatorien besucht, also die bekannten Ospedale, in denen die berühmten Frauen saßen, um ein aus ganz Europa angereistes Publikum mit ihren Künsten zu verzaubern. Hier kommt die Reisende endlich ins Schwärmen: über die Stimmkünste der Paduanella (die Anmerkung identifiziert sie versuchsweise mit Beatrice Fabris, gen. Padovana), der Caterina und der Teresa („Ich ziehe sie allen Frauen vor, die ich jemals gehört habe“), wogegen zwei andere Sängerinnen zum alten Eisen gezählt werden.

Gewiss: Bei all diesen Funden handelt es sich um nicht mehr als ein paar Fragmente, aber bekanntlich ergeben erst die kleinen Steinchen zusammengenommen das große Mosaikbild. Indem Wilhelmine von Bayreuth – anders als in ihrem Reisejournal – in den Briefen in ihrem typischen Stil, also spitz und medisant, all das festhielt, was sie wirklich interessierte oder abstieß, erhalten wir einen faszinierenden externen wie subjektiven Einblick in eine Kultur, die aus mehr als ein paar Namen und Daten besteht. Für die Fürstin war Italien denn doch mehr als eine „alte Kokotte“. Der Titel des kleinen, aber wertvollen Büchleins sagt ja schon Einiges – wenn nicht in opernmäßiger, so doch in gesanglicher Hinsicht.

Frank Piontek, 15. Oktober 2026


Günter Berger: Italien übertrifft alles, was man mir darüber gesagt hat
Wilhelmine von Bayreuth und Friedrich II. im Briefdialog über die Italienreise der Markgräfin

104 Seiten
Duncker & Humblot, 2026