Oberhausen: „Die Päpstin – Das Musical“, Dennis Martin

Nachdem der Spielzeitauftakt des Oberhausener Metronom Theater im September mit einer sehenswerten Roncalli-Zirkusproduktion die Wandlungsfähigkeit des im Sommer neu konzipierten Zuschauerraums unter Beweis stellen konnte, steht mit Die Päpstin – Das Musical seit dieser Woche wieder eine große Musiktheaterproduktion auf dem Spielplan des Hauses. Das Stück ist dabei erstmals in Nordrhein-Westfalen zu sehen. Der dem Musical zugrunde liegende gleichnamige Roman von Donna W. Cross erschien bereits im Jahr 1996 und wurde auch hierzulande ein großer Erfolg. Die Geschichte erzählt vom Leben der jungen Johanna, die es als Frau zu Beginn des 9. Jahrhunderts in einer von Männern dominierten Welt nicht leicht hat. Getrieben von enormem Bildungsdrang verkleidet sie sich als Johannes und wird durch eine Verkettung mehrerer Zufälle schließlich zum Papst gewählt. Nach einer Verfilmung durch Sönke Wortmann im Jahr 2009 folgte am 3. Juni 2011 die Uraufführung des Musicals im Schlosstheater Fulda, für das sich spotlight musicals seinerzeit die exklusiven Aufführungsrechte sichern konnte. Nach mehreren erfolgreichen Spielzeiten wurde das Musical im Jahr 2024 grundlegend überarbeitet. Neben Anpassungen am Libretto und mehreren neuen Liedern entwickelte der Musical-Spezialist Gil Mehmert eine neue Inszenierung, die sich voll auf die Lebensgeschichte der Päpstin Johanna fokussiert. Mehmert ist hierbei einmal mehr eine sehr filmische Umsetzung gelungen, die in einem starken Bühnenbild von Christopher Barreca präsentiert wird. Große Säulen sorgen für die passende mittelalterliche Atmosphäre, angelehnt an die Ruinen des längst zerfallenen Römischen Reiches. Da die Türme zum Teil bespielbar sind, entstehen durch permanente Verschiebungen auch immer wieder neue Räume. Besonders gut gelungen ist beispielsweise die Verkündung des neuen Papstes durch den Kardinalprotodiakon, die der Zuschauer einmal aus der Sicht der wartenden Menge und einmal aus dem Blickwinkel der Kircheninnenräume sieht.

© spotlight musicals

Gleichzeitig sorgen die verschiebbaren Elemente für ausreichend Fläche, sodass auch große Massenszenen, für die Andrea Danae Kingston gut funktionierende Choreografien entwickelt hat, voll zur Entfaltung kommen. Vieles ist schön anzuschauen, und selbst bei mehreren zeitgleich stattfindenden Handlungsabläufen kann das Publikum der Geschichte jederzeit gut folgen. Lediglich an einer Stelle sorgt die Handlung kurzzeitig für Verwirrung: Ein Angriff des hinterhältigen Kardinals Anastasius gegenüber der römischen Kurtisane Marioza färbt neben der Andeutung eines Kehlenschnittes die komplette Bühne rot. Später stellt sich jedoch heraus, dass Marioza gar nicht tot ist, sondern Johanna noch eine Warnung zukommen lassen kann. Hervorragend gelungen ist dagegen die Verbindung der Geschichte mit einer eher poetischen Darstellung der beiden Raben und Götterboten Hugin und Munin. Bereits in Johannas Kindheit nahmen sie für das junge Mädchen eine konkrete Form an, als ihre Mutter ihr erstmals die Geschichte über die Götter ihrer Heimat erzählte. Immer wieder begleiten die Raben Johanna seitdem in den verschiedensten Situationen. In dieser Inszenierung werden sie in Form von scherenschnittartigen, sehr beweglichen und jeweils durch ein Ensemblemitglied gesteuerten Figuren auf die Bühne gebracht, was optisch sehr eindrucksvoll ist. Allgemein versprüht die gesamte Inszenierung immer wieder das Gefühl eines „großen Musicalerlebnisses“, was auch an den gelungenen Kostümen von Claudio Pohle liegt. Er stellt hierbei den Prunk der Kardinäle und die Armut der Stadtbevölkerung in den Gewändern immer wieder geschickt gegenüber.

© spotlight musicals / Sophia Walkenhorst

Losgelöst von der historischen Geschichte greift das Musical zudem immer wieder aktuelle gesellschaftliche Themen auf. Wer erhält Zugang zur Macht? Wo schließen bestehende Strukturen Menschen bewusst oder unbewusst aus? Und wie viel Mut braucht es, aus tiefer Überzeugung und gegen alle Widerstände gesellschaftliche Grenzen zu überschreiten, um für eine bessere Welt zu kämpfen? Dies sind nur einige der Fragen, die in diesem Musical behandelt und die von erstklassigen Darstellerinnen und Darstellern auf die Bühne gebracht werden. In Oberhausen ist Sandy Mölling erneut als Päpstin Johanna zu sehen, die diese Rolle zuvor bereits in Fulda verkörperte. Neben ihren verschiedenen Musicalauftritten erlangte sie auch als Gründungsmitglied der No Angels große Bekanntheit. Besonders im zweiten Akt zeigt sie mit den Liedern Einsames Gewand und Das bin ich, dass sie eine treffliche Besetzung für die Titelrolle ist. Alternierend wird Johanna durch die etablierte Musicaldarstellerin Verena Mackenberg besetzt. Die jeweiligen Spieltermine sind auf der Homepage des Veranstalters sowie beim Ticketkauf vorbildlich angegeben. Dennis Henschel ist eng mit der Rolle des Markgrafen Gerold verbunden, den er bereits in der ersten Spielzeit 2011 verkörperte und seitdem in fast allen Aufführungsserien des Musicals spielte. Entsprechend souverän gestaltet er die Rolle auch in Oberhausen – gesanglich und darstellerisch stark. Thomas Hohler freut sich darauf, nach der Titelrolle in der deutschen Erstaufführung von Mrs. Doubtfire erneut in der Nähe seiner Heimat spielen zu dürfen. Dies verriet er dem Opernfreund im Vorfeld der Produktion in einem Interview. Auch er zeigt mit seiner Interpretation des Anastasius einmal mehr, warum er zu den derzeit gefragtesten Musicaldarstellern in Deutschland zählt.

© spotlight musicals / Peter Scholz

Auch die weiteren Rollen sind allesamt hervorragend besetzt, in vielen Fällen mit etablierten Sängerinnen und Sängern, die bereits zuvor in diesem Musical zu sehen waren. In der Premiere stand André Bauer als Rabanus auf der Bühne und sorgte mit Hinter hohen Klostermauern gegen Ende des ersten Akts für ein großes Highlight des Abends. Als Johannes’ Vater und Papst Sergius ist erneut Rudi Reschke zu sehen, der diese beiden Rollen bereits bei der Neuinszenierung im Jahr 2024 prägen durfte. Mit Anke Fiedler als Marioza, Caroline Zins als Gudrun und Frank Logemann als Arsenius sind auch die drei weiteren größeren Rollen trefflich besetzt. Darüber hinaus stehen vierzehn weitere Ensemblemitglieder auf der Bühne, die immer wieder in die verschiedensten Rollen schlüpfen und zudem in den größeren Ensemblenummern wie Im Namen des Herrnoder Ewiges Rom überzeugen. Großen Applaus bekam am Ende auch Fiona in der Kinderrolle der Johanna, die zu Beginn des Stücks relativ groß ausfällt und die sie trefflich umsetzen konnte.

© spotlight musicals / Peter Scholz

Mit spotlight musicals, die seit vielen Jahren regelmäßige Aufführungen in Fulda und Hameln veranstalten, und Limelight Live Entertainment haben sich zwei Partner zusammengetan, die beide für erstklassige Produktionsqualität stehen. Hoffentlich werden sie in Zukunft noch weitere Produktionen gemeinsam verantworten. Die Zuschauer der ausverkauften Premiere zeigten sich auf jeden Fall sehr zufrieden. Dies war nicht nur dem lautstarken Schlussapplaus, sondern auch den Gesprächen beim Verlassen des Theaters zu entnehmen. Zu sehen ist Die Päpstin – Das Musical nun für rund drei Wochen im Metronom Theater Oberhausen, bevor im Dezember ein Gastspiel in München folgt.

Markus Lamers, 24. Oktober 2026


Die Päpstin – Das Musical
Musical von Dennis Martin (Musik, Buch und Liedtexte) und Christoph Jilo (Buch und Liedtexte) nach dem Bestseller-Roman von Donna W. Cross unter Benutzung von Passagen aus der deutschen Übersetzung von Wolfgang Neuhaus

Metronom Theater, Oberhausen

NRW-Premiere: 23. Oktober 2026

Inszenierung: Gil Mehmert
Musikalische Leitung: Frank Hollmann

Trailer

Weitere Aufführungen bis zum 14. November, sowie vom 16. bis 27. Dezember 2026 im Deutschen Theater, München; genaue Termine und weitere Informationen unter https://limelight-live.de/veranstaltungen/die-paepstin/.