Turin: „La Bohème“, Ruggero Leoncavallo

Lieber Opernfreund-Freund,

im Rahmen des Verismo-Festivals präsentiert das Teatro Regio di Torino eine echte Rarität: La Bohème! Aber nicht in der weltbekannten Version von Giacomo Puccini, sondern in der ein Jahr später am Teatro La Fenice in Venedig uraufgeführten Fassung von Ruggero Leoncavallo. Das ausgegrabene Juwel erhält erst durch das exzeptionelle Dirigat von Andrea Battistoni den richtigen Schliff. Doch regelrecht funkeln kann es dann durch die Regie von Francesco Micheli und seinem Team.

© Mattia Gaido

Nach dem Erfolg des Projektes Le tre Manon (Die drei Manons) am Teatro Regio im vorletzten Jahr, in dessen Verlauf man die drei Versionen von Manon Lescaut von Puccini, Massenet und Auber präsentierte, mag die Idee entstanden sein, im Rahmen eines Verismo-Festivals den berühmten Opernzwillingen Cavalleria rusticana und Pagliacci zwei jeweils unbekanntere Werke der beiden Komponisten zur Seite zu stellen. Puccinis La Bohème wurde 1896 ja gar in Turin uraufgeführt, doch im Gegensatz zur Puccini-Version erzählt Leoncavallos Bohème eine andere Geschichte, allerdings mit den gleichen Motiven aus Muglers Vorlage. Bei Leoncavallo, der auch selbst das Libretto verfasste, stehen nicht Rodolfo und Mimì im Mittelpunkt, sondern es geht um eine Gruppe, die man vor 40 oder 50 Jahren vielleicht als „Clique“ bezeichnet hätte: Freunde, die ihr Leben teilen, gemeinsam durch dick und dünn gehen, sich verlieren und wieder zusammenfinden. Ein Konzept, das seiner Zeit also weit voraus war und, da es hier um junge Menschen geht, die ihren eigenen Weg suchen, die sich gegen Konventionen auflehnen und die mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu kämpfen haben, um ein Thema, das aktueller ist denn je.

© Mattia Gaido

Anders als bei Puccini ist Mimìs Krankheit bei Leoncavallo auch nicht vom ersten Auftritt an präsent. Erst im Schlussbild kommt sie, die sich zwischenzeitlich zu einem (hier jungen) Visconte geflüchtet hatte, zur Gemeinschaft zurück – ebenso wie Musetta, die Marcello im dritten Akt verlassen hatte, weil sie die Lebensumstände in Unsicherheit und Armut nicht mehr erträgt. Das könnte der Aufschlag für das Regiekonzept von Regisseur Francesco Micheli (lesen Sie hier auch unser Interview) gegeben haben, die Geschichte nicht innerhalb eines Jahres anzulegen – sie erzählt vielmehr ein ganzes Leben: Im ersten Akt sind die Protagonisten jung, stürmisch und voller Ideale, im zweiten Akt sind sie in ihren 40er, im dritten um die 60 und die Beziehungen bröckeln. Im Schlussakt sind die Männer allein, Schaunard, der eine Partnerin namens Eufemia hatte, ist Witwer geworden, als es in der Wohngemeinschaft zum Wiedersehen der Clique kommt. Die lebensumspannende Regieidee macht nicht nur Sinn, sondern gibt der Geschichte eine unglaubliche Tiefe. Der Philosoph der Gruppe, Colline, erscheint als eine Art Allegorie der Zeit: er ist allein, stützt die anderen Protagonisten, richtet sie auf und darf zwischen den Akten obendrein wunderbare französische Kantilenen zum Besten geben (vorzüglich vom jungen Bariton Francesco Salvadori mit immenser Klarheit vorgetragen). Sinnfällig sind die Akte mit Jahreszeiten gleichgesetzt, und das merkt man in der Musik ebenso wie in der Szene.

© Mattia Gaido

Wie ein quirliger Stilmix kommt die Komposition in der ersten Hälfte daher, wie eine getanzte Mischung aus Menuett und Walzer, aus Operette und Zitaten eigener und fremder Werke scheint Leoncavallo, wie ein junger Mensch, noch die Richtung zu suchen. In den beiden Schlussakten hingegen entspinnt er ausladende Melodienbögen, die gekonnt ganze Gefühlswelten erzählen und mit höchster Emotionalität punkten. In besten Händen ist diese Mixtur bei Andrea Battistoni, dem musikalischen Leiter des Festivals, der den eigenen Stilen ihren Raum lässt und sie gleichzeitig mit viel Leidenschaft zu einem großen Ganzen webt und im Graben ein regelrechtes Klangfeuerwerk entfacht. Der von Davide Signori gestaltete Bühnenraum öffnet sich im Laufe des Abends von einer schicken Künstlerkneipe hin zu einem öde gewordenen Alterswohnsitz voller Tristesse. Das Kostümkonzept von Giada Masi fügt sich kongenial in Michelis Regieansatz ein: mit knalligen Farben vereint sie die Paare zu Beginn, doch wird die Kleidung im Laufe des Lebens immer reduzierter, von an Gobelins erinnernde barock anmutenden Roben über schlichte Anzüge und Kostüme im dritten Akt bis zum Hausmantel am Schluss.

© Mattia Gaido

Am gestrigen Nachmittag, der zweiten Vorstellung, sang nun die alternierende Besetzung – von B-Cast will ich bei der Qualität gar nicht sprechen. Der ausdrucksstarke Sopran von Sara Cortolezzis ist dunkel gefärbt und so klingen die Duettszenen der Musette mit Lamia Beuque, die über einen facettenreichen Mezzo voller Beweglichkeit verfügt, als ob Schwestern sängen, so anschmiegsamen greifen die Stimmen der beiden Ausdruckssängerinnen ineinander. Und auch der Schaunard von Rollendebütant Ramiro Maturana vermag vom ersten Moment an mit großer Farbigkeit und Bühnenpräsenz zu überzeugen. Bereits bei der Premiere am vergangenen Dienstag konnte Alessandro Luongo seinen weichen Bariton als Rodolfo zeigen 8BEI Leoncavallo sind die Stimmfächer der Herren vertauscht), während Matteo Lippi als Marcello keine Wünsche offenlässt, die man an einen Verismo-Tenor hat: Strahlkraft, Emotionalität, Höhensicherheit und Bühnenpräsenz vereinen sich zu einem Rollenportrait, wie man es sich nicht besser vorstellen kann. Bravi a tutti und Gratulation an das Theater zu dieser exzeptionellen Produktion!

Ihr
Jochen Rüth

1. November 2026


La Bohème
Oper von Ruggero Leoncavallo

Teatro Regio di Torino

Premiere: 27. Oktober 2026
besuchte Vorstellung: 31. Oktober 2026

Regie: Francesco Micheli
Musikalische Leitung: Andrea Battistoni

Orchestra Teatro Regio Torino

Trailer

weitere Vorstellungen am 6., 13. und 22. November 2026