Bregenz: „La traviata“, Giuseppe Verdi

Es lassen sich noch so manch beliebte Opern finden, die ohne Pause in zweieinhalb Stunden zu schaffen sind und noch nicht auf der Seebühne aufgeführt wurden. Giuseppe Verdis La traviata ist eine darunter und weckte hohe Erwartungen anlässlich des 80-jährigen Bestehens der Bregenzer Festspiele – zumal nach dem vielversprechenden Einstand der neuen Festspielchefin Lilli Paasikivi im vergangenen Jahr mit Enescus Oedipe. Sämtliche Aufführungen sind längst ausverkauft, und einen solchen wirtschaftlichen Erfolg braucht das Festival am Bodensee angesichts hoher Sparauflagen und einem Minus von 2,1 Millionen an öffentlichen Subventionen.

© Bregenzer Festspiele / Anja Koehler

Selbstverständlich erscheint diese große Nachfrage keineswegs, ist doch der Besuch zu einem teuren Vergnügen geworden: Für ein Doppelzimmer in einem Drei-Sterne-Mittelklasse-Hotel müssen schon einmal 300 Euro für eine einzige Nacht berappt werden, es sei denn, man logiert im Vorarlberger Umland, aber auch dort haben die Preise zur Festspielzeit angezogen wie auch in den Restaurants. Aber dank der herrlichen Lage mit der wunderschönen Naturkulisse am Bodensee greifen viele Klassikfans bereitwillig etwas tiefer in die Tasche. Sie ist neben der künstlerischen Qualität das vermutlich größte Kapital dieses Festivals.

Eine so intime Liebesoper auf eine so große Bühne zu bringen, ist indes kein Leichtes, auch wenn 2022 Andreas Homoki mit seiner filigranen Inszenierung von Puccinis Madame Butterfly bewiesen hatte, dass es möglich ist. Der italienische Regisseur Damiano Michieletto – eben für sein Kinodebüt Vivaldi und ich verdient viel beachtet – tut sich mit einer solchen Herausforderung schwerer. Unterkühlt und in vielen Details nicht zwingend wirkt seine Inszenierung.

Ein zerborstener Spiegel, der schräg in den Himmel ragt, dominiert Paolo Fantins Bühne. Eine Metapher für das zerbrochene Leben der begehrenswerten „vom Wege Abgekommenen“, die, von Krankheit gezeichnet, jenseits der großen Feste, auf denen sie ihren Verehrern und Freiern begegnet, einsam dem Tod entgegengeht. Einige Erinnerungs-Splitter aus ihrem Leben zeigt Michieletto als Video-Projektionen auf der gigantischen Wand, beispielsweise Begegnungen mit ihrem Arzt. Das sind gewiss nachvollziehbare, schlüssige Ideen, auch wenn man diese Installation aus der Ferne genauso gut für einen vulkanischen Krater halten könnte.

© Bregenzer Festspiele / Daniel Ammann

Einige spektakuläre Showeinlagen zu den rauschenden Festen dürfen freilich nicht fehlen. So manche synchrone Wasserballett-Einlage ist hübsch anzusehen, erweist sich aber ebenso wenig zwingend für die Geschichte wie so manche Revue-Nummer im Stil der Zwanzigerjahre, bei denen glamouröse Glitzerkostüme und Federboas (Kostüme: Carla Teti) sowie imposante Fontänen zum Einsatz kommen. Im letzten Bild bewegt sich dann eine riesige schwarze Kugel gespenstisch aus dem kaputten Spiegel heraus und gibt Rätsel auf: ein Symbol für Krankheit und Tod analog dem schwarzen Fleck auf Violettas Kleid?

Eigentlich spielt das Stück nach Alexandre Dumas Roman Die Kameliendame in den Pariser Salons um 1850, und entsprechend ist Verdis Musik, der so gar nichts Musicalhaftes anhaftet, angelegt. Von daher eignet sich die Seebühne mit dem riesigen Wasserbassin im Vordergrund, das noch vom Freischütz der letzten Produktion übriggeblieben ist, streng genommen nicht allzu sehr für dieses Stück. Und man fragt sich, warum Alfredo und sein Vater Germont vielfach durch das Wasser waten wie durch ein Kneippbad.

© Bregenzer Festspiele / Anja Koehler

Zum größten Problem aber wird, dass Michieletto die Heldin, ihren Geliebten und Vater Germont, der sie zum Verzicht auf ihr Liebesglück nötigt, räumlich auf allzu große Distanz hält. Selten einmal berühren die Liebenden einander, sie schauen sich noch nicht einmal in die Augen, geschweige denn, dass sich auch nur einen Moment ein spannungsvolles Knistern zwischen ihnen einstellen würde.

Leidenschaft, Begehren, Schwermut, Enttäuschung, Eifersucht und Schmerz – die großen Emotionen fallen in dieser unterkühlten Inszenierung buchstäblich ins Wasser.
Allen voran Julien Behrs Alfredo entspricht in seinem steifen, reservierten Auftreten keinem glühenden Liebhaber. Vielfach steht er wie angewurzelt an einem Fleck, mehrfach im Wasser. Einfach nur so. Seine Liebesbekenntnisse, sein Flehen – alles nur Behauptung. Immerhin seitens der Tongebung steigert sich der Franzose im Laufe des Abends, bietet zusehends in der Höhe mehr Schmelz auf, singt zudem sauberer und schlanker im höheren Register.
Marjukka Tepponen, seine Partnerin als Violetta, hat mehr zu bieten. Sie ist die Entdeckung des Premierenabends, besticht als höhensichere Virtuosin, endet mühelos mit dem dreigestrichenen Es in der Cabaletta „Sempre libera“, singt schön, hingebungsvoll und durchlebt zumindest ihren Schmerz glaubwürdig.
Groß bei Stimme ist auch Vladimir Stoyanov, der den Vater Germont mit der gebotenen Unerbittlichkeit mimt und singt.

Marjukka Tepponen (Violetta) und Julien Behr (Alfredo)
© Bregenzer Festspiele / Anja Koehler

Musikalisch überzeugte die bis in die Nebenrollen achtbar besetzter Produktion immerhin auf ganzer Linie. Neben Tepponen avancierten dabei die Wiener Symphoniker unter Kirill Karabits zum zweiten großen Glanzlicht, durchdrangen sie doch die Partitur sowohl dynamisch als auch farblich äußerst nuanciert. Irisierend leise tönten da das Vorspiel und die analogen Stellen im dritten Akt, und da, wo es die Musik zu der Ausgelassenheit auf den Festen gebietet, drehten sie groß auf. Bei alledem ließ sich eine Qualität vernehmen, die anderswo selten geboten wird: Verdis Begleitfiguren kamen – ausgenommen in den rauschhaften Chorszenen – hier einmal nicht wie beschwingte „Humtatas“ daher, sondern fügten sich stimmig in die melancholische Grundierung der Musik ein. Ob wohl Karabits diesbezüglich von dem genialen Verdi-Dirigenten Riccardo Muti gelernt hat, der sich diesbezüglich in seinen Opernakademien Fransen an den Mund redet? Jedenfalls erwies sich Karabits als der ungleich bessere Verdi-Dirigent im Vergleich zu dem überschätzten Enrique Mazzola, der an diesem Ort mehrfach zu erleben war.

Der kurze höfliche Beifall am Ende zeigte aber auch an: Das Publikum hat schon bessere Produktionen an diesem Ort erlebt und ist verwöhnt. Wie gut, dass für 2028 Wagners Fliegender Holländer anberaumt ist. Der passt schon seitens der Handlung weitaus besser zur Seebühne.

Kirsten Liese, 25. Juli 2026


La traviata
Melodramma in drei Akten von Giuseppe Verdi

Bregenzer Festspiele

Premiere am 22. Juli 2026

Inszenierung: Damiano Michieletto
Musikalische Leitung: Kirill Karabits
Wiener Symphoniker

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