DER OPERNFREUND - 51.Jahrgang
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OPERNHAUS GRAZ

 

 

LIEDERABEND ASMIK GRIGORIAN – LUKAS GENIUšAS

Expression auf höchstem Niveau

Stephaniensaal Graz

3. 6. 2022

 

Die inzwischen weltberühmte Sopranistin Asmik Grigorian ist mit ihrem Pianisten Lukas Geniušas  auf Europatournee, um ihre eben aufgenommene erste Lied-CD vorzustellen - siehe dazu das Zitat aus der Homepage von Asmik Grigorian:

Recital tour - In May, Ms. Grigorian commences her recital tour with pianist, Lukas Geniušas, showcasing repertoire from their recent album ‘Dissonance’ (“The CD inspires, it captivates, it unsettles, it is moving on many different levels.” - Deutschlandfunk), including songs by Tschaikovsky and Rachmaninov. The tour begins with a concert at the Elbphilharmonie in Hamburg on 24th May, followed by concerts at the Taggenbrunner Festspiele in Austria (31st May), a long-awaited debut at the Graz Musikverein (June 3rd), and finally, a concert at the Grand Théâtre de Genève in Switzerland (June 7th).

Hier ist wieder einmal das besondere Verhandlungsgeschick von Musikvereinsintendanten Dr. Michael Nemeth zu bewundern, dem es gelungen ist, das Grazer Lieddebüt von Asmik Grigorian zustande zu bringen. Die CD ist erst am 25.3.2022 erschienen.

(Auf der Bühne des Grazer Operhauses war Asmik Grigorian allerdings schon 2011 in einer Konwitschny-Inszenierung als Lisa in „Pique Dame“ zu Gast. Das war vor Beginn ihrer Weltkarriere. Dieser damalige Auftritt geht in den üblichen Curricula bisher unter – siehe dazu das PS dieser Konzertbesprechung.)

Dem Grazer Konzert waren Auftritte in der Hamburger Elbphilharmonie  und bei den Taggenbrunner Festspielen vorangegangen. Jedesmal war das Abendprogramm etwas anders. In Graz gab es erstmals als ersten Programmteil fünf Lieder von Tschaikowsky beginnend mit der lieblich-zarten h-moll-Elegie In mitten eines Balles und endend mit dem großen melodischen Aufschwung Gesegnet sei mir Wald und Au – beide nach Texten von Tolstoi. Das musikalische Kernstück war wohl die russische Version von Goethes Nur wer die Sehnsucht kennt. Auch bei so ausdrucksvoller Deklamation wie an diesem Abend kann diese Tschaikowsky-Vertonung allerdings wohl nicht gleichwertig in die große Tradition der Mignon-Lieder-Vertonungen eines Beethoven, Schubert oder Hugo Wolf eingereiht werden. Man war gebannt von der Persönlichkeit Asmik Grigorians, ihrer makellosen Stimmführung und der charismatischen Ausstrahlung, aber irgendwie hatte man den Eindruck, dass das zentrale Erlebnis des Abends erst der zweite Teil bringen werde. Daran änderten auch nichts die absolut virtuos vorgetragenen Klaviersolostücke Tschaikowskys, die der junge russisch-litauische Pianist Lukas Geniušas vor der Pause beisteuerte.

Tatssächlich änderte sich die Situation nach der Pause vollkommen. Der zweite Teil war ausschließlich Werken von Sergej Rachmaninow gewidmet – und geradezu mit dem ersten Ton von In der Stille heimlicher Nacht erlebte man das unmittelbar, was Asmik Grigorian in einem Interview gesagt hatte:  „Die meisten von Rachmaninows Romanzen verlangen wirklich nach opernhafter Energie. Tatsächlich schrieb er ‚Miniatur-Opern‘, welche wenige Minuten dauern.“ Schon der erste Piano-Ton war nicht mehr ein Piano in der Salon-Liedtradition des 19. Jahrhunderts eines Tschaikowsky, sondern das war dramatisch-aufgeladene Expression. Asmik Grigorian hat sich diese Expression ganz zu eigen gemacht. Man ist versucht, zu sagen, das sei mehr als perfekte Interpretation: Asmik Grigorian ist mit ihrer Stimme unmittelbar zu Rachmaninow-Melos geworden. Da sind Komposition und Wiedergabe zu einer außerordentlichen, sich geradezu wechselseitig bedingenden Einheit verschmolzen. Das war großartig und höchstes Niveau! Zwischen die 12 Lieder waren – gleichsam zum Atemholen für Sängerin und Publikum – virtuose Klavierstücke eingebaut. Rachmaninow, selbst ein Klaviervirtuose von Weltrang, hatte ja eine ganze Reihe von Klaviertranskriptionen geschaffen - sowohl eigener Lieder als auch z.B. von bekannten Stücken von Mussorgsky und Rimski-Korsakow. Lukas Geniušas servierte diese pianistischen Glanzstücke höchst eindrucksvoll.

 

Der Jubel des Publikums im vollen Konzertsaal war immens und erreichte drei Zugaben - natürlich weitere Kostproben aus der eben erschienenen Rachmaninow-CD. Es fehlen einem eigentlich die Worte, die Kunst von Asmik Grigorian adäquat zu beschreiben – und man kann sie auch nicht auf ein Foto bannen – man verzeihe also die schlechte Fotoqualität. Der Veranstalter hatte diesmal keine Fotos angeboten.

Wer sich aber einen unmittelbaren Eindruck verschaffen will, dem empfehle ich wärmstens folgende links:

-        Von der CD-Aufnahme gibt es einen Trailer, der sehr gut die Intensität von Asmik Grigorian/ Lukas Geniušas vermittelt, mit der hier musiziert wird

-        Fast alle Rachmaninow-Lieder, die in Graz erklungen sind, wurden vor rund einem Jahr in Vilnius aufgezeichnet – im wegen Corona leeren Konzertsaal. Nur die Mutter von Asmik Grigorian durfte aus Anlass ihres Geburtstags im Saal sein und ist auch kurz zu sehen: Because of the pandemic, this recital was without audience, except Asmik's mother, also a famous opera singer, Irena Milkevičiūtė and that day was her birthday. Teil 1 und Teil 2

Asmik Grigorian hat angekündigt, sie wolle alle Lieder von Rachmaninow auf CD aufnehmen. Möge es dem Musikverein gelingen, sie dann wieder für einen Liederabend in Graz zu gewinnen!

 

4.Juni 2022, Hermann Becke

 

 

Und hier das versprochene Opern-PS:

 

Asmik Grigorian war diesmal nicht zum ersten Mal in Graz. In der Saison 2011/12 sang sie in allen Vorstellungen die Lisa in der polarisierenden Konwitschny-Inszenierung von Tschaikowskys Pique Dame an der Oper Graz. Das war ihr Rollendebüt unmittelbar vor dem Beginn ihrer über Litauen hinausgehenden Bühnenkarriere. Diese Station auf ihrem Weg zur Weltspitze scheint in keinem der vielen im Internet kursierenden Lebensläufe auf – und auch nicht im Programmheft dieses Liederabends. Diese großartige Interpretation sei daher in Erinnerung gerufen - hier eine damalige Kritik und der Trailer der Oper Graz. Das war übrigens jene Opernproduktion, in der der heute ebenfalls international arrivierte Bariton Andrè Schuen seine allererste größere Bühnenrolle (als Fürst Jeletzki) verkörperte.

Asmik Grigorian und Andrè Schuen sind im vergangenen Herbst wieder miteinander auf der Bühne gestanden – diesmal auf der Bühne der Wiener Staatsoper als Tatjana und Eugen Onegin! Darüber freute ich mich, hatte ich doch in meiner OF-Kritik der Grazer Pique Dame vor 11 Jahren sowohl Asmik Grigorian als auch Andrè Schuen eine Karriere auf den ersten Bühnen prophezeit.......

Und um den Kreis zum Liederabend-Abonnement des Grazer Musikvereins zu schließen: Es wäre sehr schön, in der nächsten Zeit wieder einmal Andrè Schuen als Liedinterpret in Graz zu erleben, steht er nun doch unzweifelhaft in der ersten Reihe der Interpreten des deutschen Lieds!

 

 

 

 

 

SCHUBERT:

SCHWANENGESANG als BALLETT

Berührende Ausgewogenheit zwischen Gesang und Tanz

25. Mai 2022, Uraufführung der Choreographie von Andreas Heise

 

 

Die Oper Graz schreibt in ihrer Ankündigung: „Seit zwei Jahrzehnten hat Wilfried Zelinka im Ensemble der Oper Graz die hiesige Opernlandschaft maßgeblich geprägt. Nun interpretiert er Franz Schuberts „Schwanengesang“ und löst sich, dank der von Andreas Heise eigens für das Ballett der Oper Graz choreographierten Umsetzung des Liederzyklus, von seiner starren Position nebst dem Flügel. Nach dem überwältigenden Erfolg mit „Sandmann“ arbeitet Andreas Heise erneut mit dem Ballett der Oper Graz, um sich hier choreographisch mit einem seiner bevorzugten Komponisten, dessen „Winterreise“ er bereits umgesetzt hat, zu beschäftigen.“

Dazu passt, was wenige Stunden vor der Premiere der Solist Wilfried Zelinka schreibt:

„Der letzte Premierenabend dieser Saison an der Oper Graz - und für mich ist es tatsächlich die 90. Premiere an diesem Haus in 20 Saisonen seit 2002. Dies mit der wunderbaren Produktion von Andreas Heise und mit all den talentierten Tänzer*innen zu feiern, ist ein besonderes Privileg!“

Eigentlich hätte diese Premiere ja schon im April 2020 stattfinden sollen. Die Proben hatten schon im Dezember 2019 begonnen. Jetzt nach über zwei Jahren konnte dieses Projekt endlich uraufgeführt werden – es ist zu einer idealen Ausgewogenheit zwischen Gesang und Tanz gereift und verschaffte dem leider nicht allzu zahlreich erschienenen Publikum ein großes und sehr freundlich akklamiertes Erlebnis der besonderen Art! Ich sehe drei Hauptgründe für das Zustandekommen dieses Erfolgs:

Die Grazer Ballettdirektorin Beate Vollack ist eine bekennende Schubert-Verehrerin, wie ihr Beitrag im Programmheft Geliebter Franz! Ein Brief an die Vergangenheit beweist. Sie tritt in dieser Produktion gemeinsam mit ihrem 17-köpfigen Ballettensemble als das personifzierte weibliche Element auf.

 

 

Das Programmheft lässt offen, ob sie das Weibliche an sich oder etwa eine konkrete Frau aus Schuberts Leben verkörpert. Da denkt man unwillkürlich an Gräfin Karoline Esterházy de Galántha , die Schubert bis zu seinem Lebensende sehr vereehrt hat. In einem Beitrag liest man u.a.: Während dieser Zeit komponiert er einige Stücke für Klavier zu vier Händen. Auffällig an diesen Werken ist, dass die Arme der Spieler sich häufig kreuzen. Vermutlich steckt dahinter der Wunsch, die Hand der jungen Gräfin, zu der Schubert eine heftige Zuneigung gefasst hatte, zu berühren. So widmete er ihr u.a. den Schwanengesang. An diese Überlieferung musste ich denken, als im Laufe des Abends mehrfach Beate Vollack und Wilfried Zelinka mit geöffneten Armen aufeinander zugingen, sich aber nicht die Hände reichten, sondern berührungslos und ohne Blickkontakt aneinander vorbeischritten.

 

 

Ein entscheidender Erfolgsgarant war – wie erhofft und erwartet! - der Gesangssolist Wilfried Zelinka. Man hat ihn in den letzten 20 Jahren in einer außerordentlichen Bandbreite von kleinen, mittleren und großen Rollen seines Fachs sich so erfreulich entwickeln erlebt und dabei schätzen gelernt. Es ist tatsächlich so, wie die Oper Graz schreibt: ….hat im Ensemble der Oper Graz die hiesige Opernlandschaft maßgeblich geprägt. Diesmal übertraf er sich neuerlich. Er überzeugte gesanglich und darstellerisch gleichermaßen. Er verkörpert den durch das Leben wandernden Menschen mit überzeugendem Charisma und wahrt geradezu ideal das Gleichgewicht zwischen individueller Betroffenheit und Distanziertheit. Dazu kam eine höchst konzentrierte stimmliche Leistung, die nie ins vordergründig Opernhafte auswich. Die Stimme wurde in allen Lagen und dynamischen Abstufungen ausgewogen geführt. Ich meine, Wilfried Zelinka hat sich an der maßstabsetzenden Interpretation von Hans Hotter orientiert, der es meisterhaft verstanden hatte, sein mächtiges Organ bei der Liedinterpretation schlank, ja geradezu zart einzusetzen. Zelinka ging bei der schlanken Stimmführung machmal fast zu weit: z.B. bei Ihr Bild geriet er an seine Genzen. Am Flügel begleitete ihn der erfahrene Solorepetitor des Hauses Emiliano Greizerstein. Er war dem Solisten, der ja sehr oft weit weg vom Klavier und in bewegter Aktion zu singen hatte, eine sichere Stütze. Die kleinen Unregelmäßigkeiten, die fallweise bei Sänger und Pianisten auftraten, sind leicht zu verschmerzen und beeinträchtigen nicht den sehr schönen musikalischen Gesamteindruck.

 

Und der dritte entscheidende Erfolgsfaktor war die kluge und feinfühlige Choreographie von Andreas Heise Das Bühnengeschehen wirkte nie intellektuell „aufgesetzt“, sondern stets aus der Musik geradezu natürlich entwickelt. Heise nutzte die optische Vielfalt des 18-köpfigen Grazer Ballettensembles, um menschliche Individualität zu zeigen und nie in bloß mechanistische Bewegungsbilder zu verfallen. Das ist auch einer große und absolut geschlossenen Leistung aller Tänzerinnen Tänzer zu danken, deren Namen und Viten hier  nachgelesen werden können. Andreas Heise hat nie die einzelnen Lieder bloß bebildert, wenn es auch fallweise ganz konkrete Bezüge zum Text gab. So zum Beispiel beim betörenden Fischermädchen:

 

 

In der Stille vor und nach dem Lied Ihr Bild waren sehr effektvoll zwei Pas de deux ohne jegliche Musik eingebaut. Die Überlegungen des Choreographen gingen bühnenwirksam auf – das zeigte auch die atemlose Stille im Publikum! Erst der Tanz kann diese Stille darstellen und macht es möglich, das hier zwei Menschen in einem Raum atmen. In einem (herkömmlichen) Liederabend wäre diese Ruhe, diese Stille so nicht möglich. Der Übergang zwischen den Rellstab- und den Heine-Liedern wurde durch die Einfügung eines Ausschnitts aus Schuberts Moments musicaux und durch eine tänzerische Gestaltung durch Beate Vollack gemildert. Nicht jedes Lied wurde konkret bebildert – eindrucksvoll gelang z. B. die abstrakte tänzerische Gestaltung von Die Stadt durch eine Menschenpyramide:

 

 

Vor dem vom Verleger hinzugefügten Schlussstück Die Taubenpost wird der musikalische Bruch zum dramatisch aufgeladenen Doppelgänger durch die Einfügung von Schuberts Ungarische Melodie gemildert – übrigens komponierte Schubert diesen rhythmisch-melodisch sehr inspirierten Satz zu jener Zeit, als er auf Gut Zselisz als Klavierlehrer der Familie Esterházy weilte. Und wieder gingen Mann und Frau mit offenen Händen aufeinander zu, ohne sich zu berühren – siehe oben die Assoziation zu Gräfin Karoline Eszterházy!

Beim Schlussstück wurde optisch der Bezug zum Beginn hergestellt: noch vor Beginn des Schwanengesangs erklang Schuberts Impromptu in B-Dur, op. post. 142/3. Dazu setzt sich der Protagonist (Schubert?) an einen Tisch und beschreibt ein Notenblatt und zerknüllt es dann. Dieses Notenblatt wird am Ende wieder geglättet und gleichsam als Taubenpost versandt.

 

 

Dieses Schlußlied wird ohne Ballett nur in Einsamkeit vom Solisten gestaltet. Ein überzeugendes Bild zu dem, was der Choreograph Andreas Heise im Programmheft schreibt: 'Die Taubenpost' ist gleichsam die Zusammenfassung von Schuberts Leben, denn diese herzzerreißende Melodie benennt in der wiederholt vorgebrachten Frage die Sehnsucht nach etwas Unerfülltem.

Als jemand, der wahrhaft meint, den Schubertschen Schwanengesang gut zu kennen, sei mit Freude eingestanden: ich habe diesmal den Liederzyklus völlig neu erlebt. Die Ausgewogenheit zwischen Musik, Text und tänzerischer Gestaltung war vollkommen. Nichts drängte sich ungebührlich in den Vordergrund, nichts war eitle Selbstdarstellung – alles diente einer neuen und erweiterten Sicht auf ein Meisterwerk. Dafür ist der Oper Graz und allen Ausführenden sehr zu danken - verbunden mit dem Aufruf speziell an alle Lied- und Ballettbegeisterten, aber überhaupt an alle, die an neuen musikalischen Aufführungsformen interessiert sind: unbedingt in eine der restlichen drei Aufführungen am 2., 8. oder 15.Juni gehen - Das darf man als Musikliebhaber nicht versäumen!

 

 

26. 5. 2022, Hermann Becke

Szenenfotos: Oper Graz, © Ian Whalen

 

PS:

Mit Ende der nächsten Spielzeit 2022/23 wird die beim Publikum allgemein sehr geschätzte Ballettdirektorin Beate Vollack Graz verlassen. Aus der Pressemeldung: Mit dem Wechsel der Intendanz an der Oper Graz wird auch die Ballettdirektion neu besetzt werden: Ulrich Lenz, mit Beginn der Spielzeit 2023/24 neuer Intendant der Oper Graz, engagiert den international vernetzten Tanzmanager Dirk Elwert, derzeit als stellvertretender Ballettdirektor an den Theatern Chemnitz tätig, als neuen Leiter der Sparte Tanz.

 

 

Oper Graz

FRANZ SCHUBERT - WINTERREISE

Eine komponierte Interpretation von Hans Zender

14. Mai 2022

 

 

Soweit ich das überblicke, wurde Zenders Winterreise-Interpretation bisher erst ein einziges Mal in Graz aufgeführt. Im Jahre 2003 war Graz „Kulturhauptstadt Europas“. Aus diesem Anlass gab es eine großartige Konzertserie unter dem Titel Ikonen des 20. Jahrhunderts Da war das Zender-Werk dabei und zwar in einer exquisiten Besetzung, die auch auf einer 2015 neu aufgelegten CD dokumentiert ist: das Wiener Klangforum unter Sylvain Cambreling und der Tenor Christoph Prégardien. Ja - es ist sicher richtig: die komponierte Interpretation - so nannte es Zender selbst - der Schubert'schen Winterreise, uraufgeführt unter der Leitung von Hans Zender in Frankfurts Alter Oper im September 1993, zählt inzwischen zweifellos zu den Ikonen das 20.Jahrhunderts und wird europaweit regelmäßig aufgeführt – zuletzt z.B. szenisch in Stuttgart oder im Vorjahr als Ballett in Zürich. Am Tag nach der Grazer Aufführung folgt im Opernhaus Nürnberg die konzertante Version.

Der Oper Graz ist sehr zu danken, dass man diese Ikone neuerlich aufführt. Mich persönlich freut es nicht zuletzt deswegen sehr, weil ich als besonderer Winterreise-Liebhaber die Aufführung im Jahre 2003 nicht besuchen konnte und nun das Live-Erlebnis hatte, das nie durch das Hören noch so exzellenter CD-Aufnahmen ersetzt werden kann. Die Oper Graz nutzte die Anwesenheit von Maximilian Schmitt in Graz - exzellent sein Debüt als Erik im Holländer (siehe bei Interesse unten meine OF-Kritik vom 24.April) - und ermöglichte ihm ein weiteres Debüt: eben die Zender-Version der Schubertschen Winterreise. Der 45-Jährige deutsche Tenor hat reiche Schubert-Erfahrung. Es gibt eine schon neun Jahre zurückliegende CD-Aufnahme der Schönen Müllerin mit dem Pianisten Gerold Huber und in den letzten Monaten trat Maximilian Schmitt mit der Winterreise in München, Köln und Wien auf.

Der renommierte deutsche Komponist und Dirigent Hans Zender  (1936 -2019) schrieb in seiner Werkeinführung unter anderem:„Es wird berichtet, daß Schubert während der Komposition dieser Lieder nur selten und sehr verstört bei seinen Freunden erschien. Die ersten Aufführungen müssen eher Schrecken als Wohlgefallen ausgelöst haben. Wird es möglich sein, die ästhetische Routine unserer Klassiker-Rezeption, welche solche Erlebnisse fast unmöglich gemacht hat, zu durchbrechen, um eben diese Urimpulse, diese existentielle Wucht des Originals neu zu erleben?“ Hans Zender wollte also dem Liederzyklus etwas von seiner ursprünglichen Wirkung zurückgeben, in dem er den Klavierpart zu einem geräuschnahen Orchesterstück für 24 Instrumentalisten ausweitete. Zenders klangliche Illustrationen von Schritten, von Sturm und Wind, von knurrenden Hunden, von knirschendem Eis sind sehr expressiv und erfordern ein reiches Instrumentarium – unter anderem allein drei Windmaschinen und ein reiches Schlaginstrumentarium sowie Gitarre, Akkordeon und zwei Melodicas, die von den Klarinettisten zu spielen sind.

 

 

Wie immer bei den von Chefdirigent Roland Kluttig einstudierten Werken wirkte der Orchesterpart transparent disponiert und präzise erarbeitet. Dennoch waren diesmal einige rhythmische Unebenheiten zwischen Tenorsolist und dem Kammerensemble der Grazer Philharmoniker nicht zu überhören. Da hätte ich mir manchmal auch ein wenig mehr Eingehen auf die Sängerphrasen gewünscht und vor allem weitere Aufführungen, die dann mehr selbstverständliches Miteinander-Musizieren brächten. So wirkte auf mich die gesamte Aufführung zwar gut studiert, aber noch nicht zu einem Ganzen gereift.

Auch der Tenorsolist Maximilian Schmitt brauchte einige Zeit, um sich auf die expressive Orchesterbegleitung einzustellen. In den ersten Liedern gab es einige stimmliche „Rauheiten“. Aber besonders die lyrischen Passagen, speziell etwa im Wirtshaus und in den Nebensonnen gelangen ihm hervorragend. Insgesamt erinnerte mich seine Interpretation an die distanziert-unpersönliche Evangelisten-Rolle in den Bach-Passionen. Schmitt ist ja auch ein hervorragender Bach-Interpret – zuletzt z.B. in der Johannespassion im Concertgebouw in Amsterdam. Auch die zu sprechenden Textstellen wurden nüchtern-sachlich gesprochen. Dies kann man als bewusst gewählten Kontrast, ja Kontrapunkt zur höchst drastischen Orchesterbegleitung sehen. Ich räume ein, dass ich mir mehr persönliche Betroffenheit und mehr Individualität im Ausdruck erwartet hatte, um die von Hans Zender ausdrücklich angesprochene existenzielle Wucht zu vermitteln.

 

 

Erfreulich war der gute Besuch – man konnte nicht erwarten, dass mit diesem exquisiten Eliteprogramm das Opernhaus ganz gefüllt werden kann. Ich gestehe, ich hatte sogar weniger Publikumszuspruch erwartet. Auffallend war die gespannt-ruhige Aufmerksamkeit des Publikums. Das ist immer ein Indiz, dass die Interpretation gelingt und das Publikum fesselt. Am Ende gab es für alle sehr viel Beifall samt Bravorufen.

Am Ende noch der Hinweis auf die von Hans Zender selbst dirigierte CD-Aufnahme mit Hans Peter Blochwitz und dem Ensemble Modern:

Ein wichtiger aktueller Hinweis:

Die Oper Graz setzt ihre Auseinandersetzung mit Schubert's Liederzyklen fort. Für 25.Mai ist die Premiere von Schwanengesang - Ballett von Andreas Heise nach dem gleichnamigen Liederzyklus von Franz Schubert angesetzt. Die Ankündigung lässt Spannendes erwarten: „Seit knapp zwei Jahrzehnten hat Wilfried Zelinka im Ensemble der Oper Graz die hiesige Opernlandschaft maßgeblich geprägt. Nun interpretiert er Franz Schuberts „Schwanengesang“ und löst sich, dank der von Andreas Heise eigens für das Ballett der Oper Graz choreographierten Umsetzung des Liederzyklus, von seiner starren Position nebst dem Flügel“ Der Opernfreund wird natürlich über diese insgesamt viermal auf dem Programm stehende Ballett-Premiere berichten.

15. 5. 2022, Hermann Becke

Szenenfotos: Oper Graz, © Oliver Wolf

 

Ein kritische Anmerkung sei nicht verschwiegen: Das diesmalige Programmheft war wohl allzu karg. Es enthielt nur Auszüge aus Zenders eigener Werkeinführung und die vollständigen Liedtexte. Man vermisste nicht nur den künstlerischen Lebenslauf des Solisten Maximilian Schmitt und des Dirigenten, sondern auch die Namen der Orchestermitglieder. Beim Loriot-Ring waren zuletzt alle im großen Wagnerorchester Mitwirkenden namentlich angeführt und es gab die üblichen Angaben über Dirigent und Solisten. Bei einer kammermusikalischen Orchesterbesetzung in einem zeitgenössischen Werk hätte ich das auch erwartet – als selbstverständliche und respektvolle Würdigung des Ausführenden!

 

 

 

DER RING AN EINEM ABEND

Loriot-Ring - Impuls für die Grazer Wagnerpflege

5. Mai 2022 (Premiere)

 

 

'Die Grazer Philharmoniker dokumentierten ihre hohe Qualifikation auch für den „Ring“, der hier vor vielen Jahren in der Regie von Christian Pöppelreiter einmal recht gut lief. Man sollte mal an einen neuen denken!' Das schreibt der ausgewiesene Wagner-Kenner Klaus Billand in seiner sofort nach der Premiere veröffentlichten Kurzkritik. Diese Anregung greife ich sehr gerne gleichsam als Leitmotiv für meine eigene Auseinandersetzung mit der aktuellen Produktion auf. Für historisch Interessierte gibt es am Ende in einem PS einen Exkurs zur Grazer Ring-Tradition der letzten 60 Jahre.

Wikipedia fasst in gewohnter Prägnanz zusammen, wie es zur Loriot-Fassung des Wagnerschen Rings kam:

Loriot äußerte die Idee für den Ring an einem Abend bereits Anfang der 1980er Jahre in einem Gespräch mit dem Dramaturgen und Intendanten Klaus Schultz. Nachdem Schultz 1992 die Intendanz am Nationaltheater Mannheim übernommen hatte, erinnerte er sich wieder an Loriots Idee. Das Theater plante eine Inszenierung des gesamten Ring-Zyklus. Da zu der Zeit das Theater saniert wurde, war nur eine konzertante Aufführung möglich. Schultz hielt das für eine gute Gelegenheit, die Idee von Loriot zu verwirklichen. Nachdem entschieden worden war, welche Teile der Opern aufgenommen werden sollten, schrieb Loriot innerhalb von sechs Monaten seine Zusammenfassungstexte. Die Fassung entstand also in einer Notsituation und so verwundert es nicht, dass gerade in Corona-Zeiten zuletzt vermehrt auf diese Version zurückgegriffen wurde - siehe als Beispiel die Medieninformation der Oper Leipzig aus dem Vorjahr. Diese Notsituation bestand in Graz zwar nicht, aber offenbar wollte Intendantin Nora Schmid dem Grazer Publikum mit der Loriot- Fassung wenigstens einen kleinen Ersatz für die lange entbehrte Ring-Tetralogie bieten – die letzte Aufführung liegt schon mehr als 20 Jahre zurück! Und die Oper Graz bewies, dass sie nicht nur die Wagner-erprobten Grazer Philhamoniker als Orchester aufbieten kann, sondern auch ein beachtliches Solistenensemble mit klug gewählten Gästen.

 

 

Bereits die eröffnende Rheintöchter-Szene verhieß stimmlich Erfreuliches: Die Ensemblemitglieder Tetjana Miyus, Corina Koller und Anna Brull sangen klangschön, absolut sicher und vor allem ideal ausgewogen und aufeinander abgestimmt ihren Part. Dazu kamen als respektable Besetzung der gerade in Graz als Holländer gastierende Kyle Albertson als Wotan mit sicherem Heldenbariton und aus dem Hausensemble der markant artikulierende Charakterbariton des Marcus Butter als Alberich sowie der sich immer mehr profilierende Mario Lerchenberger als Loge. Mareike Jankowski war eine attraktiv-solide Fricka. Sie alle kann man sich sehr gut in einer szenischen Rheingold-Aufführung vorstellen, ja wünschen!

 

 

In den Ausschnitten aus der Walküre lernte man nun drei für Graz neue Sängerpersönlichkeiten kennen. Die Sieglinde sang die vom Mezzo zum Sopran gewandelte Betsy Horne . Ich hatte sie schon 2013 in Klagenfurt bei ihrem Debüt als Feldmarschallin erlebt und damals geschrieben: eine warme, aus der Mezzolage überzeugend in das lyrische Sopranfach gewachsene farbenreiche Stimme. Ihre Stimme hat sich in diesem Sinne erfreulich weiterentwickelt und sie ist nun eine ideale jugendlich-dramatische Sieglinde. Die Brünnhilde war die ebenfalls vom Mezzo zum Sopran gewechselte Alexandra Petersamer,  wahrlich eine eindrucksvolle hochdramatische Stimme mit Gestaltungskraft in bester Heroinentradition.

 

 

Der Siegmund, später auch der Siegfried, des Abends war Daniel Kirch, ein bereits vielfach Wagner-erprobter Tenor, der heuer in Bayreuth als Loge debutieren wird. Der Siegmund ist ihm diesmal nicht so recht gelungen. Da wirkte an diesem Abend so manches technisch forciert. Daduch gab es merkliche Intonationstrübungen sowohl im Piano als auch im Forte. Auch wirkte er recht kurzatmig und konnte mit seinem an sich eindrucksvollen Material die großen Bögen nicht immer gebührend spannen. Betsy Horne und Daniel Kirch hatten bereits vor Jahren mit Roland Kluttig erfolgreich zusammengearbeitet – als Elsa und Lohengrin in Coburg

 

 

In den Walküren-Auschnitten boten die Grazer Damen Corina Koller, Sieglinde Feldhofer, Mareike Jankowski, Marijane Nikolic, Tetiana Miyus, Tatiana Stanishich, Stefanie Hierlmeier und Anna Brull einen eindrucksvollen Walkürenritt. Betsy Horne sang prachtvoll den großen Aufschwung O hehrstes Wunder! Herrlichste Maid!, Alexandra Petersamer sang klangschön und mit gebotener Autorität die Todesverkündigung und Kyle Albertson gestaltete sowohl die lyrischen Phrasen als auch die heldischen Töne im Ausschnitt von Wotans Abschied sehr eindrucksvoll. Hier überzeugte er mich auch als Figur.

Der Siegfried gelang Daniel Kirch wesentlich besser als der Siegmund. Man hatte den Eindruck, jetzt sei er gut eingesungen, er artikulierte die Szene mit Mime (prägnant und verlässlich wie immer Martin Fournier) sehr plastisch und auch das Waldweben gelang überzeugend. Beim jubelnden Schlussduett Leuchtende Liebe, lachender Tod! war er stimmlich geborgen hinter den stahlenden Spitzentönen der Brünnhilde von Alexandra Petersamer.

 

 

In den Ausschnitten aus der Götterdämmerung konnten sich noch drei Ensemblemitglieder profilieren: Wilfried Zelinka war ein überzeugender Hagen. Mit langem und ruhigem Atem sang er Hagens Wacht und war auch in den Ensembles ausreichend durchschlagskräftig. Man traut ihm nach diesem Abend die gesamte Rolle zu! Neven Crnić war ein profilierter Gunther – auch ihn würde man gerne in der gesamten Rolle erleben.Sieglinde Feldhofer sang als Gutrune ihre Einwürfe mit der gebotenen lyrischen Anmut. Schon zuvor hatte sie im Walkürenritt als Ortlinde mit dramatischen Tönen positiv überrascht. Daniel Kirch war ein kraftvoller und damit überzeugender Siegfried. Bei der lyrischen Phrase Vergäss' ich alles gelangte er neuerlich an seine stimmtechnischen Grenzen.Bei ihm dominieren immer – durchaus eindrucksvoll - die dramatischen Fortetöne, die Piano-Phrasen können sich noch verbessern. Großartig zelebrierte Roland Kluttig mit seinen Grazer Philharmonikern Siegfrieds Trauermarsch. Alexandra Petersamer war auch in Brünnhildes Schlussgesang von eindrucksvoller Intensität.

 

 

Die großartige Maria Happel war eine ideale Interpretin der verbindenden Loriot-Texte. Sie erlag nicht der Versuchung der Überzeichnung und wurde zurecht umjubelt.

Im Grunde standen an diesem Abend die Grazer Philharmoniker und ihr Chefdirigent Roland Kluttig im Mittelpunkt. Der Umstand, dass das Orchester auf der Bühne sitzt und die Solisten für ihre Auftritte nur einen schmalen Streifen davor haben, hat für das Publikum den Vorteil, dass man die Orchesterdetails wunderbar mitverfolgen und vor allem, dass die Solisten kaum Gefahr laufen, vom Orchester zugedeckt zu werden. Verbunden ist dies allerdings mit dem Nachteil, dass bei der Orchesteraufstellung geradezu das Gegenteil dessen eintritt, was sich Richard Wagner für Bayreuth erdacht hatte. Dort sitzen nämlich im absteigenden Orchestergraben die Streicher ganz oben und die lautesten Bläser unten. Dazu gibt es einen sehr informativen aktuellen Artikel von BRKlassik.

Natürlich ist dieses Problem Roland Kluttig vollkommen bewusst und er nimmt durch entsprechende dynamische Abstufung Rücksicht auf diese Situation. Und es gelingt ihm auch fast durchwegs, einen wunderbar ausgewogenen Wagnerklang entstehen zu lassen. Nur an wenigen Stellen ist es für mich nicht ideal gelungen: sowohl beim Finale des 1.Akts Walküre als auch beim Götterdämmerungsfinale glänzen mir die Streicher zu wenig und das Blech dominiert zu sehr. Aber das sind ganz persönliche Einwände und mindern nicht das Gesamtbild einer ausgezeichneten Orchesterleistung mit vielen geradezu kammermusikalischen Feinheiten (etwa das delikate Konzertmeistersolo im Waldweben). Es ist so, wie in der eingangs zitierten Kritik zu lesen ist: Die Grazer Philharmoniker dokumentierten ihre hohe Qualifikation!

Es war ein großer und vom Publikum freundlich akklamierter Abend der Grazer Oper und ist hoffentlich ein Impuls, um den Mut zu fassen, nach fast 25 Jahren wieder an eine szenische Aufführung der vollständigen Ring-Tetralogie zu gehen. Der ab 2023/24 neue Intendant Ulrich Lenz findet in Graz die notwendigen Voraussetzungen vor: einen Wagner-erprobten Chefdirigenten, ein Orchester von hoher Qualifikation und ein ambitioniertes Sängerensemble. Das Opernpublikum wird es ihm danken!

 

6. 5. 2022, Hermann Becke

Szenenfotos: Oper Graz, © Oliver Wolf

 

Nur noch eine weitere Aufführung am 22.5.2022 – unbedingt zu empfehlen!

 

Für historisch Interessierte und für jene, die noch die Geduld aufbringen weiterzulesen, hier das bereits eingangs angekündigte

PS zur Grazer Ringtradition der letzten 60 Jahre:

Klaus Billand hat in seinem eingangs zitierten Beitrag auf den Grazer „Ring“ von Christian Pöppelreiter „vor vielen Jahren“ Bezug genommen. Dies sei nun kurz erläutert.

In den Jahren 1987/89 – also vor rund 35 Jahren – gab es in Graz (in Koproduktion mit Salzburg) ein großartiges Ringprojekt, das ich in bester Erinnerung habe. Die Wiener Presse schrieb dazu im Jahre 1989: Graz war die erste Bühne Österreichs, die 1883, sieben Jahre nach der Bayreuther Uraufführung den gesamten Ring präsentierte und nur Graz zeigt gegenwärtig in Österreich die komplette Tetralogie“. Details dazu sind in der hochinteressanten Dissertation von Michael Nemeth  „Operngeschichte abseits der Routine“ nachzulesen – Seiten 217 bis 235.

Graz war aber nicht nur die erste Bühne in Österreich, die gleich nach Wagners Tod den vollständigen Ring präsentierte, sondern es gab hier immer eine kontinuierliche und intensive Pflege der Wagner-Werke. In den 1960er-Jahren in Graz gab es praktisch in jeder Saison den kompletten Ring oder zumindest einzelne Teile davon, z. B. Die Walküre in den Jahren 1961,1962,1963,1967,1968 – das gehörte zum Stammrepertoire des Grazer Hauses. Mit dem Pöppelreiter-Ring der Jahre 1987/89 schaffte Graz internationales Aufsehen. Noch heute findet man in youtube die Aufzeichnungen aller vier Teile – hier z.B der vollständige Siegfried. Seither gab es nur mehr im Jahr 2000 eine Grazer Ring-Produktion . Klaus Billand hat also absolut recht mit seiner Anregung, nach 25 Jahren wieder einen Grazer Ring in Angriff zu nehmen – die aktuelle Loriot- Produktion beweist, dass die musikalischen Voraussetzungen dafür absolut gegeben sind!

 

 

DER FLIEGENDE HOLLÄNDER

Kuriose Regie-Ideen

23. April 2022 (Premiere)

 

 

„Seit der ersten Aufführung eines Werkes Richard Wagners in Österreich im damaligen Opernhaus (Tannhäuser, 20. Januar 1854) darf Graz als Wagner-Stadt gelten. Seit Wagners Todesjahr 1883 besteht in Graz einer der weltweit ältesten Wagner-Vereine.“ Das schreibt das wagner.forum.graz , das vor rund 30 Jahren die Nachfolge des ursprünglichen Wagner-Vereins angetreten hat und seither sehr verdienstvolle Kulturarbeit leistet.

Seit 2015/16 leitet Nora Schmid die Oper Graz - ab der Spielzeit 2024/25 wird sie als Intendantin an die Semperoper Dresden zurückkehren, wo sie davor bereits als Chefdramaturgin tätig war. In Schmids Intendanz gab es in der „Wagner-Stadt Graz“ bisher nur einmal Wagner: im September 2016 einen vielbeachteten Tristan. Nun folgte der Holländer, dessen Premiere corona-bedingt in diese Saison verschoben musste.

Die letzte Premiere des Holländers in Graz liegt bereits 15 Jahre zurück. Damals zeigte Peter Konwitschny – übrigens seit 1999 Ehrenmitglied des oben erwähnten wagner.forum.graz – seine davor in Moskau und München entwickelte Version. Wer sich dafür interessiert, dem sei die Lektüre der Analyse durch den ausgewiesenen Wagner-Kenner Klaus Billand sehr empfohlen.

Damit schließt sich ein Kreis, ist doch Peter Konwitschny einer jener Lehrer, bei denen die heutige Regisseurin Sandra Leupold studiert hatte!

Sandra Leupold – in gewohnter Zusammenarbeit mit der Bühnenbildnerin Mechthild Feuerstein und dem Kostümbildner Jochen Hochfeld – stellt uns eine eigenwillige Interpretation in einem leeren schwarzen, mit Lichtröhren abgegrenzten Bühnenraum vor, ganz entsprechend dem Opernwelt-Zitat auf der Homepage der Regisseurin: Am liebsten ist Sandra Leupold der leere Raum. Gehäuse, in denen Darsteller, die Musik frei atmen können.... Ihr Ideal ist eine Art szenische arte povera, die, aus Partitur und Libretto entwickelt, um die Individualität der Figuren und ihrer Darsteller kreist.“

 

 

Allerdings entwickelte sie diesmal leider überhaupt nicht die Individualität der Figuren, sondern führt stattdessen den 27-jährigen Richard Wagner als Bühnenfigur ein, der wie ein Marionettenspieler die Figuren führt und der sichtlich nur um die Selbstverwirklichung seines eigenen Ichs bemüht ist. In einem am Premierentag veröffentlichten Rundfunkbeitrag ist u.a. zu lesen:„Was wir hier zu bieten haben, ist eine unglaubliche Werktreue. Wir haben historische Kostüme, und wir zitieren das Originalbühnenbild der Fassung, die wir spielen“, so Regisseurin Sandra Leupold. „Wenn wir zeigen, dass Richard Wagner Figuren nimmt, die er nicht selbst erfunden hat, sondern die er von Heinrich Heine übernommen hat, dass er diese Figuren anfüllt mit seiner Ideologie. Das ist es, was die Inszenierung vermitteln will.“

Das ist ein sehr intellektuell erdachtes Konzept – leider ohne Bühnenwirksamkeit, sondern nur ein kunstvoll ausgedachter Bilderbogen, noch dazu mit so mancher Banalität. Hier einige Beispiele: Daland muss als Zeichen seiner Gier ständig die ihm vom Holländer übergebenen Schmuckkiste herumtragen, die Chor-Damen müssen während Sentas Ballade geradezu störend dazwischen lachen, Eriks Traumerzählung wird durch hektisches Falten des Holländerbildes beeinträchtigt, Senta wird nie zu einem glaubwürdigen jungen Menschen, sondern nur zu einer übertriebenen Hysterikerin, Senta und Holländer kennzeichnen einander gegenseitig besitzergreifend und besprühen sich mit Spraydosen, Wagner nähert sich im Tanz zu den Seemannschören peinlich Senta und die Erlösung findet am Ende nicht statt. Senta flüchte von der Bühne in den Zuschauerraum. Dazu liest man im oben erwähnten Rundfunkbeitrag: Die Zuseher dürfen dann auch den Ausstieg einer Figur aus der ihr zugedachten Rolle miterleben. „Wenn diese Figur aus diesem Geschehen aussteigt, weil sie es schockierend findet, dass ein Autor private Obsessionen und Interessen verfolgt, dann sind wir in unserem Abend und unserer Inszenierung“, so Leupold.

 

 

Gott sei Dank kann über die musikalische Seite großteils sehr Erfreuliches berichtet werden. Voran gestellt sei, dass es für alle Solisten Rollendebüts waren. Gehen wir sie in der Reihenfolge ihres Auftretens durch:

Wilfried Zelinka ist ein idealer Daland, der die Rolle wunderbar lyrisch-kantabel und mit idealer Textartikulation gestaltet. Er behauptet sich auch gut im Duett mit dem Holländer. Schade, dass diemal seine oft bewiesene Darstellungskraft nicht zur Geltung kommen konnte. Sein Steuermann war Mario Lerchenberger, der sich - ursprünglich aus dem Opernstudio kommend – ungeheuer erfreulich weiterentwickelt hat. Er gestaltete die Partie großartig – die Bravo-Rufe für ihn bei den Schlussvorhängen waren zahlreich und hochverdient. Der Amerikaner Kyle Albertson als Titelfigur besitzt eine viril-dunkle Bassbaritonstimme mit absolut sicherer Höhe und deutlicher Artikulation, die allerdings primär auf Stimmsitz und-klang und nicht auf Textinterpretation ausgerichtet ist - jedenfalls bot er eine respektable Gesamtleistung. Interessenten können sich hier einen akustischen Eindruck vom großen Monolog machen, wenn auch nur mit Klavierbegleitung. Mareike Jankowski  als Mary war wie gewohnt solid, wenn auch ohne eigenständiges stimmliches und darstellerisches Profil.

 

 

Als Senta hatte man die international erfahrene finnische Sopranistin Helena Juntunen gewonnen, die vor rund 20 Jahren ihre Karriere mit der Marguerite aus Gounods Faust, mit Rossini und mit der Zdenka begonnen hatte und die auf ihrem weiteren Weg besonders mit der Pamina verbunden war. Inzwischen sang sie bereits die Salome (Strasbourg), aber auch die Katja Kabanowa (Nancy) und die Marietta in der Toten Stadt (Basel). Nun wendet sich die heute 46-Jährige offensichtlich endgültig dem dramatischerem Fach zu – nach der Senta steht im Sommer gar die Aida bevor. Man muss es nach dieser Premiere klar sagen. Diesmal ist der Schritt nicht gelungen. Ihr Sopran ist für die Senta in einem Haus mit einem Fassungsraum von rund 1200 Plätzen einfach zu schmal oder um es unfreundlich zu sagen: zu klein. Sie verstand es auch nicht, im großen Duett mit dem Holländer die geforderten lyrisch-breiten Bögen zu spannen oder am Ende die nötige dramatische Durchschlagskraft aufzubringen. Juntunen war an diesem Abend mit der Partie schlichweg überfordert. Das Publikum reagierte am Ende sehr reserviert, ja es gab sogar einzelne Buh-Rufe – ein wahrlich seltener Fall für eine Gesangsleistung in Graz!

Die Partie des Erik war hingegen bei  Maximilian Schmitt bestens aufgehoben. Über ihn schrieb ich vor drei Jahren bei seinem Debut in Humperdincks Königskinder: „Hier lernte man einen absolut sicher geführten Tenor kennen, der hörbar und erfolgreich auf dem Weg vom Lied- und Oratoriensänger zum deutschen romantischen Opernfach ist“ Auf seiner damals angekündigten ersten CD gab es auch schon Wagner, allerdings den Steuermann. Nun also der Erik: Schmitt überzeugte uneingeschränkt mit sehr klarer Artikulation. Er und bot stimmlich eine absolut rollengemäße Leistung.

Wie in Graz seit langem gewohnt: Chor und Extrachor der Oper Graz (Leitung Bernhard Schneider) sangen mit dem gebotenen Volumen, der nötigen Präzision und klangschön die umfangreichen Chorpassagen.

 

 

Die Grazer Philharmoniker unter ihrem Chefdirigenten Roland Kluttig haben derzeit einen besonders intensiven Terminkalender Die Holländer-Premiere war eingebettet zwischen den beiden letzten Aufführungen des großartigen Haas-Stückes Morgen und Abend (bei Interesse siehe die Besprechungen unten). Man merkt, wie gut der Chefdirigent und sein Orchester aufeinander eingestellt sind. Das Orchester schien mir diesmal besonders gut disponiert. Man stürzte sich mit Impetus in die Ouvertüre, die Steicher funkelten, das Holz verbreitete Wärme und das Blech war nie penetrant. Insgesamt war alles subtil und durchsichtig disponiert – zurecht gab es für Kluttig und das Orchester auffallend viel Beifall und Bravorufe.

Nach Ende der Corona-Einschränkungen war dies die erste Premiere in der Grazer Oper wie man es durch Jahre gewohnt war: das Haus war offenbar ausverkauft, es herrschte prickelnde Premieren-Spannung und man sah wieder die gewohnten Gesichter im Publikum. Dessen Reaktion war sehr differenziert: Bravo-Rufe für Dirigent und Orchester, für Steuermann und Erik und abgestuft auch für Daland und Holländer. Das Leading-Team wurde höflich-reserviert, aber ohne Buh-Rufe empfangen.

 

 

Wer Richard Wagner „himself“ auf der Bühne sehen will, der ist – vor allem allerdings aus musikalischen Gründen - eingeladen, die Grazer Neuproduktion zu besuchen. Es gibt bis Juni noch 11 Aufführungen – die Termine finden sich hier. Dort gibt es übrigens auf der Homepage auch ein ausführliches und informatives Gespräch mit der Regisseurin Sandra Leupold, die meint, man brauche für ihre Sichtweise auch ein wenig Augenzwinkern.........

 

24.4.2022, Hermann Becke

Szenenfotos: Oper Graz, © Werner Kmetitsch

 

Ein nostalgisches PS für ältere Opernfreunde sei mir ausnahmsweise erlaubt:

Ich wurde als Kind und Jugendlicher in der Grazer Oper zum Opernbegeisterten sozialisiert. In dieser Zeit stand der Holländer in Graz nicht auf dem Spielplan und so sah ich meine ersten Holländer-Aufführungen in der Wiener Staatsoper in den frühen 1960er-Jahren u.a. mit Christl Goltz, Gré Brouwenstijn und der 25-Jährigen Anna Silja als Senta, mit Otto Wiener und Hans Hotter als Holländer sowie mit Oskar Czerwenka, Kurt Böhme und Joseph Greindl als Daland und Anton Dermota und Fritz Wunderlich als Steuermann. Das prägt lebenslang die eigenen Opernideale. Es war übrigens in einer Inszenierung von Adolf Rott aus dem Jahre 1959, über deren ursprüngliche Premiere das Staatsoperarchiv vermerkt: Pfiffe und Tumulte im Zuschauerraum am Ende der Vorstellung, worauf Sänger, Dirigent, Regisseur und Bühnenbildner nicht vor den Vorhang kamen.

 

 

MORGEN UND ABEND

Georg Friedrich Haas fasziniert auch das Alltagspublikum

25. März 2022 (6. Vorstellung nach der Premiere)

 

«Der Anblick des Alters wäre wohl unerträglich, wenn wir nicht wüssten, dass unsere Seele in eine Region reicht, die weder der Veränderung der Zeit noch der Beschränkung durch den Ort verhaftet ist. In jener Seinsform ist unsere Geburt ein Tod und unser Tod eine Geburt. Im Gleichgewicht hängen die Waagschalen des Ganzen.»

 

An diese Worte des großen C. G. Jung (Briefe II, S. 205) musste ich beim neuerlichen Besuch der jüngsten Oper von Georg Friedrich Haas intensiv denken. Sie wurde 2015 in London und in Berlin uraufgeführt, produziert bisher auch in Heidelberg und nun als österreichische Erstaufführung in Graz auf den Spielplan gesetzt. Meinen Bericht über diese Erstaufführung vom 12. Februar finden Sie unten.

Mir war es nicht nur wichtig, das Werk nochmals zu erleben, sondern dabei auch zu beobachten, wie es sich im Repertoirebetrieb bewährt. Inzwischen gibt es ja auch einen eindruckvollen Trailer der Produktion: https://www.youtube.com/watch?v=DPI1GIYOGfY&t=298s. Nach wie vor hat die Oper Graz zum Unterschied zu den meisten Opernhäusern ja leider die Gewohnheit, ihre Trailer immer erst nach der Premiere zu veröffentlichen, sodass bei der Premierenkritik nicht darüber berichtet werden kann. Aber jetzt ist der Trailer verfügbar und allen Interessierten sehr zu empfehlen.

Meine erfreuliche Zusammenfassung über die Repertoireaufführung vorweg:

Das Haus war ausgezeichnet besucht und der Jubel des Publikums (darunter auch erfreulich viel Jugend) am Ende der gut 90-minütigen pausenlosen Aufführung war groß und uneingeschränkt. Das Werk ist also ganz offensichtlich „repertoiretauglich“ und wird vom Publikum angenommen – man kann sich über ein aktuelles muskdramatisches Werk unserer Zeit freuen! Und man kann mit berechtigtem Stolz die Kritik der Frankfurter Allgemeinen zitieren, die in ihrem Premierenbericht am 14.2. als Einleitung schrieb: „Wieder kauft die Oper Graz den Bühnen in Wien den Schneid ab: Georg Friedrich Haas’ Oper „Morgen und Abend“ nach Jon Fosse kommt hier zur beeindruckenden österreichischen Erstaufführung.“

 

 

Über Komponist und Werk habe ich viel im Premierenbericht geschrieben – wer das nachlesen möchte, der scrolle einfach hinunter. Diesmal seien die Interpreten in den Vordergrund gestellt. Es ist wahrlich eine besonders glückliche Fügung, dass ein so komplexes Werk wie Morgen und Abend von Georg Friedrich Haas nach dem Text von Jan Fosse auf eine einheitlich exquisite und kompetente Besetzung bei Inszenierung, Solistenteam, Chor und Orchester und Dirigent trifft. Da erlebte man zeitgemäßes Musiktheater auf sehr hohem Niveau – und das erreicht und überzeugt eben auch das Publikum! Dem Regisseur Immo Karaman mit seinem Team ist eine in den Bann ziehende szenisch und darstellerisch eigenständige Umsetzung gelungen, die das Werk überzeugend umsetzt. Dazu hatte Graz ein exzellentes Solistenquintett. Der am ehsten zu diskutierende Punkt – sowohl in Stück als auch in Umsetzung – war die Schauspielerpersönlichkeit. Es ist eine gewisse dramaturgische Schwäche, dass die Figur des Fischers Olai nur in den ersten 20 Minuten auftritt und als Sprechrolle auftritt. Schon bei der Uraufführung in London mit Klaus Maria Brandauer gab es da mehrfache Einschränkungen (siehe z.B. im Kurier). Natürlich ist Cornelius Obonya ebenso wie Brandauer eine bedeutende, gewichtige und ausdrucksstarke Bühnenpersönlichkeit. Hielt man Brandauer sein statisches Agieren vor, musste man bei Obonya ein zu wenig deutliches Artikulieren registrieren. Bei der Premiere sass ich auf dem Balkon – da verstand ich den Text noch passabel. In dieser Vorstellung saß ich im Parterre und da war der – nicht durch Übertitel gestützte – Text ganz einfach zu schlecht zu verstehen. Und diese Einschränkung vernahm ich von vielen aus dem Publikum – auch schon bei der Premiere.

 

 

Die Ausführung aller vier exponiert-schwierigen Gesangspartien war exzellent. Erst beim zweiten Hören fiel mir auf, welch wunderbare und klangschöne Gesangsduos die Partitur enthält. Vom Umfang und vom Gewicht der Rollen her steht die Rolle des Johannes im Mittelpunkt. Markus Butter sang diese Partie nicht nur mit Prägnanz und absoluter Textdeutlichkeit, sondern auch mit dunkel-baritonalem Wohlklang und man glaubte das nachvollziehen zu können, was Dirigent Kluttig bei einer Publikumpräsentation gesagt hatte: „Es ist unglaublich! Butter singt jeden Ton absoulut richtig! Butter gestand, dass er an der Partie zwei Jahre geabeitet hatte – er wusste das deshalb so genau, weil mit den Proben beim ersten Corona-Lockdown im März 2020 begonnen worden war. Wunderschön waren speziell seine Duette mit Erna, Peter und Signe, wobei alle an diesem Abend ebenso großartig, ja geradezu belcantesk sangen. Christina Baader gestaltete auch an diesem Abend mit ihrer warmen gut zentrierten Altstimme und ruhiger Ausstrahlung die Figur der verstorbenen Ehefrau Erna. Matthias Koziorowski  sang mit wahrhaft strahlendem und textklarem Tenor den Freund Peter, der Charon-gleich Johannes in eine andere Welt geleitete.

 

 

Cathrin Lange sang wie bei der Premiere die Sopran-Doppelrolle der Hebamme bzw. der Johannes-Tochter Signe. Zweimal hatte sie wegen Corona absagen müssen – davon einmal mutig ersetzt durch eine junge Sopranistin des Hauses, die bei allen Proben anwesend gewesen war und ganz kurzfristig einsprang und die Vorstellung rettete Diesmal überzeugte Cathrin Lange wieder mit ihrer klar-fokussierten Stimme. Die schon bei der Premiere bewunderte Schlussstelle gelang auch diesmal ausgezeichnet. Sie bewältigte auch sehr überzeugend die gesprochene Phrase am Grab ihres Vaters – wohl eine Reminiszenz an den gesprochenen Beginn des Stücks.

Die musikalische Seele des Abends war wiederum der Dirigent Roland Kluttig, der ganz kurzfristig bei den Salzburger Festspielen 2021 mit Morton Feldmans Oper "Neither" am Pult des RSO Wien eingesprungen war und über den die FAZ schrieb: "Roland Kluttig, einer der wenigen Dirigenten weltweit, der neueste Musik genauso versiert aufführen kann wie Beethoven, Wagner und Sibelius..." Roland Kluttig hatte ja ursprünglich mit der moderen Musik begonnen, war er doch zu Beginn seiner Karriere von 1992 bis 1999 Dirigent des Kammerensembles Neue Musik Berlin. Mit klarer Zeichengebung hielt er bei Haas das große und sehr gut disponierte Orchester der Grazer Philharmoniker und das Ensemble zusammen und in ausgewogener Balance. Auch der Chor der Oper Graz (Einstudierung: Bernhard Schneider), der mehrfach aus dem Off klangschöne Vokalisen beitrug, war ein wichtiger Teil des Gesamtensembles.

Zu Beginn meines Beitrags zitierte ich C. G. Jung:

„Unsere Geburt ist ein Tod und unser Tod eine Geburt. Im Gleichgewicht hängen die Waagschalen des Ganzen.“

Dieses Gleichgewicht haben nicht nur Fosse und Haas perfekt dargestellt. Man kann dieses Wort auch im ganz praktischen Sinne auslegen:

In dieser Produktion ist ein ideales Gleichgewicht zwischen Werk und szenischer wie musikalischer Wiedergabe gelungen – ein bedeutender Abend!

Zum Schluß daher nochmals die ausdrückliche Ermunterung und Einladung, die ich schon nach der Premiere ausgesprochen hatte und die ich nach dem Besuch einer zweiten Aufführung mit Überzeugung wiederhole:

Wer an der Weiterentwicklung eines zeitgemäßen Musiktheaters in Werk und Wiedergabe interessiert ist, der sollte unbedingt zumindest eine der nächsten Aufführungen besuchen – bilden Sie sich unbedingt selbst eine Meinung! Und bedenken Sie das, was die Solisten, die sich wahrlich intensiv mit dem Werk auseinandergesetzt hatten, vor der Premiere sagten:

 

„Keine Angst vor neuer Musik“ und „Das bewegt jeden“

 

 

26. 3.2022, Hermann Becke

Szenenfotos: Oper Graz, © Werner Kmetitsch

 

Hinweis: Es sind noch drei Auführungen angekündigt - am 6., 22. und 24. April. Kommen Sie – wer weiß, wann und wo es die Chance geben wird, dieses Werk über Geburt und Tod neuerlich in einer derartig gültigen Produktion zu erleben!

 

 

 

 

 

MORGEN UND ABEND

Georg Friedrich Haas fasziniert

12. Februar 2022 (österreichische Erstaufführung)

 

 

Das Solistenteam von "Morgen und Abend" stellt sich vor und schickt mit einem Kurzvideo einen Gruß aus der Probe an das Publikum – unter anderem mit den Worten „Keine Angst vor neuer Musik“ und „Das bewegt jeden“

 

Es gibt eine lebenslange Verbindung des heute 68-jährigen Georg Friedrich Haas mit Graz. Hier wurde er geboren und hierher kam er nach Kindheit und Schulzeit in Vorarlberg zurück, um hier Klavier, Komposition und Musikpädagogik zu studieren. Er unterrichtete an der Kunstuniversität in Graz (zuletzt als  Universitätsprofessor) und an der Musikakademie in Basel. 2013 wurde er als Professor of Music an die Columbia University in New York berufen und lehrt seitdem dort Komposition. Alle Details seines künstlerischen und pädagogischen Lebenswegs finden sich in der erst jüngst aktualisierten Musikdatenbank von mica – music austria  

Georg Friedrich Haas „ist heute einer der wenigen hiesigen zeitgenössischen Musiker, die es tatsächlich zu internationalem Ansehen gebracht haben und nicht nur im Inland weltberühmt sind“, wie die Wiener Tageszeitung Der Standard pointiert zur Einbegleitung der österreichischen Erstaufführung seiner etwa 90-minütigen Oper Morgen und Abend an der Oper Graz schrieb. Und wahrlich: Georg Friedrich Haas ist erst in den letzten rund 20 Jahren endgültig ins Licht einer breiteren Musiköffentlichkeit getreten, wie nicht nur ein Blick in seine Werkverzeichnisse bei der Universaledition und bei Ricordi-Berlin belegt, sondern auch die 2017 publizierte Umfrage Expert survey: Haas is the most important living composer!

Seine kompositorischen Anfänge präsentierte Haas in den 1980er-Jahre zunächst im halbprivaten Rahmen seiner großen Wohnung (samt deren prächtigen Stiegenhaus) in einem bürgerlichen Gründerzeithaus nahe dem Grazer Opernhaus. Ich erinnere mich noch gut an die Zuhörerschaft des Hauses – ehrfurchtsvoll und ratlos gegenüber der Musik, die da von zwei vierteltönig gestimmten Klavieren erklang. Niemand hätte damals gedacht, dass sich rund 40 Jahre später der bescheidene junge Mann als inzwischen international hochgeachteter Komponist auf der Grazer Opernbühne für einen einhelligen und großen Publikumserfolg bedanken wird können und dass wie selbstverständlich zwischen den Perlenfischern, Schwanda der Dudelsackpfeifer, Der Fliegende Holländer und Anatevka nun auch eine Haas-Oper auf dem „normalen“ Monatsspielsplan der Oper stehen wird. Sein Weg ist ihm nicht immer leicht gefallen bzw. gemacht worden, wie er in einem öffentlichen Gespräch mit dem Grazer Opernchef Roland Kluttig bekannte.

Mit diesem Premierenerfolg ist Georg Friedrich Haas, Österreichs derzeit vielleicht arriviertester Avantgarde-Komponist (Die Presse in der Premierenkritik vom 13.32.2022), jedenfalls endgültig in Graz „angekommen“! Das bestätigte nicht nur der Publikumsjubel, sondern wohl auch die einhellige Akzeptanz des gesamten Ensembles, das den Komponisten nach dem Fallen des Vorhangs hörbar feierte. Auch das bisher vorliegende österreichweite Presseecho war einhellig positiv.

 

 

Damit unser Leserkreis, der das Werk nicht kennt und nicht in der Aufführung war, einen Überblick erhält, sei zunächst aus der Werkeinführung des Verlags zitiert:

Das siebente Musiktheaterwerk des 1953 in Graz geborenen Georg Friedrich Haas basiert auf dem Roman „Morgen und Abend“ von Jan Fosse, einer lethargischen, aber gleichzeitig auch hoffnungsträchtigen, konfessionell ungebundenen, zu Beginn stark monologisierenden Szenenfolge über Leben und Tod. Der erste Abschnitt dieses pausenlosen, anderthalbstündigen Musiktheaters konfrontiert das Publikum mit dem „Morgen“ eines Lebens: melodramatisch breit geschildert und von Fischer Olai, dem Vater, assoziativ reflektiert, versinnlichen die Klänge von Haas die Geburtsstunde des Johannes. Der Rest des Bühnenwerkes erzählt dann vom „Abend“ jenes Lebens des Johannes – und tut dies überraschender Weise aus dessen Sicht. Er begegnet Erna, seiner Frau. Erst langsam wird dem Zuschauer klar, dass Erna nicht mehr lebt. Deutlicher wird die Diskrepanz zwischen Realität und Wahrnehmung, wenn die Tochter zu Johannes im Bett spricht, obgleich dieser es bereits verlassen hat. Johannes’ Freund Peter, ebenfalls längst tot, kommt, um mit Johannes zum Fischen auf die See hinauszufahren. Jon Fosse erzählt die Geschichte des Fischers Johannes, eines einfachen, alten Mannes. Er erinnert sich an sein vergangenes Leben, an diejenigen Menschen, die ihm am meisten bedeutet haben, seine Frau und seinen Freund Peter, beide längst verstorben. Johannes’ Sehnsucht wird sich an diesem Tag erfüllen. Als seine Tochter am nächsten Morgen nach ihm sieht, ist er tot.

Im Jahre 2008 fand in Graz die erste Aufführung einer Oper von Georg Friedrich Haas statt - wenn man seinen musikdramatischen Beitrag zu den Wölfli-Szenen (1980-1981) außer Acht lässt. Das lohnte übrigens einmal einen eigenen aufführungspraktischen Beitrag – der junge Komponist hatte damals einiges an Schwierigkeiten zu überwinden. Im Jahre 2008 war Melancholia die Pariser Uraufführungsproduktion, die im Rahmen des Festivals Steirischer Herbst zweimal im Grazer Opernhaus gezeigt wurde. Heute das Interview zu lesen, das Georg Friedrich Haas dazu im Jahr davor also heute vor 15 Jahren - gegeben hatte, ist höchst informativ:

 „GFH: Die Oper wird sicher im Rahmen des steirischen herbst in Graz aufgeführt werden, wofür ich der Intendantin Veronica Kaup-Hasler auch sehr dankbar bin. Aber ich sage jetzt das, was ich ihr auch sagte: Es ist eine Schande, dass sie im Rahmen des steirischen herbst aufgeführt werden muss. Die Oper wird im Palais Garnier in Paris gespielt, sie wird in Bergen und in Oslo im normalen Opernhaus gespielt. Der steirische herbst sollte eigentlich die Opern der 30-jährigen aufführen und nicht Opern von 56-jährigen. Ich finde es wirklich traurig, dass die großen Opernhäuser so wenig Raum für aktuelles neues Musiktheater bieten. Das Publikum wäre da, vorausgesetzt, man nimmt die Aufgabe wirklich ernst.”

Nun: 14 Jahre später haben in Graz Intendantin Nora Schmid und Opernchef Roland Kluttig haben die Aufgabe der Pflege des aktuellen Musiktheates ernst genommen und diesen Aufruf von Georg Friedrich Haas exzellent umgesetzt: Seine 2015 in London uraufgeführte Oper Morgen und Abend ist Bestandteil des Grazer Opernspielplans 2021/22 und wird nach der Premiere im Repertoirebetrieb noch achtmal zu erleben sein - hier die Termine bis April. Dazu schon an dieser Stelle die Ermunterung an alle an modernem Musiktheater Interessierte: Unbedingt hingehen!

 

 

Die Oper Graz bot nach meiner Einschätzung ideale Voraussetzungen für eine erfolgreiche Produktion. Das begann schon damit, dass zur diesjährigen Saisoneröffnung Chefdirigent Roland Kluttig im Programm des repräsentativen Eröffnungskonzerts der Grazer Philharmoniker im Grazer Opernhaus das concerto grosso Nr.1 für 4 Alphörner und Orchester (2014) von Georg Friedrich Haas der Alpensinfonie von Richard Strauss gegenübergestellt hatte. (Wen es interessiert, der kann hier bis zum 25.9.2021 hinunterscrollen und meinen Bericht nachlesen). Damals konnte sich das Grazer Opernpublikum bereits in die Haas'sche Klangwelt einhören. Zusätzlich gab es in der Woche vor der Premiere für das Publikum die Möglichkeit eines Probenbesuchs und zusätzlich einen Gesprächsabend zwischen Komponist und Dirigent mit Beispielen Haas'scher Kammermusik, in denen Georg Friedrich Haas analysierend höchst interessante Einblicke in seine Kompositionsweise und sein Verhältnis zu klassischer Musik gab. Beide Angebote wurden vom Publikum erfreulich gut angenommen. Wer wollte, kam also gut vorbereitet in die Premiere. Für den Besuch der weiteren Aufführungen empfehle ich sehr, sich vorher das von der Dramaturgin Marlene Hahn ausgezeichnet zusammengestellte Programmheft zu besorgen. Es bietet eine ideale Einstimmung.

Dazu gab es ein optimal zusammengestelltes Solistenteam. Cornelius Obonya, der zu den gefragtesten Schauspielern im deutschen Sprachraum zählt und in Graz zuletzt als Peer Gynt zu Gast war, verkörperte völlig unmaniriert einen bodenständigen Fischer und glaubhaften Urvater Olai. Sein Sprechtext wurde nicht durch Übertitel unterstützt und blieb über dem Orcheter dennoch gut verständlich – wohl weil der Dirigent (und wohl auch schon der Komponist!) entsprechend Rücksicht nahmen. Im 2. Teil wurde Marcus Butter sein Sohn Johannes zur beherrschenden Bühnenfigur – eine bewundernswerte und beim Schlussapplaus gesondert gewürdigte stimmliche und darstellerische Leistung!

 

 

Mit heller Stimme und klarer Artikulation war Matthias Kosziorowski der Freund von Johannes, der ihn Charon-gleich in die andere Welt geleitete. Christina Baader gestaltete mit warmtimbrierter Altstimme und ruhiger Ausstrahlung die Figur der verstorbenen Ehefrau Erna. Vom Komponisten ausdrücklich gewünscht ist, dass die Sopranrolle der Hebamme und der Johannes-Tochter Signe mit derselben Sängerin besetzt wird. Dafür hatte man Cathrin Lange gewonnen, die 2016 in Graz sehr erfolgreich als Blonde in Mozarts Entführung aus dem Serail gastiert hatte. Sie bringt Olai das neugeborene Kind singt die ersten Töne „Du hast einen Sohn“ - und mit ihr als Johannes-Tochter Signe endet das Stück abrupt im höchsten Pianissimio (virtuos decrescierend vom hohen c auf das des) : „Johannes, lieber Vater“ . Cathrin Lange bewältigt die stimmlichen Anforderungen großartig und ohne Schärfe. Der Komponist wünschte sich, dass diese Doppelbesetzung die Existenz einer fürsorglichen Frau verkörpert, ohne deren Hilfe Johannes nicht hätte leben können: Im Anfang die Hebamme, am Ende seine Tochter Signe. Cathrin Lange hat dies darstellerisch und musikalisch überzeugend vermittelt.

 

 

Mit diesem ausgezeichneten Solistenquintett ist dem Regisseur Immo Karaman zusammen mit Rifail Ajdarpasic (Bühne) und Fabian Posca (Kostüme) eine höchst eindrucksvolle szenische Umsetzung gelungen, die sich nicht vor das Werk drängt, dabei doch eigene Akzente setzt und den musikalischen Sog unterstützt, der das Publikum – und wohl auch alle Ausführenden! - neunzig Minuten lang nicht aus dem Bann des musikdramatischen Ereignisses entlässt. Karaman und sein Team, zu dem Grazer Hauskräfte ihren positiven Teil dazu beitrugen (Daniel Weiß – Licht, Philipp Fleischer – Video und Marlene Hahn – Dramaturgie) haben ungeheuer feinfühlig diese Zwischenwelten optisch erlebbar gemacht. Man könnte viele praktische Details erwähnen – etwa, dass Olai erst jene Türe frei in den Raum stellt, die für ihn dann eine bedeutende Rolle spielt oder der wunderbar-bildhafte Gedanke, die Handlung in ein Schiff zu verlegen und dort immer wieder zitathaft Zimmerteile erscheinen lässt, wobei offen bleibt, ob das Schiff gestrandet ist oder vielleicht doch nochmals in See stechen wird. Es ist das gelungen, was gutem Theater immer gelingen sollte: Bilder im Betrachter entstehen zu lassen, die das Werk wiedergeben und gleichzeitig weiterentwickeln. Ich kann nun sehr gut den Satz verstehen, den Georg Friedrich einmal gesagt hat: "Früher war ich überzeugter Christ. Dann habe ich den Glauben verloren. In der schmerzlichen Lücke, die dieser verlorene Glaube hinterlassen hat, befindet sich jetzt die Musik."  Und ich möchte ergänzen: in dieser schmerzlichen Lücke befand sich diesmal die gesamte szenisch-musikalische Wiedegabe.

Zum Schluss sei noch besonders Roland Kluttig bedankt. Er war sicher die treibende Kraft hinter dieser Produktion. Man weiß, dass sich die Solisten fast zwei Jahre lang das diffizile Werk erarbeitet haben. Die Grazer Philharmoniker haben große Kompetenz auf dem Gebiet der zeitgenössischen Musik bewiesen. Roland Kluttig hat alles bewundernswert zusammengeführt und zusammengehalten. Und so wurde der Abend nicht nur ein großer Abend für das Werk von Haas und Fosse, sondern unbestritten auch für das gesamte Grazer Opernensemble einschließlich des Grazer Operchors (Leitung: Bernhard Schneider), der unsichtbar die vorgegebenen Vokalisen klangschön einbrachte.

Daher zum Schluß nochmals die ausdrückliche Ermunterung und Einladung:

Wer an der Weiterentwicklung eines zeitgemäßen Musiktheaters in Werk und Wiedergabe interessiert ist, der sollte unbedingt zumindest eine der nächsten Aufführungen besuchen – bilden Sie sich unbedingt selbst eine Meinung! Und bedenken Sie das, was die Solisten, die sich wahrlich intensiv mit dem Werk auseinandergesetzt haben, zu Beginn dieses Beitrags sagten:

 

„Keine Angst vor neuer Musik“ und „Das bewegt jeden“

 

 

 

14.2.2022, Hermann Becke

Szenenfotos: Oper Graz, © Werner Kmetitsch

 

Und für alle, die an Weiterführendem interessiert sind:

 

- Die gesamte Partitur des Werkes kann auf der Website des Verlags Universal-Edition eingesehen werden. Wenn Sie sich die beiden folgenden Beispiele ansehen, dann können Sie die außerordentlichen Schwierigkeiten bei der musikalischen Einstudierung ermessen:

 

 

 

 

 - UE-Interview mit Georg Friedrich Haas über Morgen und Abend

 

 

SCHWANDA, DER DUDELSACKPFEIFER

Zu Recht begeistertes Publikum!

18. Dezember 2021 (Premiere)

 

Sehr schöner TRAILER

 

 

Bei einem Werk, bei dem wohl viele Opernfreunde nur den Titel kennen, ist es vielleicht hilfreich, an den Anfang einen Text des Verlags von Jaromír Weinberger zu stellen: „Zusammen mit dem Librettisten Miloš Kareš arbeitete er an der Oper Švanda dudák über Švanda, den legendären Dudelsackspieler aus dem böhmischen Strakonice, wo noch heute ein Internationales Dudelsack-Festival stattfindet. Die Uraufführung am Prager Nationaltheater im April 1927 fand zwar Anerkennung, zog aber keine weiteren Kreise. Denn man stritt auch jetzt noch darüber, was die wahre tschechische Musik sei, die von Smetana oder die von Dvorák. Und ein Jude mit deutschem Nachnamen hatte da keine guten Karten, denn auch der Antisemitismus hatte die k.u.k.-Zeit überlebt. Aber auch hier half Max Brod (1884–1968), der vielseitige jüdische Prager Künstler und Intellektuelle, der eine deutsche Übersetzung der Oper schuf – tschechisch gesungen wurde damals nur an den tschechischen Bühnen der mehrsprachigen Tschechoslowakei. 1928 wurde Švanda dann erstmals auf deutsch in Breslau gespielt, und als Schwanda, der Dudelsackpfeifer ging das Werk dann um die Welt. Nicht nur über die deutschsprachigen Bühnen, wo es in der Saison 1929/30 noch vor Carmen und der Zauberflöte, der Fledermaus und den Wagneropern der bei weitem meistgespielte Titel war! Auch New York und London lernten die Oper in ihrer deutschen Fassung kennen. Švanda dudák war ein Kassenschlager, und Jaromír Weinberger, wohlhabend und berühmt, hatte er doch eine „Volksoper“ geschrieben, die auch das anspruchsvolle Publikum schätzte.

Was vor rund 100 Jahren „der bei weitem meistgespielte Titel“ war, ist heute von den Spielplänen der deutschsprachigen Bühnen weitgehend verschwunden. In Österreich war Graz durchaus führend: noch vor der Wiener Erstaufführung unter Clemens Krauss im Oktober 1930 wurde Schwanda im November 1929 (unter Oswald Kabasta) erstmals in Graz aufgeführt und auch nach dem 2.Weltkrieg gab es in Graz eine Schwanda-Produktion unter Ernst Märzendorfer.

Ich meine, dass die nunmehrige Neuinszenierung in Graz wohl auf eine persönliche Anregung der Intendantin Nora Schmid zurückgeht, die im Jahre 2012 an der Semperoper in Dresden Dramaturgin der dortigen Produktion war – siehe dazu den Trailer und den Livemitschnitt. Auch diesmal war sie selbst aktiv dabei: gemeinsam mit Bernd Krispin besorgte sie die Redaktion der deutschen Übertitel. So wie vor 10 Jahren in Dresden wurde nämlich auch jetzt in Graz die tschechische Originalversion aufgeführt, was dem musikalischen urtschechischen Duktus der Oper sehr gut tut.

 

 

Und diesmal gelang der Oper Graz wahrhaft eine rundum szenisch und musikalisch stimmige und vom Premierenpublikum heftig akklamierte Produktion, die sich in den folgenden neun Aufführungen bis März noch möglichst viel Publikum verdient. Das szenische Leading Team Dirk Schmeding – Inszenierung, Marina Segna – Bühne, Frank Lichtenberg - Kostüme, Beate Vollack – Choreographie, Sebastian Alphons – Lichtdesign, Krzystof Honowski - Video, Bernd Krispin – Dramaturgie. Im Programmheft liest man dazu: „Das Stück setzt stark auf Kontraste, auf einen collageartigen Mix unterschiedlichen Atmosphären – sowohl in der Msuik als auch in den Spielorten. Dieses märchenhafte Roadmovie erzählen wir auf einer großen Showbühne mit allem, was dazugehört, und an manchen Stellen überzeichnen und persiflieren wir das Geschehen“. Wie oft liest man in den Programmheften kluge Werkanalysen und Regieerläuterungen - diesmal wurden die Überlegungen des Teams auch absolut schlüssig und bühnenwirksam umgesetzt. Es waren ein reines Vergnügen – ohne jede Beeinträchtigung der Musik! Köstlich schon die Hühnervideos während des Vorspiels, aber auch die Verwandlung des Federviehs zu Pinguinen in der Welt der Eiskönigin oder die vermeintliche Schwanda-Hinrichtung auf einer Kasperlbühne.

 

 

Das Konzept konnte nur aufgehen, weil ein hervorragendes und ausdruckstark-spielfreudiges Solistenteam zur Verfügung stand: Petr Sokolov war glaubhaft der etwas naiv-simple Schwanda mit einem eher kraftvollen als eleganten Bariton (wie auf seiner eigenen Homepage zu lesen ist). Die in Graz schon durch Mimi und Gänsemagd in Humperdincks Königskinder bekannte und geschätzte Polina Pastirchak war mit klarem, wunderbar höhensicherem und eigenständig timbriertem Sopran eine resolute und liebenswerte Dorotka - und dann vor allem der Räuber Babinský mit dem in dieser Saison neu engagierten Tenor Matthias Koziorowski, der sich bei seinem allerersten Auftritt in Lehars Clivia die Achillessehne gerissen hatte und kurz vor der Premiere postete: Es ist nun genau sieben Wochen her, da ich das mit dem "Hals- und Beinbruch" leider viel zu wörtlich genommen habe. Dank einer gehörigen Portion Glück, toller Unterstützung aus meinem gesamten Umfeld, einer großartigen Physio, einem kreativen Regie-Team, welches aus der Not eine unterhaltsame Tugend gemacht hat und nicht zuletzt dank meines eisernen Willens und einer Maxi-Tube Voltaren, hüpfe ich heut Abend schon wieder über die Bühne. Koziorowski war als eine Art Showmaster der charismatische Drahtzieher des Abends, sang mit glänzenden Spitzentönen großartig und ist zweifellos ein Gewinn für das Grazer Haus.

Die Eiskönigin hätte eigentlich nach allen Ankündigungen das Ensemblemitglied Anna Brull singen sollen. Offenbar mußte sie kurzfristig absagen und so übernahm die Rolle für die ersten beiden Vorstellungen Ester Pavlů  aus Prag, die ihre Sache ausgezeichnet machte und mit slawisch-geschärftem Timbre auch die für einen Mezzo exponierten Spitzentöne überzeugend meisterte. Diese Rolle sang übrigens die damals 20-jährige Christa Luwig 1948 in Frankfurt – diese Aufführung ist hier dokumentiert!

 

 

Im köstlich-skurril übersteigerten Höllen-Akt (eine Hähnchengrill-Sauna mit einem sehr spielfreudigen Chor in drastischen Nacktkostümen) trat noch der begnadete Sängerdarsteller des Grazer Ensembles Wilfried Zelinka als drastischer und stimmmächtiger Teufel dazu und dominierte die Szene. Auch er hat große Vorgänger: 1935 sang diese Partie an der Wiener Staatsoper Richard Mayr.

Auch die kleinen Rollen waren sehr gut besetzt: Daeho Kim als Magier, Martin Fournier als Höllenhauptmann sowie Marlin Miller als Richter und der Chorsolist Sangyeon Chae. Dazu kam der prächtig disponierte und sehr spiel- und tanzfreudige Chor & Extrachor (Leitung: Bernhard Schneider).

 

 

Als Dirigent hatte man den 45-jährigen Tschechen Robert Jindra gewonnen, der ab September 2022 Musikdirektor in Prag wird. Ich hatte den Eindruck, dass er mit den groß besetzten Grazer Philharmonikern die Partitur sehr dynamisch und in den Fugen immer klar durchhörbar umsetzte. Der Schwung war mitreißend und das Orchester hörbar animiert. Zweifellos war es ein großer Abend der Oper Graz – am Ende uneingeschränkter Beifall im gut besetzten Haus. Dringender Rat: Kommen Sie und genießen Sie ein kaum bekanntes Werk in einer vorzüglichen Produktion!

 

Hermann Becke, 19.12. 2021

Fotos: Oper Graz, © Werner Kmetitsch

 

Als PS ein großes Kompliment an die Leistungsfähigkeit der Oper Graz:

 

Wie überall hatte natürlich auch in Graz die Coronasituation die Dispositionen und Spielpläne durcheinander gebracht. Laut den österrreichischen Regelungen durften Theater und Opernhäuser ab Montag, 13. Dezember wieder spielen – natürlich mit der sogenannten 2G-Regel und mit Tragen von FFP2-Masken während des gesamten Aufenthalts im Opernhaus. Die Oper Graz nutzte die Möglichkeit, wieder spielen zu dürfen sofort und intensiv: am ersten erlaubten Tag gab es im Foyer einen Musikalischen Aperitiv, an den beiden folgenden Tagen auf der Studiobühne zwei Ballettproduktionen, am dritten Tag im großen Haus die Premiere von Bizets Perlenfischer, die schon zweimal verschoben hatte werden müssen und am vierten Tag eine weitere Premiere – eben die hier besprochene Neuinszenierung von Schwanda, der Dudelsackpfeifer. Details siehe hier.

 

OPERNFREUND CD TIPP

 

Allein die superbe Besetzung lohnt den Kauf der Silberscheibe, die aber wohl aktuell vergriffen ist. Die tollen Aufführungen vor 2 Jahren in Gelsenkirchen im MiR und jetzt in Graz werden ihren Teill dazu beigetragen haben. Man kann aber davon ausgehen, daß Sony diese nochmal auflegt - immerhin ist der musikalische Stream bei Amazon verfügbar. Ich habe nochmal den wunderschönen TRAILER der MiR Aufführung hier einsehbar gemacht, die wir hinreissend besprochen hatten und sogar mit dem OPERNFREUND STERN versehen hatten. Pure Begeisterung!

 

Damals schrieb ich als Sternetext:

 

Jaromír Weinberger zählt zu den verbrannten Komponisten des Dritten Reiches, die leider bis heute nicht gebührend rehabilitiert wurden, daher gebührt dem Gelsenkirchener Intendanten Michael Schulz großer Respekt und Dank für diese wunderbare Ausgrabung einer herrlichen Oper, die eigentlich in jedes Repertoire gehört Das Regie-Team um Michiel Dijkema  hat meisterlich überzeugende und phantasievolle Arbeit geleistet. Man bewahrt den märchenhaften Charakter der Vorlage ohne modernisieren zu wollen. Regie und Bühne stellen sich verantwortungsvoll unter den Schirm der Werktreue und überzeugen statt zu verfremden, zu politisieren oder belehren zu wollen.

Guter Gesang, tolles Orchester und ein buntes schönes phantasievolles Bühnenbild, welches von Akt zu Akt wechselt und durch zauberhafte Effekte erfreut und überrascht. Eine Riesenbeifall alleine für das dritte Bild einer Matterhornspitze aus lauter lebenden Teufeln. So sollte Musiktheater sein!

Diese Oper ist eine wahre Entdeckung und jede Anreise wert. Sie verdient unbedingt einen festen Platz im Repertoire.

 

Hier geht es zur kompletten Kritik von 2019

 

Peter Bilsing, 20.12.2021

 

 

 

Neuer Grazer Opernintendant Ulrich Lenz ab 2023/24

Virtuelle Vorstellungspressekonferenz am 26.11.2021

 

 

 Die derzeitige Intendantin Nora Schmid leitet seit 2015/16 erfolgreich die Oper Graz. Sie wechselt nach Auslaufen ihres Grazer Vertrags ab 2024/25 als Intendantin an die Semper-Oper Dresden. Die Bühnen Graz – die Konzernleitung aller vier Grazer Bühnenbetriebe – berichten über die Ausschreibung der Intendanz der Oper Graz:

„Die Bühnen Graz haben mit Unterstützung der Personalberatung Granat Executive Search sowie unter Begleitung einer Jury, die Neubesetzung der Intendanz der Oper Graz ab der Saison 23/24 ausgeschrieben. Nach einem sorgfältigen Bewerbungsprozess und den daraus resultierenden Hearings mit Kandidatinnen und Kandidaten wurde einstimmig Ulrich Lenz als neuer geschäftsführender Intendant für die Oper Graz ab der Saison 23/24 vorgeschlagen. Die Eigentümer sind diesem Vorschlag gefolgt und haben in der Landesregierung und Stadtregierung sowie in der Generalversammlung die Bestellung von Herrn Lenz beschlossen und den Dienstvertrag genehmigt.“

In einer digitalen,allgemein zugänglichen Pressekonferenz über ORF-Steiermark wurde dieses Ergebnis am 26. November 2021 der Öffentlichkeit vorgestellt.

 

 

Dabei erfuhr man, dass es insgesamt 20 Bewerbungen gab. Die Auswahljury bestand aus der Aufsichtsratsvorsitzenden und dem Geschäftsführer der Bühnen Graz sowie drei renommierten internationalen künstlerischen Persönlichkeiten: Pamela Rosenberg, Stefan Herheim und Jossi Wieler. Am 17. und 18.November fanden in Graz die Hearings statt, wobei sich für die letzte Runde eine dreiköpfige Shortlist (2 Herren, 1 Dame) herausgebildet hatte. Aus dieser entschied sich die Auswahljury einstimmig für Ulrich Lenz. Dann folgten die formal notwendigen Beschlüsse der Generalversammlung und der Eigentümer – auch diese erfolgten alle einstimmig, sodass nun in der Presekonferenz die Öffentlichkeit informiert werden konnte. Man lernte den 51- jährigen Ulrich Lenz, derzeit Chefdramaturg an der Komischen Oper Berlin, als einen Menschen mit ruhig-sympathischer Ausstrahlung und glaubhafter Opern(und Operetten!)begeisterung kennen, der durch seine fünfjährige Tätigkeit am Landestheater Linz auch einen Österreichbezug hat. Allgemein wurde seine Bewerbung auch deshalb sehr gelobt, weil es keine Routinebewerbung war – Ulrich Lenz hatte sich intensiv und fundiert mit Graz, seiner Operntradition und dem regionalen und kulturellen Umfeld auseinandergesetzt. Auf eine Journalistenfrage, wie er mit dem bestehenden Ensemble umgehen werde, antwortete er diplomatisch-unverbindlich, dass ihm die Ensemblearbeit sehr wichtig sei und dass er keine Änderungen im Ensemble vornehmen werde, ohne sich mit jedem Einzelfall persönlich auseinandergesetzt zu haben. Aber natürlich werde er auch hier Akzente setzen, wie dies bei einem Intendantenwechsel üblich und auch gewünscht sei.

In einer Pressemeldung wurde Ulrich Lenz als graue Eminenz hinter dem großen Erfolg von Starregisseur Barrie Kosky an der Komischen Oper Berlin bezeichnet. Barrie Kosky gibt übrigens mit Ende dieser Saison die Intendanz der Komischen Oper Berlin ab und die Komische Oper Berlin – ein Fellner-Helmer-Bau wie Graz! - wird aus dem historischen Stammhaus in der Behrenstraße im Sommer 2023 ausziehen und generalsaniert. Wie mag sich das alles mit der Bewerbung von Ulrich Lenz zusammenfügen??

 

Insgesamt konnte man bei der Presekonferenz den optimistischen Eindruck gewinnen, dass die Oper Graz unter Ulrich Lenz weiterhin auf einem guten Weg sein wird – wir wünschen Ulrich Lenz und natürlich der Oper Graz, ihren Künstlerinnen und Künstlern sowie ihrem Publikum eine erfolgreiche Zukunft!

 

Hermann Becke, 27.11.2021

Fotos: Bühnen Graz,(c) Marija Kanizaj

 

Links:

-        Vollständige Aufzeichnung der Pressekonferenz (bis 30.11.2021 verfügbar)

 

 

 

 

Nico Dostal

CLIVIA

30.10. 2021 (Premiere)

 

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 „Die Macht des Schicksals“ war die Eröffnungspremiere der neuen Spielzeit an der Grazer Oper. Diese Oper von Giuseppe Verdi gilt nicht erst seit dem 4. März 1960, als auf der Bühne der Metropolitan Opera mitten im 2. Akt der Bariton Leonard Warren tot zusammengebrochen ist, als Unglücksoper. Nun, die Premiere der Verdi-Oper verlief ohne Probleme und war sogar ein großer Erfolg. Am Abend des 30. Oktober stand die Premiere der Operette „Clivia“ von Nico Dostal auf dem Programm. Aber an diesem Abend schlug die Macht des Schicksals zu. Da findet die Intendantin Nora Schmid einen tollen neuen Operettentenor, engagiert ihn als neues Ensemblemitglied, will ihn in einer glanzvollen Premiere herausbringen und dann reißt ihm beim ersten Auftritt die Achillessehne. Aber davon später …

War bis zum Ende der Donaumonarchie noch Wien die Stadt der Operette, verlagerte sich nach dem Ersten Weltkrieg der Schwerpunkt der Operette nach Berlin. Die Operette boomte, trotz der immer größer werdenden Konkurrenz des Films. Mit dem Aufkommen des Tonfilms jedoch verschärfte sich diese Konkurrenz noch mehr und die Machtergreifung der Nationalsozialisten im Jahr 1933 brachte noch eine weitere Zäsur in die Branche der Unterhaltungsmusik. Werke von jüdischen Komponisten wurden abgesetzt und verboten. Einer jener Komponisten, die nun die Chance ergriffen, in die erste Reihe vorzustoßen, war der 1895 in Korneuburg geborene und 1981 in Salzburg verstorbene Komponist Nico Dostal. Nachdem er als Theaterkapellmeister in Innsbruck, St. Pölten, Wien, Czernowitz und Salzburg tätig war, ging er 1924 nach Berlin, wo er sich der Unterhaltungsmusik zuwandte, im Musikverlagswesen tätig war und als freier Arrangeur unter anderem für Oscar Straus, Franz Lehár, Walter Kollo, Paul Abraham und Robert Stolz arbeitete. Daneben war Dostal als Kapellmeister und Komponist tätig und schrieb die Musik zu dem Film „Kaiserwalzer“.

Am 23. Dezember 1933 gelang ihm im Theater am Nollendorfplatz mit der Operette „Clivia“ der große Durchbruch. Der Inhalt nur in Kürze: Der Amerikaner H. W. Potterton, ein zwielichtiger Geschäftsmann, fürchtet um seine finanziellen Veranlagungen in der (fiktiven) Bananenrepublik Boliguay. nachdem im Zuge eines Militärputsches der amtierende Marionettenpräsident durch den General Juan Olivero gestürzt wurde, und dieser sich selbst zum neuen Präsidenten erhoben hat. Die Grenzen wurden für Ausländer geschlossen. Potterton ist jedoch fest entschlossen in Boliguay eine neue Revolution anzuzetteln, um wieder eine ihm genehme Marionettenregierung einsetzen zu können. Als Filmproduzent eines Westernfilmes, der gerade in der südamerikanischen Pampa gedreht wird,  kann er die Hauptdarstellerin Clivia Gray davon überzeugen, dass sie einen Staatsbürger aus Boliguay heiraten muss, damit die ganze Filmcrew Dreherlaubnis in diesem Land erhalten kann. Wie gut, dass der männliche Hauptdarsteller gerade abgesagt hat und durch den feschen Juan Damigo aus Boliguay ersetzt wurde. Was natürlich keiner weiß: Juan Damigo ist natürlich niemand anderer als Juan Olivero. Seine Cousine Jola ist übrigens die Anführerin der Amazonenarmee, die sich in den amerikanischen Sensationsreporter Lelio Down verliebt. Wie in der Operette üblich, gibt es natürlich ein Happyend mit zwei glücklichen Paaren.

Nico Dostal hat dazu sehr schöne Musik geschrieben, beginnend mit einem schmissigen Bolero als Ouvertüre. Dostal verstand es auch Tangos, Paso dobles und die spanische Jota mit  Charleston, Foxtrott, Walzer und Marsch zu verbinden. Die eingängigen Melodien sind überaus farbig instrumentiert. Damit gelang ihm eine lebendige Komödie, die die Suche nach dem privaten Glück mit spielerisch-erotischen Verwirrungen vor dem pseudorealen Hintergrund der Filmindustrie vereint.

Mit Graz verbindet Nico Dostal doch Einiges, auch wenn er nie am Opernhaus als Dirigent aufgetreten ist. Sein Frühwerk „Lagunenwalzer“ wurde hier 1923 uraufgeführt. Zwölf Jahre später folgte seine Operette „Die Vielgeliebte“. Und am 5. Februar 1938, nur kurz vor dem Einmarsch der deutschen Truppen in Österreich, erlebte „Clivia“ ihre Grazer Erstaufführung. Trotz des großen Erfolges wurde die Produktion nach nur drei Vorstellungen abgesetzt, wohl weil einer der beiden Librettisten (F. Maregg) Jude war (1933, bei der Uraufführung in Berlin, ging das gerade noch durch). 1953 wurde „Clivia“ nochmals an der Grazer Oper gespielt. Nun kehrt die Operette nach fast 70 Jahren wieder in den Spielplan zurück.

Während der Ouvertüre verwandelt sich der eiserne Vorhang in eine Kinoleinwand und zeigt die Filmaufnahmen, die von dem Western bereits „im Kasten“ sind. (Dass die Crew der Grazer Oper, allen voran Sieglinde Feldhofer, viel Spaß an den Filmaufnahmen hatte, das sieht man!) Der Bühnenbildner Volker Thiele stellt später eine meterhohe Mauer auf die Bühne, die Boliguay vor Ausländern abschirmen soll. (Von so einer Mauer konnte Donald Trump nur träumen!) Das Palast-Hotel in Boliguay ist durch raffiniert drapierte Vorhänge angedeutet, die gleichzeitig genügend Bewegungsfreiheit für die Darsteller bieten. Die prächtigen Kostüme sind von Gabriele Rupprecht.

Unter Bananenrepubliken sind abwertend jene Staaten gemeint, in denen Korruption und Bestechlichkeit gepaart sind mit fragwürdigen politisch-moralischen Verhältnissen. Der Regisseur Frank Hilbrich hätte auch aus Aktualitätsgründen der Versuchung erliegen können,  die Handlung mitten in Europa spielen lassen zu können. Allerdings hätten die südamerikanischen Rhythmen nicht gerade zu einer Alpenrepublik mit einem Kurz-Zeit-Kanzler gepasst. Also befinden wir uns tatsächlich in einer fiktiven Bananenrepublik. Auch das Spiel mit den Geschlechtern (Männer in Frauenkostümen, Frauen in Männerkostümen), das typisch für die Berliner Operette der 20er und 30er Jahre war, darf nicht ausgelassen werden. Und so erobert der Sensationsreporter die Anführerin der Amazonenarmee erst, als er ihr in Frauenkleidern naht.

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Sieglinde Feldhofer hat mit der Clivia eine neue Traumrolle gefunden, in der sie hinreißend und charmant, glamourös und leidenschaftlich liebend sein darf, einen großen Filmstar mimen darf und am Schluss doch auf alles zugunsten der Liebe verzichtet, denn natürlich hat sie sich unsterblich in den anfangs ihr aufgezwungenen Ehemann verliebt. Stimmlich kann sie wie immer aus dem Vollen schöpfen. Den Schlager „Man spricht heute nur noch von Clivia!“ wird man lange Zeit jetzt nur noch mit ihr assoziieren. Als Juan Damigo alias Juan Olivero debütiert der deutsche Tenor Matthias Koziorowski an der Grazer Oper, an der auf ihn in der nächsten Zeit schöne Aufgaben warten (wie z.B. der Räuberhauptmann Babinsky in Weinbergers „Schwanda, der Dudelsackpfeifer“). Großgewachsen, gut aussehend und mit einem schmelzreichen Tenor, der über strahlende Höhen verfügt, ausgestattet, eignet er sich ganz ausgezeichnet auch für die Operette. Und dann passierte es bereits beim ersten Auftritt: die Achillessehne riss … Ich will mir gar nicht vorstellen, unter welchen Schmerzen er bis zur Pause tapfer weitersang und sich humpelnd irgendwie über die Bühne schleppte. Nach der Pause kündigte die Intendantin Nora Schmid an, dass sich der Tenor bereit erklärt hat die Vorstellung zu Ende zu singen, allerdings würde im 2. Teil der Regieassistent Florian Kutej spielen und tanzen (während sich der Sänger, auf einen Stock gestützt, entweder neben dem Darsteller oder auf der Seite befand). Anna Brull durfte als Anführerin der Amazonenarmee nicht nur eine strenge Domina sein, sie durfte auch noch (gemeinsam mit dem Tenor) in ihrer Muttersprache Spanisch sprechen. Ivan Oreščanin durfte mit blonder Perücke als Sensationsreporter über die Bühne fegen und sieht auch in Frauenkleidern gut aus. Markus Butter durfte als H. W. Potterton einmal so einen richtig unsympathischen Typen darstellen. Ja, und dann verirrte sich noch ein waschechter Wiener nach Boliguay. Bereits bei der Grazer Erstaufführung hatte man die komische Figur des Berliners Gustav Kasulke eingewienert. Nun irrt der wirklich komische Gerald Pichowetz aus Kaisermühlen durch Boliguay und will Mr. Potterton das Patent für seine Erfindung (eine Schlafmaschine!) andrehen. Die Lacher sind ihm dafür gewiss. Martin Fournier in mehreren Rollen, sowie viele Solisten aus dem Chor sind in kleineren Partien (köstlich: Markus Murke, Daniel Käsmann und Richard Jähnig als „Herren im Domino“) mit viel Spielfreude bei der Sache. Der Chor und das Ballett der Grazer Oper tragen ebenso zum großen Erfolg des Abends bei wie die Grazer Philharmoniker, die unter dem Dirigenten Marius Burkert mal so richtig swingen durften.

Am Ende wurden alle Beteiligten gebühren gefeiert. Der Jubel konzentrierte sich natürlich auf die wundervolle Sieglinde Feldhofer und ganz besonders herzlich auf die beiden Juans: Matthias Koziorowski und Florian Kutej. Möge sich der Tenor bald von seiner Verletzung erholen und wieder uneingeschränkt auf der Bühne stehen.

 

Walter Nowotny 20.11.2021

 

Mit besonderem Dank an unseren Kooperationspartner MERKER-online

 

Sieglinde Feldhofer (c) Photowerk

 

 

 

 

DIE MACHT DES SCHICKSALS

Bildgewaltiges Spektakel - Stimmenglanz

7. Oktober 2021 (2. Vorstellung nach der Premiere vom 2. Oktober)

 

 

Alle Ankündigungen der Oper Graz für die Eröffnungspremiere der Saison 2021/22 lauten Die Macht des Schicksals, sodass man vermuten könnte, das Verdi-Werk werde wie vor Jahrzehnten in deutscher Sprache aufgeführt. Dem ist natürlich nicht so, aber wahrscheinlich meinten Intendanz und Dramaturgie, mit dem deutschen Titel könne man vielleicht auch Publikum in die Oper bringen, das wenig opernaffin ist und mit La Forza del Destino nichts anzufangen weiß. Ich konnte die Premiere nicht besuchen. Da war ich in Stuttgart beim Rosenkavalier (wen's interessiert, kann hier meinen Bericht nachlesen). Mein Bericht über die zweite Vorstellung der Grazer Neuproduktion: Das szenische Leadingteam (Eva-Maria Höckmayr-Inszenierung, Momme Hinrichs-Bühne&Videodesign, Julia Rösler-Kostüme, Olaf Freese-Licht, Marlene Hahn, Alexander Meier-Dörzenbach-Dramaturgie) hat dem Werk eine Bilder-und Videoflut samt Neudeutungen übergestülpt. In einem Gespräch hatte die Regisseurin dies als großes bildgewaltiges Musiktheater bezeichnet. Auf der Homepage der Oper Graz kann man nicht nur dieses Gespräch abrufen, sondern auch viele Produktionsfotos und die Pressestimmen über die Premiere finden. Ich will daher nicht neuerlich über die Inszenierung schreiben, sondern an den Anfang meines Berichts diesmal einfache eine (kommentierte!) Bilderflut stellen – ich denke, das spricht für sich!

 

 

 

Und nachdem Sie diese Fotos durchgesehen haben, empfehle ich dringend, dieses Video (vor allem ab Minute 23) anzuschauen, in dem Elisabeth Kulman mit Christian Thielemann spricht. Thema: Die Video-Clippisierung der Oper (ein Ausdruck von Thielemann). Dann kennen Sie auch meine Meinung zum Grazer Inszenierungskonzept! Die Grazer Intendantin Nora Schmid, die ja ab 2024/25 die Intendanz der Semperoper übernehmen wird, wird sich mit Thielemanns Sichtweise nicht in der Praxis auseinandersetzen müssen: Christian Thielemann verlässt Dresden, wenn Nora Schmid als neue Intendantin kommt!

 

 

 

Wie in den letzten Jahren so oft, waren auch diesmal wieder die musikalischen Leistungen sehr erfreulich und auf hohem Niveau.

Aurelia Florian war eine ganz ausgezeichnete Leonore. Mit ihrem dunklen Sopran beherrschte sie nicht nur die dramatischen Ausbrüche, sondern verstand auch, wunderschöne lyrische Phrasen zu gestalten. Ihr ebenbürtig war Jordan Shanahan . Er war  mit seinem markanten Charakter-Bariton eine ideale Verkörperung des nach Blutrache dürstenden Bruders. Seine strahlenden Spitzentöne beeindruckten ebenso wie seine Fähigkeit, große Legatobögen zu spannen.Aldo di Toro war sein Rivale Alvaro, der über absolut sichere metallische Spitzentöne verfügt. Nur im Piano – etwa beim lyrischen Aufstieg Oh, tu che in seno agli angeli in seiner großen Arie zu Beginn des 3.Aktes – hatte er ein wenig Schwierigkeiten, sein heldisches Material zu zentrieren. Man kann sich übrigens sehr gut vorstellen, dass die beiden Herren im Vorjahr in Bern ein großartiges Paar Otello/Jago waren. Timo Riihonen war ein würdiger Pater Guardian. Diesmal fiel mir allerdings auf, dass im Piano und im mezzoforte die Stimme nicht immer so ganz gestützt war und damit etwas flach. Da bestand dann die Gefahr von Intonationstrübungen. Im Forte waren die Spitzentöne makellos. Alle vier Gäste kennt man schon aus verschiedenen Produktionen in Graz, sodass sie gleichsam zum erweiterten Ensemble gehören. Die übrigen Partien waren ausgezeichnet aus dem Ensemble besetzt. Da sei als erste Mareike Jankowski genannt. Sie war zunächst im Opernstudio und ist nun seit 2 Jahren fix im Grazer Ensemble. In dieser Inszenierung war sie als Preziosilla und personifiziertes Schicksal praktisch durchgehend auf der Bühne. Sie verfügt über ein reiches Stimmmaterial und bewältigte die stimmlich exponierte Partie sehr gut. Nur ganz zu Beginn forcierte sie ein wenig – da waren die Spitzentöne (immerhin H!) ein wenig gefährdet. Neven Crnić ließ sich als indisponiert entschuldigen. Dennoch bewältigte er die Partie des Melitone (samt der großen und früher oft gestrichenen Bettlerszene im 4.Akt) ganz ausgezeichnet. Auch die kleinen und kleinsten Partien waren stimmlich exzellent besetzt – vom Marchese des  Wilfried Zelinka über den Trabucco von Mario Lerchenberger bis zum chirurgo des Dariusz Perczak und zur szenisch ungemein aufgewerteten Curra von Corina Koller. Spezielles darstellerisches Profil konnten weder die Hauptrollen noch die Nebenrollen entwickeln, zu sehr waren sie in das Regiekonzept gezwängt. Chor & Extrachor der Oper Graz (Leitung: Bernhard Schneider) bewährten sich außerordentlich – man ist geneigt zu sagen: wie immer. Die musikalische Gesamtleitung hatte der erstmals in Graz auftretende junge Italiener Matteo Beltrami. Mit den glänzend disponierten Grazer Philharmonikern vermittelte er authentischen Verdi-Klang mit vielen feinen Details und viel Gespür für die Solisten. Insgesamt war es von der Ouvertüre weg ein sehr breit angelegtes Musizieren, dem ich manchmal mehr Vorwärtsdrängen gewünscht hätte.

Das recht gut besuchte Haus spendete am Ende reichen Beifall – musikalisch war es ein sehr guter Abend, dessen Besuch sehr zu empfehlen ist – es gibt bis zum Jahresende noch 10 Vorstellungen.

 

Hermann Becke, 8.10.2021

Fotos: Oper Graz

 

 

LA FORZA DEL DESTINO           

Aufführung am 2.10. (Premiere)

 

Wieder einmal ist auch bei dieser Eröffnung der neuen Grazer Saison vom qualitativen Unterschied zwischen Inszenierung und musikalischer Umsetzung zu berichten, obwohl es bei der an sich diskutablen Regie auch immer wieder überzeugende Einfälle gab. Regisseurin Eva-Maria Höckmayr suchte wohl die Interpretation einer balladenartigen Erzählung, wie sie von Verdi angestrebt wurde. Dies gelang ihr mit Hilfe des Videodesigns von Momme Hinrichs in den großen Tableaux sehr gut, wo Chor und bekannte Gemälde aus dem 16. und 17. Jahrhundert zu einem beeindruckenden Ganzen ineinander flossen. Hier seien vor allem die Schenkenszene und die beiden Bilder mit dem Auftritt des Melitone genannt. Umgekehrt schien die Regisseurin die mit Waffen durchgeführte Auseinandersetzung zwischen Don Alvaro und Don Carlos zu fürchten, denn diese Szenen waren eher durch beliebig erscheinende Raufhändel angedeutet.

Aus dem Programmheft war zu entnehmen, dass eine weißhaarige Erscheinung, die im ersten Bild die Einwürfe der Zofe Curra sang und dann immer wieder auftauchte, Leonora war, die ihr Leben in der Erinnerung ablaufen ließ. Leonora wird aber auch in dieser Produktion im letzten Bild durchaus textgetreu von ihrem Bruder Carlo erstochen. Deshalb hielt ich die Figur den ganzen Abend lang für Curra, was mir immer noch als logischer erscheint. Geschmackliche Ausrutscher fielen in die Kategorie „unlogisch“, wie etwa Padre Guardiano, als Angehöriger eines Franziskanerordens (!) im Bischofslook, oder die Revue-Tanzeinlage von Preziosilla mit dem Alcade am Schluss der Schenkenszene.

Preziosilla wird übrigens zu einer die Bühne beherrschenden Figur, denn sie verkörpert das im Titel des Werks beschworene Schicksal: Sie lenkt die tödliche Kugel auf Calatrava, als Don Alvaro seine Pistole von sich wirft, und ist bei den einzelnen Szenen so lange dabei bis sie sich im vorletzten Bild befriedigt im Stil einer ins Gegenteil verkehrten Friedenstaube in die Höhe verabschiedet. Die positiven Seiten dieses Regieansatzes sind ein „Evviva la guerra“ und „Rataplan“, deren heute schwer akzeptierbare kriegstreiberische Seiten weniger individuell polarisiert und damit verdaulicher erscheinen.

Die musikalische Umsetzung stand, wie erwähnt, weitaus höher als die szenische. Mit den Grazer Philharmonikern entwickelte Matteo Beltrami eine Spannung, die vom ersten bis zum letzten Takt des langen Werks anhielt. Die militärisch inspirierten Teile ließen in ihrem brillanten Schwung geradezu atemlos zurück, die großen lyrischen Phrasen hatten den nötigen langen Atem und deckten die Wurzeln zu Verdis großem Sittengemälde auf. Gleich danach muss der Chor und Extrachor der Oper Graz unter der Leitung von Bernhard Schneider genannt werden, bei dem Stimmkraft, Präzision und nicht zuletzt darstellerische Lust eine hinreißende Einheit ergaben.

Auch die Auswahl der Rollenbesetzung, teilweise mit Gästen, war sehr gelungen. Als Leonora hörte man die Rumänin Aurelia Florian, die nach kurzer Unterbrechung ihrer bis dahin erfolgreichen Karriere (etwa mit „La Rondine“ in Berlin) den Weg in dramatischere Gefilde einschlägt, was in Graz mit großem Erfolg honoriert wurde. Ihr weich strömender, samtiger Sopran erfüllte strahlend alle gesanglichen Anforderungen. Dazu kam eine überzeugende Darstellung, was ab dem 2. Bild im seltsamen Kostüm à la Cherubino (Julia Rösler) wohl nicht immer leicht war. Aldo Di Toro, Australier mit Wurzeln in den italienischen Abruzzen, gab einen Alvaro mit nie ermüdendem Höhenstrahl. (Warum er das erste Bild im Torerolook bestreiten musste, bleibt ein Geheimnis zwischen Regisseurin und Kostümbildnerin). Der Don Carlo des aus Hawaii stammenden Baritons Jordan Shanahan ließ aufhorchen, denn hier fanden sich gesundes, technisch gut eingesetztes Material mit überzeugend aristokratischem Auftreten zusammen. Ein weiterer Gast war der Finne Timo Riihonen als imposanter Padre Guardiano, dessen der großen Basstradition seines Landes folgendem Organ man eine stärker dem Schöngesang verpflichtete Technik wünschen würde. Aus dem Ensemble fand die so vielfach eingesetzte Preziosilla in dem Mezzo Mareike Jankowski eine ausgezeichnete, zwischen Frivolität und Düsternis schwankende Verkörperung, die sie mit ihrer dunklen, höhensicheren Stimme zum Erfolg führte. Der Melitone von Neven Crnic war von der Regie im Stich gelassen, sodass zwischen den Möglichkeiten des bösartig eifernden Mönchs und einer eher der Buffotradition verbundenen Variante eine, auch stimmlich, eher farblose Interpretation zustande kam. Die Comprimari Corina Koller (Curra), Ivan Orescanin (Alcade) und Mario Lerchenberger (Trabucco) ließen nichts zu wünschen übrig.

Diese Saisoneröffnung fand große Zustimmung und viel Jubel. Möge die weitere Saison so gelingen.  

                                                                                                   

Eva Pleus 17.10.21

 

 

  

 

KONTRASTREICHE SAISONERÖFFNUNG

mit GEORG FRIEDRICH HAAS und RICHARD STRAUSS

25. September 2021

 

Seit Jahren pflegen die Grazer Philharmoniker und die Oper Graz die gute Tradition, die Saison mit einem repräsentativen Orchesterkonzert zu eröffnen. Ab der Saison 2020/21 hat der in Dresden ausgebildete Roland Kluttig den Posten als Chefdirigent der Grazer Philharmoniker inne. Beim Abschiedskonzert seiner Vorgängerin Oksana Lyniv mit Kammermusikalischem von Richard Strauss im Juni 2020 musste corona-bedingt die Besucherzahl im prächtigen, fast 1400 Plätze fassenden Grazer Opernhaus auf 100 (!) beschränkt werden. Gut ein Jahr später durften diesmal unter Einhaltung der notwendigen Sicherheitsbestimmungen wieder alle Plätze vergeben werden. Und das Grazer Publikum – offenbar ausgehungert nach Live-Musikerleben - kam erfreulicherweise wieder in großer Zahl. Das Opernhaus war wohl nicht ausverkauft, aber sehr gut gefüllt.

Es gab ein wahrlich kontrastreiches und effektvolles Programm:

Georg Friedrich Haas: concerto grosso Nr.1 für 4 Alphörner und Orchester (2014)

Richard Strauss: „Eine Alpensinfonie“, op. 64 (1915)

 

 

Roland Kluttig hatte in diesem August sehr kurzfristig und mit einhelligem Erfolg bei Publikum und Presse ein Konzert mit dem ORF-Radiosymphonieorchester Wien bei den Salzburger Festspielen übernommen. Die Frankfurter Allgemeine schrieb darüber u.a.: Roland Kluttig, einer der wenigen Dirigenten weltweit, der neueste Musik genauso versiert aufführen kann wie Beethoven, Wagner und Sibelius.

An diesem Grazer Eröffnungsabend konnte man eindrucksvoll erleben, dass dieses Presselob sehr berechtigt ist. Roland Kluttig überzeugte mit den sehr gut disponierten Grazer Philharmonikern sowohl bei den subtil-filigranen Klangschwebungen von Georg Friedrich Haas als auch bei den üppig-spätromantischen Emanationen von Richard Strauss.

Den Abend eröffnete das 2014 in München uraufgeführte Concerto grosso Nr. 1 von Georg Friedrich Haas als Grazer Erstaufführung. Es ist ein Werk für großes Orchester in der Besetzung 3 3 3 3 - 6 3 3 1 - Pk, Schl(3) - Streicher (12 10 8 6 6) und für 4 Alphörner. Schon rein optisch ist das im wahrsten Sinne des Wortes bühnenfüllend und -wirksam!

 

 

Georg Friedrich Haas nannte in einem Interview sein Werk eine Art Schule des Hörens. Da war es sehr hilfreich, dass vor Konzertbeginn Roland Kluttig und die Alphornsolisten nicht nur die exotischen Soloinstrumente vorstellten, die auf ganz unterschiedlichen, auch vierteltönig verschobenen Grundtöne gestimmt sind, sondern dem Pubikum auch Tonbeispiele boten, die uns in die subtile Klangwelt ein wenig einführten. Zusätzlich gibt es auf der Homepage der Universaledition, wo das Werk verlegt ist, den link zu einem 7-Minuten Video mit Hörproben und Erklärungen des Komponisten – allen Interessierten sehr zu empfehlen!

Über das HORNROH modern alphornquartet ist auf seiner Homepage zu lesen:

…. wurde im Sommer 2000 anlässlich eines Engagements der Opernfestspiele München von vier professionellen Bläsern aus Basel gegründet mit dem Anspruch, traditionelle Alphornmusik mit modernem, zeitgenössischem Denken und Spielen zu verknüpfen.Dieses Quartett hatte nicht nur die Uraufführung in München gespielt, sondern auch die bisherigen Aufführungen z.B in Zürich, Berlin, Wien und Los Angeles. Es war höchst eindrucksvoll, diese Spezialisten zu erleben.

Zwei Anmerkungen des zwar recht hörerfahrenen, aber nicht mit einem absoluten Gehör beschenkten Referenten: den Ausführenden ist es offenbar ausgezeichnet gelungen, durchgehend die vom Komponisten geforderte Illusion eines Klangkontinuums zu wahren. Roland Kluttig schaffte es mit ruhiger und klarer Zeichengebung, die Klangflächen sowohl in dynamischer als auch in rhythmischer Hinsicht bemerkenswert bruchlos aufzubauen. Nicht nur die erprobten Solisten, sondern auch das rund 70-köpfige Orchester waren mit großer Konzentration und bewundernswerter Homogenität am Werk, sodass selbst die vom Komponisten geforderten extrem reibungsvollen Intervalle ästhetisch reizvoll, ja „schön“ waren. Eine Äußerung einer Dame im Publikum überraschte mich: „Sehr spannend, aber pessimistisch“ Diese emotionelle Einschätzung passt zu einem Satz von Reinhard Kager im Programmheft: Ein Hauch von Vergeblichkeit liegt in dieser Musik, die leise an die Unmöglichkeit gemahnt, den perfekten Zusammenklang, geschweige denn das harmonische Zusammenleben der Menschen je erreichen zu können.

 

Nach der Pause machten wir einen deutlichen Schritt in der Musikgeschichte zurück. Die Alpensinfonie von Richard Strauss wurde rund 100 Jahre vor dem Haas-Werk uraufgeführt, wobei die Entstehungsgeschichte noch weiter zurück reicht. War das Orchester schon bei Haas groß besetzt, so erreichen die Wünsche von Richard Strauss eine geradezu monströse Größe. Insgesamt werden laut Strauss’ Angaben mindestens 107 Musiker benötigt. Aus den Anweisungen des Komponisten, manche Instrumente über das Minimum hinaus womöglich zu verstärken und für das Fernorchester hinter der Bühne eigene Musiker vorzusehen, ergäbe sich nach den Vorstellungen Strauss’ eine Optimalbesetzung von 129 Musikern oder noch mehr. Nun: Graz hat für die Alpensinfonie 103 Orchestermitglieder aufgeboten – das reichte meiner Überzeugung nach vollkommen, um im Grazer Opernhaus ein gültiges Klangbild zu vermitteln.

 

 

Roland Kluttig hat die Klangmassen klug disponiert. Die Grazer Philharmoniker waren genau so konzentriert wie vor der Pause bei der Sache: die Streicher vermittelten den gebührenden Richard-Strauss-Sound und das warm timbrierte Blech glänzte. Roland Kluttigs Dirigieren ist für mich höchste deutsche Kapellmeisterkultur im besten Sinne des Wortes - unpathetisch und allürefrei. Wir können uns freuen, was wir in dieser Spielzeit von ihm noch erwarten können: nämlich Moderne mit der österreichischen Erstaufführung der Oper von Georg Friedrich Haas Morgen und Abend (Premiere am 12. Februar 2022) und Romantik mit Richard Wagners Der Fliegende Holländer (Premiere am 23.April 2022)

Über die Alpensinfonie wurde viel Lobendes und viel Kritisches geschrieben. Ich tendiere da zu der Einschätzung des jungen Ernst Krenek, der als Vierzehnjähriger Also sprach Zarathustra in Wien erlebt hatte und vom bombastischen, pseudophilosophischen Diskurs ziemlich enttäuscht war (Ernst Krenek: Im Atem der Zeit - Erinnerungen an die Moderne, Hoffman und Campe, Seite 102).

 

Beim Grazer Saisoneröffnungskonzert gab es jedenfalls sowohl für Georg Friedrich Haas als auch für Richard Strauss kräftigen und anhaltenden Applaus, der wohl vor allem auch den Grazer Philharmonikern und ihrem Chefdirigent Roland Kluttig galt.

 

Hermann Becke, 26. 9. 2021

Fotos: Oper Graz © Oliver Wolf

 

Zwei außermusikalische Informationen seien gerade in Graz gestattet, nicht nur weil Georg Friedrich Haas in Graz geboren ist und seinen Komponistenweg hier begonnen hat, sondern weil sie auch zeitlich in die Entsstehungszeit des heute gehörten Werks fallen:

Es sind dies seine Äußerungen zur Nazi-Zeit:

Rede von Georg Friedrich Haas zum Festakt „50. steirischer herbst“ am14. September 2017

Und es ist dies der Film The Artist&The Pervert samt Trailer

 

Wer sich also nicht nur mit dem musikalischen Werk von Georg Friedrich Haas, sondern auch mit seiner Persönlichkeit auseinandersetzen will, dem steht es frei, diesen links nachzugehen.

 

 

 

JEAN SIBELIUS

DER STURM

Bühnenmusik zu Shakespeare - Orchester, Rezitation und Gesang

 

11. Juni 2021, Premiere & Grazer Erstaufführung

 

 

Die Oper Graz setzt ihre Tradition fort, bei konzertanten Aufführungen prominente Persönlichkeiten aus Schauspiel und Film einzuladen - das ist grundsätzlich immer eine Bereicherung und bringt zusätzliche Bühnenatmosphäre in die Konzertsituation. Bei Griegs Peer Gynt waren dies im Jahr 2016 Cornelius Obonya und Sunnyi Melles, 2018 war es Maria Happel bei Bernsteins Candide und 2019 führte Birgit Minichmayr durch Webers Oberon. Diesmal waren es gleich drei profilierte Schauspielgäste, die uns Shakespeares Sturm in der Bühnenmusik von Jean Sibelius vermittelten: Anne Bennent, Markus Meyer und Sebastian Wendelin . Shakespeares „Der Sturm“ wurde in einer Textfassung und szenischen Einrichtung von Laura Olivi und unter der musikalischen Gesamtleitung von Chefdirigent Roland Kluttig aufgeführt. Immer freue ich mich, wenn ich ein mir bisher völlig unbekanntes Bühnenmusikwerk erstmals erleben kann. Gott sei Dank gibt es eine eigene Sibelius-Homepage und dort konnte ich zur Vorbereitung über dieses nur sehr selten aufgeführten Werks lesen:

Der Sturm (Myrsky) entstand angeblich aus einem äußerlichen Anstoß, als Sibelius’ dänischer Verleger Wilhelm Hansen sich im Mai 1925 erkundigte: „Haben Sie Musik für das Schauspiel Der Sturm (Myrsky) komponiert? Det Kongelige Teater in Kopenhagen beabsichtigt dieses Schauspiel aufzuführen und möchte möglicherweise Ihre Musik einsetzen.“ Interessant ist auch, dass der 1919 gestorbene Freund und Mäzen, Axel Carpelan, schon 1901 vorgeschlagen hatte: Herr S., sollten Sie nicht irgendwann mal Ihr Interesse auf die Dramen von Shakespeare richten… Der Sturm würde gerade Ihnen gut passen: Prospero (Zauberer), Miranda, Geister der Erde und Luft usw.“ Ebenso wie Sibelius die von Carpelan empfohlene „Waldsymphonie" in seinem Tapiola verwirklichte, mag auch das Thema des Schauspiels Der Sturm (Myrsky) ihn schon lange beschäftigt haben und er hatte keine Schwierigkeiten sich mit dem Schicksal Prosperos, des alternden Künstlers, zu identifizieren. Die Partitur des neuen Bühnenmusikwerkes entstand überraschend schnell, im Herbst 1925, teilweise vielleicht Anfang des folgenden Jahres. Die über eine Stunde dauernde Bühnenmusik ist für Singstimmen, gemischten Chor, Harmonium und großes Orchester komponiert. Die Musik umfasst insgesamt 36 Nummern. Die Uraufführung war am 15. März 1926 in Kopenhagen und insbesondere die Musik des Schauspiels war ein Erfolg und sie wurde für gelungen gehalten: ,Shakespeare und Sibelius, diese zwei Genies, haben einander gefunden'.“

Die Bühnenmusik wurde seit der dänischen Uraufführung nur mehr sehr selten aufgeführt, man beschränkt sich heute meist auf die Orchestersuite, die Jean Sibelius daraus selbst zusammengestellt hatte. Soweit ich das überblicke, wurde die Bühnenmusik von Sibelius in den letzten Jahrzehnten im deutschen Sprachraum nur zweimal aufgeführt: Im Jahr 2009 gab es in Freiburg ein Bühnenspektakel und dann gab es 2016 in der Tonhalle Düsseldorf erstmals jene Fassung, die nun auch in Graz zu erleben war. Die italienische, seit Jahren in München wirkende Dramaturgin Laura Olivi hatte die 36 Musikstücke der Bühenmusik von Sibelius mit Textausschnitten von Shakespeares Sturm (in der Übersetzung des im Vorjahr verstorbenen Frank Günther – er hatte alle Shakespeare-Werke in den Siebziger-Jahren neu übersetzt) sehr effektvoll und aufführungstauglich verwoben. Ich vermute, man hatte aus den Erfahrungen der Erstaufführung in Düsseldorf, die zwiespältig aufgenommen worden war und wo das Konzertante im Vordergrund stand, gelernt, und man hatte Laura Olivi nach Graz eingeladen, diesmal die szenische Einrichtung zu übernehmen und theatralische Akzente zu setzen. Sie stellte sehr geschickt die drei brillanten Schauspielpersönlichkeiten in den Mittelpunkt des Abends.

 

 

Mit wenigen markanten Kostümteilen und Requisiten entstand auf der großen Bühne des Grazer Opernhauses, an die noch der überdeckte Orchesterraum anschloss, von Beginn an eine märchenhaft-skurrile Bühnenatmosphäre. Eine Reihe der Orchester- und Chormitglieder war mit großen Federn oder Fähnchen dekoriert und der Dirigent trug bei der stürmischen Meeresouvertüre eine Seemannskappe. Im Meerssturm wankte die großartige Anne Bennent mit einem Segel auf dem Rücken durch die Zuschauerreihen auf die Bühne. Man man war sofort in Bann gezogen. All diese Effekte wurden durchaus mit subtilem Feingefühl eingesetzt und sorgten dafür, dass man sich als Publikum tatsächlich auf die einsame Insel des Zauberers Prospero versetzt fühlte. Wunderbar, wie sich zum Beispiel Markus Meyer durch Wechsel der Kopfbedeckung vom Prospero zum feindlichen König Alonso oder Sebastian Wendelin durch Überziehen einer Maske vom Königssohn Ferdinand in das Ungetüm Caliban verwandelten. Überaus eindrucksvoll ist die außergewöhnliche Wandlungsfähigkeit von Anne Bennent, die gleich sechs verschiedene Rollen zu verkörpern hatte.

 

 

Ich war auch sehr erleichtert, dass diesmal keinerlei Mikrophone oder Microports eingesetzt wurden. Anne Bennent hatte mit ihrer an sich zarten und ungeheuer modulationsreichen Stimme keinerlei Problem sich im großen Raum akustisch durchzusetzen. Durch das Fehlen der elektronischen Verstärkung war der Kontakt der Bühnenfiguren mit dem Publikum ganz unmittelbar und stark. Die Gesangssolisten traten für ihre jeweils nur kurzen Gesangsnummern in Abendkleidung vor das Orchester und schufen damit einen erfrischenden, geradezu romantisch-ironisierenden Kontrast zu den drei Bühnenfiguren. So enstand – sicher sehr im Sinne von Jean Sibelius! - eine interaktive Schlüssigkeit von Sprache, Musik und Gesang“, die ein Kritiker in Düsseldorf vor fünf Jahren vermisst hatte.

 

 

Für mich stand zwar die schauspielerische Brillanz im Vordergrund, das bedeutet aber nicht, dass nicht auch musikalisch sehr Schönes und Erfreuliches geleistet wurde. Unter den insgesamt 36 Nummern des Werks sind nur 8 Nummern für Solostimmen.Die dankbarste Partie ist dem Mezzosopran zugeordnet, der fünf Lieder des Ariel zu singen hat. Mareike Jankowski tat dies mit warmer und höhensicherer Stimme. Bei den Männerstimmen dominiert der Bariton Markus Butter, der souverän sein Trinklied präsentiert und sich mit den Tenören Albert Memeti und Martin Fournier zum prägnanten, fast Commedia-dell'arte-ähnlichen Kanon der Saufbrüder verbindet. Sie alle singen ihren Part auswendig in der sicher nicht leicht zu artikulierenden dänischen Sprache des Originals. Die sehr kurze, aber effektvolle Arie der Göttin Juno singt Tetiana Miyus mit opernhafter Pose. Der stark besetzte Opernchor wird nur in den ersten zwei Akten beschäftigt und singt seine hauptsächlich aus Vokalisen bestehenden Phrasen klangschön und mit der gewohnten Sicherheit. Roland Kuttig begleitet das Geschehen mit den Grazer Philharmonikern stets präzis-aufmerksam und ist auch mit den Schauspielern in einem einfühlsamen Kontakt. Das groß besetzte Orchester spielt merklich konzentriert und steuert sehr schöne Soli bei - etwa bei Flöte und Harfe. Für mich fügt sich das bunte Stilgemisch in der Musik von Sibelius zur idealen Begleit-, ja manchmal Filmmusik. Ich kann nur wiederholen, dass an diesem Abend die ideale Balance zwischen Musik und Sprache gefunden wurde. Das Publikum spendete viel Beifall – ich bin sicher, Jean Sibelius mit seinem bekannten Hang zur Synästhesie wäre über diesen Abend sehr erfreut gewesen! Die Produktion wird nur noch einmal am 24. Juni aufgeführt. Allen, die meinen, Sibelius sei nur schwermütig-nordisch und langatmig, ist der Besuch sehr zu empfehlen!

 

Hermann Becke, 12. 6. 2021

Fotos: Oper Graz, © Oliver Wolf

 

Aktuelles und auch überregional Interessantes aus der Oper Graz:

 

 

Die derzeitige Intendantin Nora Schmid, deren Vertrag in Graz bis einschließlich der Saison 2022/23 läuft, wird ab der Spielzeit 2024/2025 Intendantin der Sächsischen Staatsoper in Dresden – hier der Wortlaut der Pressemeldung der Sächsischen Staatsregierung vom 8.Juni 2021

 

 

Der gerade erst in der Grazer Wiederaufnahme von Le Nozze di Figaro höchst erfolgreiche Dirigent Marcus Merkel (siehe den darunterliegenden Bericht) postete gestern zu Recht stolz auf Facebook:

 

TOSCA mit Kristine Opolais, Jonas Kaufmann und Sir Bryn Terfel  auf der Schloßbergbühne Kasematten - freue mich auf die Zusammenarbeit mit unseren wunderbaren Solisten


Kristine Opolais – Tosca

Jonas Kaufmann – Cavaradossi

Sir Bryn Terfel – Barone Scarpia

Markus Butter – Sagrestano & Sciarrone

Martin Fournier – Spoletta

Daeho Kim – Angelotti & Carciere

Marcus Merkel – Musikalische Leitung

Singschul‘ der Oper Graz (Ltg. Andrea Fournier)

Mitglieder des Chores der Oper Graz (Ltg. Bernhard Schneider)

Mitglieder des Chores der Oper Graz und Mitglieder der Grazer Philharmoniker

 

Aufführungen am 22. und 24.August 2021 - Ticketverkauf ab sofort

 

 

 

LE NOZZE DI FIGARO

Musikalisch sehr erfreulicher Opernalltag!

5. Juni 2021 (2. Vorstellung nach der Wiederaufnahme der Produktion aus der Saison 2017/18)

 

 

Die Oper Graz hat sehr rasch und effektiv die Chance genutzt, dass wieder vor Publikum gespielt werden kann: am ersten möglichen Tag, nämlich am 19.Mai gab es die sehr positiv aufgenommene Ballett-Premiere Tan(z)Go, dann folgte die Wiederaufnahme der eindrucksvollen Produktion von Weinbergs Passagierin - und nun sozusagen der Opernalltag mit der Wiederaufnahme einer Produktion aus der Saison 2017/18. Le nozze di Figaro ist ausschließlich mit Kräften des Hauses besetzt – von der Besetzung der Premiere im November 2017 sind an diesem Abend nur Bartolo, Antonio und Curzio geblieben. Alle anderen Partien einschließlich des Dirigenten sind neu aus dem Ensemble besetzt. Die Wiederaufnahme wurde von der Kritik freundlich aufgenommen (siehe z.B. Online-Merker und Bachtrack). Ich habe die zweite Vorstellung besucht, diesmal kurzfristig mit einem Debütanten als Conte.

Vorweg: man kann der Grazer Oper sehr gratulieren – da wird wertvolle Ensemblepflege und - weiterentwicklung betrieben!

Wenden wir uns zunächst der Inszenierung von Maximilian von Mayenburg im Bühnenbild von Stephan Prattes und in den grell-illustrativen Kostümen von Gabriele Jaenecke zu - diesmal vom jungen Florian Kutej neu einstudiert.

 

  

Mein Grundeinwand gegen die aktionistische Inszenierung aus meiner Besprechung vom November 2017 bleibt aufrecht: „Es ist einfach zu viel, was da in da Ponte und Mozart zusätzlich in den rasanten Handlungsablauf hineingestopft wird: der tote blutige Soldat, dessen Uniform dem armen Cherubino übergestreift wird, die vernehmlich betätigte WC-Spülung, das alkoholreiche und degenerierte Hochzeitsfest (anstelle des Fandango-Tanzes), die Riesenuhr (die geradezu störend von der wunderschön gesungenen zweiten Gräfinnen-Arie ablenkt!), das revoltierende Personal, die eingebaute Marionetten-Idee Susanna/Figaro, und die Bauern, die letztlich mit roten Jakobinermützen und der Guillotine auf das Grafenpaar warten…..“ Und das in einem nach allen Seiten offenen, sich ständig drehenden – und daher akustisch ungünstigen – grell-weißen Playmobil-Schloss, durch dessen drei Etagen das Ensemble samt einer großen Statistenschar ständig hasten muss. Nein – mit dieser Inszenierung ist kein Staat zu machen. Allerdings hat Florian Kutej in seiner Neueinstudierung in erfreulicher Weise dafür gesorgt, dass die ursprünglich karikierende und slapstickartige Personenführung durch eine natürlich-lebhafte Zeichnung der handelnden Personen ersetzt wurde. Das versöhnt ein bisschen! Die jugendliche Spielfreudigkeit des Ensembles und vor allem die musikalischen Leistungen sicherten letztlich einen Opernabend auf beachtlichem Niveau.

Beginnen wir mit den Damen:

Die 31-jährige Serbin Sonja Šarić ging aus dem Grazer Opernstudio hervor und hatte schon in der ursprünglichen Produktion einige Male die Contessa übernommen können. Sie verfügt über ein reiches, sehr schön timbriertes Material, das sie sehr gepflegt einzusetzen weiß. Beide große Soloszenen gelingen ihr ausgezeichnet – eine absolut rollendeckende Besetzung!

 

 

Sieglinde Feldhofer ist seit vielen Jahren eine beliebte Ensemblestütze der Oper Graz. Das Publikum liebte sie zunächst vor allem als Operetten- und Musical-Darstellerin – inzwischen hat Feldhofer klug und erfolgreich ihr Repertoire Schritt für Schritt auch in der Oper erweitert. Nach Gretel, Musetta, Zerlina ist sie 2019 erfolgreich in Humperdincks Königskinder als zentrale Gänsemagd eingesprungen und vor kurzem hatte sie in einem Online-Wunschkonzert der Oper Graz Flotows Martha gesungen. Die Susanna hatte sie in dieser Produktion schon einige Male als Zweitbesetzung gesungen – nun ist sie vollends in diese Rolle hineingewachsen. Schien sie mir in den ersten beiden Duettinos mit Figaro in Stimme und Artikulation noch ein wenig vorsichtig zurückhaltend, steigerte sie sich im Laufe des Abends zu einer hervorragenden Gesamtleistung in bester österreichischer Mozart-Tradition. Da passten lebhaftes Spiel, klare Artikulation, absolute Intonationssicherheit und lyrische Gesangsbögen ideal zusammen. Ein wunderbares Beispiel dafür war die ganz schlicht, liedhaft und ohne jegliche Manierismen gesungene Rosenarie – brava! Die Oper Graz kann sich freuen, derzeit zwei ideale Susannas aufbieten zu können und das Publikum kann sich auf die Marie in Smetanas Verkaufter Braut freuen, deren Premiere coronabedingt auf die nächste Spielzeit verschoben werden musste.

 

 

Die dritte zentrale Frauenpartie ist der Cherubino – diesmal besetzt mit der jungen rumänischen Mezzosopranistin Antonia Cosmina Stancu . Das war eine ungewohnte Bubenfigur. Man erlebte nicht die übliche androgyne Erscheinung, sondern eine pausbäckige barocke Putto-Figur, die aber in ihrer pubertäreren Lebhaftigkeit durchaus überzeugend war. Stimmlich zeigte Stancu schönes und bewegliches Mezzomaterial, das an Intonationssicherheit und Prägnanz noch dazu gewinnen wird.

Bei den Herren dominierte klar der noch nicht dreißigjährige bosnische Bariton Neven Crnić Mit gesunder, dunkelgefärbter Baritonstimme eroberte er sich nach dem Leporello eine zweite wichtige Mozartpartie. Ganz selten vermisste man die von Mozart vorgesehen Bass-Stimme – geschickt oktavierte Crnić z.B. im Sextett des 3.Akts ganz einfach (und durhaus legitim) das tiefe F. Sein Figaro war noch ein etwas eindimensional-kraftvoller Kerl. Mit zunehmender Rollenroutine wird Crnić sicher auch die schlitzohrig-schlaue Facette dieser Figur in Artikulation und Spiel herausarbeiten können. Aber insgesamt keine Frage: Susanna und Figaro waren der souveräne und überzeugende Angelpunkt des Abends. Sehr erfreulich ist zu registrieren, welch große Fortschritte Crnić weiterhin macht, seit er 2017 im Opernstudio der Oper Graz begonnen hatte.

À propos Opernstudio :

Daraus sind nicht nur die Contessa und der Figaro dieses Abends hervorgegangen, ganz kurzfristig erhielt auch das derzeitige Mitglied Thomas Essl seine Chance und übernahm die Partie des Conte – das war so kurzfristig, dass es von ihm gar keine Szenenfotos gibt. Aber auf dem folgenden Foto sieht man sowohl ihn als auch Cherubino und Basilio:

 

 

Einem Bericht im Online-Merker entnimmt man, dass Thomas Essl im Meisterkurs Ende 2019 mit Kammersängerin Anna Tomowa-Sintow an der Grafen-Arie gearbeitet hatte. Und es sei festgestellt, dass gerade mit dieser Szene Thomas Essl am heutigen Figaro-Abend auf der großen Bühne erstmals stimmlich Fuß gefasst hatte. Speziell im 1. und 2. Akt blieb er noch recht blass, nicht ganz intonationssicher – eben deutlich ein Debütant in einer großen Rolle auf einer großen Bühne. Nach der gelungenen Grafen-Arie wirkte er wesentlich sicherer und gewann stimmlich an Profil. Die Stimme ist schön timbriert, in der Tiefe (und auch in der Höhe) fehlt es noch an der nötigen Substanz. Es ist ihm zu wünschen, dass er einen ähnlich erfolgreichen Weg aus dem Opernstudio wie Neven Crnić nehmen möge. Exzellent in Stimme und Spil war diesmal ein weiteres Opernstudio-Mitglied, nämlich Mario Lerchenberger als Basilio, sodass man den Strich seiner Arie im 4.Akt bedauerte. In den weiteren kleineren Rollen waren die Routiniers Wilfried Zelinka als Bartolo und David McShane so wie schon vor vier Jahren ausgezeichnet. Auch die neuen Damen Mareike Jankowski als Marcellina und Paulina Tuzińska als Barbarina bewährten sich.

Die insgesamt überwiegend sehr positiven Gesangsleistungen waren zweifellos vor allem auch deshalb möglich, weil der 30-jährige Marcus Merkel ein ganz hervorragender musikalischer Leiter des Abends war. Marcus Merkel dirigierte wie bei all seinen Auftritten auswendig und begleitete auch die Rezitative selbst vom Hammerklavier aus. Er führte seine Sängerschar immer sehr rücksichtsvoll, ohne dabei je die nötige Intensität zu verlieren – großartig, wie er z. B. die beiden großen Finali im 2. und 4.Akt spannungsvoll aufbaute. Die im Orchestergraben sehr hoch sitzenden Grazer Philharmoniker spielten höchst konzentriert und in den Instrumentalsoli der Holzbläser sehr nuanciert. Auch die Hörner spielten – mit einem einzigen geradezu peinlichen Ausrutscher im 2. Akt – erfreulich klar und klangschön. Die bange Frage blieb nur: wie lange wird Graz den hochbegabten Marcus Merkel noch halten können?? Ich kann uneingeschränkt das bestätigen, was vor einem knappen Jahr Klaus Billand in einem lesenswerten Interview geschrieben hatte: “Ich glaube fest daran, dass Marcus Merkel ein ganz großes Talent am europäischen Dirigenten-Himmel ist und sehr weit kommen wird. Wir wünschen ihm für sein sicher interessantes und anspruchsvolles weiteres Schaffen viel Erfolg.“

 

Das erfreulich junge Publikum spendete reichen und verdienten Beifall mit Bravo-Rufen. Derzeit dürfen coronabedingt die Plätze im Parterre und in den Rängen nur im Schachbrettmuster vergeben werden- die waren offenbar alle vergeben. Da zusätzlich praktisch alle Logen besetzt waren, hatte man doch den Eindruck einer sehr gut besuchten Vorstellung. Dank der musikalischen Leistungen war es ein großartiger Opernabend, bei dem man die Corona-Mühsal des Maskentragens gerne auf sich nahm – das Live-Erlebnis kann einfach durch noch so spektakuläre Online-Streams nicht ersetzt werden!

 

 

Hermann Becke, 6. 6. 2021

Probenfotos: Oper Graz, © Werner Kmetitsch

 

Hinweise:

-         Hörenswerter Podcast: Dramaturg Bernd Krispin im Gespräch mit Tetiana Miyus, Sieglinde Feldhofer und Neven Crnić über „Le nozze di Figaro“

-         Noch vier Vorstellungen am 12., 20., 23. und 25. Juni – sehr empfehlenswert!

 

 

DON GIOVANNI

Musik dickes Plus!! – Regie dickes Minus!!

 

25. 9. 2020, Wiederaufnahme der Premiere vom 8.2.2020

 

Der Don Giovanni war am 8. Februar die letzte Opernpremiere der Oper Graz vor der Corona-bedingten Sperre des Opernbetriebs. Es ist also - zumindest ökonomisch und auch für das junge Solistenteam - sinnvoll, diese Produktion nun wieder auf den Spielplan zu setzen. Da es an vier wesentlichen Positionen Neubesetzungen gegenüber der Premiere gibt, habe ich die Wiederaufnahme besucht – nicht zuletzt auch deshalb, um mir ein Bild zu machen, ob ich meine schroffe Ablehnung der Inszenierung aufrechterhalte. Kurz zusammengefasst:

Die Inszenierung ist für mich so ärgerlich und störend wie bei der Premiere – musikalisch gibt es allerdings eine sehr erfreuliche Steigerung!

Das ist an allererster Stelle dem 29-jährigen Dirigenten Marcus Merkel zu danken. Er ist das fünfte Jahr im Grazer Opernensemble, zunächst als Korrepetitor und seit 2018/19 als Kapellmeister mit inzwischen reicher Repertoireerfahrung, aber auch als Pianist und bewährter Einspringer in Oper und Konzert. Zuletzt ist ihm für eine wunderbare und von allen Seiten zu Recht gelobte Fidelio-Aufführung auf dem Grazer Schloßberg zu danken. Wie man hört, war die Probenzeit für die Wiederaufnahme des Don Giovanni – wohl nicht zuletzt corona-bedingt – recht knapp bemessen. Marcus Merkel ist es dennoch gelungen, eine überzeugende und durchaus eigenständige musikalische Wiedergabe der „Oper aller Opern“ (das Wort stammt angeblich von Richard Wagner) zu erarbeiten. Im Unterschied zum Premierendirigenten ließ Merkel der Mozartschen Musik und vor allem den Stimmen genügend Raum zum natürlichen Atmen und freien Strömen, ohne dass dadurch jemals der Zusammenhang und die Spannung verloren gingen. Die Grazer Philharmoniker waren sehr gut disponiert und ließen zum Beispiel die Holzbläser wunderschön aufblühen. Auch die Übergänge von den Rezitativen – von Merkel selbst begleitet – zu den Arien und Ensembles waren nie abrupt, sondern je nach Situation in idealem Tempo gestaltet. Ich freue mich, dass sich das bestätigte, was ich in meinem Premierenbericht geschrieben hatte: die Grazer Philharmoniker und das Solistenensemble können es deutlich besser! Die Wiederaufnahme hat das bestätigt.

An zwei Ensemblemitgliedern lässt sich die positive Entwicklung sehr gut belegen:

Der erst 26-jährige Bosnier Neven Crnić sang schon bei der Premiere den Leporello. Damals setzte er sein wunderschönes Material sehr robust und in Einheitslautstärke ein. Unter der Leitung von Marcus Merkel gestaltete er nun bereits die Registerarie gebührend differenziert und wurde im Laufe des Abends immer mehr zu einer der dominierenden Sängerpersönlichkeiten dieser Produktion. Mit Recht wurde er am Ende vom Publikum herzlich akklamiert. Die Zerlina war diesmal Sieglinde Feldhofer, die schon als blutjunge Studentin an die Oper Graz engagiert worden war und vor allem im Operetten- und Musicalfach Karriere machte. Feldhofer hat konsequent an ihrer stimmlichen Entwicklung weitergearbeitet. Sie hatte schon 2010 einmal in Graz die Zerlina gesungen. Damals vermerkte ich, dass sie mit ihrer zarten Stimme die Rolle gerade gut schaffte – gut, dass sie nie forcierte. Heute ist ihre Stimme deutlich gewachsen und hat sich sehr harmonisch ins lyrische Fach weiterentwickelt. Feldhofer gestaltete als resolute junge Frau in den beiden Zerlina-Arien sehr schöne und differenzierte lyische Gesangsbögen. Welch erfreuliche Weiterntwicklung – wir können uns auf ihre Marie in Smetanas Verkaufter Braut im nächsten Februar freuen!

 

Neu gegenüber der Premiere waren Donna Anna und Don Ottavio. Die im nächsten Jahr als Mimi in London debütierende Russin Anna Princeva hat schon seit Jahren die Donna Anna in ihrem Repertoire und fügte sich spielfreudig in die bestehende Inszenierung ein. In Graz hatte ich sie vor vier Jahren in einer denkwürdigen Aufführung als intensiv gestaltende Violetta mit dunkel gefärbtem Sopran erlebt. (Die Aufführung blieb mir aus zwei Gründen in besonderer Erinnerung: es war das erste Gastdirigat von Oksana Lyniv, die dann im Jahr darauf Grazer Opernchefin wurde,   und damal wurde das bereits auf seinen Plätzen sitzende Publikum gebeten, den Zuschauerraum wieder zu verlassen, weil der Sänger des Gastone nicht rechtzeitig erschienen war.....). Anna Princeva forcierte diesmal als Donna Anna speziell zu Beginn unbarmherzig – das führte zu einigen deutlichen Intonationstrübungen. Das besserte sich Gott sei Dank im Laufe des Abends und Princeva war dann durchaus auch stimmlich eine gute Besetzung. Warum sie eine deutlich schwangere Donna Anna darstellen musste, die sich wiederholt zärtlich über ihren Bauch strich, bleibt mir völlig unerklärlich. Das war ein Detail, das mir bei der Premiere in der Fülle der szenischen Kuriositäten nicht aufgefallen war...... Ihr Don Ottavio war der polnische Tenor Andrzej Lampert , der im Vorjahr sehr erfolgreich in Graz als Hirte in Szymanowskis

König Roger gastierte, wofür er mit einem Österreichischen Musiktheaterpreis ausgezeichnet wurde. Bei seinem Ottavio-Debüt fiel seine klare und plastische Artikulation positiv auf. Die Stimme wird sauber geführt, ist für die Mozart-Kantilenen mir persönlich allerdings zu schmal und hat nur wenig Schmelz. Von ihm gibt es keine Szenenfotos. Sein Selfie zeigt allerdings sehr gut, wie in der Grazer Oper in Coronazeiten die Sitzordnung für das Publikum aussieht – im Schachbrettmuster bleibt jeder 2.Sitz frei.

 

Die restliche Besetzung ist von der Premiere bekannt. Anna Brull  war auch diesmal eine außerordentlich gute Donna Elvira. Diese Partie liegt ihrem höhensicheren Mezzo besonders gut – außerdem ist sie immer eine überzeugende Darstellerin. Dariusz Perczak ist ein stimmlich souveräner Masetto. Darstellerisch bleibt er in dieser „Inszenierung“ recht profillos. Dimitrii Lebamba hat sich seit der Premiere nicht gesteigert – er ist ein (vor allem aus dem Off des Finales recht tremolierend klingender) Komtur. Eine leichte Enttäuschung bereitete Alexey Birkus als Don Giovanni: sein an sich schönes Basso-cantante-Material wird diesmal recht grob und undifferenziert eingesetzt. Man hörte keinerlei Piano-Phrase – besonders auffallend und störend war dies etwa bei seiner Kanzonette Deh vieni alla finestra, weil hier Marcus Merkel sehr einfühlsam den Übergang vom Rezitativ zur Orchestereinleitung gestaltet hatte und das Orchester sehr feinfühlig die Streicher-Pizzicati zur Mandoline spielte. Alexey Birkus war da mit seinem Einheitsforte und den dadruch bedingten Intonationstrübungen in beiden Strophen geradezu störend. Schade, dass in keiner der Aufführungen das Ensemblemitglied Markus Butter als Don Giovanni zum Zug kommt. Von ihm wäre zweifellos eine wesentlich differenziertere stimmliche Interpretation zu erwarten.

Und weil ich nun nochmals auf die so erfeuliche Leistung des Dirigenten Marcus Merkel eingegangen bin: einen „Vorwurf“ kann ich ihm nicht ersparen. Als musikalischer Leiter müsste er zumindest gegen eine abstruse „Idee“ der Inszenierung unbedingt Einspruch erheben:

Nach Don Giovannis Höllenfahrt erklingt das Allegro assai des Finales vom Band über Lautsprecher. Dazu erscheinen als Projektion die offenbar bewusst grimassierenden Gesichter der sechs Solisten. Erst als das Larghetto mit dem Tenorsolo einsetzt, dürfen die Sänger wieder auf der Bühne live singen, und das Orchester darf live spielen. Das ist wiederum einer jener unsäglichen „Einfälle“ der Regisseurin Elisabeth Stöpler und ihres Teams, die den ganzen Abend lang völlig sinnlos den musikalischen Ablauf konterkarieren. Bei der Wiederaufnahme hat mich die Inszenierung noch mehr gestört als bei der Premiere – wohl nicht zuletzt deshalb, weil der musikalische Gesamteindruck diesmal insgesamt so positiv war. Ich kann zum Abschluss also nur das wiederholen, was ich schon in meinem Premierenbericht geschrieben hatte:

Ich bleibe dabei: „zu wenig Mozart und da Ponte, zu viel Stöppler“ - Graz muss weiterhin auf eine gültige Don-Giovanni-Produktion warten!

 

Hermann Becke, 26.9.2020

Szenenfotos: Oper Graz © Werner Kmetitsch

 

Hinweise:

-        Beim nun verfügbaren 6:30-Minuten-Trailer der Oper Graz können sich alle Interessierten selbst einen Eindruck über die Inszenierung verschaffen

-        Noch vier weitere Vorstellungen bis Ende Oktober – ich werde trotz der guten musikalischen Leistungen diese Produktion nicht nochmals besuchen!

      

 

 

 

 

 

DIE PASSAGIERIN

Überaus bewegende Saisoneröffnung

18.9. 2020, Premiere

 

Diese 1968 entstandene Oper des polnisch-jüdischen Komponisten Mieczysław Weinberg (1919 – 1996) erlebte erst 2010 unter Teodor Currentzis bei den Bregenzer Festspielen ihre szenische Uraufführung und damit auch ihren internationalen Durchbruch. Wie man der Verlagsankündigung entnehmen kann, gab es seither weltweit 19 weitere Produktionen. Die Oper Graz bietet nun die zwanzigste Inszenierung, die eigentlich schon im März dieses Jahres ihre Premiere hätte haben sollen, aber Corona-bedingt nach der Generalprobe abgesagt werden musste. Mit dieser Produktion eröffnete nun die Oper Graz effektvoll die Saison 2020/21.

Dieses Werk sollte auf dem Spielplan sämtlicher Opernhäuser stehen.

So endete eine Kritik der Dresdner Premiere des Jahres 2017. Und dieser Empfehlung kann ich mich uneingeschränkt anschließen! Die Passagierin ist zweifellos ein zentrales Werk des 20. Jahrhunderts. Auf der Grundlage des Romans der Auschwitz-Überlebenden und heute 97-Jährigen Polin Zofia Posmysz sowie des Textbuches von Alexander Medwedew gelang Weinberg eine tiefberührende und gleichzeitig bühnenwirksame, aber nie vordergründig plakative Oper wider das Vergessen des Vernichtungsgrauens. Der Oper Graz gelang dank einer ausgezeichneten musikalischen Gesamtleistung und starker Bühnenpersönlichkeiten bis in die kleinsten Rollen eine eindrucksvolle und das Publikum merklich berührende Interpretation. Die szenische Umsetzung (Inszenierung: Nadja Loschky, Bühne: Etienne Pluss, Kostüme: Irina Spreckelmeyer, Licht: Sebastian Alphons) war in sich schlüssig, wenn auch so macher Einwand nicht verschwiegen werden soll.

Die Grazer Inszenierung führte zusätzlich zu den beiden vorgegebenen Zeitebenen - die 60er-Jahre auf der Schiffsreise und die 40er-Jahre in Auschwitz - die Gegenwart ein. Dazu die Regisseurin: Wir haben uns im Laufe der Arbeit dafür entschieden, eine weitere Figur einzuführen, eine gealterte Lisa, die in der heutigen Gegenwart angesiedelt ist. Diese Kunstfigur ist omnipräsent – bereits vor dem Vorspiel tritt sie auf die Bühne, um den Raum zu putzen. Durch ihre Omnipräsenz schafft sie meiner Meinung nach keinen neuen Blickwinkel auf das Stück, sondern lenkt durch permanente Geschäftigkeit vom Geschehen ab und nimmt der Hauptfigur Lisa geradzu die Möglichkeit, das Erinnern und das Wechseln zwischen zwei Welten glaubhaft zu vermitteln. Ein weiteres für die (einfach zu viel wollende) Inszenierung bezeichnendes Detail: Die drei SS-Männer werden zu Beginn des 2. Bildes durch karikaturhafte Überzeichnung ihrer Bedrohlichkeit beraubt. Die szenische Anweisung sieht so aus: Auf der Unterbühne ein Platz in Auschwitz. Ringsum Baracken, Wachtürme, Betonpfeiler, Scheinwerfer, Stacheldraht... Morgenappell der Gefangenen, die Aufseher schreien die Nummern. Abseits unterhält sich eine Gruppe SS-Männer über das triste Lagerleben, das aber immer noch besser als die Ostfront sei  Und so setzt das die Regisseurin in der Grazer Produktion um:

Aber auch die positiven Seiten der Inszenierung seien erwähnt: z. B. sind die Selektion von vier Mitgefangenen zur Hinrichtung im 6. Bild und die Ermordung des geigenspielenden Tadeusz im 8.Bild zwar sehr drastisch, aber nie unsensibel gestaltet. Das berührt zutiefst. Alle Szenen spielen in einem Einheitsbild, laut Regisseurin in einer Art „Archivraum“ - da verschwimmen die Grenzen zwischen Realität und den stets hochkommenden Erinnerungen von Lisa. Die KZ-Insassinnen mischen sich unter die Schiffsgäste – insoferne verschmelzen alle Bilder insgesamt zu einem bedrohlich-intensivem und albtraumartigem Ganzen, dem sich das Publikum nicht entziehen kann. Das Stück und die expressionistische Musik Weinbergs – erinnernd an Schostakowitsch, aber auch an Britten – sind so stark, dass sich trotz einiger Einwände gegen die Inszenierung durch die Intensität der musikalischen Interpreten geradezu eine Sogwirkung einstellt, die die dreistündige Aufführungsdauer in keiner Phase lang werden lässt.

 

Die Oper Graz verfügt über ein geradezu exzellentes Solistenteam. Da ist für mich an erster Stelle die großartige Nadja Stefanoff als Marta zu nennen. Sie ist nicht nur eine herbe, schlank-aufrechte Erscheinung mit großer Bühnenpräsenz. Sie singt die die geheimnisvolle Passagierin auch mit einem klaren, in allen Lagen und dynamischen Abstufungen technisch sehr gut geführtem Sopran – eine große Leistung! In den dramatischen Ausbrüchen ist ihr Dshamilja Kaiser als Lisa eine ebenbürtige Partnerin. In den lyrischen Passagen des Beginns wurde die Stimme noch nicht ganz ruhig geführt – aber auch Kaiser bietet ein große und rollendeckende Lestung. Wie schön, dass das Grazer Publikum in dieser Rolle ihre Weiterentwicklung erleben durfte, war sie doch von von 2009 bis 2017 ein hochgeschätztes Ensemblemitglied der Oper Graz und wurde dementsprechend beim Schlussapplaus akklamiert. Markus Butter verkörperte überzeugend den viril-aufrechten Tadeusz, den er schon 2017 erfolgreich an der Semperoper Dresden gesungen hatte. Für Graz neu war der Tenor

Will Hartmann, der markant-charaktervoll Lisas Ehemann gestaltete. Einheitlich großartig waren die weiblichen Mithäftlinge Martas besetzt.

 

In der Reihenfolge des Programmzettels seien sie ausdrücklich alle namentlich angeführt: Tetiana Miyus als Katja mit ihrem geradezu engelgleich-klarem Solo am Ende des 6. Bildes, Antonia Cosmina Stancu (Krystina), Anna Brull (Vlasta), Mareike Jankowski (Hannah), Sieglinde Feldhofer (Yvette) und Joanna Motulewicz (Bronka). Sie alle gestalteten ihre kurzen solistischen Einwürfe ausgezeichnet und waren auch glaubhafte und engagierte Bühnenfiguren. Martin Fournier, Ivan Oreščanin und David McShane waren die bereits oben erwähnten drei SS-Männer. Mit ihre großen Routine waren sie selbst in der überzeichnenden Regie stimmlich und darstellerisch prägnante Charaktere ebenso wie die Oberaufseherin Uschi Plautz und der unverwüstliche Konstantin Sfiris als Älterer Passagier. Weitere kleine Rollen waren rollendeckend und kompetent aus dem Chor der Oper Graz besetzt, der auch diesmal seinen Part unter der Leitung von Bernhard Schneider klangschön und präzise umsetzte.

Die musikalische Leitung hatte der neue Grazer Chefdirigent Roland Kluttig übernommen. Ursprünglich hatte bis zur Generalprobe seine Vorgängerin Oksan Lyniv die Einstudierung geleitet. Nun hatte Ronald Kluttig nach Lynivs Abgang die Proben ab Herbst geleitet und mit den sehr gut disponierten Grazer Philharmonikern für eine ausgewogenene und konzise Interpretation gesorgt. Da standen mächtige Klangeruptionen zwischen fein austarierten lyrischen Passagen – stets wurde die Balance zwischen Orchester und Bühne gewahrt.

Es war ein großer Abend der Oper Graz, der das Ende einer sechsmonatigen Corona-bedingten Pause markierte. Die Oper Graz hatte ein minutiöses Sicherheitskonzept  entwickelt: Das Publikum sass im Schachbrett-Muster auf allen drei Rängen, deren Zugänge voneinander getrennt waren. Die Logen waren alle besetzt und man erlebte veritables Premieren-Feeling! Als Besucher hatte man keinerlei Gefühl der Unsicherheit – das Abstandhalten fiel leicht. Möge die Entwicklung der Corona-Pandemie weiterhin Aufführungen in der diesmal gewählten Form ermöglichen. Das Live-Erlebnis einer Operaufführung ist einfach durch nichts zu ersetzen- Die Intensität der Saisoneröffnung ließ die Corona-Beschränkungen vergessen und es wurde einem die Richtigkeit des Nietzsche-Wortes bewusst: Ohne Musik – und ich füge hinzu: ohne Musiktheater - wäre das Leben ein Irrtum!

 

Hermann Becke, 19. 9. 2020

Szenenfotos: Oper Graz © Werner Kmetitsch

 

Hinweise:

 

-          10 weitere Vorstellungen bis Dezember 2020 – unbedingt besuchen!!

-          Dankbar registriere ich, dass die Oper Graz erstmals noch unmittelbar vor der Premiere ihren 8-minütigen Produktionstrailer öffentlich machte – wie oft hatte ich moniert, dass die Oper Graz ihre Trailer immer erst lange nach der Premiere präsentierte.... Der Trailer vermittelt in einem ausführlichen Gespräch mit der Marta-Darstellerin Nadja Stefanoff und in Probenausschnitten einen ausgezeichneten Einblick in die Produktion – unbedingt ansehen!

 

 

 

ABSCHIED OKSANA LYNIV

Richard Strauss ernst und heiter

26. 6. 2020

 

 

Im September 2017 nahm Oksana Lyniv ihre Tätigkeit als Chefdirigentin der Oper Graz und der Grazer Philharmoniker mit einem Orchesterkonzert auf. Aber schon im Dezember 2018 musste die Oper Graz mitteilen:

Die Chefdirigentin der Grazer Philharmoniker und der Oper Graz, Oksana Lyniv, wird ihren Vertrag nicht über die Saison 2019/20 hinaus verlängern. Oksana Lyniv wurde von der Saison 2017/18 an für drei Spielzeiten an die Oper Graz bestellt. Seit ihrer Berufung nach Graz hat sie hier zahlreiche Opernproduktionen und Konzerte geleitet. Das musikalische Echo dieser Arbeit klang so rasch in die internationale Musikwelt, dass Oksana Lyniv innerhalb kürzester Zeit zahlreiche Anfragen für Dirigate bekam, die sie gerne übernehmen möchte.

Damit trat das ein, was die damals noch nicht 40-jährige ukrainische Dirgentin Oksana Lyniv im Interview mit dem Opernfreund im September 2017 auf die Frage, wie lange sie in Graz bleiben werde, bereits angedeutet hatte:

Warten wir einmal die erste Saison ab - dann sehen wir weiter.

Oksana Lyniv hatte also bereits in dieser ersten Saison erkannt, dass die Aufgaben als Chefdirigentin von Oper und Orchester ihr nicht ermöglichen, die zahlreichen internationalen Angebote anzunehmen und so hatte sie sich rasch entschlossen, ihren dreijährigen Vertrag nicht zu verlängern. In einem Zeitungsinterview mit dem Titel Meine Bühne ist die ganze Welt am Tag vor dem Abschiedskonzert sagte Lyniv über die Motive ihres Abgangs:

Ich habe mich in der Oper hier und mit den Musikern des Orchesters zu Hause gefühlt. Aber ich habe auch gemerkt, dass mir Graz für den Punkt an meiner Karriere, an dem ich mich gerade befinde, längerfristig ein bisschen zu gemütlich ist. Ich bin ein neugieriger Mensch, und meine Bühne ist die ganze Welt. Es spornt mich an, mich neuen Herausforderungen zu stellen, und ich darf an der Bayrischen Staatsoper, der Oper Frankfurt und dem Theater an der Wien arbeiten

Dieser klare und frühzeitig mitgeteilte Entschluss ermöglichte der Oper Graz, rechtzeitig einen Nachfolger für die Zeit ab 2020/21 zu suchen. Er wurde in der Person des deutschen Dirigenten Roland Kluttig gefunden, der schon in der Saison 2017/18 die Premiere von Paul Dukas‘ Ariane et Barbebleue übernommen hatte, für die eigentlich zunächst die ChefdirigentinOksana Lyniv vorgesehen war.

Ursprünglich war für Oksana Lynivs Abschied unter dem Titel Ein Strauss zum Abschied ein opulenter Galaabend geplant – mit Ausschnitten aus Salome, Rosenkavalier, Frau ohne Schatten und Liebe der Danae. Die Corona-bedingten Einschränkungen für Proben und Aufführungen hatten große Orchesterbesetzung und einen langen Galaabend unmöglich gemacht und so kündigte die Oper Graz nun für drei Abende ein 80-Minuten-Programm (ohne Pause) mit folgendem Text an:

Richard Strauss verbindet man meist mit üppigem Orchesterklang und großen Opernstimmen. In ihrem gemeinsamen Abschlusskonzert zeigen Oksana Lyniv und die Grazer Philharmoniker den Komponisten nun von seiner anderen Seite, als genialen Meister der Miniatur, der auch in seinen kammermusikalischeren Werken die bekannte orchestrale Finesse zeigt und zu berühren weiß.

Nach wie vor durfte nach den geltenden Corona-Regeln nur ein 100-köpfiges Publikum in das 1200 Plätze fassende Grazer Opernhaus kommen. Anmerkung: Hätte man den Abschiedsabend um wenige Tage in den Juli verschoben, so hätten schon 250 Personen kommen dürfen……

Aber eines gleich vorweg: auch das völlig geänderte Programm ergab einen wunderbaren Abend, der vom Publikum sehr positiv aufgenommen wurde!

Man genoss, dass sich endlich wieder schon vor Beginn des Programms der Opernraum mit dem Klang der sich einspielenden Orchestermusiker füllte. Für das Orchester waren die gesamte Tiefe der Bühne und der überdeckte Orchestergraben vorgesehen – die derzeitigen Abstandsregeln konnten daher problemlos eingehalten werden. Oksana Lyniv – in strahlendes Weiß gekleidet - trat mit der ihr eigenen Dynamik auf und hatte zunächst zwei Dirigierpulte – eines zum Orchester und eines zum Publikum gewendet. Der Grund: Das Eröffnungsstück war die prächtige Fanfare für 22 Blechbläser und zwei Pauken, die Richard Strauss 1924 den Wiener Philharmonikern gewidmet hatte. Dieses Stück wurde von der Galerie des Zuschauerraums gespielt und vermittelte so einen wunderbaren Raumklang – „dank“ Corona eine neue Klangerfahrung. Außerdem hatte das Publikum dadurch das seltene Vergnügen, die Dirigentin einmal von vorne zu sehen.

Oksana Lyniv führte sehr charmant durch das Programm unter dem Motto mit einem lachenden und einem weinenden Auge – das gelte sowohl für das Programm als auch für ihren Abschied von Graz. Das 25-minütige Strauss’sche Spätwerk der Metamorphosen war der gewichtige ernste Programmteil. Lyniv leitete die 23 Streicher mit kräftigen Akzenten – das Alterswerk erklang nicht in abgeklärter Resignation, sondern mit dem nötigen Espressivo. Am ersten und zweiten Pult saßen zwei Konzertmeistergenerationen: der Grandseigneur Josef Mostetschnig und der seit Herbst 2019 neuengagierte 27-jährige Slowake Karol Daniš – beide verbindet, dass sie aus der Grazer Kunstuniversität hervorgegangen sind und damit eine Kontinuität in der Klangkultur der Grazer Philharmoniker sichern. An diesem Abend saßen in dieser kammermusikalischen Besetzung nicht nur bei den Streichern, sondern im zweiten Teil auch bei den Holz- und Blechbläsern die Stimmführer auf dem Podium. Gemeinsam mit der impulsiv-aktiven, aber stets präzis artikulierenden Dirigentin gelang den Grazer Philharmonikern ein Strauss-Orchesterklang von hohem Niveau mit exzellenten Solo-Leistungen. Der neue Konzertmeister Karol Daniš saß im zweiten Teil am ersten Pult und nutzte seine Chance, sich mit einem brillanten Solo zu profilieren (übrigens für alle Interessierten hier auf seiner Facebookseite nachzuhören). Der zweite Konzertteil brachte Teile der Orchestersuite aus der Musik zum ‚Bürger als Edelmann‘ des Molière. Dazwischen waren ein Satz aus der Sonatine für 16 Blasinstrumente und zwei kurze Szenen aus Ariadne auf Naxos eingefügt. Da nutzten zwei junge Mitglieder des Grazer Ensembles die Chance, sich dem Grazer Publikum mit neuen Partien zu präsentieren: Neven Crnić war ein schlank singender und bestens artikulierender Harlekin und Anna Brull war ein begeisternder Komponist ohne jegliche Höhenprobleme. Beide sind aus dem Grazer Opernstudio hervorgegangen, haben sich sehr erfreulich weiterentwickelt und zählen zu den Stützen des Grazer Ensembles.

Insgesamt war es ein sehr klug zusammengestelltes Programm, das durch das Orchester endlich wieder echte Bühnenatmosphäre vermittelte. Oksana Lyniv schien an diesem Abend besonders gelöst – man hatte den Eindruck, sie habe ihre Zeit in Graz und insbesondere dieses Abschiedskonzert besonders genossen und fühlt sich gleichzeitig entlastet von den Verpflichtungen einer fix engagierten Musikchefin. Nach den Ankündigungen von operabase stehen ja schöne Opern-Aufgaben bevor: Frankfurt, Berlin, München, Paris, Theater an der Wien. Und dazu kommen natürlich die Herzensanliegen von Oksana Lyniv: das Jugendsymphonie-Orchester der Ukraine und das Mozart-Festival in Lemberg. Intendantin Nora Schmid bedankte sich mit einem Blumenstrauß und wünschte Oksana Lyniv für ihren weiteren Weg viel Erfolg. Diesen Wünschen schloss sich das Grazer Publikum mit warmem Beifall an!

Natürlich konnte dieses Abschiedskonzert nicht ohne Zugabe zu Ende gehen. Da die ursprünglich geplanten Salome-Ausschnitte nicht möglich waren, gab es eine Zugabe mit Lokalkolorit, die auch sehr gut zur entspannt-fröhlichen Stimmung passte: es erklang der orientalische Foxtrott Salome, schönste Blume des Morgenlands – ein Welthit von dem aus Graz stammenden Robert Stolz. Letztlich war der Oper Graz, Oksana Lyniv, den Grazer Philharmonikern und den beiden Solisten trotz Corona das gelungen, was man vor über einem Jahr so angekündigt hatte:

Ein Sommerabend voller Schwung und Heiterkeit, voller Klangpracht und Wohlgesang!

 

Hermann Becke, 27. 6. 2020

Fotos: Oper Graz © Oliver Wolf

 

 

MUSENKUSS

Graz startet als erstes Opernhaus in Österreich!

4. 6. 2020, „Premiere“

Am 10.März 2020 hatten die Bühnen Graz alle Vorstellungen aufgrund der aktuell getroffenen Maßnahmen der österreichischen Bundesregierung gegen die Ausbreitung des Coronavirus zunächst bis 20.April abgesagt. Diese Absage musste dann verlängert werden: es bleiben alle Veranstaltungen des regulären Spielplans  der Oper Graz bis 30. Juni 2020 abgesagt. Und dann plötzlich ein Lichtblick. Am 25. Mai verfügte das zuständige Gesundheitsministerium:  Ab 29. Mai 2020 sind Veranstaltungen bis 100 Personen erlaubt.

Und Graz reagierte blitzschnell:

Die Styriarte war wohl der erste Konzertveranstalter in Österreich, der sofort am ersten möglichen Tag ein öffentliches Konzert unter Einhaltung der vorgegebenen Bedingungen ansetzte - siehe dazu das informative 13-Minuten-Video. Über die Veranstaltungen des Festivals Styriarte ab 1. Juli wird noch an anderer Stelle ausführlich zu berichten sein.

Und die Oper Graz ist das erste österreichische Opernhaus, das bereits am 4. Juni wieder startete und  im Juni insgesamt 12 Vorstellungen (inklusive Tanz, Liederabenden und Orchester!) im großen Haus anbietet! Der Intendantin Nora Schmid und ihrem engagierten Team ist zu danken, dass nach drei Monaten die Opernfreunde wieder Vorstellungen im prachtvollen Fellner&Helmer-Bau erleben können! Das Grazer Haus verfügt über rund 1200 Sitzplätze. Bei der „Premiere“ nach den Corona-Einschränkungen durften gerade einmal 100 Menschen hinein und es gibt für die Juni-Vorstellungen einen minutiösen Leitfaden für den Opernbesuch, wie man sich zu verhalten hat.

Die Oper Graz schreibt über das Programm: Den Anfang macht der „Musenkuss“, eine Hommage an jene Künstler und mythologischen Wesen, die sich in der prachtvollen Architektur der Oper Graz – dem Zuschauerraum und dem Eisernen Vorhang – wiederfinden. Es war ein klug zusammengestelltes Programm, das als Leitfaden die prächtige Ausstattung des Hauses aus dem Erbauungsjahr 1899  hatte. Da gibt es nicht nur Komponisten- und Dichterportraits und Stuckreliefs mit Apollo und den Musen - beides gut auf der Innenaufnahme oben am Kopf dieser Seite zu sehen -, sondern auch großflächige Deckenmalereien, unter anderem mit Szenen aus Lohengrin und Goethes Faust. Die Intendantin der Oper Graz Nora Schmid nahm in ihrer charmant-eleganten Moderation auf all diese Kunstwerke Bezug - sie bildeten den roten Faden durch den 90-minütigen Abend. Die aufgeführten Werke waren ein buntes Kompendium aus dem Lied- und Opernrepertoire - dargeboten von 14 Sängerinnen und Sängern des Hauses, die von drei Pianisten und einer Harfenistin begleitet wurden.

Den Opernraum gleichsam in den Mittelpunkt das Abends zu stellen, hat absolut Berechtigung, sagte doch Daniel Barenboim, der heute abends im goldenen Saal des Musikvereins in Wien die Wiener Philharmoniker (vor nur 100 Gästen) dirigiert, in einem Interview:  Musik existiert im Raum und Musik muss live gespielt sein und live gehört werden. Das bewies der heutige Abend der Grazer Oper eindrucksvoll. Das Publikum genoss es merklich, die Stimmen des vertrauten Ensembles wieder  im großen Raum des Opernhauses zu erleben und nicht nur auf Kurzvideos im Internet angewiesen zu sein. Die Oper Graz und ihr Ensemble hatten in der Zeit der Sperre regelmäßig bemühte Kurzvideos vorgestellt - man findet sie alle auf der Facebookseite ! Wieder anders erklingt alles nun im gewohnten Raum! Was an diesem Abend natürlich schmerzlich fehlte, das war der Orchesterklang. Aber selbst die „Zwangslösung“ der Klavierbegleitung hatte ihren Vorzug: man erlebte einerseits, wie subtil und wortdeutlich operngewohnte Stimmen das Liedrepertoire interpretieren, und andererseits wurde niemand zu unnötigem Forcíeren genötigt. Außerdem wurden weder die Sängerinnen und Sänger noch das Publikum von zeitgeistigen Regiekonzepten abgelenkt. Es zählte die stimmliche Ausdruckskraft und die individuelle Bühnenpräsenz. Insgesamt gab es bei allen ein erfreulich hohes Niveau. Im Liedteil stachen die werkgerechten Interpretationen von Mario Lerchenberger, Sieglinde Feldhofer und Beethovens Flohlied als ein Kabinettstück von Wilfried Zelinka hervor - alle ebenso werkgerecht und feinfühlig von Marcus Merkel begleitet. Überraschend auch Lohengrins Brautchor in der von Wagner selbst gesetzten Fassung für Sopran und Klavier - von Eva Maria Schmid mit klarer Stimme vorgetragen.

Den Opernteil eröffnete Tetiana Miyus wahrlich engelgleich mit der a-capella vorgetragenen Stimme von oben aus Don Carlo, bevor dann Neven Crnić als Leporello saftig-kräftige Akzente setzte. Bühnendramatik entstand spontan, als der Orpheus von Anna Brull die Furien in Glucks Meisterwerk besänftigte - stillvoll von Harfe (Ulrike Mattanovich) und von der Orgel aus dem Off begleitet. Pavel Petrov und Dariusz Percak glänzten im berühmten Duett aus den Perlenfischern.

Berührend der Abendsegen aus Hänsel und Gretel mit Sieglinde Feldhofer und Anna Brull und profiliert Wolframs Lied an den Abendstern mit Markus Butter. Die gerade erst aus dem Opernstudio hervorgegangene Mareike Janowski sang beherzt und durchaus respektabel die große Eboli-Szene, bevor Tetiana Miyus, begleitet von der Harfe, mit gebührender Virtuosität und makellos ausgeglichener Stimme die Szene der Corinna aus Rossinis Viaggio a Reims effektvoll gestaltete.

Zum beschwingten Abschluss gab es Richard Heubergers Komm mit mir ins Chambre separée mit Sieglinde Feldhofer und dem hier stimmlich wohl fehlbesetzten, aber gewohnt charmant agierenden Ivan Orescanin, bevor Studienleiter Günter Fruhmann gemeinsam mit dem unvergleichlichen Routinier Maris Skuja und dem aufstrebenden Marcus Merkel an drei Klavieren Mario Lerchenberger und David McShane bei Cole Porters Schlag nach bei Shakespeare begleitete. Ja - auch Shakespeare ist ebenso wie Schiller und Goethe ein Medaillon an der Decke des Grazer Opernhauses gewidmet!

Es war ein anregender Abend - das Publikum reagierte mit viel Applaus und Bravo-Rufen. Bezüglich des Programms für die nächste Saison gibt es eine kluge und gut nachvollziehbare  Entscheidung - es wird angekündigt:

Aufgrund der Maßnahmen zur Eindämmung des Corona-Virus konnte der Spielplan der Oper Graz für die Saison 2020/21 nicht wie geplant Ende April präsentiert werden. Auch hier bedarf es nun einiger Anpassungen, und so wird die Oper Graz das neue Programm voraussichtlich Ende Juni online vorstellen. Um auf eventuelle Änderungen in den gesundheitspolitischen Vorgaben der Bundesregierung reagieren zu können, wird die Oper Graz das OpernSaisonal 2020/21 in gedruckter Form nach dem Sommer präsentieren.

Die Intendanz der Oper Graz beherzigt damit das, was unser geschätzter Chefredakteur vor nicht allzu langer Zeit moniert hatte:

ich bekomme in den letzten Tagen mal wieder die telefonbuchgroßen und fachlexika-umfangreichen Bücher der diversen Opern-Häuser für die neue Saison. Da läuft alles nach dem Motto "same procedure as last year", als wäre nichts gewesen und ab September der Corona-Virus aus der Welt. So planen unsere hochsubventionierten Fachleute in den diversen Opernhäusern die nahe Musiktheater-Zukunft. Aber hallo... wie weltfremd liebe Intendanten ist denn so etwas? Habt Ihr nicht wahrgenommen was heuer immer noch los ist? Denkt Ihr allen Ernstes, daß alles im September wieder so läuft wie bisher? Wo ist der realistische Plan B?

Graz arbeitet offensichtlich intensiv an einem Spielplan 2020/21, der tatsächlich realisierbar ist - wir sind gespannt und werden zum gegeben Zeitpunkt berichten!

 

Hermann Becke, 5. 6. 2020

Szenenfotos: Oper Graz © Oliver Wolf

Hinweise:

-          Drei weitere Vorstellungen bis 20.Juni 2020

-          Zur Architektur und Ausstattung des Opernhauses Graz siehe die Theaterdatenbank mit vielen Fotos

Vielleicht war der Titel Musenkuss auch angeregt von einem Projekt der Salzburger Residenzgalerie im DomQuartier Salzburg anlässlich 100 Jahre Salzburger Festspiele unter dem Titel Der Kuss der Musen-Festspiele göttlicher Inspiration . Diese Ausstellung in Salzburg ist noch bis 10. Jänner 2021 zu sehen

 

 

 

DON GIOVANNI

Mit Regie-Bildern zugepflastert

8. 2. 2020, Premiere

Im Oktober 2010 gab es an der Oper Graz die letzte Don-Giovanni-Premiere - damals in einer Inszenierung von Johannes Erath. Die Presse schrieb darüber: Wieder einmal wird auf der Opernbühne eine durchaus respektable musikalische Leistung durch einen absurden „Regie“-Spuk in den Abgrund gerissen. Ich selbst notierte: Die Inszenierung verlegt das Stück in ein Gefängnis sexuell verklemmter und outrierter Figuren. Und so wartete man gespannt, was sich 10 Jahre später das in Graz debütierende Leading-Team (Inszenierung Elisabeth Stöppler, Bühne Annika Haller, Kostüme Su Sigmund, Licht Sebastian Alphons, Video Sarah Derendinger, Dramaturgie Marlene Hahn) für ein Konzept ausgedacht hatte. Die Oper Graz hatte kundgetan: Die Arbeit von Videokünstlerin Sarah Derendinger wird darin eine wichtige Rolle spielen und zusätzlich vermerkt: Empfohlen ab 13 Jahren.  Der ORF berichtete am Tag vor der Premiere: Die deutsche Regisseurin Elisabeth Stöppler holt die Oper in eine grell überzeichnete, übermedialisierte Welt. Man war als Premierenbesucher also „vorgewarnt“.

Auch wenn die lokale Nachtkritik wohlmeinend unmittelbar nach Aufführungsende schrieb Der "Don Giovanni" ist sowohl musikalisch als auch inszenatorisch gut, aber nicht groß geraten, halte ich es mit der FAZ vom Oktober 2018 zu Le Nozze di Figaro in Mainz (ebenfalls von Elisabeth Stöppler und Annika Haller inszeniert): Insgesamt wirkt die Oper mit Regie-Bildern zugepflastert: zu wenig Mozart und Lorenzo da Ponte, zu viel Stöppler….. Doch das Premierenpublikum reagiert mit freundlichem Applaus.

Genauso erlebte ich es jetzt in Graz!

Die Regisseurin äußert sich im Programmheft: Unser Raum ist eine Festung, ein Schloss, wirkt unentrinnbar und ist tatsächlich auch ein modernes Labyrinth, aus welchem keine der Figuren entkommen wird. Die Bühnenbildnerin hatte dazu gemeint, sie sei von den Gated Communities inspiriert worden. Gerne bekenne ich, dass ich keine Ahnung hatte, was damit gemeint sei - aber dank Wikipedia ist das alles aufklärbar: Eine Gated Community beschreibt einen geschlossenen Wohnkomplex mit verschiedenen Arten von Zugangsbeschränkungen. Natürlich ist auch diesmal bereits die Ouvertüre bebildert - die Gated Community rotiert ständig, die Figuren des Stücks sind isoliert in ihren „Einzelzellen“, offenbar auf sich selbst fixiert. Und es ist auch eine zusätzliche Figur eingeführt: Leporellos Frau, eine zarte Mädchenfigur, die ständig ein Baby mit sich trägt und sorgenvoll über die Bühne schreitet. Die Regisseurin begründet die Einführung dieser Figur damit, dass Leporello laut Text verheiratet sei - da stützt sie sich wohl auf das Rezitativ gegen Ende des 2. Aktes - Leporello: Ma se fosse costei stata mia moglie? Abgesehen davon, dass Lorenzo da Ponte hier den congiutivo trapassato einsetzt - also nur von einer theoretischen Möglichkeit gesprochen wird - trägt diese Kunstfigur nichts zum Handlungsgeschehen bei und die ratlose Frage eines Besuchers am Ende der Vorstellung an der Garderobe ist verständlich: Und was ist mit Leporellos Kind am Ende geschehen? Der Komtur erscheint nur in der 1.Szene persönlich. Im 2. Akt hört man seine Stimme nur über (verzerrenden) Lautsprecher. Dafür geistert den übrigen Abend sein Doppelgänger über die Bühne - eine zerbrechliche, an den großen Arik Brauer gemahnende Kunstfigur: Nicht zu Unrecht sprach ein anderer Besucher von einem szenischen Desaster der Komturszene.

Und so könnte man noch viele Details anführen, die das „Zupflastern der Oper mit Regie-Bildern“ belegen - also nochmals: zu wenig Mozart und Lorenzo da Ponte, zu viel Stöppler!!

Es gab in den letzten Jahren viele Opernproduktionen in Graz, bei denen ich Einwände gegen die szenische Umsetzung hatte. Da wurde das eigentlich immer durch sehr gute musikalische Leistungen „ausgeglichen“. Diesmal war das für mich leider nicht so! Das lag wohl zunächst an der musikalischen  Leitung von Andrea Sanguineti Er wählte von Beginn an straffe, ja drängende Tempi. Aber das allein war nicht entscheidend - ich hatte den Eindruck, dass er sich in seiner Interpretation von der unruhigen Regie geradezu getrieben fühlte, die durch permanenten Einsatz der Drehbühne und durch die wechselnden, überlagernden Video-Projektionen keinerlei Ruhepunkte zuließ. Da wurde speziell im 1.Akt in permanenter Einheitslautstärke musiziert. Sanguineti begleitete alle Rezitative selbst am Hammerflügel - oft mit ein wenig manieriert wirkenden Zitaten (Figaro, Lohengrin, Türkischer Marsch und anderes). Auch dadurch gab es für mich sehr oft einen überstürzt-abrupten Übergang von den Rezitativen zum Orchester. Damit wurde auch auf die Gesangssolisten ständiger Druck ausgeübt, die gar nicht dazu kamen, Phrasen zu modellieren und den Ausdruck zu variieren. Es wurde einfach ständig in einem Einheitsforte gesungen. Das ist vor allem deshalb besonders zu bedauern, weil die Solisten allesamt über reiche und für ihre Partien geeignete Stimmen verfügen. Alexey Birkus als Don Giovanni ist ein schöntimbrierter, echter Basso cantante, Neven Crnić ein robuster Leporello und Katerina Tretyakova eine höhensichere, dramatische Donna Anna. Die spanische Mezzosopranistin Anna Brull bewältigte die Elvira eindrucksvoll und Pavel Petrov war als Don Ottavio ein italienischer Belcantist. Dariusz Perczak war ein souveräner Masetto -  und nur die stimmlichen Leistungen von Opernstudio-Mitglied Eva-Maria Schmid als Zerlina und von Dmitrii Lebamba als (vor allem aus dem Off recht tremolierend klingender) Komtur sind noch ausbaubar. Sie allen waren zu einem recht undifferenzierten Singen angehalten. Man war im 2. Akt froh, dass zumindest an drei Stellen Mozart zu seinem Recht kam: in Ottavios Arie Il mio tesoro und in den beiden großen Szenen von Donna Elvira und von Donna Anna  erlebte man erfreulich gestalteten Mozartgesang.

Die eindimensionale musikalische Gestaltung liegt natürlich auch - und wohl vor allem an der Regie, die ausdrücklich die zu Mozarts Zeiten übliche gesellschaftliche Trennung zwischen Adel, Bürgertum und Bauern negiert. Alles spielt sich in einem Einheitsbrei moderner Spaßgesellschaft ab, alle Figuren sind gleichgeschaltet - entsprechend modern können sie sich um ihre libidinösen Bedürfnisse kümmern und sind dabei alle existenziell-gefährdet unterwegs - so die Regisseurin im Programmheft. Kein Wunder, wenn bei einem derartigen Konzept die musikalischen Subtilitäten der Mozart-Partitur untergehen! So empfindungslos und sich permanent bloß um Selbstbespiegelung mit Selfies und - um ihre libidinösen Bedürfnisse kümmernd - hat man die Mozart-Figuren selten erlebt. Ihre Zwiespältigkeit, Doppelbödigkeit und auch Rätselhaftigkeit waren nicht zu erleben - schade! Die stimmlich ordentliche Leistung des Chors (Einstudierung: Georgi Mladenov) soll nicht unerwähnt bleiben. Szenisch waren seine Aktionen - als Klone von Zerlina und Masetto - eher peinlich - ebenso wie das zwanghafte Mittanzen der (sauber musizierenden!) Bühnenmusik.

Bleibt zu hoffen, dass die folgenden Aufführungen eine Steigerung der musikalischen Leistungen mit sich bringen werden - die Grazer Philharmoniker und das Solistenensemble können es deutlich besser! Der freundliche Applaus des Publikums am Ende - auch für das szenische Team - zeigte, dass ich diesmal mit meiner Einschätzung wohl etwas einsam dastehe. Aber ich bleibe dabei: „zu wenig Mozart und da Ponte, zu viel Stöppler“ - Graz muss weiterhin auf eine gültige Don-Giovanni-Produktion warten!

 

Hermann Becke, 9. 2. 2020

Szenenfotos: Oper Graz © Werner Kmetitsch

 

Hinweise:

14 weitere  Vorstellungen bis Juni 2020 (mit wechselnden Besetzungen)

 

 

 

Engelbert Humperdinck

KÖNIGSKINDER

Sternstunde und Ehrenrettung

14. 12. 2019, Premiere

 

Sternstunde und Ehrenrettung - so betitelte Peter Hagmann seine Kritik über Engelbert Humperdincks Königskinder in der Neuen Zürcher Zeitung vor rund 10 Jahren. Und diesen Titel übernehme ich mit Überzeugung für meinen Bericht über die aktuelle Premiere an der Oper Graz - es war ein verdienter und einhelliger Erfolg!

Die Uraufführung der ersten Fassung als Melodram fand 1897 in München statt. Da das Werk jedoch kaum ins Repertoire übernommen wurde, überarbeitete es Humperdinck eingehend als Oper. Am 28. Dezember 1910 wurde dann diese überarbeitete Fassung an der Met in New York uraufgeführt - praktisch zeitgleich mit Puccinis Fanciulla del West. Zitat aus dem Programmheft: Beide Meister waren fern jeder Rivalität. Humperdinck wohnte mit Interesse der Generalprobe und Aufführung seines gefeierten Kollegen bei, Puccini ließ es sich nicht nehmen, Orchesterproben der „Königskinder“ zusammen mit Toscanini zu besuchen. Bei gegenseitiger Hochschätzung vereinten sie die ihnen gemeinsam zugedachten Ehrungen und Bankette.

Die Oper Graz hatte das Werk bereits im Jahr nach der Uraufführung nachgespielt und 1931 in der Urfassung nochmals auf den Spielplan gesetzt. Seither war es in Graz nicht mehr zu erleben - und so ist der Oper Graz sehr zu danken, dass dieses Werk wieder auf die Bühne geholt wurde, sagte doch Ingo Metzmacher, der vor rund 10 Jahren Produktionen in Berlin und in Zürich leitete, es handelt sich bei den ‚Königskindern’ um die weitaus bessere Musik als in Hänsel und Gretel. Erst ab der zweiten Hälfte des 20.Jahrhunderts gab es wieder vermehrt Aufführungen, darunter auch so manche konzertante. Die detaillierten szenischen Anweisungen machen es ja heute wahrlich nicht leicht, den Wünschen der Autoren nachzukommen - siehe dazu folgenden Text aus dem Klavierauszug der Entstehungszeit:

Bei der Uraufführung an der Met verkörperte Geraldine Ferrar, einer der Sopranstars der Zeit, die Gänsemagd. Star hin, Star hin – Geraldine Ferrar war umgeben von einer Schar lebender Gänse! - das ist hier auf der Homepage der Oper Graz samt köstlichem Foto nachzulesen. Nicht überliefert ist allerdings, ob es damals auch den vorgesehenen gelben Kater, den Raben mit gestutzten Flügeln und das Nest wilder Turteltauben  gegeben hatte. Das Grazer Regieteam um  Frank Hilbrich  jedenfalls verzichtete auf lebendige Tiere und fand eine eindrucksvolle, ja packende szenische Lösung.  Frank Hilbrich verbindet seit Jahren eine kontinuierliche Zusammenarbeit mit dem Bühnenbildner Volker Thiele und der Kostümbildnerin Gabriele Rupprecht. Man hat z. B. viel Positives über den Freiburger Ring dieses Teams gelesen. Ihnen ist mit sparsamen Mittel eine zeitgemäße Interpretation dieses tragischen Kunstmärchens für Erwachsene gelungen. Zwischen drei weißen Wänden wird durch eine Fototapete und buntes Herbstlaub zunächst  im1.Akt Märchenhaftes vermittelt - die Gänse sind Stofftiere, mit denen die Gänsemagd spielt. Der Brunnen wird durch einen Eimer ersetzt. Schon da ist das Märchenhafte deutlich von der umgebenden, feindlich-kühlen Welt abgetrennt. Mit dem Auftritt des Spielmanns und der beiden Repräsentanten der Gesellschaft (Besenbinder und Holzhacker) fällt die Tapete, das Laub wird weggekehrt und eine skurril überzeichnete Bürgergesellschaft beginnt das Geschehen zu dominieren.

Der 2. Akt ist dominiert von den großen Chorszenen - da hat die Regie zu einem klugen und bildhaften Effekt gegriffen: alle Solisten, Chor und Extrachor (drastisch agierend und kompakt singend - Leitung: Bernhard Schneider) sind dick aufgeblasen-deformierte Kunstfiguren. Durch diesen Kunstgriff wird das Irreale der Szene sehr gut vermittelt - menschliche Figuren in diesem Pandämonium einer Spießergesellschaft bleiben nur der Spielmann, der Königssohn und die Gänsemagd - und vor allem auch die Kinder! Die in großer Besetzung auftretende Singschul‘ der Oper Graz (Leitung: Andrea Fournier) hat an diesem Abend einschließlich des kleinen Solosoprans Victoria Legat Außerordentliches geleistet und ihre mehrfache nationale und internationale Anerkennung als Kinderchor eindrucksvoll bestätigt. Zum Ensemble kann ich nochmals zu einem Zitat aus der eingangs erwähnten Besprechung aus Zürich greifen: das bis in die kleinste Nebenrolle exzellent besetzte Ensemble kann sich voll entfalten! Im ersten Akt ist Christina Baader eine prägnante Hexe. Wilfried Zelinka als Holzhacker und Martin Fournier als Besenbinder sind stimmlich und darstellerisch markant gezeichnete Figuren. Anna Brull und Mareike Jankowski sind als dicke Wirtstochter und Stallmagd kaum zu erkennen und charakterisieren ihre Partien hervorragend. Thomas Essl ist ein aufgebläht-wichtiger Wirt, der zarte Albert Memeti ist ein überdimensionierter Schneider und David McShane verkörpert überzeugend den Ratsältesten. Allen gemeinsam ist eine außerordentlich textbezogene und stets verständliche Artikulation - insgesamt eine großartige Ensembleleistung ohne Schwachpunkt.

Gekrönt wird die Ensembleleistung durch eine exzellente und in jeder Hinsicht rollenadäquate Besetzung der Hauptpartien. Polina Pastirchak kennt man in Graz als ausgezeichnete Bohème-Mimi - übrigens im Jahr 2017 wie diesmal unter dem Dirigat von Marius Burkert. Als Gänsemagd überzeugt sie mit klar-fokussiertem Sopran, der sowohl mit strahlenden Spitzentönen die Ensembles anzuführen versteht, aber auch über berührende Pianotöne verfügt. Im ersten Akt ist die kindliche Betulichkeit von Humperdinck allzu breit angelegt - da wirkte Pastirchak noch ein wenig künstlich-aufgesetzt. Im 2. und 3. Akt überzeugt und berührt sie dann auch als Figur vollends. Gleiches gilt übrigens auch für den Königssohn von Maximilian Schmitt, für den dies nicht nur ein Graz-, sondern auch ein Rollendebut war. Hier lernte man einen absolut sicher geführten Tenor kennen, der hörbar und erfolgreich auf dem Weg vom Lied- und Oratoriensänger zum deutschen romantischen Opernfach ist. Das hat sich schon mit seiner 2016 erschienenen CD bei Flotow, Weber, Marschner und Wagner angekündigt. An so manchen Stellen hat er mich an Peter Schreier erinnert, den Schmitt ja auch in einem Interview als Vorbild erwähnt hatte. Beiden ist eine natürliche Bühnenausstrahlung zu bescheinigen, die zweifellos auch durch eine sehr gute Personenführung der Regie unterstützt wurde. Auch die Textartikulation ist vorbildlich.

Der dritte im Bunde der Hauptfiguren ist das Grazer Ensemblemitglied Markus Butter, der mit seiner Gestaltung des Spielmanns restlos überzeugte. Er war nicht nur durch seine große Bühnenpräsenz und  dank exzellenter Textartikulation eine prägnante Bühnenfigur, sondern er sang mit seinem markig-prägnanten Bariton die großen liedhaften Phrasen sehr schön. Dank einer aufmerksamen Orchesterbegleitung und eines für alle Sänger akustisch sehr vorteilhaften Bühnenbilds wurde er nie zum Forcieren genötigt und konnte die geforderten großen Bögen über das Orchester spannen. Er war es auch, der sich am Ende des Stücks nicht mehr an den (in dieser Version aus dem Off singenden) Kinderchor, sondern direkt an das Publikum wendete - jeder, egal ob als Zuschauer oder Ausführender, soll Teil der ‚Menschenorgel‘ werden - gewissenermaßen zu einem Chor derjenigen, die den Glauben an das Gute im Menschen nicht aufgeben (so Regisseur Frank Hilbrich im Programmheft). Markus Butter hat diesen Appell so überzeugend vorgetragen, dass das Lichtwerden im Zuschauerraum nicht notwendig gewesen wäre - wir hätten und haben den Appell des Spielmanns und Humperdincks auch ohne diese vordergründige „Regienachhilfe“ verstanden. Aber das ist eine meiner ganz wenigen einschränkenden Anmerkungen zu einem hervorragenden und zeitgemäßen Regiekonzept Die zweite Einschränkung bezieht sich auf das übertrieben spastische Gehabe der Hexe während der Einleitung zum ersten Akt, das nicht nur mir unverständlich blieb, sondern das auch dem von Humperdinck gewählten Untertitel Der Königssohn und damit der Musik widersprach, ohne einen zusätzlichen Aspekt des Werkverständnisses einzubringen. Aber ich muss mich wohl damit abfinden, dass in unserer von Bildern und Medien dominierten Welt Vorspiele immer bebildert werden müssen. Die tafelnden Kinder während des Vorspiels zum 2.Akt waren wenigstens originell und passten zum Untertitel Hellafest und Kinderreigen. Vollends überzeugend war es bei dem musikalisch wunderbaren Vorspiel zu 3.Akt, wie sich der verletzte Spielmann aus dem sich nach hinten verengenden weißen Gang auf das Publikum zu  bewegt - das passte zur Musik.

Und so kommen wir zurück zur Musik:

Die Grazer Philharmoniker und ihr Dirigent Marius Burkert waren ein ganz wesentlicher Teil des großen und einhelligen Publikumserfolgs. Da gab es sehr schöne Einzelleistungen der Instrumentengruppen (Hörner, Holzbläser, Harfe, Solovioline), die Marius Burkert zu einem harmonischen Gesamtbild zusammenführte. Da gab es trotz großer Besetzung nie ein unausgewogenes Klangbild oder ein Dominieren gegenüber den Solisten. Und so kann ich das wiederholen, womit ich diesen Bericht begann: es war eine Ehrenrettung für ein leider viel zu wenig aufgeführtes Werk und es war geradezu eine Sternstunde für die Oper Graz, wo sich alles (Inszenierung, Orchester, Chor und Solisten) zu einem selten zu erlebenden, geschlossenen Ganzen auf hohem Niveau zusammenfügte!

 

Hermann Becke, 15. 12. 2019

Szenenfotos: Oper Graz © Werner Kmetitsch

 

Hinweise:

-          11 weitere Vorstellungen bis März 2020 (mit wechselnden Besetzungen)

-          1-Minuten-Kurzvideo

Dank youtube können Operninteressierte zumindest zwei komplette Aufnahmen nachhören -  die erste, nun wahrlich schon historische Aufnahme mit Peter Anders und Dietrich Fischer-Dieskau aus dem Jahr 1952 . Die zweite Aufnahme stammt aus dem Jahre 1989 (Helen Donath, Adolf Dallapozza, Hermann Prey unter Heinz Wallberg). In der Diskographie gibt es derzeit 6 Aufnahmen - unter anderem auch mit Jonas Kaufmann und Klaus Florian Vogt

 

 

 

Neue Galerie Graz, Stiegenfoyer

LA SERVA PADRONA

Unterhaltsame Barockoper mit Niveau

3. 12. 2019 (Premiere)

In der Reihe OpernKurzgenuss  - einer seit Jahren bewährten Kooperation zwischen der Oper Graz und der Kunstuniversität Graz - hatte man wieder einen speziellen Aufführungsort gefunden: das Foyer im Neorenaissance-Stiegenhaus des Museums der Neuen Galerie. Der Ort war geschickt gewählt. Das Publikum saß im Halbkreis, davor spielte stehend rund um die zentrale Spielfläche das aus Studierenden zusammengesetzte 12-köpfige Barockorchester gamma.ut des Universitätsinstituts für Alte Musik und Aufführungspraxis der Grazer Kunstuniversität. Die Raumakustik passte geradezu ideal. Die Spielfläche selbst war mit sparsamen Versatzstücken bestückt, dazu kamen plakativ-wirksame Kostüme - beides von der persischen Bühnenbild-Studentin Faniz Sadeghi gestaltet. Die Regisseurin Annette Wolf und die musikalische Leiterin Susanne Scholz hatten sich eine praktikable Version überlegt: anstelle der Rezitative wurden deutsche Dialoge gesprochen - die Arien wurden auf Italienisch gesungen. Das förderte für das Publikum natürlich die Verständlichkeit und es war auch pädagogisch wertvoll: der 30-jährige polnische Bariton Dariusz Perczak als stimmkräftiger und koloraturensicherer Uberto, der trotz seiner Jugend schon eine Reihe großer Partien (z.B. den Eugen Onegin) erfolgreich an der Grazer Oper gesungen hatte, bekannte, dass er erstmals deutsche Dialoge zu sprechen hatte. Das gelang ihm schon erstaunlich gut. Die Magd Serpina sang die polnische Repertoire-Studentin Paulina Tuzińska - mit sicher geführter Sopranstimme. Ihr fiel die deutsche Sprache merklich schwerer, aber sie zeigte routinierte Bühnenerfahrung, hatte sie doch in Polen nicht nur Barbarina und Zerlina gesungen, sondern auch bei einer Stradella-DVD mitgewirkt. Die stumme Rolle des Dieners Vespone verkörperte charmant der Schauspielstudent Levin Karl Hoffmann.

Im Mittelpunkt der Inszenierung standen die Gier nach Geld und Gold. Uberto benützt eine goldene Badewanne, die Wände sind vergoldet - das Orchester ist in die Szene einbezogen und flüstert Gold, Gold und ein Hocker vollgefüllt mit Banknoten spielt eine wichtige Rolle. Pergolesis Musik arbeitet mit kurzen Themen und Wiederholungen. Das nützt die Regie geschickt. So ist gleich die dreiteilige Auftrittsarie des Uberto köstlich szenisch umgesetzt - da wird ganz einfach das Hineinsteigen in die Badewanne dreimal mit den selben Gesten wiederholt. Die Regisseurin arbeitet generell mit drastischem, aber nie peinlichem Aktionismus und sorgt damit für eine erfrischende Umsetzung der simplen Commedia-dell’Arte-Handlung. Es war eine vergnügliche Stunde mit barocker Unterhaltungsmusik. Die Besetzung war gut gewählt und das Orchester spielte ebenso frisch und beherzt wie szenisch agiert wurde. Der Oper Graz und der Kunstuniversität Graz ist zu einer weiteren gelungenen Zusammenarbeit zu gratulieren! Es gab großen und verdienten Beifall für alle Ausführenden und das Leading-Team!

Die Produktion hat auch noch eine sehr nette persönliche Komponente, die nicht unerwähnt bleiben soll:

Uberto und Serpina - also Dariusz Perczak und Paulina Tuzińska - sind auch im tatsächlichen Leben verheiratet! Der spektakuläre Heiratsantrag ging vor 2 Jahren durch die Medien. In der Zeitung stand damals zu lesen:

Sie hat „Tak“ gesagt! Ein romantischer Heiratsantrag im schönsten Ballsaal des Landes krönte zu Mitternacht die 19. Grazer Opernredoute: Bariton Dariusz Perczak holte seine Freundin Paulina Tuzinska, die kein Wort Deutsch versteht, auf die Bühne. Während sie dachte, er redet vom Spielplan der Oper, ging er plötzlich auf die Knie und stellte die Frage aller Fragen auf Polnisch: „Wyjdziesz za mnie?“

Und so konnte Perczak vor der Premiere von La serva padrona auf Facebook schreiben: What is even more special - I am going to share the stage with my beloved wife!

Und zuletzt noch ein Video-Hinweis: aus dem Jahr 2008 gibt es eine prominent besetzte YouTube-Aufnahme der Serva padrona. Da spielen I Barocchisti unter der Leitung von Diego Fasolis, es singen Furio Zanasi und die heute berühmte Sonya Yoncheva. Die Yoncheva war übrigens damals gleich alt wie heute Paulina Tuzińska - möge das ein gutes Vorzeichen für den weiteren Weg von Paulina Tuzińska sein!

 

Hermann Becke, 4.12.2019

Probenfotos: Oper Graz  © Werner Kmetitsch

 

Weitere Aufführungstermine: 5., 7. und 8. Dezember 2019; der Besuch ist unbedingt zu empfehlen!

 

 

 

CINDERELLA

Traum vom Ballett

14. 11. 2019, Premiere

 

Es war ein Abend geprägt von starken Frauenpersönlichkeiten!

Beginnen wir mit Beate Vollackes war zweifellos i h r Abend! Die 51-jährige Berlinerin ist seit der vorigen Saison Ballettdirektorin in Graz, sie hatte für Sergej Prokofjews Ballett eine eigene Choreographie geschaffen, diese mit dem Grazer Ballettensemble und der Ballettschule der Oper Graz erarbeitet und sie tanzte auch selbst die Figur der Stiefmutter, die sie schon im Jahre 2000 in der Version von John Neumeier an der Staatsoper München verkörpert hatte. Ganz anders als Neumeier, der den Tod und das Begräbnis der Mutter mit düsteren Figuren an den Anfang stellte, vermittelte uns die Choreographie von Beate Vollack den Traum vom Ballett, den Cinderella in einer Ballettschule träumt. Die Produktion beherrschen helle Bilder und Kostüme. Der Bühnen- und Kostümbildner (und frühere Balletttänzer) Dieter Eisenmann verwendete in seiner Ausstattung geschickt Ballettspiegel, um den Raum zu weiten und wohl auch um ein wenig das Märchenhaft-Irreale zu vermitteln. Die Choreographie von Beate Vollack zeigte uns eine freundlich-heitere Ballettatmosphäre - immer wieder erfrischend aufgelockert durch augenzwinkernde, geradezu  romantische Ironie, vor allem im 3.Akt. Tragische Untertöne - wie sie die Dirigentin Oksana Lyniv etwa zu Recht in der Grande Valse hört - werden in der Choreographie nicht sichtbar. Beate Vollack war als Stiefmutter und strenge Ballettmeisterin eine bühnenbeherrschende, brillant gestaltete Figur - sie darf herrlich ausdrucksstark dabei ihre komödiantische Vielfalt in grotesker Koketterie austoben (wie ihr schon vor fast 20 Jahren die Münchner Kritik bescheinigte).

Die zweite prägende Frauenpersönlichkeit des Abends war die Grazer Chefdirigentin Oksana Lyniv , die ihre erste Ballettpremiere dirigierte. Mit den bestens disponierten Graz Philharmonikern lieferte sie eine farben- und facettenreiche Interpretation von Prokofjews humorvoll-skurriler, rhythmisch-pointierter Musik. Das Orchester blühte prächtig auf - fast hatte man den Eindruck, man genieße musikantisch-genußvoll die Situation, dass man diesmal auf keine Gesangsstimmen Rücksicht nehmen musste. Die Partitur birgt auch so manche kammermusikalisch subtile Stellen, in denen sich das Orchester auch solistisch eindrucksvoll bewährte. Die Musik ist nach dem Nummernprinzip aufgebaut - in bemerkenswerter, stets harmonischer  Übereinstimmung zwischen Orchester und Choreographie gelangen die Übergänge zwischen den einzelnen Nummern nahtlos und immer überzeugend. Kluge Worte findet Oksana Lyniv im Programmheft mit dem Hinweis, dass die Musik während des 2.Weltkriegs entstand und nach dessen Ende im November 1945 in Moskau uraufgeführt wurde - gleichsam ein heller Kontrapunkt zum Elend des Krieges. Man weiß, dass Prokofjew sehr unter den Repressalien Stalins gelitten hatte - und dennoch schrieb er diese bezaubernde Märchenmusik. Dazu sei ein historischer Einschub gestattet:

Es ist eine Ironie des Schicksals, dass Prokofjew im Jahre 1953 fünfzig Minuten vor Stalin starb. Der Leichenwagen hatte den toten Prokofjew wegen der Feierlichkeiten für Stalin nicht aus der Wohnung abholen können. Daher trugen Freunde Prokofjews den Sarg selbst zum Friedhof - in Nebengassen in die entgegengesetzte Richtung zu Stalins Trauerzug! Siehe dazu einen Zeitungsbeitrag und das jeden Musikfreund erheiternde Buch Tasten, Töne und Tumulte von Rainer Schmitz.

Aber zurück zur aktuellen Ballettpremiere und zu der dritten prägenden Frauenpersönlichkeit des Abends:

Die erst 21-jährige Tschechin Lucie Horná - aus der Ballettakademie der Wiener Staatsoper hervorgegangen - war eine ideale Interpretin der Titelfigur. Sie verstand es wundervoll, sowohl das bescheiden-zurückhaltende Mädchen als auch die strahlende Ballerina zu verkörpern, ohne je manieriert-künstlich zu wirken. Der nur zwei Jahre ältere Christoph Schaller - ebenfalls von der Ballettakademie der Wiener Staatsoper kommend - war ein überzeugend-kraftvoller Prinz. Aber auch das gesamte übrige Ballett-Ensemble fiel keinesfalls ab. Stellvertretend für alle seien Miki Oliveira (Mutter), Paulio Sóvári (Vater) sowie die beiden plastisch-prägnant, aber nie übertrieben gezeichneten Stiefschwestern Stephanie Carpio und Martina Consoli genannt. Dazu war in das choreographische Konzept sehr geschickt (und pädagogisch wertvoll) die große Zahl der Kinder und Jugendlichen der Ballettschule der Oper Graz eingebunden. Das Grazer Ballettensemble hat jedenfalls mit diesem Abend ein kräftiges Zeichen seiner Leistungsfähigkeit und seines ausgewogenen Niveaus gegeben.

Im 3.Akt machte Beate Vollack wohl eine Anleihe bei der berühmten Cinderella-Choreographie von Rudolf Nurejew, der 1986 in Paris das Stück nach  Hollywood verlegt hatte (hier vollständig nachzusehen). In Vollacks Version suchte der Prinz mit seinen Freunden die geheimnisvolle Ballerina in HOLLYWOOD und in BOLLYWOOD - ein geschicktes Spiel mit sich ständig neu formierenden Buchstaben - etwa zu BLOOD, WHY OLD oder zuletzt zu HOME. Das war geist- und schwungvoll gemacht und passte wunderbar zur rasenden Galopp-Musik, aber etwa auch zur indischen Orientalia-Nummer - wie überhaupt es ein besonderes Verdienst dieser Choreographie ist, sich nie vordergründig und effekthaschend vor die Musik drängen zu wollen.

Am Ende gab es großen und einhelligen Applaus für das gesamte Team - Beate Vollack war sichtlich gerührt. Das Publikum erfreute sich ganz offensichtlich daran, dass ihm diesmal keine tiefschürfende Sozialprobleme serviert wurden (das könnte man ja bei der Aschenbrödel-Geschichte sehr wohl), sondern unterhaltendes Tanz-und Musiktheater auf hohem künstlerischem Niveau!

 

Hermann Becke, 16. 11. 2019

Szenenfotos: Oper Graz © Ian Wahlen

Hinweise:

-          15 weitere Vorstellungen bis Juni 2020 (mit teilweise wechselnden Besetzungen)

-           Kurzvideo als Vorschau (1:09)

 

 

 

DIE FLEDERMAUS

K(r)ampf im Boxring und Scheißhaus!

19. 10.2019, Premiere

 

Fledermaus rächt sich in der Bedürfnisanstalt - so titelte unmittelbar nach der Premiere die lokale Kleine-Zeitung in ihrer Nachtkritik. Ich hingegen halte mich bei meinem Titel an den aufgeführten Text und schreibe Scheißhaus - wie es eben in der Neuen Dialogfassung von David Gieselmann in einer Bearbeitung von Maximilian von Mayenburg heißt. Gefängnisdirektor Frank nennt sich selbst ausdrücklich Direktor dieses Scheißhauses. Der letzte Akt spielt also nicht in einem Gefängnis - es gibt nur Klozellen, in denen sich die Akteure übergeben und in denen Sexualpraktiken geübt werden. Frosch ist kein Gefängniswärter, sondern eine Reinigungskraft, die sich schon in der Pause im Foyer unter das Publikum gemischt hatte und sich selbst als Facility Manager des Opernhauses bezeichnet. Der renommierte Schauspieler und Kabarettist Adi Hirschal - in und an  Wien verloren gegangen, wie er sich selbst bezeichnet - war mit dieser blass gezeichneten und unspektakulären Bühnenfigur arm dran. Kein Wunder, dass er diesen Auftritt auf seiner Website verschweigt

Der im Titel erwähnte Boxring wird im 2. Akt bei Orlofskys Fest - oder wie es diesmal heißt Party - aufgebaut. Das Lachcouplet der Adele Mein Herr Marquis wandelt sich zu einem  Boxkampf zwischen Eisenstein und Adele, in dem Eisenstein k.o. geht. Laut Programmheft findet Adele schlagkräftige Argumente, warum sie ganz sicher nicht im Hause des Herrn von Eisenstein angestellt ist. Auch diese Szene zeugt vom krampfhaften Bemühen des Leading Teams, alles neu und besonders „humorig“ zu machen. Es war halt leider ein Humor, der nichts von der Subtilität und dekadenten Zwiespältigkeit des Meisterwerks vermitteln konnte.  Der Regisseur Maximilian von Mayenburg  hatte um sich ein Team versammelt, mit dem er schon wiederholt zusammengearbeitet hat: Tanja Hofmann (Bühne),  Frank Lichtenberg (Kostüme), Sebastian Alphons (Licht) und Kira Senkpiel (Choreographie). Eines kann man diesem Team gerne bescheinigen: sie haben an einem Strang gezogen - die Teile fügen sich zu einem konsequenten Ganzen, allerdings zu einem krampfhaft überspitzten und außerdem langatmigen Ganzen, das am Ende vom Publikum mit deutlichen Missfallensäußerungen bedacht wurde. Im Mittelpunkt des Konzepts steht Dr. Falke, der nach einem Maskenball von Eisenstein nicht nur betrunken im Fledermauskostüm zurückgelassen und dem Spott ausgesetzt wurde - wie im Original vorgesehen -, sondern Falke wurde in Mayensburgs Sichtweise damals schwer verwundet, sodass er über diese Verletzung nicht hinwegkommt (Zitat aus dem Programmheft). Falke ist im Rollstuhl und organisiert das Fest bei Orlofsky als eine grelle Rache- und Weltuntergangsparty mit Figuren, die irgendwo zwischen Rocky Horror Picture Show und Halloween angesiedelt sind. Außerdem wird der dramatische Duktus des 2.Aktes abrupt unterbrochen: das Publikum wird während des Festes in die Pause geschickt, bekommt auf Kosten des Hauses ein Glas Sekt und muss sich langatmige Textpassagen anhören, in denen Falke nicht nur die Fledermaus-Vorgeschichte aus seiner Sicht erzählt, Belehrungen über die Scheinheiligkeit des Brüderlein, Schwesterlein-Walzergesangs von sich gibt, sondern auch direkt das Publikum anspricht, um ihm zu versichern, dass es Teil des Ganzen ist und um belehrend die Endlichkeit des Lebens vor Augen zu führen. Er habe veranlasst, dass sowohl auf der Bühne als auch im Foyer ein Gift in den Sekt gemischt worden sei, das allen nur mehr eine Stunde Lebenszeit lässt….. Der 2. Teil des zweiten Akts mündet dann in einen regelrechten Totentanz, in dem zuletzt Rosalinde mit einer Totenkopfmaske erscheint. Man erspare mir, weitere Details zu schildern!

Wie schon so manches Mal in der letzten Zeit in Graz retten die musikalischen Leistungen den Abend! Beginnen wir mit dem jungen Berliner Dirigenten Marcus Merkel. Er ist seit der Saison 2015/16 am Grazer Haus - zunächst als Korrepetitor und nun als Kapellmeister. Er hat sich bereits vielfach als Einspringer in Oper und Konzert bewährt, hatte schon Premieren und Wiederaufnahmen zu betreuen und bewies auch diesmal nicht nur seine auffallende musikalische Begabung, sondern auch die Fähigkeit, Orchester, Chor und Solisten mit energischer Hand zusammenzuhalten und ausgewogenes Musizieren zu ermöglichen. Das war diesmal schon wegen der ungewohnten Gegebenheiten wahrlich nicht einfach. Das Orchester saß nämlich auf dem Niveau der ersten Parterre-Reihen. In der Mitte musste ein Durchgang frei bleiben, weil Chor, Ballett, Statisterie und die Solisten wiederholt aus dem Zuschauerraum durch das Orchester aufzutreten hatten - auch das ein längst abgenutzter Regieeinfall, um zu dokumentieren, dass das Publikum Bestandteil des Ganzen ist. Marcus Merkel dirigierte ohne Pult und Partitur vollkommen auswendig. Dass da keine größeren Pannen passierten, ist seiner Koordinations- und Improvisationsgabe zu danken. Die Grazer Philharmoniker waren blendend disponiert und musizierten animiert, ohne sich vom Bühnengeschehen ablenken zu lassen. An ihren Mienen glaubte ich allerdings ablesen zu können, was sie von dem Regiespektakel hielten. Und sie spielten nicht nur ausgezeichnet - auch als Chor haben sie sich bewährt, weil zum Einzug des Prinzen Orlofsky der Egyptische Marsch von Johann Strauß eingefügt wurde, bei dem sie wie die Wiener Philharmoniker beim Naujahrskonzert stimmkräftig den Refrain sangen (hier deren Aufnahme unter Christian Thielemann aus dem Jahre 2019). Natürlich war durch die ungewohnte Aufstellung die Klangbalance zwischen Orchester und Bühne permanent ein wenig gefährdet. Aber man hatte vorgesorgt: vor den Blechbläsern waren durchscheinende „Lärmschutzwände“ aufgebaut und der Dirigent führte die Solisten achtsam. Also: großes Kompliment an Orchester und Dirigent!

Der Chor war sehr gut studiert (Leitung: Bernhard Schneider) und erwies sich - fast bis zur Selbstverleugnung - spielfreudig bei der Umsetzung des Regiekonzepts. Auch das Ballett und natürlich auch die Statisterie trugen ihren Teil bei, um die gewünschte Endzeitstimmung entstehen zu lassen. Das sehr gute Solistenteam hätte sich eine bessere Regie verdient. In der Reihenfolge des Programmzettels seien sie ausdrücklich gewürdigt: Alexander Geller war ein eleganter und stimmsicherer Eisenstein, der in dieser Inszenierung keinen Wiener Charme zeigen durfte. Elissa Huber bewies an diesem Abend - wenige Tage vor ihrem 32.Geburtstag! - als Rosalinde alle Qualitäten, die eine Operettendiva braucht: blendende Bühnenerscheinung, Temperament, Spielfreude und vor allem eine farbenreiche Sopranstimme, die auch den Csárdás geradezu bravourös meisterte - für mich die Entdeckung des Abends! Markus Butter war ein prägnanter und überaus wortdeutlicher Frank, der mit seiner Bühnenpersönlichkeit phasenweise die Inszenierung vergessen ließ. Die Katalanin Anna Brull war die gebührend skurrile Orlofsky-Figur, die nicht Russisch zu radebrechen hatte, sondern zunächst in ihrer Muttersprache sprechen durfte (von Ida jeweils ins Deutsche übersetzt - auch so ein krampfhaft-lustiger Einfall!). Der junge Pole Albert Memeti - aus dem Grazer Opernstudio hervorgegangen und heuer erstmals fix engagiert - war eher eine Cherubino-Figur als ein italienischer Gesangslehrer, machte aber seine Sache gut und überbrückte auch geschickt einige Unsicherheiten.

Der Routinier Ivan Oreščanin löste souverän seine undankbare Aufgabe, den übertrieben gezeichneten Drahtzieher und Bösewicht Falke zu verkörpern. Selbst die langen, oben schon erwähnten Textpassagen vermochte er plastisch zu gestalten. Darstellerisch blieb kein Wunsch offen. Manuel von Senden hatte als Advokat Dr. Blind aus einer Parterreloge auf die Bühne zu klettern und lieferte dann das von ihm seit Jahren gewohnt-präzise Rollenportrait. Sieglinde Feldhofer gelang es, dank ihrer natürlichen Bühnenausstrahlung eine überzeugende Adele zu sein, die selbst im Box-Dress ihr Couplet stimmlich differenziert vorzutragen und auch im 3.Akt berührend und stimmschön die Unschuld vom Land zu verkörpern verstand. Eva-Maria Schmid war eine charmante Ida und Adi Hirschal hatte ich schon eingangs bedauert, seine schauspielerischen Qualitäten nicht zeigen zu dürfen.

Das Publikum bedachte am Ende die Protagonisten mit großem und verdientem Beifall. Beim Auftritt des Regieteams hörte man deutlichen Unwillen. Das kürzte dann auch den allgemeinen Applaus merklich ab. Beim Verlassen des Zuschauerraums sah ich viele eher resignativ-ratlose Gesichter. Freude hat diese Produktion nicht vermittelt - aber auch nicht nachdenkliches Interesse! Da waren Le nozze di Figaro, die Maximilian von Mayenburg vor zwei Jahren in Graz inszeniert hatte, trotz mancher damals geäußerter Einschränkungen, wesentlich besser und schlüssiger gelungen. Diesmal - und ich komme damit zum Titel meines Berichts zurück - war die szenische Umsetzung ein Krampf, den sich das sehr gute Ensemble nicht verdient hat!

 

Hermann Becke, 20. 10.  2019

Szenenfotos: Oper Graz © Werner Kmetitsch

 

Hinweise:

- 14 weitere Vorstellungen bis Februar 2020 (mit wechselnden Besetzungen)

Kurzvideo als Vorschau (0:54)

 

 

 

ROMÉO ET JULIETTE

Neue Protagonisten- neue Qualität!

5. 10.2019 (Wiederaufnahme aus der Saison 2016/17 mit neuer Besetzung)

 

Eine erwähnenswerte Koinzidenz - wenn auch sicher nicht deswegen so disponiert:

Die Oper Graz eröffnete vor einer Woche sehr erfolgreich die neue Saison mit Verdis Don Carlo (siehe unten den Bericht), und die erste Grazer Opernproduktion danach ist Gounods Roméo et Juliette - zwischen den Uraufführungen der beiden Werke lagen nur 6 Wochen! Die französische Urfassung des Don Carlos wurde am 11. März 1867 in Paris uraufgeführt - Roméo et Juliette am 27. April 1867, beide in Paris in den damals konkurrierenden Opernbühnen in der Salle-Le-Peletier und im  Théatre-Lyrique. Im immer noch unverzichtbaren Nachschlagewerk von Dieter Zöchling liest man über die Don-Carlos-Uraufführung: Die musikalisch anfechtbare Uraufführung wird eher kühl aufgenommen. Hingegen heißt es Gounod brilliert mit ‚Romeo und Julia‘

Nun: Paris hatte im 19. Jahrhundert vier miteinander im Wettstreit liegende Operntruppen. Graz hat natürlich nur ein Opernhaus - aber dafür wurden in den beiden Produktionen nach dem Stagione-Prinzip zwei völlig verschiedene Solistenbesetzungen aufgeboten. Niemand - auch nicht bei den Nebenrollen - trat in beiden Opernproduktionen auf. Die Leistungsfähigkeit der Oper Graz wurde damit einmal mehr eindrucksvoll dokumentiert. Und noch dazu ist die Gounod’sche Wiederaufnahme der drei Jahre alten Produktion nicht nur in den beiden Titelrollen, sondern auch in wesentlichen weiteren Partien neu besetzt. Man konnte also gespannt die Wiederaufnahme besuchen und kann ein erfreuliches Resümee ziehen:

Die neuen Protagonisten haben die Produktion auf ein qualitätsvolles Niveau gehoben!

Lassen Sie mich diesmal mit dem Dirigenten beginnen: Marius Burkert ist seit über 10 Jahren in Graz und hat in bester Kapellmeistertradition die Musik von Gounod mit den gut disponierten Grazer Philharmonikern zum Klingen gebracht. Wenn es einmal - wie etwa zu Beginn des 4. Aktes bei der Rezitativbegleitung -  kleine rhythmische Unebenheiten gibt, dann gleicht Burkert das mit Routine sofort aus. Er lässt den Solisten genügend Zeit zum Phrasieren und Atmen, holt schöne Solopassagen aus dem Orchester heraus, er lässt den melodischen Fluss unmanieriert dahinströmen, sorgt aber auch für die nötige rhythmische Delikatesse. Natürlich hatte er das Glück, dass ihm ein neues und wirklich sehr gutes Titelpaar zur Verfügung stand.

Die Russin Katerina Tretykova hatte die Rolle der Juliette schon vor über 10 Jahren beim Young Singers Project bei den Salzburger Festspielen erarbeitet und seither an mehreren Bühnen (darunter auch als Zweitbesetzung in Graz) gesungen. Sie beherrscht die Partie souverän sowohl in den Koloraturen als auch in den lyrischen Phrasen und ist außerdem eine überzeugende Darstellerin. Graz kann sich freuen, dass sie im Frühjahr in der Don-Giovanni-Neuinszenierung die Donna Anna übernehmen wird. Mit Recht stand sie am Ende im Mittelpunkt des Beifalls. Ihr Roméo war der mexikanische Tenor Jésus Léon . Auch er hatte die Partie bereits mehrfach gesungen, zuletzt im Vorjahr an der Opéra de Nice (hier ein Ausschnitt aus dem Finale). Léon phrasiert stilgerecht und hat sichere Höhen. Aber auch rund um das Titelpaar gab es sehr solide neue Besetzungen: etwa Wilfried Zelinka als profunder Bruder Laurent, Ivan Oreščanin als getreuer Mercutio, Christina Baader als wohltönende Gertrude, David McShane als Respekt einflößender Herzog, Szymon Komasa als sonorer Paris sowie die offenbar ganz kurzfristig eingesprungene Antonia Cosmina Stancu, die mit schönem Stimmmaterial als zum Dienstmädchen mutierter Stéphane aufhorchen ließ. Dazu kamen von der ursprünglichen Besetzung

Markus Butter als profilierter Graf Capulet, Taylan Reinhard als scharfstimmiger Tybalt, Martin Simonovski als sicherer Grégorio und Martin Fournier als prägnante Dienerfigur.

Klug löste man die Ballettszenen: ein Tanzpaar „spiegelte“ schon während das Vorspiels Romeo und Julia - ausdrucksstark Stephanie Carpio und Philipp Imbach. In die Hofgesellschaft wird eine dominant-strenge Fürstin eingefügt, die sich am Ende für Julia zu einer albtraumhaft-bedrohlichen Gestalt entwickelt. Diese Rolle gestaltete die Choreographin des Abends und  Grazer Ballettchefin Beate Vollack selbst mit gebührendem Nachdruck.
Ein besonderes Lob ist neuerlich Chor und Extrachor (Leitung: Bernard Schneider) zu zollen. Das war nach dem Don Carlo die zweite Produktion mit großen Choraufgaben - und auch diesmal wurde die große Aufgabe sehr gut bewältigt.

Meine Einwände gegen die Inszenierung bleiben bestehen: Der Regisseur und Bühnenbildner Ben Baur hat gemeinsam mit seiner Kostümbildnerin Uta Meenen das Stück vom Verona des 15. Jahrhunderts in das viktorianische England des ausgehenden 19. Jahrhunderts verlegt und sich primär darauf beschränkt, illustrative Stehbilder auf die Bühne zu bringen. Mir erschloss es sich nicht, ob und welche Bereicherung oder Weiterentwicklung des Romeo/Julia-Dramas diese zeitliche Verlegung mit sich bringt. Es gab stereotype Auf- und Abmärsche des in einheitliches Schwarz-Weiß gekleideten Hauspersonals, es gibt viele Tische, die ständig verschoben werden, und es gibt viele Kerzen. Auf und unter diesen Tischen begegnen einander Roméo und Juliette, wenn sie sich nicht gerade an eine Säule klammern oder dahinter verbergen.

Aber ich räume gerne ein, dass sich beim zweiten Besuch dieser Inszenierung ein wesentlich geschlossenerer Gesamteindruck ergab als bei der Premiere vor drei Jahren. Das mag vor allem an den sehr guten musikalischen Leistungen liegen, aber durchaus auch ein Verdienst der jungen Regieassistentin Juana Inés Cano Restrepo sein, die in der letzten Zeit durch mehrere eigenständige Regiearbeiten aufgefallen ist und die szenische Einstudierung der Wiederaufnahme übernommen hatte. Mir schien die gesamt Aufführung wesentlich gestraffter.Die albtraumartigen Bilder des 4. und 5. Aktes machten jedenfalls Eindruck und hielten das Publikum in Spannung.

Ärgerlich bleiben nach wie vor so manche Details: Warum die Figur von Roméos Knappen Stéphano im 2. Bild des dritten Aktes in eine weibliche Dienstbotenfigur verwandelt wird, ist völlig unklar. Der Knappe singt ein Spottlied auf die Capulets und löst damit die tödlich endenden Kämpfe Mercutio - Tybalt - Roméo aus. Warum wird das durch diese Dienstbotentransformation völlig verharmlost und unverständlich?? Ein weiteres Detail: Das Programmheft schreibt völlig richtig zum 5. Akt: Roméo erreicht die Nachricht, dass seine Geliebte nicht tot ist, sondern nur schläft, nicht mehr rechtzeitig. Allerdings ist diese Szene mit Bruder Laurent gestrichen, sodass der Selbstmord von Roméo unlogisch bleibt …… und da ließe sich noch mancherlei aufzählen!

Aber wie auch immer: diesmal war es vor allem kraft der musikalischen Interpretation ein spannender Opernabend, der mit reichem Beifall bedacht wurde.

 

Hermann Becke, 6. 10.  2019

Szenenfotos: Oper Graz © Werner Kmetitsch

 

 

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