Alcina gehört zu Händels beliebtesten Opern und ist damit ein Grund für das Landestheater Detmold, die Saison musiktheatralisch abzuschließen, zumal Barockes dort schon länger nicht zu sehen und zu hören war. Liebe, Leidenschaft, Missverständnisse, Rachegelüste und ehrliche Gefühle innerhalb eines spannenden Beziehungsgeflechts hat Händel in ebenso einfühlsame wie mitreißende Musik gesetzt, die besonders in den Arien zur Geltung kommt. Damit vermag das gerne „Zauberoper“ genannte Stück heute noch zu fesseln, wenn es in Bezug auf die Musik stilistisch kompetent und darstellerisch ansprechend realisiert wird. Dem Detmolder Theater ist die Realisierung in bewundernswerter Weise gelungen, was sowohl den gesanglichen Leistungen als auch der Regie zu verdanken ist. Die vier Sängerinnen und zwei Sänger – die Partie des Oberto wurde gestrichen – gehen komplett in ihren Rollen auf und verkörpern die Charaktere mit allen zur Verfügung stehenden stimmlichen und darstellerischen Mitteln. Die Titelpartie ist die umfangreichste mit mehreren anspruchsvollen Arien, die Emily Dorn souverän meistert, indem sie alle Facetten der Alcina offenlegt, von Verliebtsein über Zweifel und Wut bis zur Trauer. Alcina entwickelt sich nachvollziehbar im Laufe der Vorstellung von einer sinnlichen zu einer selbstbewussten und reflektierenden Frau.

Mit Lotte Kortenhaus als ihrem ersten wirklichen Geliebten Ruggiero hat sie ein ebenso facettenreiches Gegenüber. Ihre runde, warme Stimme ist zwar nicht der kräftigste Mezzo, aber dafür umso gefühlvoller, was ihr nach der Arie „Mi lusinga il dolce affeto“ zu Recht lang anhaltenden Applaus bescherte. Temperamentvoll gibt sich Dara Savinova als Ruggieros eigentliche Verlobte Bradamante, und Marianna Nomikou überzeugt als die sich nach Liebe sehnende Schwester Alcinas, Morgana. Ein viriler Tenor steht Stephen Chambers zur Verfügung, wenn er Oronte (hier nicht General, sondern Objekt von Morganas Begierde) singt, und Ricardo Llamas Márquez‘ in allen Lagen sicherer und ausdrucksvoller Bass gibt dem Melisso, Bradamantes Aufpasser, Kontur.
Regisseur Felix Schrödinger erzählt die Geschichte sehr menschlich, indem er sie nicht nur auf gut zwei Stunden Spieldauer und um den Aspekt der Zauberei kürzt , sondern die Charaktere ihre wahren Leidenschaften und Bedürfnisse ausspielen lässt. Was sich in der Inhaltsangabe noch wie eine wirre Soap Opera, also eine TV-Dauerserie, liest, wird zu einem ehrlichen und direkten Beziehungsdrama. Bezeichnend dafür ist die Auftrittsarie der Alcina, die sie zusammen mit Ruggiero als junges, verliebtes Paar voller knisternder Erotik zeigt.

Überhaupt werden Arien selten für sich gesungen, sondern gerne in Interaktion mit der angesprochenen Person. Ein tragendes Element der Inszenierung sind zudem die Portraits der Affären Alcinas; es sind verfremdete, unkenntliche Gesichter, die teils an einer Fotowand hängen, größtenteils aber in Alben gesammelt sind. Am Ende befreit sich Alcina von ihrer Männergier, indem sie die Alben verbrennt. Sie wirkt anschließend befreit, als hätte sie ihr Selbst, ihre Identität gefunden, betrachtet am Ende nur noch ihr eigenes Porträt. Die früheren Verführten sind als bleiche Schatten in Einheitskostümen mit versteinerten Gesichtern zu sehen und zu hören (Choreinstudierung: Francesco Damiani, Kostüme: Luzie Nehls-Neuhaus). Oft arrangieren sie sich um Alcina als sehenswerte Skulpturengruppen.

Das schlichte und praktikable Bühnenbild mit Gardinen und Schleiern von Eva Maria van Acker ermöglicht die Konzentration auf das Agieren der Protagonisten. Tief im Graben sitzt, das kleinbesetzte, aber um Kontrafagott, Barockgitarre, Laute und Theorbe sowie zweites Cembalo ergänzte Symphonisches Orchester des Landestheaters Detmold, das von Claudio Novati am Cembalo zu dezentem, aber flüssigem und bei Bedarf schwungvollem, aber nicht aufdringlich historisch informiertem Spiel animiert wird. Sabine Vavassori begleitet Emily Dorn mit sehr ausdrucksvollem Cellospiel die Alcina in ihrer letzten Arie. Das Premierenpublikum spendete am Ende dieser musikalisch wie szenisch gelungenen Wiedergabe der Alcina enthusiastisch Applaus.
Bernhard Stoelzel, 13. Juni 2026
Alcina
Georg Friedrich Händel
Landestheater Detmold
Premiere am 12. Juni 2026
Inszenierung: Felix Schrödinger
Dirigent: Claudio Novati
Symphonisches Orchester des Landestheaters Detmold
weitere Aufführungen am 19. Juni und im Herbst 2026.