Pionteks Bayreuth: „Wagner, Dom Pedro II. und Liszt“

„Brazil is a very magic land“, sagt Cristiano Melli. Es passt zum Thema: Richard Wagner, Dom Pedro II and a tropical „Tristan and Isolde“.

Was tropisch an Tristan und Isolde ist – oder vielleicht sein sollte -, weiß man, wenn man sich etwas intensiver mit Wagners Beziehung zu Kaiser Dom Pedro II. befasst, von der einige Briefe und spätere Erinnerungen des Komponisten zeugen, bevor der Kaiser selbst, als Förderer der ersten Bayreuther Festspiele, zur Eröffnung derselben in die Stadt reiste. Bei Steingraeber erfährt man im Jubiläumsjahr Festival 150, mit Förderung keiner geringeren Institution als der Brasilianischen Botschaft in Berlin, nicht wenig über die in jedem Sinne exotische Geschichte, weil der Komponist und Musikwissenschaftler Cristiano Melli einen materialreichen Vortrag über Wagner und den geheimnisvollen Tristan-Auftrag hält – geheimnisvoll deshalb, weil sich ein paar Legenden um die Geschichte rankten und immer noch ranken. Wer hingegen die zwischen März und September 1857 geschriebenen Briefe des Ernesto Ferreira França Filho (was heißt: der jüngere Ernesto Ferreira França) an Wagner und vice versa liest und sie mit Wagners Mein Leben und seinen weiteren Mitteilungen, etwa an Franz Liszt, vergleicht, kommt nicht umhin, mit dem brasilianischen Gast festzustellen, dass Wagner weder nach Rio de Janeiro eingeladen wurde noch der junge Mann aus Bahia ein Konsul war. Klar ist jedoch, dass sich der damals knapp 30jährige Mann an Wagner wandte, um die Kulturbeziehungen zwischen seinem Heimatland und dem Neutöner zu befördern. Ventiliert wurde die Idee einer italienischen Opernkompanie, doch der Gedanke, den Ring des Nibelungen oder den kurz vor Ende des Briefwechsels begonnenen Tristan im Dschungel uraufgeführt zu sehen, konnte Wagner nur belustigen.

© Cristiano Melli

Wagner nannte das kurzzeitig bedachte Projekt zurecht “etwas Curioses”. Schließlich kam nicht mehr heraus, als dass Wagner die italienische Übersetzung seiner frühen Operntexte diskutierte und dem kunstaffinen Kaiser die Partituren – oder Klavierauszüge? – seiner drei “romantischen Opern” schickte und, als Reaktion auf einen letzten bezeugten Brief (er wurde, teilt Melli mit, in ungewöhnlicher Hast geschrieben, was Rückschlüsse auf die brasilianisch-deutschen Beziehungen zulasse) des Brasilianers, sich in Sachen “venia legendi” an der Zürcher Universität an seinen Freund Franz Hagenbuch wandte, da der Ausländer Schwierigkeiten hatte, in der Schweiz beruflich Fuß zu fassen. 1871 legte Wagner dann in seinem Epilogischen Bericht über die Umstände und Schicksale, welche die Ausführung des Bühnenfestspieles ‚Der Ring des Nibelungen‘ bis zur Veröffentlichung der Dichtung desselben begleiteten den Grundstein zu seiner persönlichen Interpretation der seltsamen Brief-Begegnung: “Ein – wirklicher oder angeblicher – Agent des Kaisers von Brasilien eröffnete mir die Neigung seines Souveräns für mich und deutsche Kunst überhaupt, und wünschte mich zu bestimmen, eine Einladung nach Rio de Janeiro, sowie den Auftrag für die dortige ausgezeichnete italienische Operntruppe ein neues Werk zu schreiben, anzunehmen. Es blieb meinerseits bei dem Erstaunen über das Wunderliche dieses Begegnisses, und nur der eine Erfolg davon wirkte in mir nach, welcher mir aus der Erwägung der Möglichkeit, für die Ausführung eines Werkes mich einmal mit italienischen Sängern zu befassen, erwuchs.” Daran stimmte, betont Melli, nur Einiges.

Wie gesagt: Brasilien ist ein Land voller Legenden. Zur Legende wurden auch die drei übersandten Ausgaben der “romantischen Opern”, die, Melli bestätigt es im Gespräch, definitiv beim Kaiser ankamen, aber vermutlich nicht mehr existieren. Doch macht er mit einer weiteren Vermutung bekannt, die man bislang allein aus der brasilianischen Fachliteratur kannte. Indem er sich auf zwei Aufsätze des Musikhistorikers Vasco Mariz (Dom Pedro II, admirador de Wagner, 1988, und Dom Pedro II e Wagner, 1991) bezieht, kommt er zum Schluss, dass eine Tristan-Partitur, die sich im Besitz des Komponisten Osvaldo Lacerda befand und dann an die associação de amadores de ópera em São Paulo verkauft wurde, bevor sie spurlos verschwand, noch existieren müsste: mit einer persönlichen Widmung Richard Wagners. Würde das stimmen und kein Gerücht, also mehr als eine Legende sein, könnte man darüber nachdenken, ob die Beziehungen zwischen Wagner und Dom Pedro vielleicht doch etwas tiefer waren… Wie gesagt: Brazil is a very magic land.

Wir wissen jedenfalls auch, dass, nachdem am 13. August 1876 das Rheingold über die Bühne gegangen war (nein, der Beginn der Aufführung wurde nicht um zwei Stunden verschoben, um dem Kaiser Einlass zu gewähren, denn keine authentische Quelle vermeldet auch nur Ähnliches) – dass am selben Abend Wagner den Kaiser traf und Liszt für ihn sodann spielte. Am Ende des Programms hören wir also noch Musik: von Liszt, Liszt-Wagner, dem bekanntesten brasilianischen Komponisten der klassischen Moderne und von Melli selbst. Ivan Pavlov spielt, relativ hart anschlagend, Wagners Albumblatt In das Album der Fürstin M., das wenige Jahre nach seinem Zürcher Lebensabschnitt komponiert wurde. Mit der Nr. 4 der Bachianas Brasileiras, deren 5. Stück weltberühmt geworden ist, wird die harte Linie fortgesetzt; Cristiano Mellis 7 Préludios Peregrinos, auf Deutsch: Pilger-Vorspiele, kommen zur Uraufführung und wir merken: brasilianisch und zugleich weltoffen auf dem Weg zu sein bedeutet oft, im Ostinato-Schritt zu laufen oder heftig zu tanzen oder mit meist vollgriffigen Forte-Akkorden die Härte des Lebens harmonisch offen zu betonen. Schließlich aber findet der Vormittag, mit der Musik, tatsächlich zu einer Erlösung: in Liszts Transkription von Isoldens Liebestod.

Da war er wieder: der Tristan, wenn auch nicht der „tropische“, sondern der äußerst klar konturierte. Die Legenden aber werden bleiben – trotz aller Aufklärung. Denn die Südamerikaner wissen ja als Erste, was das heißt: Phantastischer Realismus. Mit der Aufklärung über Wagners Beziehungen zum Kaiser und zum Brasilianer, der für sein Land ein „Office ‚in comission’“ betrieb, wie Melli sagt, mischen sich ja nach wie vor Legende und Wirklichkeit – denn wer weiß, was es mit der brasilianischen Wagner-Widmung auf sich hat? Man kann dem Musikwissenschaftler nur wünschen, dass er irgendwann einmal fündig wird, um der Welt seine Entdeckung zu präsentieren.

Frank Piontek, 5. August 2026


Wagner, Dom Pedro II. und Liszt:

Richard Wagner: In das Album der Fürstin M.
Heitor Villa-Lobos: Bachianas Brasileiras No. 4
Cristiano Melli: 7 Préludios Peregrinos (UA)
Richard Wagner / Franz Liszt: Isoldens Liebestod

Steingraeber, Bayreuth

4. August 2026

Cristian Melli (Vortrag) und Ivan Pavlov (Klavier)