Natürlich fanden im „Jubiläumsjahr“ auch Festspiele statt – nur nicht in Bayreuth, doch in Weimar. Das „Jubiläumsjahr“ heißt 1926, nicht 2026. Eigentlich – und uneigentlich – hätte man auf dem Grünen Hügel die 50jährige Wiederkehr der ersten Bayreuther Festspiel feiern können, ja müssen, doch gebot es der Rhythmus der Pausenjahre, dass auch 1926, also zwei Jahre nach der Wiedereröffnung der Festspiele nach einem Ersten Weltkrieg, die Musen auf dem Hügel zu schweigen hatten. „Wir feiern das Jahr“, sagte Siegfried Wagner damals, „indem wir vorarbeiten“ – es ist dies eine typische Aussage des als Arbeitstier bekannten Festspielleiters, Komponisten und Organisators, den man während der Eröffnung der diesjährigen Ausstellung der Internationalen Siegfried-Wagner-Gesellschaft, wieder im ersten Stockwerk des RW21, aus dem Munde Achim Bahrs zu hören bekommt.

Bahr ist, als Nachfolger des verstorbenen Peter Paul Pachl, nunmehr, neben seinen Vereinskolleginnen und -kollegen, der irdische Vertreter Siegfried Wagners auf Erden. Gewiss: Die Brötchen, die die Gesellschaft in Zeiten knapper Kassen für den verehrten und erforschten Mann, der einst nur als „der Sohne“ (was heißt: eines wesentlich bedeutenderen, ja übermächtigen Vaters, also des „wahren Wagner“) wahrgenommen wurde – diese Brötchen geraten immer kleiner. Man muss es sehr bedauern, da die ISWG die einzige Institution in und außerhalb von Bayreuth ist, die sich um das umfangreiche wie verwirrend vielfältige Erbe Siegfried Wagners, der über ein Dutzend umfangreicher Opern hinterließ, kümmert. Die Vielfältigkeit erweist sich nicht zuletzt darin, dass nun schon seit einigen Jahren gegen andere Forschungspositionen gekämpft wird, die das Bild vom strikt konservativen, ja reaktionären Proto-Nazi fortschreiben. Schaut man sich die Argumente der beiden schroff gegeneinander agierenden Forscher an, wird man zum Schluss kommen, dass in Sachen Siegfried Wagner kein eindeutiges und vor einem Gericht haltbares Urteil gefällt werden kann – wenn es denn darum gehen sollte, in einer Kunstangelegenheit juristisch zu verfahren. Interessanterweise lassen sich auch, zumindest vom Schreibtisch aus, bei Wagner, Siegfried – wie bei Wagner, Richard – die Kunstwerke nicht von der Geschichte, also der Politik trennen. Wer mehr darüber wissen will, sei auf Brigitte Hamas Winifred-Wagner-Biographie verwiesen, auch wenn deren Fehler inzwischen von der ISWG und genauen Recherchen quellenbasiert widerlegt worden sind, auch und nachdrücklich auf die Publikationen der Gesellschaft.
Was also bietet die ISWG heuer, da auf dem Grünen Hügel ein neues „Jubiläumsjahr“ zelebriert wird, das genau ein Jahrhundert nach jenem stattfindet, in dem keine Wagner-Opern in Bayreuth auf dem Programm standen? Genau neun Hänger und ein paar Ausstellungsstücke, sogenannte Flachware, dokumentieren, wie immer in exzellenter ästhetisch-didaktischer Art, die Siegfried-Wagner-Ereignisse des Jahres 1926. Einmal geht es um „Bayreuth in München“, also dem Kampf des Hügels gegen die Münchner Wagnereien im Prinzregententheater, das dem Bayreuther Festspielhaus nicht zufällig ähnelt. Auf zwei Hängern wird die Uraufführung der Oper Der Friedensengel in Karlsruhe präsentiert, damit zusammenhängend die Friedens-Hymne von 2018 und ihre Bayreuther Rezeption in einer Ausstellung der Gesellschaft im neuen Rathaus Bayreuth, zu der auch der Auftritt eines Krakeelers gehört, der seinerzeit die Vernissage lautstark störte. Protest gegen wissenschaftliche Forschungsergebnisse? Oder gegen Interpretationen, die einem nicht in den Kram passen? Auch die aktuelle Ausstellung lässt, natürlich, angesichts des komplexen Gesamtwerks Siegfried Wagners und seiner gewiss nicht simplen Persönlichkeit Meinungen zu, aber sie sollten von Fakten untermauert sein, die die ISWG barrierefrei liefert.
Ob Siegfried Wagner als Proto-Nazi einzustufen ist, muss schon angesichts der bekannten Charakterisierung verneint werden, die Joseph Goebbels bei seiner Begegnung mit dem Meistersohn der Nachwelt überlieferte. Nicht allein, dass er dessen Homosexualität abwertete: für den Hardliner Goebbels war Siegfried Wagner ein „schlapper“ und „etwas dekadenter“ Typ, kein neugermanischer Kulturheros. Angesichts dieser Aussagen muss der Besucher fast dankbar sein, dass Siegfried Wagner den Anbruch der NS-Diktatur mit ihren bekannten Folgen für „feminine“ Menschen nicht mehr erlebt hat, auch wenn die Frage, wie sein Leben nach dem 30. Januar 1933 ausgesehen hätte nicht zu beantworten ist. „Er hat sich nicht von der Zeit unterkriegen lassen“, sagt der Bayreuther Oberbürgermeister Andreas Zippel, womit er die Überzeugung weiterträgt, dass Siegfried Wagner kein Protagonist der (konservativ-nationalen) Zeit gewesen sei. Darüber könnte man streiten, aber die Vermutung ist statthaft, dass „die Zeit“ Siegfried Wagner irgendwann denn doch erledigt hätte. Zuviel Künstlertum, zu viel Schillerndes, zu viel Mehrdeutiges und subtil Widerspenstiges gegenüber der „Zeit“, der Familie, den Machthabern – ohne ihn zu einem öffentlichen Widerstandskämpfer zu verklären, was die ISWG übrigens nicht tut.
In Bayreuth wird also der auf die Münchner Festspiele der Bayerischen Staatstheater reagierenden Weimarer „Festwoche“ – eigentlich zwei Festwochen, wie Bahr betont – auf der Mehrzahl der Hänger gedacht. Zwar nahm, das ist das Ergebnis der Forschungen, Siegfried Wagner mit der Aufführung zweier Frühwerke die wichtigste Position im Festprogramm ein, in dem ansonsten Zweit- bis Drittrangiges auf die Bühnen kam. Wunderbar sein Ausspruch: „Erst Siegfried Wagner, dann Wolzogen, dann Lienhard – und dann kotz’de!“ – wobei das letzte Wort auch der Name des Dichterlings „Kotzde“ hätte lauten können. Nein, Wagner war durchaus nicht zufrieden, mochte auch schmerzlich empfunden haben, dass mit der Aufführung des Bärenhäuters und des Sternengebots allzu alte Werke ausgegraben wurden, um sein Schaffen angemessen zu charakterisieren. All das und noch mehr erfährt man auch aus dem 57. Journal der ISWG, das die Ausstellung mit großen und reich bebilderten Aufsätzen nachhaltig dokumentiert und die neue Forschungsarbeit an Siegfried Wagner festhält, auch Fehlurteile, etwa von Oswald Georg Bauer (in seiner kanonischen, aber immer wieder zu Detailkritik Anlass gebenden Geschichte der Bayreuther Festspiele), korrigiert. Fast nebenbei erfährt der, der am Werk Siegfrieds und Richard Wagners interessiert ist, dass sich am Beginn von Agnes’ Schlussgesang im Sternengebot eines der raren musikalischen Zitate aus einem Werks des Vaters finden lässt. Wie eng, auf parodistischer Ebene, die Opern Siegfried Wagners mit denen Richard Wagners verzahnt sind, hat erst vor kurzer Zeit Daniela Klotz mit ihrem neue Forschungspfade öffnenden Opus magnum Wer arbeitet will, gebiert seinen eigenen Vater gezeigt. Nun erfahren wir, dass Der Bärenhäuter mit verschiedenen Ebenen den Ring parodiert – es wäre, denkt sich der Besucher, sinnvoll, weiter nach musikalischen Spuren des Vaters im Werk des Sohns zu suchen: nicht, um ihn des Plagiats zu bezichtigen, sondern um die verschlüsselten (und spannenden!) Anspielungen auf der Rezeptionsebene einordnen zu können. Die ISWG ist da schon auf dem richtigen und konstruktiven Weg.

Man erfährt all das auch sinnlich, wenn die Sopranistin Rebecca Broberg und ihr Klavierpartner Hans Hoppe drei Ausschnitte aus dem Bärenhäuter und zuletzt Das Märchen vom dicken, fetten Pfannekuchen aufführen. Gerade solche Ausschnitte zeigen, dass es unbedingt notwendig ist, die Opern Siegfried Wagners in vollgültigen szenischen Interpretationen zu bringen; die Frage, wieso man nicht wenigstens gelegentlichst eine Oper des fleißigen Komponisten realisiert, ist schwer zu beantworten, auch wenn die (übliche) Kritik an seinen „seltsamen“ Texten und an manchen musikalischen Längen (die immer subjektiv festgestellt werden) nachvollziehbar sind. Dass Wagner zwar einerseits schwer konservativ war, was am Wenigsten von Achim Bahr in Abrede gestellt wird, und er zugleich ein hochinteressanter Künstler war, dessen Werk manchmal wesentlich moderner ist als der Sozialcharakter (wie Adorno das genannt hätte) seines Schöpfers: die Ausstellung macht es wieder klar. Die andere Frage, ob Siegfried Wagner nach dem ersten Weltkrieg die Festspiele politisch neutralisiert hat oder zusammen mit seiner Frau Winifred erst in den Dienst der jungen Nazis gestellt hat, ist, betrachtet man „nur“ das künstlerische Gesamtwerk des Dichterkomponisten, schließlich von zweitrangiger Bedeutung, auch wenn Kunst und Politik auch beim jüngeren Wagner zusammengehören. Allein auch diese Ausstellung belegt die Tatsache, dass absolute Freigeistigkeit und Tradition sich nicht ausschließen müssen. Die Themen des Bärenhäuters und des Sternengebots, die Wagners ureigene waren (so wie die Themen des Lohengrin, des Ring und der Meistersinger zugleich historisch und autobiographisch, reaktionär und zukunftsweisend motiviert waren), werden auch heuer zumindest angedeutet.
So gingen 1926 doch die Jubiläumsfestspiel über die Bühne: quasi Siegfried Wagners Bayreuth in Weimar, auch wenn der Plan angesichts der Programmgestaltung nicht aufgehen konnte. Zusammen mit dem wie immer mit einer ausführlichen Dokumentation der letztjährigen Aktivitäten der Siegfried-Wagner-Gesellschaft ausgestatteten Journal zieht man im RW21 eine Bilanz, die einen interessanten Blick auf die politisch konservativen Festspiele des Jahres 1926 zulässt. Letztes Wort: Es wäre schade, wenn die Arbeit der Siegfried-Wagner-Gesellschaft irgendwann an ein Ende käme, weil sie zurzeit etwas leisten, was keine andere Institution leisten will oder kann: die Auseinandersetzung mit Leben und Werk eines Künstlers und jahrzehntelang tätigen Bayreuther Festspielleiters. Kritisch reiben kann man sich ja immer noch an den Schlüssen, die die Verteidiger Siegfried Wagners vorlegen – dass die Ergebnisse langer Forschungen erst einmal von Ehrenamtlern (!) vorgelegt werden müssen, um kritisiert oder letzten Endes bestätigt zu werden: dies zu begreifen fällt angesichts der kleinen, aber ergiebigen Ausstellung und der wertvollen begleitenden Druckschrift nicht schwer.
Frank Piontek, 27. Juli 2026
Keine Festspiele im Jubiläumsjahr?
Ausstellung der Internationalen Siegfried-Wagner-Gesellschaft
RW 21, Richard-Wagner-Str. 21, Bayreuth
Bis 30. August 2026
Das 57. Journal der ISWG (110 Seiten, viele Abbildungen) ist in der Ausstellung und über die Homepage der ISWG erhältlich: https://www.siegfried-wagner.org/html/kontakt.html