Dresden: „Götterdämmerung“, Richard Wagner (konzertant)

Mit einer konzertanten Darbietung von Richard Wagners Götterdämmerung eröffnete die Richard-Wagner-Akademie am 14. Mai im Konzertsaal des Kulturpalastes die Dresdner Musikfestspiele 2026. Mit dieser Premiere komplettierte „The Wagner-Cyclus“ das Projekt der Annäherung der musikalischen Aspekte des Rings des Nibelungen an die historische Aufführungspraxis des 19. Jahrhunderts. Besonders auf die Forderung Wagners, dass bei den Aufführungen seiner Werke die Rolleninterpretationen nicht dem Wohlklang, sondern die Verständlichkeit zu dienen habe und bei der Konsonanten-Aussprache auf die deutliche Trennung der Worte bzw. der Silben besonderer Wert zu legen sei. Vor allem die Konsonanten am Wortende würden von den Sängern die oft vernachlässigt, da sie eine besondere Körperspannung erfordern.

© Oliver Killig

Um weder die heutigen Sänger noch das Bayreuth-gewohnte Publikum zu überfordern, wurde in der konzertanten Aufführung die von Wagners Berater in Gesangsfragen Julius Hey (1832-1909) aufgestellten Forderungen nur begrenzt umgesetzt.

Die dramatische Sopranistin Åsa Jäger hatte uns bereits in der Walküre und im Siegfried als grandiose Brünnhilde begeistert. Auch in der umfangsreichsten und herausforderndsten der Brünnhilde-Partien war sie von atemberaubender Souveränität und füllte ihren Gesang mit fein kalkulierten Abstufungen. Ihre Stimme bot sich in allen Lagen gleichmäßig und die Angriffe auf die hohen Töne durchdrangen das Orchester ohne Probleme. Ob als liebende Frau oder als den Betrug Erkennende fand sie immer die notwendige Expressivität. Den anspruchsvollen Schlussmonolog gestaltete Åsa Jäger mit sorgfältig differenzierter Dynamik und kraftvoller Intonation.

Auch bei dem Siegfried des koreanischen Tenors Young Woo Kim musste man nie um seine Kraft oder Intonationssicherheit fürchten. Er gab den naiven, aber sympathischen Helden. Seine Stimme kam dicht, dramatisch und lyrisch mit Sicherheit sowie Präzision in der Höhe zur Wirkung. Mit der guten Textverständlichkeit seines Gesanges und der gefühlvollen Anlage sowie der emotionalen Durchdringung der Rolle sicherte Young Woo Kim seinen Erfolg.

© Oliver Killig

Mit seiner ausgeglichen sicher geführten kraftvoll voluminöser Stimme,  und wunderbarem Legato wartete als Gunther der Bariton Johannes Kammler auf. Als seine Schwester Gutrune verführte ohne Exaltiertheit die Sopranistin Sophia Brommer mit einem prachtvollen stimmlichen Format.

Einen markanten unheimlichen Hagen sang mit suggestiv-dramatisch bezwingenden Bariton und klarer Artikulation Patrick Zielke. Er spann seine manipulierenden Ränke kontrastreich. Den Nachtalben Alberich bot Daniel Schmutzhard atmosphärisch mit bezwingender Präsenz. Seine große Szene schläfst du, Hagen mein Sohn? Mit dem leisen Ende sei Treu war schon beeindruckend.

Eine der beklommensten Szenen der Götterdämmerung wurde von Olivia Vermeulen als Waltraute mit leuchtender Glut in der Stimme gesungen, als sie mit mühelosen Höhen um die Rückgabe des Ringes flehte.

Eingeleitet worden war die Premiere mit der Szene der prachtvollen Nornen Jasmin Etminan, Marie Luise Dreßen und Valentina Farcas mit ihren fatalen von Wagner so schön geformten Melodien. Gelungen auch der Beitrag der stimmlich gut abgestimmten Rheintöchter Ania Vegry als Woglinde, Ida Aldrian als Wellgunde und Eva Vogel als Floßhilde mit ihrem geschwätzigen Singen.

© Oliver Killig

Markant intonierte der Dresdner Festspielchor der Richard Wagner Akademie folgsam Hagens Schurkereien.

Der Klangeindruck des von Kent Nagano dirigierten Festspielorchesters einschließlich des Concerto Köln hatte sich gegenüber der Erinnerung des Siegfrieds vom vergangenen Jahr kaum verändert. Die ungewohnte Einstimmung der Musiker auf Kammerton a=435 Hertz hatte sich im Verlauf des Abends erstaunlich schnell verloren. Trotz der gewaltigen Besetzung blieb die überwiegende Darmsaiten-Bespannung der Streichinstrumente für ihre Klangentfaltung im 19 000 m³-Volumen des Konzertsaales im Grenzbereich und war selten üppig. Auch war das Fehlen des Runden, Klaren vor allem im Obertonbereich bei dem ansonsten gut durchhörbarem Orchesterklang merkbar. Deshalb wirkte auch einiges schüchtern und reserviert. Auffallend war die beeindruckte Farbigkeit der Holzbläser und der Obertonbereich der ventillosen Blechblasinstrumente. Eine der Besonderheiten des Abends war der Einsatz origineller Naturinstrumente in der Mitte des zweiten Aktes, als die Hornisten mit echten Stierhörnern aufwarteten.

Ich muss gestehen, dass sich mir selbst nach den im Laufe der Jahrzehnte mehrfachen Besuchen des Ringes vieles von Richard Wagners musikalischen und textlichen Überlegungen erst nach einer Gesprächsrunde mit Marek Janowski im Zusammenhang mit dem konzertanten Ring der Dresdner Philharmonie der Jahre 2022/2023 erschlossen hatte.

Bekanntlich hatte sich der zweite Kapellmeister der Königlich-Sächsischen Hofoper bereits im Jahre 1848 mit dem Sujet von Siegfrieds Tod beschäftigt. Nur wenige Gehminuten von unserem heutigen Kulturpalastes entfernt, war in Wagners damaliger Dresdner Wohnung eine Große Heldenoper entworfen worden.

© Oliver Killig

Sie endete allerdings mit der Befestigung der Herrschaft Wotans. Aber bereits im Jahre 1849 waren im Manuskript von Siegfrieds Tod die Schlussworte Brünnhildes „Nur einer herrsche: Allvater! Herrlicher du“ durch ihren Ruf „Aus eurer bangen Furcht verkünd ich euch selige Todeserlösung“ ersetzt worden. Offenbar unter dem Eindruck seiner Emigration wurde im Jahre 1851 das Ende Wotans zum Mittelpunkt der großen Welttragödie. Als Dichter und Musiker musste Wagner auf den Uranfang der Dinge zurück gehen und so zum musikalischen Kosmos des Ring des Nibelungen mit seinen Verknüpfungen von Götterschicksal und menschlichen Schicksal kommen. Als Wagner 20 Jahre später zur Komposition, der inzwischen in Götterdämmerung umbenannten Szenen kam, war er durch die Arbeit an den drei vorangegangenen Teilen, aber auch nach der Harmonik des Tristan und der Kontrapunktik der Meistersinger als Musiker ein anderer geworden. Trotz der Überarbeitung der alten Texte sind in der Musik der Götterdämmerung die Elemente der Großen Oper erkennbar. Bei der Bühnenaufführung verschwimmen die Brüche in der Komposition der Götterdämmerung im Regelfall, sind aber bei der konzertanten Darbietung durchaus erkennbar.

Die Dresdner Philharmonie nutzt inzwischen mit großem Erfolg in ihrem Repertoire die direkte Konfrontation der Sänger mit den Besuchern für konzertante Aufführungen anderer Komponisten, um deren Werke ohne Bühnenaufbauten und ohne Regietheater-Auslegungen, zu vermitteln.

Thomas Thielemann, 15. Mai 2026


Götterdämmerung (konzertant)
Richard Wagner

Konzertsaal des Kulturpalastes Dresden
Musikfestspiele Dresden, „The Wagner Cycles“

14. Mai 2026

Musikalische Leitung: Kent Nagano
Dresdner Festspielchor der Richard-Wagner-Akademie

Dresdner Festspielorchester
Concerto Köln