Meiningen: „Otello“, Giuseppe Verdi

„Jago“ sollte, wenn es nach Arrigo Boito, Verdis Librettisten, gegangen wäre, der Titel der Oper sein. Denn als kühler Stratege des Unheils inszeniert dieser von Anfang an ein Psychodrama mit Erfolgsgarantie. Es wäre interessant, das Publikum nach der Vorstellung nach seiner Meinung zu befragen.

Ist es ein Schachzug des Regisseurs, diese Figur, schon bevor der Vorhang sich hebt, wenn die Zuschauer noch schwätzen, auf und ab schlendern zu lassen? Und auch am Ende richtet sich die Aufmerksamkeit wieder ganz auf ihn.

Doch Verdi war der Ansicht, dass es letztlich Otello ist, der handelt, wenn auch manipuliert: „Nicht der Intrigant, sondern der leidende, scheiternde Mensch steht im Mittelpunkt.“  Und so lässt er im 1. Akt fast sieben Minuten den Sturm toben, der nicht als Wetterphänomen, sondern als Vorschau auf dessen Seelenqualen, die Raserei und die Katastrophe verstanden werden soll. GMD Killian Farrell lenkt das orchestrale Chaos mitreißend, hinreißend und voller Empathie mit seiner hochmotivierten Hofkapelle.

© Christina Iberl

Zu Beginn erwartet das Volk von Zypern seinen Feldherrn von einer Seeschlacht gegen die Türken zurück. Trotz eines gewaltigen Sturms erreicht Otello wohlbehalten den Hafen. Im weißen Gewand erscheint er wie ein göttlicher Heilsbringer und lässt sich von den Menschen feiern. Alle Gesellschaftsschichten sind vertreten. Bereits jetzt sieht man, dass sein Fähnrich Jago auf ihn neidisch ist, auch deshalb, weil ein Schwarzer, ein ehemaliger Sklave, nicht nur den gesellschaftlichen Aufstieg geschafft hat, sondern auch Desdemona geheiratet hat. Dass er überdies nicht ihn, sondern Cassio zum Hauptmann befördert hat, ist Grund genug, ihn zu vernichten. Skrupellos webt er nun ein Intrigengespinst, das seine Rachepläne aufgehen lässt. Schon rein äußerlich wirkt er in seiner militärisch schmucklosen Uniform, den Stiefeln, der verwegenen Kappe gefährlich. Shin Taniguchi verkörpert diese Ausgeburt des Bösen entsetzlich echt. Dazu braucht er kaum Körpereinsatz. Die Mimik ist es, die fesselt und Gänsehaut erzeugt. Mit Hilfe Rodrigos, eines Venezianers, der Desdemona begehrt, macht er Cassio betrunken und lässt ihn zu einem Kampf provozieren. Otello ist erbost und degradiert ihn. Wenn er sich später mit Desdemona in einem empfindsamen Duett an die Anfänge ihrer grenzenlosen Liebe erinnert, scheint noch alles gut zu sein.

Ermuntert durch Jagos Vorschlag, Desdemona als Fürsprecherin zu gewinnen, wird Cassio zum Auslöser der Katastrophe. Geschickt sät der Fähnrich bei seinem Herrn Zweifel an der Treue seiner Frau. Dieser fordert erst Beweise. Aber das Misstrauen ist geweckt.

Jago gelingt nun Schachzug für Schachzug. Ein Taschentuch Desdemonas findet sich bei Cassio, ein fingiertes Gespräch lässt sich falsch deuten und so schwört der Ehemann Rache an seiner Frau. Jago rät ihm freundschaftlich, sie zu erwürgen. Regisseur Hinrich Horstkotte gibt diesem Taschentuch als corpus delicti viel Raum. Mal hängen welche von der Decke, mal dienen sie als Leuchten am Boden.  Als zu allem Übel der venezianische Gesandte Ludovico Otello abberuft und Cassio an seine Stelle treten soll, verliert er die Nerven. In aller Öffentlichkeit attackiert und beleidigt er Desdemona und mutiert vom Helden zum Wahnsinnigen. Nachdem sie sich mit Emilia, Jagos Frau, zurückgezogen hat, ahnt sie, dass sie sterben wird. Im Zentrum dieser Szene steht ein von Tüchern verhangenes Bett, das wie ein Altar anmutet. Sie findet noch Trost im Gebet, bevor ihr Gatte sie in blinder Wut erwürgt. Als Emilia erscheint und die üblen Machenschaften ihres Mannes offenbart, ist alles zu spät. Otello zerbricht an seiner Schuld und tötet sich. Jago, der „Keim des Bösen“, scheint unsterblich.

© Christina Iberl

Emma McNairy als Desdemona gibt sich überwiegend als selbstbewusste, starke Frau, die ihrem Mann wohl überlegen ist und eigenständig handelt. Man nimmt ihr den Kummer nicht so recht ab und das liegt nicht zuletzt an ihrer dominanten Stimme, die in den Höhen oft etwas zu schrill wirkt. Als hellhäutige Frau, die im 16. bzw. 19. Jh. einen Afrikaner heiratet, darf sie natürlich Stärke zeigen.   Owen Metsileng tastet sich von Szene zu Szene behutsam an seine Rolle und besticht mit einem Timbre, das alleine schon seine Zerrissenheit offenbart. Hier singt kein strahlender Heldentenor, sondern einer, der innerlich noch der leidgeprüfte Sklave ist. Bemerkenswert realistisch gelingt ihm der Ausdruck von Wut, Wahnsinn und Verzweiflung. Dass der in Südafrika geborene Sänger mit seinem Rollen- und Hausdebüt für Überraschung sorgte, bewies der frenetische Schlussapplaus, der auch Shin Taniguchi als Jago zuteilwurde. Eine Stimme, voller Klangschönheit und Eleganz, die wie ein öliges Gift eine unglaublich dämonische Wirkung hat, macht ihn zur idealen Besetzung. Wie viele Wochen hat er wohl vor dem Spiegel dieses hochwirksame Minimalminenspiel geübt, das einen mit Schaudern und Abscheu erfüllt? David Garrett als Cassioim Kostüm mit Sexappeal, wirkt zunächst unbeschwert jugendlich und meistert diese Nebenrolle mühelos und ansprechend. Mehr Aufmerksamkeit zieht Selcuk Hakan Tiraşoğlu als Lodovico auf sich. Sein gewaltiger wohltönender Bass, sein eindrucksvoller Ornat sorgen für Respekt und Wirkung. Tamta Tarielashvili als Emilia hat zwar erst am Ende ihren größeren Auftritt, doch den gestaltet sie mit Temperament und Anmut.

© Christina Iberl

In den Chorszenen zeigt sich ein vielseitiges Szenario an Gestalten, Kostümen und Aktion. Ein stets buntes Gemisch als Spiegel der Gesellschaft – entsprechend unterschiedlich und recht originell gekleidet – sorgt für Kolorit. Ein ambitionierter Kinderchor, der Desdemona Geschenke bringt, bereichert die Aufführung. Wie würde Verdi darüber staunen, was GMD Killian Farrell aus seiner Partitur gezaubert hat. Mitreißend zu Beginn die Naturgewalt des Sturms, zart die Liebesszenen, gewaltig die Auftritte der Venezianer, verspielt die Feste. Ein solch ideenreiche Vielfalt orchestraler Möglichkeiten lässt einen das Geschehen auf der Bühne erst tatsächlich erleben. Hier zeigen sich die Früchte einer wohl optimalen Zusammenarbeit zwischen Regie, Orchester, Chor und Ensemble.

Regisseur Hinrich Horstkotte, der das vierte Mal in Meiningen inszeniert und auch Bühne und Kostüme entworfen hat, gestaltet ein großes Halbrund. Es mutet wie das Innere eines Schiffs an, an dessen Wänden Fresken aus Venedig und Siena den Zeitbezug lassen. Im Zentrum verwirrt ein Labyrinth, das sein Pendant in einer großen Scheibe an der Decke findet. Interessant ist ein Pendel, das den Wechsel der Macht und der Gefühle bedeuten könnte. Die Drehbühne verändert die Schauplätze hin und wieder. Hier muss nicht alles bis ins Letzte analysiert werden und ist der Sichtweise des Zuschauers überlassen. Afrikanische Elemente, Stilistisches aus dem 16. und 19. Jahrhundert sowie Gegenwärtiges waren bestimmt eine Herausforderung an die Kostümschneiderei, ergaben aber ein ansprechend originelles Bild. Insgesamt ist die Ausstattung stimmig, opulent und gottlob keine „kalte Tatortbühne“, wie sie nicht nur Markus Lüpertz verabscheut.

Fast drei Stunden fordert Verdis vorletzte Oper, die hier vor fast 60 Jahren das letzte Mal aufgeführt wurde, vollen Einsatz aller, auch den des Publikums. Sichtlich geplättet, aber jubelnd, würdigte es die jüngste Produktion dieses Hauses.

Inge Kutsche, 14. Juni 2026


Otello
Oper von Guiseppe Verdi

Staatstheater Meiningen
Premiere am 12. Juni 2026

Regie: Hinrich Horstkotte
Musikalische Leitung: GMD Killian Farrell
Meininger Hofkapelle

Weitere Vorstellungen: 21. und 27. Juni, 1. Juli, 7. und 20. November, 11. Dezember 2026; 14. März, 1. und 30. April 2027