In Verdis Il Trovatore bildet der Bürgerkrieg lediglich den Hintergrund für die Auseinandersetzungen der vier Hauptfiguren und deren seelischen Zustände. Dies hat der Regisseur Wolfgang Nägele in seiner Neuinszenierung in Hannover auch zu zeigen versucht. Dabei wird aber das bedrückende gesellschaftliche Umfeld, verlegt in die Moderne, beinahe zu deutlich. Das fängt schon damit an, dass Bühnenbildnerin Lisa Däßler eine unwirtliche, von Krieg und Feuer gezeichnete Felsenlandschaft auf die Bühne gestellt hat, in die sich im Laufe des Abends verschiedene neue Räume hereinschieben. So spielt gleich die erste Szene, in der Ferrando die entscheidende Vorgeschichte erzählt, in einem Fernsehstudio. Hier wird offensichtlich eine Rede Ferrandos (mit bewährter Bass-Gewalt Shavleg Armasi) aufgenommen, der wie die Männer von Graf Luna in einheitlich grauem Anzug mit roter Krawatte (wie der aktuelle Präsident in den USA?) gekleidet ist (Kostüme: Irina Spreckelmeyer). Eine der Albernheiten der Inszenierung ist hier das Mitschwenken der roten Fähnchen im Rhythmus der Arie und der in Flammen aufgehende Monitor.

Weitere Bezüge zur Gegenwart sind das triumphale Herumzeigen einer grell-silbernen Kettensäge, wie sie vom argentinischen Präsidenten Javier Milei Elon Musk zur Zerschlagung des Staatsapparats übergeben wurde, und die abenteuerliche Kostümierung des Herrenchors mit Kuhhörnern und überdimensionalen Fellmützen, was auf den Sturm aufs Kapitol im Januar 2021 hindeutete. Durchaus einleuchtend ist das von Azucena konservierte Kinderzimmer Manricos, in dem sie ihm ihre traumatische Geschichte erzählt. Zuvor gab es natürlich keine „Zigeuner-Romantik“, sondern der Chor sang den Coro di Zingari in Konzertaufstellung aus zuvor verteilten Liedheften.

Positiv ist dem Regisseur anzurechnen, dass bei allen etwas gewaltsam hergestellten Bezügen zur Gegenwart die herrliche Musik Verdis doch stets beherrschend blieb. Dass die Premiere ein musikalisch zufriedenstellender Abend war, lag zunächst an dem in allen Instrumentengruppen ausgezeichneten Niedersächsischen Staatsorchester Hannover und dem souveränen, jeweils die passenden Tempi wählenden Kapellmeister Masaru Kumakura. Der spielfreudige Staatsopernchor gefiel in der Einstudierung von Lorenzo Da Rio mit gewohnt kräftigen, gut ausgewogenen Klängen.

Geradezu eine Entdeckung war der junge im Libanon geborene und in Italien ausgebildete Joseph Dahdah, der mit dem Manrico sein Rollendebüt hatte. Er begeisterte nicht nur durch seine lebhafte Gestaltung, sondern vor allem mit seinem klaren, in den Höhen treffsicheren und in allen Lagen durchschlagskräftigen Tenor.
Der Kroate Grga Peros,seit 2025 im hannoverschen Ensemble, überzeugte als herrischer Graf Luna, der seinen charaktervollen Bariton mit schönem Legato durch die vielschichtige Partie führte. Leonora war die portugiesische Sängerin Christiana Oliveira: Die Stärken ihres eigen timbrierten Soprans erwiesen sich in den weich ausgesungenen lyrischen Passagen der Partie, ohne dass es an der nötigen Sicherheit in den dramatischen Stellen fehlte. Mit intensiver Darstellung setzte sich die Italienerin Silvia Beltrami alsAzucena voll ein, deren großräumiger Mezzosopran leider allzu starkes Tremolo aufwies. In den kleineren Rollen ergänzten ohne Fehl aus der Musiktheaterakademie, der Kooperation der Musikhochschule und der Staatsoper, Luisa Müller (Ines) und Steffen Thole (Bote) sowie die Choristen Antonio Fernandez Brixis (Ruiz) und Mohsen Rashidkhan (Ein alter Gitano).
Das Premierenpublikum spendete begeisterten Beifall allen Mitwirkenden und auch dem Regieteam, das sich allerdings einige Buhrufe gefallen lassen musste.
Gerhard Eckels, 14. Juni 2026
Il Trovatore
Oper von Giuseppe Verdi
Staatsoper Hannover
Premiere am 13. Juni 2026
Inszenierung: Wolfgang Nägele
Musikalische Leitung: Masaru Kumakura
Niedersächsisches Staatsorchester HannoverWeitere Vorstellungen: 17.,20.,25.,28. Juni 2026