Erinnern Sie sich noch an Greta Thunberg? Zum Zeitpunkt der Premiere dieses Doppelabends im Jahr 2023 galt sie als Ikone der Klimaschutzbewegung. Regisseur Keith Warner hatte in einem Interview zu der Produktion bemerkt, er habe die titelgebende „Kluge“ in Orffs Märchenoper dieser seinerzeit prominenten Figur nachempfunden. Da dachte er wohl an positive Eigenschaften, nämlich neben der „Klugheit“ auch an Konsequenz und Unerschrockenheit. Inzwischen ist die Lichtgestalt von einst nach immer wieder halbherzig dementierten antisemitischen Äußerungen im Zusammenhang mit dem Gaza-Konflikt und nach auf ihren Accounts in sozialen Medien geteilten Postings von terrorunterstützenden Organisationen deutlich entzaubert worden. Warner würde sich wohl heute ein anderes Vorbild suchen. So ist das immer, wenn Regisseure auf die schlechte Idee kommen, aktuelle politische Bezüge in ihre Inszenierungen einzuweben, denn wie sagt eine alte Theater-Binsenweisheit: Nichts ist älter als die Zeitung von gestern.

Es zeigt sich aber auch die Treffsicherheit einer anderen Theater-Binsenweisheit: Manche Regiearbeit ist klüger als ihr Regisseur. Denn abgesehen davon, daß aus dem Auftritt der Bauerstochter im Gewand einer Klimaaktivistin für die Inszenierung exakt nichts folgt, dekuvriert die gewählte Art der Darstellung das Vorbild. Der Thunberg-Verschnitt wird gezeigt als ein neunmalkluges, ziemlich nerviges, unreifes Gör mit Zöpfen und einer gelben Regenjacke. Diese Sichtweise der Figur gibt es zudem nur zu Beginn: Sie erscheint zunächst als Marionette, dann in immer größeren Versionen als Stabpuppe, die sich schließlich von den Führungsstäben löst und damit als reale Person emanzipiert. Keith Warner und sein Produktionsteam sind im Übrigen nicht der Versuchung erlegen, einen Zeitbezug herzustellen, auch nicht zum Jahr der Uraufführung 1943: Keine Spur von Krieg und Nazi-Herrschaft, aber auch keine Spur von Märchen-Mittelalter auf der Bühne. Räume werden angedeutet mit zahlreichen frei stehenden und mobilen Türen, die sich immer neu zusammensetzen. Die Kostüme von Kaspar Klarner betonen die Typenhaftigkeit der Figuren: So erscheint der König in einer Phantasieuniform mit Hermelinmantel à la Ludwig II. samt Hermelinmantel, der Kerkermeister sieht aus wie der Tod in Ingmar Bergmanns „Das siebente Siegel“. Die Besetzung der Hauptpartien dieses zweiten Teils ist identisch mit der Premierenbesetzung und wirkt doch (noch) besser: Der kernigen Bariton von Mikołaj Trąbka als König scheint geschmeidiger geworden zu sein, weist im klangsatten Forte keine Härte mehr auf. Bei Elisabeth Reiters Kluge scheint es, daß sie noch nuancierter mit ihrer in allen Lagen tadellos ansprechenden Stimme spielen kann, noch differenzierter und souveräner gestaltet, als man dies von der Premiere bereits in Erinnerung hatte. Dieses Mal gelingt es den drei Strolchen, bei denen zur Stammbesetzung mit Dietrich Volle und Iain MacNeil nun Magnus Dietrich gestoßen ist, besser mit dem Orchester zusammenzubleiben, was auch daran liegt, daß Jiří Rožeň am Pult in seinem Frankfurt-Debüt deutlich rücksichtsvoller bei der Tempo-Wahl ist als seine Vorgängerin. Dieses Trio belebt mit großer Spielfreude die Szenen. Mit vollmundigem Tenor debütiert Gerard Schneider als Mann mit dem Esel, bei dem lediglich die Artikulation in den Sprechtexten nicht optimal ist, ganz im Gegensatz übrigens zu Sebastian Geyer als Mann mit dem Maulesel, der zudem in seinen wenigen Gesangsanteilen auch mit seinem nobel timbrierten Bariton gefällt. Alfred Reiter hat als Kerkermeister wenig zu singen, ragt aber erneut mit vorzüglicher Diktion in seinen zahlreichen Sprechanteilen heraus. Lediglich Thomas Faulkner wirkt als Bauer in seiner Auftrittsarie ein wenig blaß und bleibt akustisch gegenüber dem Orchester gelegentlich auf der Strecke. Das Orchester spielt Orffs Volksmusik-Anklänge deftig aus. In den leiseren und instrumental ausgedünnten Passagen wirkt manches noch ungeschliffen.

Vollmundig tönt es bereits im ersten Teil Der Zar läßt sich fotografieren aus dem Orchestergraben, der zuvor eine gute Mischung aus bewährten Rollenporträts und zahlreichen Debüts bietet. Domen Križaj glänzt erneut in der Rolle des Zaren mit seinem saftigen Bariton und bietet wie auch Juanita Lascarro als falsche Fotografin eine darstellerische Glanzleistung. Wie er sie mit seinem Charme um den Finger wickelt und wie sie ihm immer stärker erliegt und dabei ihren Attentatsplan gefährdet, spielen die beiden köstlich aus. Eine Luxusbesetzung für Angéle ist Nombulelo Yende mit ihrem üppig fließenden Sopran. Die vielen kleineren Rollen sind mit Stammkräften wie gewohnt vorzüglich besetzt. Insgesamt kommen in den beiden Teilen des Abends zwanzig verschiedene Solisten zum Einsatz, also nahezu das halbe Ensemble.
Dieser erste Teil schnurrt wieder in 50 äußerst kurzweiligen Minuten als spritzige Boulevardkomödie ab. Auch beim Wiedersehen erfreuen die Warner-typischen Bildzitate, in denen er die auch im Libretto angesprochene Notwendigkeit zum Stillstehen vor der Kamera angesichts langer Belichtungsdauer aufnimmt. In Tableaux vivantes werden, während im Vordergrund die Handlung vorangetrieben wird, vor wechselnden Hintergrundprospekten historische Momente dazu in Bezug gebracht, etwa die Ermordung Julius Cäsars oder die Affäre von John F. Kennedy mit Marilyn Monroe.
Kontrastreich, regiehandwerklich souverän, darstellerisch lebendig und sängerisch durchweg vorzüglich bietet die Oper Frankfurt einen vergnüglichen und kurzweiligen Abend zum Saisonausklang.
Michael Demel, 15. Juni 2026
Doppelabend:
Kurt Weill: Der Zar läßt sich fotografieren
Carl Orff: Die Kluge
Oper Frankfurt
Wiederaufnahme am 14. Juni 2026
Premiere am 9. April 2023
Inszenierung: Keith Warner
Musikalische Leitung: Jiří Rožeň
Frankfurter Opern- und Museumsorchester