Bielefeld: „Die Zauberflöte“, Wolfgang Amadeus Mozart

Mozarts Oper Die Zauberflöte ist gleichzeitig eine der eingängigsten und eine der schwierigsten Opern, die beliebteste und stellt wie kaum ein anderer Regisseur vor größte Herausforderungen bei der Frage, was dieses Werk voller phantasievoller Magie und hochtrabender Moral uns zu sagen hat. Theater hoffen in vielen gut besuchte Vorstellungen Opernneulinge zu gewinnen, Stammpublikum nicht zu verprellen und gleichzeitig Kennern eine neue Sicht auf das Werk zu bieten. Das Spielzeitmotto des Theaters Bielefeld „Wagemut“ erscheint deshalb bei der Auswahl dieses populären Stückes einerseits wenig angebracht zu sein, andererseits einen Regiecoup zu versprechen. Für letzteres soll Kai Anne Schuhmacher sorgen, und das ist ihr vollauf gelungen, sofern man keine klassische, romantische oder verspielte Inszenierung erwartet. Bereits während der spritzig und transparent gespielten Ouvertüre sieht man eine fürs Schlafengehen gekleidete junge Frau die letzten Umzugskartons in ihre neue Wohnung schleppen, sich von ihren Eltern verabschieden, wobei zum Vater eine liebevolle Beziehung sichtbar wird, während die Mutter nur vorwurfsvolle Gesten voller Unzufriedenheit zeigt. Dann bringt sie ihren Sohn zu Bett mit Kuscheltier – ein Affe mit langen Armen – und Spieluhr mit einer Ballerina im blauen Kleid darauf – er soll also nicht in ein männliches Rollenklischee gedrängt werden. Endlich kann sie sich auf ihre Matratze legen. Doch aus einer erholsamen Nacht wird nichts: Die Bettdecke beginnt zu zucken und sich selbständig zu machen. Zudem taucht der Prinz aus dem Märchenbuch auf: Blondierte Haare mit Krönchen, rosa-violett gekleidet mit großem, rotem und glimmerndem Herz auf der Brust. Die Decke wirft sich auf den Prinzen, drei Damen mit den gleichen roten Haaren wie Pamina treten aus Türen und Kartons auf und bändigen das Objekt. Nachdem sie sich um Tamino, den Prinzen, gestritten haben, klingelt es an der Tür; Pamina öffnet und nimmt ein Pa-Pa-Paket entgegen. Während sie einen Vogelbauer auspackt, verwandelt sich der Bote in Papageno, der eine Mischung aus Vogelfänger – erkennbar an schillernder grün-türkiser Farbgebung und typischer Flöte – und Götterbote Hermes – erkennbar an den goldenen Flügelchen und goldenen, hochhackigen Schnürstiefeln ist. Nicht zufällig gibt es einen Paketversand Hermes. In der Mythologie ist Hermes nicht nur der Gott der Kaufleute (und Diebe) und des Verkehrs, sondern gilt auch als Überbringer der Träume. (Der Vogelkäfig – so war wohl Paminas Kindheit – wird übrigens die meiste Zeit von ihr mitgeführt; erst später sieht man ihn im Backofen, in dem zuvor das Brathähnchen lag, nach dem Papageno verlangte, aber auf dem Tisch von Sarastros Festgesellschaft landete – ein Beispiel für die Detailverliebtheit der Inszenierung.)

©  Bettina Stöß

Man erkennt somit, dass eine (alb-)traumartige Reise mit Hilfe von Doubles in die Psyche Paminas bevorsteht, ihre Erlebnisse in der Vergangenheit und ihre Suche nach Identität. Welche Frau hat nicht mehr als einmal Übergriffigkeit erlebt, hier durch Monostatos mit schwarzem Mund und schwarzem Hemd, sonst blond, oder Herrenrunden mit überheblichen Sprüchen, hier auf Vaters Geburtstag („Es lebe Sarastro“).  Besonders eindrucksvoll sind die Auftritte der Mutter, die sich zunächst dezent mit Tentakeln ankündigt, dann aber als fliederfarbener Oktopus aus dem Kühlschrank (kaltes Herz! Es gab in der Psychologie den Begriff der Kühlschrankmutter) steigt und schließlich elegant in die Badewanne gleitet (Motiv der langen Arme). Überhaupt ist es erstaunlich, welche Auftrittsmöglichkeiten nicht nur Türen, sondern auch Schränke, gar Hängeschränke, und Pappkartons bieten. Das eindrucksvolle Bühnenbild von Lisa Däßler veranschaulicht in vier Räumen plus Zwischenräumen auf der Drehbühne die auch seelischen Orte in Paminas Entwicklung, einschließlich der fast leeren gekachelten Räume aus Horrorfilmen. Gegen Ende findet noch eine spektakuläre Bewegung des gesamten Aufbaus statt. Nicht nur das absolut sehenswerte Königin-Kostüm oder das des Papageno ist durchdacht, sondern durchweg verdeutlichen die verschiedenen Kostüme von Valerie Hirschmann Beziehungen und Funktionen. Die Priester und die Geharnischten tragen zunächst zu hellen Anzügen karnevalistische Spitzhütchen, die im Verlauf immer größer werden und Bommel bekommen, ebenso werden die Nasen länger, und am Ende sind sie als Clowns unterwegs.

©  Bettina Stöß

Die hohlen Phrasen der Priesterschaft werden von der Regie entlarvt und ins Groteske verzerrt. Gleichzeitig wird Tamino reifer. In den vielen sinnig gestalteten Szenen, die viel schauspielerischen Einsatz fordern, wird deutlich, welche persönliche und gesellschaftliche Erwartungen an Pamina gestellt werden und Druck auf sie ausüben. Das geht nicht ohne Eingriff in den Text. Am gravierendsten ist der Verzicht auf die Rolle der Papagena, denn Papageno und Pamina verbindet mehr miteinander als nur das viele gemeinsame Auftreten. Er ist ihr treuer Begleiter, Freund und Therapeut, und er ist Träger des Glockenspiels, das ihr Sohn sich zu Beginn wünscht. Die Szenen, in denen Papagena als alte Frau vorgestellt wird, müssen deshalb entfallen. Aus dem Duett „Papagena-Papageno“ wird „Papamina“ mit Papageno und Pamina. Auch andere Striche und Änderungen im Text vor allem in den Dialogen sind die in diesem Konzept sinnvolle Konsequenz. Allerdings leidet die Verständlichkeit unter der Herkunft vieler Solisten aus Ost- und Südeuropa und Asien, schließlich sind sie zum Singen und nicht zum Sprechen hier.

Dafür singen sie alle gut bis sehr gut. Victoria Leshkevich wird im Fortissimo scharf; dabei kann sie im piano sehr empfindsam klingen und gut schattieren. Auf jeden Fall ist sie eine engagierte, keine duldsame Pamina; das wäre sie auch, wenn sie ihre körperreiche Stimme etwas zurückhalten würde. Andrei Skliarenko als ihr Prinz lässt seinen jugendlichen Tenor, der schon ins Heldische geht, strahlen. Seine Stimme besitzt Substanz in allen Lagen. Einen Freischütz-Max oder Holländer-Erik kann man sich von ihm noch besser vorstellen als den „Prinz Schleim“, wie Mozart ihn spöttisch nannte. Ein vokales Feuerwerk zündet Veronika Lee als Königin der Nacht ab mit sauberen Koloraturen und berechnender Mütterlichkeit.

ist ein schwarzer Sarastro-Bass, ebenso der der in der Badewanne sich entspannende Sprecher Evgueniy Alexiev. Viel mehr als einen unterhaltsamen Zeitgenossen macht Tomas Kildišius aus der Figur des Papageno. Nicht nur seine Statur, auch sein Bariton ist eine Wucht, dabei sehr beweglich. Neben Pamina hat er ohnehin die Hauptrolle in dieser Inszenierung. Cornelie Isenbürger, Marta Wryk und Monika Jägerová bilden ein kompetentes Damentrio, während drei namenlose Mitglieder des Knabenchores der Chorakademie Dortmund ebenfalls eine eindrucksvolle Leistung vollbringen. Mit beweglichem Tenor macht Lorin Wey den Monostatos zu einem Menschen mit schwachen, dunklen Seiten. Dumitru Bogdan Sandu und Daniel Alejandro Cobos Ortiz imponieren in den Priester-Soli und als Geharnischte. Das gilt natürlich auch für den Opernchor und die z.T. noch sehr jungen Statisten. Alle beweisen mit Bewegungen, Gestik und Mimik ihre schauspielerischen Talente. Die Bielefelder Philharmoniker spielen unter der anfeuernden Leitung von Robin Davis mit viel Schwung vibratolos, schlank und transparent mit Betonung der Holzbläser.

©  Bettina Stöß

Und die titelgebende Flöte? Es ist eine normale Querflöte, wie sie aus dem Graben erklingt, auf der Bühne aber scheinbar von einem kleinen Mädchen gespielt, um ihren Zauber wirken zu lassen. Die Spukgestalten aus Paminas (Alb-)Träumen aber verschwinden ganz am Ende in der Versenkung. Übrig bleiben Pamina, ihr Sohn und sein Glockenspiel. Eine gewagte Inszenierung mit sta rken Bildern, die positiv vom Premierenpublikum aufgenommen wurde, das die Ausführenden mit großer Begeisterung bedachte.

Bernhard Stoelzel, 12.Oktober 2026


Die Zauberflöte
Wolfgang Amadeus Mozart

Theater Bielefeld
Premiere: 10. Oktober 2026

Inszenierung: Kai Anne Schuhmacher
Musikalische Leitung: Robin Davis
Bielefelder Philharmoniker