
Geraten Theaterkritiker in Versuchung, sich mit dem Teufel zu verbandeln, um der Neuinszenierung der Historia von D. Johann Fausten gerecht zu werden? Wohl kaum. Erhellende Erkenntnisse bringt schon die Einführung durch GMD Killian Farrell, der zusammen mit Intendant Jens Neundorff von Enzberg wieder eine Rarität ausgrub. Der Komponist war keine Eintagsfliege, sondern zählte in den 80er und 90er Jahren zu den bedeutendsten Zeitgenossen, der Musik aus 5 Jahrhunderten zu seinen polystilistischen Ideen verwob. Filmmusik, Streich- und Klavierkonzerte, Sinfonien und Opern fanden nicht nur in Deutschland ihr Publikum. Mehrere Schlaganfälle lähmten seine Schaffenskraft, doch wie ein Getriebener war er auf der Suche nach einem Musikstil der Gegenwart, der den Zeitgeist plakatieren sollte, und sich gegen Kapitalismus und Gleichgültigkeit einer saturierten Konsumgesellschaft aufbäumt. Schnittke komponierte unter schwersten gesundheitlichen Einschränkungen seine letzte Oper, die in Deutschland nur 1995 in Hamburg aufgeführt wurde. Er starb 1998 mit 63 Jahren. Um das Werk spielbar, bühnen- und publikumstauglich zu gestalten, mussten und durften die Meininger und die Regisseurin Veränderungen vornehmen. Es wurde gekürzt, aber auch durch ein Bratschenkonzert ergänzt, ein früheres Werk Schnittkes, das emotionale Tiefe bringt. Nach 31 Jahren steht das Teufelswerk hierzulande endlich wieder auf einem Spielplan.
Nicht Goethes Faust, sondern der Urfaust, das Volksbuch von 1587, ist für Schnittke die Inspiration für sein Werk, in dem der Wissenschaftler einen Pakt mit dem Teufel schließt, um sein Genie, die Kreativität und die sinnlichen Genüsse zu steigern. Intention war die moraltheologische Warnung und gezielte Abschreckung. Wer mit dem Satan paktiert, wird fürchterlich enden. Während das naiv-anschauliche Buch sich flüssig und ohne Anstrengung liest, crasht der Komponist nicht nur den Fluss der Handlung, sondern vor allem traditionelle Opernklischees. Er testet aus, was geht, greift im 1. Akt auf Heinrich Schütz zurück, bedient sich bei Bach im 3. Akt und, inspiriert von seinem Sohn, einem Rockmusiker, brummt im 2. Akt der Synthesizer. Brechts episches Theater bietet die Steilvorlage und so lässt er einen Erzähler auftreten. Anfangs scheint dieser neutral zu kommentieren. Er informiert die Menge und manipuliert sie doch gleichzeitig im Christlichen wie im Teuflischen.

Schnittke experimentiert, findet Ansätze, schleudert Klangfragmente in den Raum. Alles zeigt sein Ringen um eine Klangsprache, die seine Botschaften übermitteln soll. Wer da etwas greifen oder festhalten will, tut sich schwer. Zu flüchtig sind Töne und Szenen. Diese Musik, die laut dem Dirigenten verblüffend einfach zu spielen sei, ist keinesfalls schön (was ist schon schön?). Aber sie ist hochspannend und das bewundernswerte Ergebnis des Ringens eines todkranken Mannes um eine Antwort. Die Meininger Hofkapelle unter GMD Killian Farrell kriegt es tatsächlich hin, dass dieses bislang unvollendete und eigentlich nicht spielbare Opus aus der Versenkung wieder auf die Spielpläne kann und muss.
D. J. F., ein vielseitiger und bekannter Wissenschaftler, giert nach mehr Erkenntnissen und Befriedigung seiner Wünsche. Er bietet sich dem Teufel an, der in doppelter Gestalt als Mephostophiles und Mephostophila, erscheint. Faust besiegelt den Pakt mit seinem Blut, muss dafür aber allem Menschlichen Feind bleiben und seine Seele nach 24 Jahren Luzifer überlassen. Doch was ihm geboten wird, ist unbefriedigend und er sehnt sich nicht nur nach einem Paradies, sondern vor allem nach einer Frau. Die Vision Helenas von Troja, die Anna Maria Wünsch mit dem hoch emotionalen Violakonzert aufleben lässt, weckt sein unstillbares Verlangen nach Weiblichem. Er möchte dem Teufel abschwören, bleibt aber ein Verdammter. Am Vorabend seines Endes verabschiedet er sich von seinen Studenten und offenbart den Pakt mit dem Teufel. Gelingt es ihnen, ihn zur Reue zu bekehren, um seine Seele zu retten? Den Körper hat es bereits zerlegt.
Regisseurin Eva-Maria Höckmayr bleibt anfangs im 16. Jahrhundert, die Kostüme des Chors sind dementsprechend, und lässt aufgrund der stets aktuellen Thematik das Werk in der Gegenwart enden. Den epischen Charakter betont sie nicht nur durch die Rolle des Erzählers, sondern auch durch die Gemeinschaft des Chors, der omnipräsent alles, was geschieht, berichtet, kommentiert und vor allem kraft seiner darstellerischen Expressivität fulminant vermittelt. Dieser, obwohl aus lauter Individuen bestehende, Klangkörper ist der eigentliche Protagonist und zeigt die gesamte Vielschichtigkeit der Perspektiven. Hochachtung schon an dieser Stelle für alle Mitglieder und Chorleiter Roman David Rothenaicher, der außerdem ein choreografisches Meisterwerk schuf.

Die Herausforderungen an die Sänger sind gewaltig, da sie drei Stilrichtungen und drei Oktaven beherrschen müssen und das auch können. Der polnische Bariton Mateusz Ługowski ist eine unaufdringliche, aber äußerst überzeugende Projektionsfigur für die Titelrolle. Sein durchscheinendes Plastikhemd zeigt ihn bar jeder schützenden Hülle. Der chinesische Countertenor Meili Li und Abongile Fumba, Alt, beherrschen ein Kaleidoskop an schrillen und teuflischen Tönen. Sie erinnern in ihren glänzenden braunen Gewändern an Nacktschnecken. Die beiden stehen nicht für Polarität des Teufels, sondern Potenzierung. Tobias Glagau ist als keinesfalls neutraler Erzähler stimmlich wohldosiert präsent. Julia Rösler spielt mit den unterschiedlichsten Kostümen, die vom Mittelalterlichen bis unspektakulär Gegenwärtigen, von skurrilen Phantasiegewändern bis zur Barockrobe reichen. Bühnennebel wabert. Durch die düstere Atmosphäre bricht sich ab und an gleißendes Scheinwerferlicht, und Videoprojektionen im Hintergrund potenzieren das Geschehen. Michele Taborelli entwarf einen minimalistischen Raum, in dessen Hintergrund weiß gekachelte Stufen zu einem Labortisch führen, auf dem auch seziert wird.
Alfred Schnittkes letzte Oper hat endlich eine Form und ein Publikum gewonnen, das ihn frenetisch feiert. Es gibt einige seiner Zeitgenossen, die besser in der Schublade geblieben wären, aber leichter umzusetzen sind. Auch wird nicht jedes Haus in der Lage sein, so eine schwierige Produktion zu stemmen. Aber Meiningen zeigt, dass es das kann.
Inge Kutsche, 20. September 2026
Historia von D. Johann Fausten
Oper von Alfred Schnittke
Staatstheater Meiningen
Premiere am 18. September 2026
Regie: Eva-Maria Höckmayr
Musikalische Leitung: GMD Killian Farrell
Chor: Roman David Rothenaicher
Meininger Hofkapelle
Weitere Vorstellungen: 9. Oktober, 15. und 29. November 2026, 20. und 27. März 2027