Auch in diesem Jahr haben wir unsere Kritiker wieder gebeten, eine persönliche Bilanz zur zurückliegenden Saison zu ziehen. Wieder gilt: Ein „Opernhaus des Jahres“ können wir nicht küren. Unsere Kritiker kommen zwar viel herum. Aber den Anspruch, einen repräsentativen Überblick über die Musiktheater im deutschsprachigen Raum zu haben, wird keine Einzelperson erheben können. Die meisten unserer Kritiker haben regionale Schwerpunkte, innerhalb derer sie sich oft sämtliche Produktionen eines Opernhauses ansehen. Daher sind sie in der Lage, eine seriöse, aber natürlich höchst subjektive Saisonbilanz für eine Region oder ein bestimmtes Haus zu ziehen.
Nach der Staatsoper Stuttgart blicken wir heute auf das Staatstheater Meiningen.

Beste Produktion und Regie
Cardillac von Paul Hindemith
Julia Giammona legt den Fokus auf das Künstlergenie und dessen Überhöhung zur Kultfigur durch das Volk, spart aber den Vater-Tochter-Konflikt nicht aus und gibt erschreckend Raum für die Einflüsse des aufkommenden Nationalsozialismus. Große, leicht verschiebbare Vitrinen schaffen Platz für Aufmärsche. Riesige Schwarzweißprojektionen ergänzen diesen Psychokrimi zu einem packenden Gesamtkunstwerk, in dem der Chor hyperpräsent eine eigenständige Position übernimmt und Heldenkult bis Lynchjustiz betreibt. Den diesjährigen Götz-Friedrich-Preis für junge Regisseure hat sich Giammona mehr als verdient. (Wiederaufnahme 2026/27)
Zweitbeste Produktion und größter Spaß
Riemannoper von Tom Johnson
Die Idee, Inhalte aus einem altehrwürdigen Musiklexikon performen zu lassen, gerät unter der Regie von Freya Gölitz zu einem urkomischen, höchst unterhaltsamen Zweiakter, in dem Opernbetrieb und Theoretiker auf die Schippe genommen werden. Vier Sängerinnen und Sänger starten zu einer Urlaubsreise mit Hindernissen. Motor: die Spielfreude der Protagonisten, einziges Instrument: das Klavier. (Wiederaufnahme 2026/27)
Größte Enttäuschung
Der Freischütz von Carl Maria von Weber, Regie: Philipp M. Krenn
Ein Stückwerk unausgegorener Regieideen, Brüche im Inhalt und rätselhafte Abweichungen vom Original zeigen, dass sich da jemand einen Blockbuster gegriffen und darauf vertraut hat, dass es von alleine läuft. Wenn als Dauerschauplatz ein marodes Dorf mit Dixiklo und Marienstatue neben Reklame für eine Erotikmesse herhalten muss, mag das ja anfangs ganz originell sein, wirkt jedoch einfach nur billig, zumal die Drehbühne in Dauerschleife immer und immer wieder dasselbe zeigt.
Ausgrabung des Jahres
Didone Abbandonata von Domenico Sarro
300 Jahre schlummerte eine Abschrift dieser Oper im Musikarchiv von Schloss Elisabethenburg in Meiningen. Regisseur Dietrich W. Hilsdorf und Dirigent Samuel Bächli hoben den Schatz und schufen eine Kammeroper, deren Musik, ein Barockjuwel, einst in Wien begeisterte. Ein dramatischer Seelenstriptease mit gleich drei Dreiecksverhältnissen wird von den sechs Protagonisten in einer Perfektion dargeboten, die staunen lässt.
Beste Gesangsleistung – Hauptrolle Damen
Die Hosenrolle des Maurenkönigs Iarba in Didone abbandonata ist Mezzosopranistin Marianne Schechtel wie auf den Leib geschneidert: Ein Supermacho, der mit jeder Faser so hinreißend übertrieben signalisiert, dass er der Größte ist. Alleine die Mimik verdient einen Oscar.
Beste Gesangsleistung – Nebenrolle Damen
Als Cousine Stasi hellt Monika Reinhard in Die Csárdásfürstin durch ihre quirlig kesse Art mit bezauberndem Sopran die Stimmung auf. Grazil, mädchenhaft und raffiniert gibt sie den Ton an.
Beste Gesangsleistung – Hauptrolle Herren
Shin Taniguchi als Jago im Otello verkörpert diese Ausgeburt des Bösen entsetzlich echt. Eine Stimme voller Klangschönheit und Eleganz, die wie ein öliges Gift eine unglaublich dämonische Wirkung hat, macht ihn in dieser Mammutrolle zur idealen Besetzung.
Nachwuchssänger des Jahres
Gast Owen Metsilang mit südafrikanischen Wurzeln tastet sich behutsam an seine Rolle als Otello heran und gewinnt von Szene zu Szene an Profil. Er besticht mit beeindruckendem Timbre und hat die Figur des einstigen Sklaven bemerkenswert realistisch verinnerlicht – geprägt von Wut, Wahnsinn und Verzweiflung.
Beste Dirigate
Killian Farrells hochsensible Rheingold–Interpretation schafft naturalistische, vielschichtige Passagen. Alles, was auf der Bühne geschieht, hat sein Pendant im Orchester, das die Sänger nie überspült und dennoch viel Raum für rauschhafte Fulminanz gibt: atemberaubend.
Das eigenständig agierende, klein besetzte Orchester in Hindemiths Cardillac schafft eine schnörkellose Sachlichkeit mit dem Willen zur ästhetischen Abrüstung. Bauhausbarock mit Fuge und Passacaglia weichen Polyphonie und jazzigen Rhythmen. Das fordert Hirn und Ohren: hochspannend!
Beste Chorleistung
R. D. Rothenaichers ambitionierter Chor, der mit Hingabe und Verve ein Völkchen lebt und karikiert, rettet den sonst so blamablen Freischütz.
Beste Bühnenbilder
Toll, was sich Peter Engel für den 2. Akt der Csárdásfürstin einfallen ließ. Kein Prunk und Protz im Fürstenpalast, sondern ein höchst interessantes Szenario: Ein Hintergrund vollere exotischer Vögel, keine Schwalben!, ein überdimensionales Einflugloch und ein großes Vogelvieh, mit dem sich viel anstellen lässt. Die Bühne ist schnell wandelbar, was auch für den eleganten Nachtclub im 1. Akt gilt.
Linda Siegismund setzt Freya Gölitz’ Reiseidee in der Riemannoper höchst abwechslungsreich um. Zugpannen zwingen die Passagiere zu Aufenthalten an verschiedenen Orten, die mit faszinierender visueller Gestaltung und originellen Accessoires minimalistisch perfekt sind.
Die Bilanz zog Inge Kutsche.