Mailand: „Die Entführung aus dem Serail“, Wolfgang Amadeus Mozart

© Mailänder Scala

Die 1965 für die Salzburger Festspiele entstandene Produktion von Giorgio Strehler und Luciano Damiani (letzterer verantwortlich für Bühnenbild und Kostüme) wurde 1972 an die Scala übernommen und seither auch 1978, 1994 und 2017 gespielt. Die vorliegende Wiederaufnahme wurde von Laura Galmarini betreut. Die berühmte Inszenierung ist weltbekannt, weshalb es keiner weiteren Schilderung bedarf. Interessant ist allerdings, dass Strehlers Inszenierungen, zumindest für meinen Begriff, überholter wirken als ungefähr gleich alte von zum Beispiel Jean-Pierre Ponnelle (wer mag und kann, vergleiche die Regie der beiden von “Le nozze di Figaro”). Ich denke, das ist auf die stilisierte Interpretation Strehlers zurückzuführen, ganz Silhouetten und Lichteffekte, unter Ausschaltung der psychologischen Aspekte der Figuren (die es auch in diesem naiven Singspiel durchaus gibt, vor allem die Beziehung zwischen Konstanza und Selim). Was vor fast sechzig Jahren entstand, ist zur hübsch anzusehenden Schablone geworden – so habe zumindest ich es empfunden.

Bei dieser vierten Vorstellung ließen sich sowohl Daniel Behle (Belmonte), als auch Jasmin Delfs (Blondchen) als indisponiert entschuldigen. Der Tenor sang sich aber bald frei und bot eine stilistisch wie stimmlich sehr gute Interpretation. Die Baumeisterarie nahm er etwas vorsichtig, wobei es dem Künstler hoch anzurechnen ist, dass er sie nicht streichen ließ, wie es auch bei nicht indisponierten Sängern wegen der Schwierigkeit des Stücks oft der Fall ist. Jessica Pratt verlieh ihrer Konstanze, soweit das in dieser Produktion möglich ist, viele berührende Züge und glänzte dann mit einer äußerst virtuos vorgetragenen Marternarie. Michael Laurenz gab mit zum Charaktertenor neigenden Material einen spitzbübischen Pedrillo. Leider war der Osmin des Peter Rose mehr als Persönlichkeit denn vokal vorhanden, denn es fehlten ihm nicht nur die extremen Tiefen (was verzeihlich ist), sondern Stimmvolumen überhaupt. Die erwähnte Jasmin Delfs mag indisponiert gewesen sein, aber dass man von ihrer Prosa kaum ein Wort verstand, muss einer deutschen Sängerin schon vorgeworfen werden. Sven-Eric Bechtolfs Selim ging über leere Deklamation nicht hinaus.

© Mailänder Scala

Das große Plus der Aufführung war das Scaladebüt von Thomas Guggeis, der einen spritzigen Mozart dirigierte, geschickt sowohl die Romantisierung des Klangs, als auch ein allzu nüchternes Herangehen an die Musik vermeidend. Eine Leistung, die den Ruf, der dem jungen Dirigenten vorausgeht, zur Gänze bestätigte, wobei sich das Orchester des Hauses unter seiner Leitung merklich wohlfühlte.

Eva Pleus, 22. März 2024


Die Entführung aus dem Serail
Wolfgang Amadeus Mozart

Teatro alla Scala, Mailand

5. März 2024

Inszenierung: Giorgio Strehler
Musikalische Leitung: Thomas Guggeis

Orchestra del Teatro alla Scala