Valencia: „Falstaff“

am 2. März 2021 im Palau de Les Arts

Ambrogio Maestri auch in Katalonien in seinem Element!

Auch die Opern-Kompagnie von Valencia, Les Arts Opera, führt während der Pandemie mit sorgsam ausgearbeiteten und genauso achtsam umgesetzten Hygienekonzepten im futuristischen Palau de Les Arts Reina Sofía des katalanischen Architekten Calatrava Valls, das in Valencia liebe voll „El huevo“ (das Ei) genannt wird, eine volle Temporada 2020/2021 durch. Nur hat es – leider – den „Tristan“ von Richard Wagner erwischt, den man wegen der Länge der Aufzüge sowie der Gesamtlänge mit den Hygieneauflagen der Generalitat Valenciana nicht in Einklang bringen konnte und wollte. Man ersetzte die wirklich sehenswerte „Tristan“-Produktion der Fura dels Baus aus Lyon, die in einer der folgenden Temporadas nachgeholt werden wird, durch den ebenso erfolgreichen „Falstaff“ von Giuseppe Verdi in der Regie von Mario Martone aus der Staatsoper Berlin. Er kam dort während der Berliner Staatsopern-Tage im März 2018 unter Daniel Barenboim mit Michael Volle in der Titelrolle heraus, sicher eine Luxusbesetzung. Diese hatte man mit dem wohl derzeit unerreichten Ambrogio Maestri als Falstaff in Valencia auch, zumal er auch noch eine Stimme mit dem unvergleichlichen italienischen Timbre und Kolorit mitbringt.

In einem allerdings ganz und gar nicht italienischen Ambiente war Maestri der Dreh- und Angelpunkt des Abends – seine erste lang gehaltene Höhe animierte das Publikum gleich zu spontanem Beifall. Er hielt das Geschehen im weiteren Verlauf mit starken, ihm ständig am Fell flicken(wollen)den Partnerinnen unter Dauerspannung. Martone hatte diesen „Falstaff“ – wohl auch, um Berlin eine Referenz zu erweisen – mit seiner Bühnenbildnerin Margherita Palli und der entsprechenden Kostümästhetik von Ursula Patzak in ein von oben bis unten mit Graffiti bemaltes Ambiente à la Tacheles an der ehemaligen Grenze zwischen West- und Ostberlin angesiedelt. Umso fremdartiger wirkt hier der Gemütlichkeit und Selbstverliebtheit ausstrahlende Italiener Maestri als Falstaff. Ihm geht es zunächst mal um einen guten Rotwein, das heißt die zweite Flasche, und einen entsprechend schmackhaften Happen dazu. Die Zigarette darf natürlich nicht fehlen. Im Tacheles agieren unterdessen die tätowierten Bardolfo (überzeugend Joel Williams aus dem Centre de Perfeccionament der Kompagnie) und Pistola (Antonio Di Matteo mit guter Charakterstudie) im Stile auch einmal etwas härter anpackender Hausbesetzer, umringt von ihren sie wohl bewundernden und ebenso unorthodox wie leicht gekleideten Mädels. Die bourgeoisen Elemente werden durch den total auf spießig gedrehten Dr. Cajus und Ford in das muntere Geschehen eingebracht. Jorge Rodriguez-Norton gibt den Cajus mit einer komödiantischen Charakterstudie und einem ins Charakterfach neigenden Tenor. Davide Luciano ist ein Ford mit starker Bühnenpräsenz und einem kraftvollen Bariton. Beide spielen, wie auch alle anderen, ihre Partien mit großer Intensität und entsprechender Mimik, was auch die gute Personenregie des leading teams unter Beweis stellt.

Eine ganz andere Atmosphäre als das depressive Tacheles-Ambiente bietet das Zweite Bild mit dem mondänen Garten von Ford in lockerer Badeathmosphäre. Hier kommen nun die vier Damen zu ihrem ersten großen Auftritt und bilden einen dramaturgisch exzellenten Kontrapunkt zum etwas düsteren Geschehen um Falstaff im „Gasthof“. Frische Farben lassen auf die gute und lockere Stimmung von Alice Ford, Nannetta, Mrs. Quickly und Meg Page schließen. In diesem Ambiente lassen sich gut Intrigen spinnen…

Ainhoa Areta lässt als Alice einen vollen und klangschönen Sopran hören und stehlt auch große Persönlichkeit aus. Violeta Urmana ist hier völlig ihrer Persönlichkeit entsprechend die weise ältere Freundin von Alice mit einem vollen Mezzo, der völlig vergessen lässt, dass sie sich einmal intensiv für einen Wechsel ins Sopranfach bemühte. Ihr „Reverenza!“ im folgenden Akt hat große humoristische Tiefe und dezenten Sarkasmus. Herrlich spielt sie das, als Grande Dame! Chiara Amarù spielt eine eher unauffällige Meg Page mit gutem Mezzo.

Aber wer hier und später noch ganz besonders beeindruckt, ist die junge Sara Blanch als Nannetta. Mit einem glockenreinen jugendlich-lyrischen Sopran, lang gehaltenen Noten und großer Musikalität singt sie die Tochter Alices, ohne zugleich die entsprechende Emotionalität für das Wechselbad ihrer Gefühle im Hinblick auf ihre gewünschte Liaison mit Fenton zu dokumentieren, wie Lauretta in „Gianni Schicchi“ von Puccini. Einen ganz großen Auftritt bekommt sie im letzten Bild, dem Park von Windsor, wo sie mystisch die Feenkönigin mit ihrem zahlreichen Gefolge spielt. Ihre Arie von einem verfallenen Kirchturm in einem abgedunkelten und mysteriösen Bühnenbild, das in seiner subtilen Erotik an das Geschehen der französischen Fassung von Wagners „Tannhäuser“ erinnert, ist ganz große Oper! Pasquale Mari kann hier mit seiner stets stimmungsrelevanten Beleuchtung regelrecht verzaubern. Auch die gute und fantasievolle Choreographie von Raffaela Giordano und Anna Redi kommt hier gewinnend zur Geltung. In diesem Bild beeindruckt auch der wohlklingende, von Francesc Perales einstudierte Coro de la Generalitat Valenciana, besonders der Damenchor mit klangvollem Piano.

Sara Blanch hat gewiss noch einiges an Entwicklung vor sich. Auch ihr Zusammenspiel mit Fenton, den Juan Francisco Gatell mit gutem Tenor und körperlicher Behinderung authentisch gestaltet, gelingt natürlich und sehr menschlich. Gatell singt im Übrigen auch eine sehr schöne Arie im ersten Bild des 3. Akts. Natürlich kommt es im Mittelakt auch zur ominösen Waschkorbszene, die aber gerade mit dem schon von Hause aus komisch wirkenden Maestri und der sich zum völligem Chaos steigernden Verrücktheit aller anderen zum heiteren Scherzo an diesem Abend wird. Sein Bariton ist mit seinen Farben, Facetten und seiner Ausdruckskraft weiterhin die Garantie für einen exzellenten Falstaff.

Am Schluss wird dem Armen, der sogar mit dem klassischen Hirschgeweih auftritt, was ja heutzutage alles andere als normal ist, ganz übel mitgefahren. Die Schlussfuge wird zum starken Finale eines großartigen musiktheatralischen Abends. Er lag in den kompetenten und offenbar Verdi-erfahrenen Händen von Daniele Rustioni, der die dramatischen Akzente der Partitur und die emotionale Dichte des Stücks musikalisch mit dem Orquestra de la Comunitat Valenciana dynamisch umzusetzen verstand.

Fotos: Miguel Lorenzo y Mikel Ponce

Klaus Billand/1.4.2021

www.klaus-billand.com