Wuppertal: Tops und Flops – „Bilanz der Saison 2025/26“

Auch in diesem Jahr haben wir unsere Kritiker wieder gebeten, eine persönliche Bilanz zur zurückliegenden Saison zu ziehen. Wieder gilt: Ein „Opernhaus des Jahres“ können wir nicht küren. Unsere Kritiker kommen zwar viel herum. Aber den Anspruch, einen repräsentativen Überblick über die Musiktheater im deutschsprachigen Raum zu haben, wird keine Einzelperson erheben können. Die meisten unserer Kritiker haben regionale Schwerpunkte, innerhalb derer sie sich oft sämtliche Produktionen eines Opernhauses ansehen. Daher sind sie in der Lage, eine seriöse, aber natürlich höchst subjektive Saisonbilanz für eine Region oder ein bestimmtes Haus zu ziehen.

Nach dem Staatstheater Mainz blicken wir heute auf die Oper Wuppertal.


Die Spielzeit der Oper Wuppertal 2025/26 war dadurch gekennzeichnet, dass Patrick Hahn als scheidender Generalmusikdirektor in seiner letzten Saison hier der Oper sozusagen die Schau gestohlen hat. Das größte Ereignis der Wuppertaler Operngeschichte der letzten Jahre war sein konzertanter, fulminanter Ring des Nibelungen im Großen Saal der Historischen Stadthalle mit namhaften internationalen Sängerinnen und Sängern, leider nicht im traditionsreichen Barmer Opernhaus. Der Zyklus wurde weithin zur Kenntnis genommen, war schnell völlig ausverkauft und hinterließ großen Eindruck, kostete aber einen ungeheuren Aufwand, viel Geld und Kraft, was die Oper Wuppertal verkraften musste und sich im Spielplan bemerkbar gemacht hat. Vierzig Jahre zuvor hatte sich GMD Hans Martin Schneidt mit dem Ring damals in der Oper (Regie: Meyer-Oertel, Bühnenbild: Hanna Jordan, Walküre: Gudrun Volkerts) verabschiedet – die Produktion ist in der Stadt unvergessen. Patrick Hahn verabschiedete sich von der Oper in Wuppertal mit dem Dirigat von Hänsel und Gretel am 28. Dezember 2025 zwischen Der Fledermaus in Berlin und dem Neujahrskonzert des Sinfonieorchesters Wuppertal in der Stadthalle. Die Saison in der Oper überließ er im Übrigen dem seit Sommer 2025 in Wuppertal tätigen 1. Kapellmeister Yorgos Zavaris, der souverän und engagiert diese Aufgabe sehr erfolgreich bewältigt hat.

Insgesamt gab es in dieser Spielzeit: Der Florentiner Hut, Das Licht auf der Piazza, The Lodger, Hänsel und Gretel (Wiederaufnahme), Die Erwartung/ Der Wald (Wiederaufnahme 8. Februar 1926), Tuffi, Don Giovanni (Wiederaufnahme), Von Thalia geküsst (Wiederaufnahme), Il Barbiere de Sevilla, (Rossini), Griselda (Vivaldi) sowie Hänsel und Gretel (Humperdinck). Generalintendantin Rebekah Rota verlegte sich in dieser Spielzeit mit drei von sechs Premieren also vor allem auf moderne angelsächsische Opern.

Das Licht auf der Piazza (Komponist: Adam Guettel und Craig Lucas) erwies sich als Mischung aus Musical, Singspiel und anspruchsvollem modernem Musiktheater und wurde sehr gut als Gemeinschaftsproduktion mit Gelsenkirchen auf die Bühne gebracht. Bei zunehmender Dramatik nach der Pause gab es am Ende großen Applaus des enthusiasmierten Publikums trotz fehlender Hits und Ohrwürmer.

Der Florentiner Hut von 1945 des als Filmkomponisten sehr bekannten Nino Rota hatte Anfang Juni nahezu gleichzeitig Premiere in Dresden wie in Wuppertal. In rasantem Tempo sauste das Drama des von einem Kutschgaul gefressenen Strohhuts als absurdes, witziges Tohuwabohu, glänzend inszeniert -eine moderne farsa musicale – im Barmer Opernhaus vorüber. Kompositorisch epigonal auf höchstem Niveau, musikalisch anspruchsvoll, zeigt die Produktion das hohe Niveau der Solisten, des Orchesters und des großen Opernchores.

Tuffi, als Kinderoper für die ganze Familie gedacht, komponiert vom Wuppertaler Christoph Ritter (Libretto: Nadja Karasjew, Regie: Clara Freitag, Dauer 60 Min.) erwies sich als ein kurzweiliges Stück aus der Heimatgeschichte der Stadt mit dem legendären Sprung eines Zirkus-Elefanten aus der Schwebebahn. Die Mitwirkung vieler Jugendlicher zwischen sechs und achtzehn Jahren, die rund ein Jahr dafür geprobt haben, hat bei ausverkaufter Premiere Herzen und Sinne der Beteiligten für das Genre Oper geweckt und ein hervorragender Einstieg für alle, die bis dahin den Weg ins Opernhaus noch nicht gefunden haben.

Für Griselda (Regie: Mathilda du Tillieul McNicol) dem Jahre 1735 von Antonio Vivaldi wurden die Solistinnen und Solisten, alle Barockspezialisten, von außen eingekauft. Nur eine Sängerin stammte aus dem Opernstudio der Oper Wuppertal. Das alte Beziehungsdrama aus dem Decamarone des Boccaccio wurde in die Gegenwart und einen Nachtclub übertragen. Die Kritik fand trotz lebendigen und schwungvollen Ensemble- und Orchesterklangs, erweitert mit Theorbe und Cembalo, die Wiederbelebung dieser alten Oper bzw. den Versuch, Oper und Sujet für die Gegenwart zu aktualisieren mit insgesamt vier Aufführungen nicht recht überzeugend.

Das Interesse der Wuppertaler Oper an Komponistinnen wurde schon in der letzten Spielzeit mit Der Wald von Ethel Smyth deutlich. Inzwischen liegt eine CD-Aufnahme davon vor (Oper Wuppertal in Zusammenarbeit mit dem Deutschlandfunk, Leitung Patrick Hahn), die nichts zu wünschen übriglässt. Der ganze Doppelabend Der Wald/ Erwartung, (Ethel Smythe/ Arnold Schönberg) wurde im Februar 2026 wieder aufgenommen. The Lodger, die Oper der vielleicht bedeutendsten britischen Komponistin aus der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts, entpuppte sich als Unterhaltungsoper, aufwendig inszeniert, musikalisch differenziert, eher leicht zu konsumieren und es bleibt unklar ob diese qualitativ gleichwohl eindrucksvolle Aufführung dem Stück den Weg auf weitere Bühnen hilft.

Mit dem eher leichten und modernen Programm und den Stücken für Kinder und Jugendliche könnte es gelingen, auch Publikum jenseits klassischer Provenienz zu erreichen. In der nächsten Spielzeit wird es in Wuppertal keinen Generalmusikdirektor geben, sodass das Publikum auf wechselnde Gastdirigenten gespannt sein darf. Der neue Generalmusikdirektor Christian Reif kommt erst zur Spielzeit 1927/28. Insgesamt sind die Voraussetzungen für lebendiges Musiktheater in Wuppertal bei sehr engagiertem Team glänzend, wobei der Etat für den Stadtbetrieb der Wuppertaler Bühnen nicht weiter schrumpfen darf.

Beste Produktion:
Der Florentiner Hut von Nico Rota

Bester Dirigent (und einziger):
Yorgos Zavaris. Unter seiner Leitung wurde schon am 29. November 2026 Il Barbiere di Sevilla von Gioachino Rossini zu einem umjubelten Erfolg. „Rossinis Witz und musikalische Brillanz“ wurden voll ausgespielt, hieß es in der WZ.  Auch die auf 1 ¼ Stunde gekürzte Kinderfassung beeindruckte das junge Publikum durch Spielfreude und stimmliche Souveränität (Benjamin Russel als Gast, Oliver Weidinger als Dr. Bartolo in zu großem Mantel). Zusammenfassend konnte die gekürzte Fassung an Weihnachten unter der Leitung von Kyungabe Ju, neu als Korrepetitor im Team, das Interesse und die Neugier der Erwachsenen für die vollständige Fassung wecken (Regie: Marie Robert).

Enttäuschende Produktionen gab es nicht. Die Qualität der Produktionen war generell hoch, sowohl bezüglich Regie als auch der Musik. Für Regie, Bühnenbild und Solisten mussten dabei nicht selten Gäste engagiert werden.

Beste Sängerinnen:
Edith Grossmann war in der Spielzeit in verschiedenen Produktionen stark gefordert und hat immer Hervorragendes geboten.

Beste Sänger:
Oliver Weidinger und Zachary Wilson erwiesen sich als tragende Solisten im Wuppertaler Ensemble und überzeugten durchweg.

Beste Bühne:
Die Bühnenbilder haben uns alle sehr gut gefallen, vielleicht besonders das von The Lodger (Alyson Cummins).


Die Bilanz zog Johannes Vesper.