Duisburg: „Die Walküre“, Richard Wagner

Bereits acht Jahre hat Dietrich W. Hilsdorfs Inszenierung von Die Walküre an der Deutschen Oper am Rhein auf dem Buckel, und sie ist immer noch sehenswert und lässt sich mit teils neuer Besetzung aktuell in einer Wiederaufnahme in Duisburg erleben. Zunächst aber gedachte man des verstorbenen Ensemblemitglieds Wolfgang Schmidt, der der Institution trotz internationaler Karriere treu verbunden war und als kollegialer Mensch geschätzt wurde.

© Matthias Jung

Und dann wurde der Sänger des Siegmund, Samuel Sakker, als leicht verschnupft gemeldet, und man möge, nachsichtig sein, falls die Stimme mal nicht richtig sitze. Zwar saß die Stimme den ganzen Abend beziehungsweise zum Glück nur in den ersten zwei Akten richtig, war zwar baritonal gut fundiert, aber schwach, knödelig und litt unter kaum vorhandener Textverständlichkeit. Angesichts seiner erstaunlichen Biografie war dies sehr verwunderlich – entweder war er viel kränker als vermeldet oder in seinem Rollendebüt eine komplette Fehlbesetzung. Dies fiel um so mehr auf, als seine Bühnenpartnerin Sieglinde Signe Heiberg in ihrem Rollendebüt zum Star des Abends avancierte. Mit ihrem vollen, runden und warmen Sopran bei guter Textverständlichkeit DIE Entdeckung des Abends und befindet sich auf dem Sprung aus der deutschen Provinz (Bremerhaven, Heidelberg) an die Weltspitze. Auch am Rhein wird sie wohl nicht mehr lange zu erleben sein, eher an der Donau, der Seine oder dem Hudson River. Phänomenal, wie sie mit ihrer Stimme, die weder Trompete noch Orgel ist, sondern aus der Tiefe eines menschlichen Körpers kommt, den Raum flutet. Neben ihr werden auch die anderen verbleibenden Hauptrollen des Abends durch großartige Sängerpersönlichkeiten gestaltet. James Rutherford ist ein souveräner Wotan, der seine Reserven klug bis zum Schlussmonolog einteilte und dabei immer mit stimmlicher und darstellerischer Präsenz Autorität wie Emotionen vermittelt. Die Sängerin der Brünnhilde, Allison Oakes, hat sich seit ihrer etwas dünnen Isolde vor zehn Jahren in Dortmund positiv weiterentwickelt. Ihre Stimme ist jetzt voluminöser und runder, bleibt aber jugendlich-frisch. Vokal eine überzeugende Lieblings-Walküre, darstellerisch wirken manche Gesten mitunter, als pumpe sie Luft in ihre Lungen. Dank des daraus resultierenden guten Klangs sei es ihr verziehen. Beide steigern sich im dritten Akt zu einem Dialog voller Leidenschaften. Anna Harvey und Thorsten Grümbel ergänzen als Fricka und Hunding die Solistenriege auf ebenfalls sehr hohem Niveau.

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Der Opern-Chefdirigent Vitali Alekseenok (gesprochen Aleksejenok) macht gleich in dem ersten Takten klar, dass es ihm nicht um ausgewogenen Schönklang geht.  Bei flotten Tempi lässt er die Duisburger Philharmoniker mit scharf akzentuierter Expressivität spannungsgeladen musizieren; sie sitzen hörbar auf den vorderen Stuhlkanten. Das führt dazu, dass das Blech nicht immer sauber, sondern manchmal ruppig klingt. Andererseits blüht das Orchester bei den „schönen Stellen“ üppig leuchtend auf.  Der Walkürenritt gerät so furios, dass die Stimmen der Wotans Töchter ( Helmwige: Ann-Kathrin Niemczyk, Gerhilde: Luiza Fatyol, Ortlinde: Heidi Elisabeth Meier, Waltraute: Romana Noack, Siegrune: Ruth Katharina Peeck, Roßweiße: Kimberley Boettger-Soller, Grimgerde: Maria Polańska, Schwertleite: Rita Kapfhammer) individuell kaum noch wahrnehmbar sind, sondern in den Orchesterklang eingebunden scheinen. Die Walküren Szene ist aber auch sehr dicht instrumentiert. Ansonsten lässt Alekseenokden Sängern genügend akustischen Raum zur Entfaltung. Insgesamt ein interpretatorisches Konzept, dass der vielschichtigen Dramatik des Werkes gerecht wird; jedenfalls viel überzeugender als Axel Kobers glattes Dirigat in Düsseldorf vor sechs Jahren.

Regisseur Dietrich W. Hilsdorf verortet die Handlung naheliegend zu Kriegszeiten. Dabei erzählt er die Geschichte geradlinig um Wotan herum und sein Problem, an seine eigenen Verträge gefesselt zu sein. Die genaue Personenführung aller Beteiligten ohne hintergründige Überhöhungen oder trashige Verfremdungen wirkt unmittelbar. Nur dass Siegmund und Sieglinde im zweiten Akt sprachlos Zeugen sind, wie zwischen Fricka, hier (stumm) angerufen von Hunding, und Wotan über ihr Schicksal verhandelt wird, und das erst sechs Monate nach ihrer Flucht, ist nicht schlüssig, die Leiche des toten Hunding auf dem roten Sofa bis zum Schluss ein netter Gag. Immer noch beeindruckend ist das Bühnenbild von Dieter Richter.

© Matthias Jung

Man befindet sich in einem bunkerartigen Einheitsraum, dessen niedrige Decke sich Akt für Akt bis zum Ende sukzessive in die Höhe bewegt. Lichtschächte auf der linken Seite lassen die Dicke der Mauern sichtbar werden, die Weltesche ist ihrer Krone beraubt und stilisiert.. Das Bild mit dem Wrack des amerikanischen Armeehubschraubers, bekannt aus dem Film Apokalypse now, im dritten Akt wird auf ewig mit Die Walküre verbunden bleiben. Aus dem Hubschrauber treten die toten Kämpfer mit sichtbaren Wunden auf nacktem Oberkörper. Die Kostüme der Herren muten gegenwarts-militärisch an. Die Walküren tragen rote Roben über einem Ansatz von Brustpanzer (Kostüme: Renate Schmitzer). Ob dieses ästhetisch beeindruckende Setting insgesamt angesichts des gegenwärtigen brutalen Krieges in Europa noch angemessen ist, mag diskutiert werden; andererseits geht es in dem Stück immerhin  um den Gegensatz von Macht und Liebe und von daher ist es aktuell wie nie zuvor. Wagner erweist sich hier wieder einmal als ein zeitloser Meister von Grundsätzlichem, und wenn er dann noch so bildgewaltig und musikalisch (bis auf die erwähnte Ausnahme) auf hohem bis höchstem Niveau präsentiert wird wie hier, ist er ein nachwirkendes Erlebnis. Hoffentlich werden auch noch die verbleibenden beiden Ring-Abende wieder aufgenommen.

Bernhard Stoelzel, 23. Februar 2026


Das Rheingold
Richard Wagner

Deutsche Oper am Rhein Duisburg

22. Februar 2026
Premiere: 28. Januar 2018 in Düsseldorf, 31. Mai 2018 in Duisburg

Inszenierung: Dietrich W. Hilsdorf
Musikalische Leitung: Vitali Alekseenok
Duisburger Philharmoniker

Folgevorstellungen: 8. März und 5. April