Orlandos Zeitreise
Als Deutsche Erstaufführung zeigt die Komische Oper im Schillertheater Olga Neuwirths 2019 an der Wiener Staatsoper uraufgeführten Orlando. Das Werk mit dem Untertitel Eine fiktive musikalische Biografie wurde seit seiner Kreation nicht nachgespielt, was man nach der Berliner Premiere durchaus nachvollziehen kann. Der dreistündige Abend fordert den Zuschauer bis an die Grenze des Ertragbaren – und das in musikalischer wie szenischer Hinsicht.

Das englische Libretto, das die Komponistin gemeinsam mit Catherine Filloux verfasste, basiert auf dem 1928 erschienen gleichnamigen Roman von Virginia Woolf, in welchem die alterslose Titelfigur vom 16. bis ins 20. Jahrhundert lebt und im Laufe der Jahre das Geschlecht wechselt – vom Mann zur Frau wird. Neuwirth hat die Handlung bis in die Gegenwart geführt, so dass in den Videos von Natan Berkowicz Bilder aus den beiden Weltkriegen, der Abwurf der Atombombe, der Holocaust und Episoden aus der 68er-Frauenbewegung bis zum heutigen Rechtspopulismus zu sehen sind. Die polnische Regisseurin Ewelina Marciniak konzentriert sich in ihrer Inszenierung zudem auf die beiden Hauptrollen des Werkes – die Titelfigur und den Narrator, der deutliche Züge der Schriftstellerin Vita Sackville-West, der Geliebten von Virginia Woolf, trägt. Alma Sadé ist die eloquente Erzählerin, von Julia Kornacka im maskulinen Stil von Sackville-West kostümiert. Die mazedonisch-kanadische Mezzosopranistin Ema Nikolovska, zunächst Orlando als Mann in weißer Bluse und schwarzer Hose, beginnt in tiefer Tessitura, häufig in Sprechgesang und männlich wirkender Deklamation, wechselt nach ihrer Verwandlung zur Frau im blauen Kleid in höhere Regionen und weichere, feminine Töne. Die Sängerin meistert die anspruchsvolle Partie bewundernswert.

Die Komposition ist eine zumeist lärmende Collage aus dissonanten Klangfolien, sphärischem Raunen, englischen Madrigalen, flackernder Elektronik, Beiträgen einer Rockband und diversen Zitaten. Man erkennt Purcells „Cold Song“aus King Arthur und seinen Titel „Sound the Trumpet“, eine Passage aus einem Violinkonzert von Johann Sebastian Bach sowie Weihnachtslieder und Kinderreime. Die Chorsolisten der Komischen Oper (Einstudierung: David Cavelius) dürfen in moderater Lage singen, während dem Kinderchor des Hauses (Dagmar Barbara Fiebach) bis an die Schmerzgrenze kreischender Gesang verordnet ist. Eingeblendet wird die Stimme Churchills, sechs Geräuschemacher mit Rasseln, Schellen, Kokosnuss-Schalen und anderen bizarren Teilen komplettieren den Sound. Zu diesem chaotischen Wirrwarr kommt die Kombination von Gesang und Sprache, welche das Verständnis erschwert und die Interpreten enorm fordert. Johannes Kalitzke, Spezialist für die Moderne, behält jederzeit den Überblick und vereint die verschiedenen musikalischen Ebenen zu einem gigantischen, freilich strapazierenden Klangkosmos.
Ins Bühnenbild von Mirek Kaczmarek, das rechts von einem Grashügel und einer Eiche dominiert wird, schiebt sich immer wieder eine Box herein, welche das Zimmer von Orlando mit gemusterter Tapete, Schreibtisch und einem Bücherstapel zeigt.

Die Handlung beginnt 1598 in England. Die Ankunft von Queen Elizabeth I. in kolossaler, mit goldenen Applikationen verzierter Krinoline markiert ein attraktives Bild und Karolina Gumos ist sogar tonaler Gesang zugestanden. Solchen darf auch Anna Nekhames als Sasha in weißem Pelz mit virtuosen Koloraturen bedienen. Wenn die russische Prinzessin Orlando verlässt, stürzt hinten die Eiche zu Boden. Nach dieser Episode Anfang des 17. Jahrhunderts lernt Orlando den Schriftsteller Greene kennen. Die zwiespältige Figur umreißt Günter Papendell markant und gibt später noch Orlandos Ehemann Shelmerdine, mit dem sie ein Kind hat. Der/die non-binäre Kevin(a) Taylor vertritt mit gellender Stimme und exaltiertem Auftritt die queere Szene. Auch der extravagant in weißer Toga und Goldschmuck gewandete Guardian Angel mit dem Counter Eric Jurenas darf zu dieser Kategorie gezählt werden. Schließlich nennt das Haus doch seine Produktion The ultimate queer Sci-Fi hybrid Grand opéra!

Viel Raum gewährt die Regie den choreografischen Beiträgen von Agnieszka Kryst. Oft sind sie im neoklassischen Stil, doch nach Orlandos Verwandlung kippen sie in eine schrille Orgie, in welcher die nackten Tänzer riesige Brüste und überlange Penisse zur Schau stellen. Auch sieht man wieder Vertreter aus der Travestie- und Drag-Queen-Szene in grellbuntem Fantasy-Outfit. All das ergibt eine überbordende, total überfrachtete Optik. Hörbar war auch das Publikum der Premiere am 16. Mai 2026 erschöpft und verließ nach einem Achtungsbeifall ungewohnt schnell den Saal.
Bernd Hoppe, 18. Mai 2026
Orlando
Olga Neuwirth
Komische Oper Berlin im Schillertheater
Besuchte Premiere: 16. Mai 2026
Inszenierung: Ewelina Marciniak
Musikalische Leitung: Johannes Kalitzke
Orchester der Komischen Oper Berlin