Dresden: „Götterdämmerung – konzertant“, Richard Wagner

Im laufenden Jahr, in dem sich die Uraufführung des Richard Wagnerschen Ring des Nibelungen zum 150. Mal jährt, nimmt es nicht Wunder, dass viele Opernhäuser an diesem Ereignis mit Neuinszenierungen oder konzertanten Aufführungen teilhaben. Auf dieser Opernfreund-Plattform ist bereits die eine oder andere Inszenierung kommentiert worden. Es fällt aber auf, dass die Federn der Rezensenten besonders gespitzt sind, seit im Jahr 2018/19 ein Forscherteam darangegangen ist, die aus der musikwissenschaftlich-philologischen Erfahrung der historischen Aufführungspraxis gewonnenen Erkenntnisse auf die Realisation der Musik Richard Wagners zu übertragen und sich an den Ring zu wagen. Getragen vom Orchester „Concerto Köln“, das auf die Musik des 18. und 19. Jahrhunderts spezialisiert ist, war das ein gemeinsam mit dem Dirigenten Kent Nagano entwickeltes, mutiges Unterfangen. Die Ergebnisse der überaus umfangreichen Wagnerforschung sollten noch einmal neu befragt und – mit allen Konsequenzen – in die Praxis transferiert werden, die szenische Umsetzung (einstweilen?) ausgenommen. Damit wird ein Weg weitergegangen, den bekannte Dirigentenpersönlichkeiten wie John Eliot Gardiner mit der Gründung des „Orchestre Révolutionaire et Romantique“ oder Roger Norrington mit seinen „London classical players“ schon vor vielen Jahren eingeschlagen hatten: Norrington etwa mit der Einspielung der Symphonie Phantastique von Hector Berlioz, die für große Aufmerksamkeit sorgte. Den Einspielungen des Amsterdamer Rings, die Hartmut Haenchen ab 2009 erstmals nach der neuen „Richard Wagner-Gesamtausgabe“ vorlegte, ist seither kein größer angelegter Versuch mehr gefolgt, noch einen weiteren Schritt in die „authentische“ Wagnersche Klangwelt umzusetzen. Die Realisierung der von instrumentalen Innovationen durchzogenen, komplexen Partitur, wie sie die der Götterdämmerung ist, hörbar zu machen, stand also noch aus. So wurde großes Aufhebens um das enorm aufwendige Projekt gemacht und nach einem Anlauf von rund fünf Jahren während der Musikfestspiele im Dresdner Kulturpalast am 14. Juni 2023 die erste konzertante Aufführung des Rheingold unter der Leitung von Kent Nagano öffentlich präsentiert. Unter dem Markenzeichen „Wagner-Cycles“ stand also auf dem Prüfstand, was in Workshops, Symposien, Seminaren seit 2017 entwickelt worden war, nachzulesen in vier Begleitpublikationen, die von 2018 bis 2022 als „Wagner-Lesarten“ herausgebracht wurden und nachzuhören in den Video-Beiträgen auf den diversen digitalen Plattformen. Es wurde das Ergebnis intensiver Recherche, Zusammenarbeit mit Instrumentenbauern und Probenarbeit zur Diskussion gestellt, ein auf den Stimmton 435‘ Hz heruntergestimmtes Orchester mit teils originalem Instrumentarium, das auf das Dresdner Festspielorchester traf, ein Sängerteam, das bereit war, sich auf neue sprachgenerierte Interpretationsdetails einzulassen, später kam der 60köpfige Chor dazu. Die damalige Aufführung wurde erst einmal verhalten als Experiment wahrgenommen (Besprechung u.a. von Thomas Thielemann vom 15. Juni 2023). Seit diesem ersten coming out, gefolgt von der Aufführung der Walküre in Prag am 9. März 2024, gelang es mit dem konzertanten Siegfried am 16. Juni 2025 in Dresden zu überzeugen und große Begeisterung auszulösen. Der Premiere des vierten Teils der Tetralogie, Götterdämmerung, wurde also am 14. Mai mit großen Erwartungen entgegengesehen. Wenige Wochen vor dieser Premiere hatte ich Gelegenheit, ein Interview mit einem der für die Wagnersche Sprachbehandlung zuständigen Probenbegleiter zu führen, dem Musikwissenschaftler Prof. Thomas Seedorf. Noch einmal konnte herausgearbeitet werden, was die spezifische Wagnersche Gesangsdeklamation gewesen sei, die er gemeinsam mit seinem nach Bayreuth verpflichteten Sprachtrainer, dem aus dem „kleinen Hey“ allbekannten Julius Hey entwickelt hatte, und welche Konsequenzen eine stark konsonantenbetonte Aussprache für die Tempo- und Dynamikgestaltung zeitigt (siehe das Interview vom 2. April 2026).

Am 14. Mai trafen sich also in Dresden zur Eröffnung der Musikfestspiele im nahezu ausverkauften Kulturpalast die Wagnerenthusiasten und natürlich all jene, die bereits am Entwicklungsprozess der „Wagner-Cycles“ teilgenommen hatten. Bestens wurden Pressevertreter eingestimmt und „betreut“ vom Festspielmanagement und Tourismus-Marketing, die einluden, sich in Dresden – kompetent und sachkundig geführt von Autor und Musikwissenschaftler Christoph Münch – nicht nur auf die Spuren Wagners zu begeben.

Nachdem das 100 köpfige Orchester Platz genommen hat in einer von der Sitzordnung im berühmten Bayreuther Orchestergraben im Uraufführungsjahr in einigen Details abweichenden Positionierung, wie z.B. der Anordnung der sechs Harfen rechts des Dirigenten statt im Zentrum vor ihm oder der sieben Kontrabässe links statt zu beiden Seiten, sowie konzertüblich der dem Dirigenten Kent Nagano im Rücken postierten Solisten, begann die Vorstellung mit einem langen Innehalten des Dirigenten. Mit der mächtigen Es-moll/ ces-Dur-Akkordfolge begann dann das Vorspiel, das sich nach dem Diminuendo zum „p“ in den Holzbläsern tastend entfaltete und sich in einer fließenden Bewegung auf den Einsatz der ersten Norn (Jasmin Etminan) zu entwickelte, die den dramatischen Handlungsstrang an die zweite (Marie-Luise Dressen) und dritte Norn (Valentina Farcas) weitergibt. Von dieser Entwicklungsarchitektur bis zu den rhythmisch scharfen Akzentuierungen und gezielt eingesetzten col legno-Passagen und Portamenti in den Streichern, dem Einsatz der Windmaschine vor der Waltrautenszene im 1. Aufzug, war der ganze Abend gezeichnet. Um so mehr ist es zu bedauern, dass von einer szenischen Realisation Abstand genommen wurde, wie immer sie unter der Authetizitätsprämisse ausgesehen hätte. Es gab, abgesehen von den Hornrufen der Bühnenmusik, die auf dem Rang platziert wurde, nur dann und wann halbszenische Andeutungen in der Personenführung, Auf- und Abgänge oder im zweiten Akt die drei ebenfalls auf dem Rang positionierten, sehr archaischen Stierhörner. Ihre Verwendung ging als Besonderheit ebenso durch die social media, wie die im Holzbläserapparat verwendeten Kopien oder Originalinstrumente oder die von zwei Spielern bedienten drei Kesselpaukenpaare, deren klares Timbre besonders im Trauermarsch von größter Bedeutung wurde. Die Stierhörner tönten in die Richtung der 52 Mannen (Chor der KlangVerwaltung) herunter, die im 2. Akt hinter dem Orchester Aufstellung genommen hatten und stimmgewaltig dem Hoiho-Ruf Hagens antworten.

 Aus der weitgehenden Reduktion der Gestik und damit der Charakterisierung der Protagonisten, die im Widerspruch zur Personenführung des Tanzmeisters Richard Fricke steht, den Wagner zur Personenregie der Uraufführung hinzugezogen hatte, versuchte sich der mit seiner Rolle geradezu spürbar identifizierte Young Woo Kim als überragender Siegfried immer wieder durch emphatische Mimik- und Gestik zu befreien, namentlich im dritten Akt.

Das gilt auch für die an diesem Abend stürmisch gefeierte Åsa Jäger in ihrem Rollendebut als Brünnhilde. Sie wollte wohl nicht auf ihre Noten verzichten, die vor ihr auf einem Notenpult lagen, agierte jedoch in allen Szenen ihrer herausfordernden Rolle mit dramatischer Körpersprache. Zynisch-überlegen behielt dagegen Patrick Zielke als Hagen die Szene im Blick, der seinen Part ungemein prononciert plastisch auslotet und einen ideal düsteren Kontrapunkt sowohl zu Gunther (Johannes Kammler), wie auch zu seinem Vater Alberich (Daniel Schmutzhard) setzt. Sophia Brommer verkörperte Gunthers Schwester Gutrune und war in den dramatischen Gefühlswechseln, denen sie ausgeliefert wird, geradezu von erschütternder Glaubhaftigkeit. Immer war Nagano bei allen Klangexplosionen um die besondere rhythmische Prägnanz und Lautstärkenbalance bemüht, die sich auf der Opernbühne noch einmal anders und gewiss herausfordernder darstellen würde.

Insgesamt erlebten wir einen spannend eindrucksvollen Abend mit neuen Klangbildern, der nach dem wütenden Tritonus Hagens: „Zurück vom Ring“ und dem neuerlichen Auftritt der Rheintöchter (Ania Vegry, Woglinde, Ida Aldrian, Wellgunde, Eva Vogel, Flosshilde), die „jubelnd den gewonnenen Ring in die Höhe“ halten (Regieanweisung Wagner), in der hoffnungsvollen Liebesverheißung mündet. Der finale homogene, diminuierende Des-Dur Akkord beschloss eine große Aufführung, die trotz einiger offener Fragen den langanhaltenden Applaus verdiente.       

Gabriele Busch-Salmen 20. Mai 2026


Götterdämmerung
Richard Wagner
Dresden Kulturpalast
The Wagner-Cycles, Musikfestspiele Dresden

Premiere: 14. Mai 2026
Konzertante Aufführung

Musikalische Leitung: Kent Nagano
Dresdner Festspielorchester, Concerto Köln
Dresdner Festspielchor der Richard-Wagner-Akademie, Chor der Klangverwaltung