Frankfurt: „Written on Skin“, George Benjamin /Martin Crimp

Written on Skin ist der beispiellose Fall einer zeitgenössischen Oper, die sich in wenigen Jahren auf breiter Ebene im Repertoire durchgesetzt hat. Daß die Uraufführungs-Produktion aus Aix-en-Provence von 2012 in den Co-produzierenden Häusern von London, Amsterdam, Toulouse und Florenz gezeigt wurde, lag in der Natur der Sache. Für die Qualität dieser Produktion sprachen aber bereits Übernahmen in Paris, Wien, München und an der Deutschen Oper Berlin. Daneben gab es schon 2013 in Bonn eine weitere Inszenierung. Es folgten Neuproduktionen in Detmold 2014, St. Gallen 2015, Ulm 2019 und Köln 2020. Kritiker akklamierten das Werk als „beste Oper seit Wozzeck“, also seit knapp 90 Jahren. Tatsächlich ist die äußere Anlage an Alban Bergs Meisterwerk angelehnt mit einer Spieldauer von 90 Minuten und einer Aufteilung in drei Teilen mit insgesamt 15 Szenen.

Elizabeth Reiter (Agnès) und Bo Skovhus (The Protector) / © Barbara Aumüller

Auf den Plakaten zu dieser Produktion ist ein Herz als rohes Stück Fleisch abgebildet, das mit einem Sträußchen Petersilie garniert wird. Es ist der makabere Kern einer seit dem Mittelalter vielfach erzählten Geschichte: Ein eifersüchtiger Ehemann tötet den Liebhaber seiner Frau und setzt ihr dessen Herz als Mahlzeit vor. Als er der Ahnungslosen die Herkunft des Verzehrten enthüllt, begeht diese mit einem Sprung in die Tiefe Selbstmord. Martin Crimp hat daraus ein Opernlibretto gemacht, bei dem neben der mittelalterlichen Erzählebene drei Engel von der Gegenwart aus das Geschehen beobachten, kommentieren und selbst mit den Protagonisten der Haupthandlung interagieren. Einer der Engel schlüpft als „The Boy“ in die Rolle des Liebhabers, der Agnès, bis dahin unterwürfige Frau des „Protectors“, nicht nur sexuell befriedigt, sondern bei ihr einen Akt der Emanzipation gegen ihren dominanten Mann bewirkt. Der hat den Boy als Künstler in sein Haus geholt, damit dieser ihn in Buchmalereien auf Pergament („on skin“) verherrlicht.

Iurii Iushkevich (The Boy) und Elizabeth Reiter (Agnès) / © Barbara Aumüller

Wie stellt man sich einen Engel vor? Wohl genau so, wie Iurii Iushkevich ihn hier verkörpert: mit langem, blondgelocktem Haar, ein wenig androgyn. Auch sein Countertenor besitzt eine gleichsam überirdische Klarheit und Klangschönheit. Am Rücken offenbaren sich blutverkrustete Stümpfe von Flügeln, die wohl gewaltsam entfernt wurden. Desgleichen sieht man bei den anderen beiden Engeln. Es scheint, dass sie aus dem Himmel in eine experimentelle Welt geworfen wurden. Klaus Grünberg hat dazu ein Bühnenbild ersonnen, von dessen aus schwarzen Dreiecken zusammengesetzter Spielfläche er sagt, sie sehe aus wie eine „nicht fertig gerenderte Computersimulation“. Wenige Kulissenelemente zeigen am hinteren Bühnenrand ein winziges Ensemble von Hochhäusern und ein puppenstubenhaftes Bett. Auch ein Flugzeug zieht gelegentlich am Horizont vorbei.

Das paßt zur Aussage des Komponisten zur chronologischen Zeit der Handlung: Die Oper bewohne „ein seltsames hybrides Territorium – sowohl das 21. Jahrhundert als auch das Mittelalter. Was das gemeinsame Zeitempfinden der Protagonisten auf der Bühne betrifft, so „hören“ diese sich gegenseitig die meiste Zeit nicht und scheinen in getrennten Welten zu leben.“ Die Kostüme von Silke Willrett mischen neben Mittelalter und 21. Jahrhundert noch weitere Epochen bei: Agnès tritt zunächst frühneuzeitlich in schwarzem Kleid mit Spitzenhaube auf, der zweite (weibliche) Engel kommt in Mode der 1920er Jahre daher, der dritte (männliche Engel) trägt leuchtend gelb gefärbte Zitate altdeutscher Tracht samt passenden Schuhen. Dann wieder tragen beide Engel blaue Matrosen-Anzugs-Kleider.

Michael McCown (Third Angel), Bo Skovhus (The Protector) und Cecelia Hall (Second Angel) / © Barbara Aumüller

In diesem Setting präsentiert Tatjana Gürbaca die Handlung klar und schnörkellos mit einer Besetzung, die in allen Partien darstellerisch und musikalisch so ideal ist, wie die Verkörperung des engelhaften Boy durch Iushkevich: Bo Skovhus gibt einen körperlich dominanten Protector mit massivem, wo nötig auch brutalem Bariton, Elisabeth Reiter seine gegen ihre Unterdrückung aufbegehrende Frau mit farbigem Sopran. Selbstbewusst zeichnet Cecilia Hall den zweiten Engel mit ihrem klarem Mezzo, ängstlich-mitfühlend Michael McCown mit hellem Tenor den dritten Engel.

George Benjamin gönnt seinen Figuren Gesangslinien, die ihre Stimmqualitäten herausstellen und zugleich eine optimale Textverständlichkeit gewährleisten. Dazu lässt er das Orchester einen kontrastreichen, suggestiven Soundtrack erzeugen, der von seinen Farben lebt. Da stehen wenige brutale Akkordmassen in einem subtil ausgeleuchteten Gespinst delikater, ungewöhnlicher Klänge, etwa von gestrichenen Kuhglocken und einer Glasharmonika, die vom Frankfurter Opernorchester unter Erik Nielsen plastisch und atmosphärisch präsentiert werden.

Elizabeth Reiter (Agnès) und Bo Skovhus (Protector) / © Barbara Aumüller

Neben dieser jedenfalls über ihre Klangfarben sinnlich gut erfaßbaren Musik wird deutlich, warum anders als bei Musiktheaterwerken üblich Komponist und Librettist auf Spielplänen und Plakaten gleichrangig genannt werden: Martin Crimps Text ist unübersehbar ein Stück (post)moderner Literatur, was formal etwa daran sichtbar wird, daß die Protagonisten selbst die Handlung, die sie gerade darstellen, erzählen und dabei auch ihre direkte Rede in Anführungszeichen setzen. Crimps Sprache ist stark, dicht und schnörkellos. Sie entfaltet eine mitunter archaische Wucht. Der Text alleine würde in dem abstrakten Bühnenbild wegen der intensiven Schauspielleistungen, zu denen Gürbaca ihre Protagonisten animiert, bereits gut funktionieren. Die Regisseurin hält sich mit Deutungen klug zurück, setzt aber ihren Fokus treffsicher auf die Entwicklung der Agnès. Wenn diese am Ende unerschrocken in das blutige Herz beißt, gerät das zum Triumpf über den Protector: Seine Brutalität hat nicht gesiegt.

Diese starke und fesselnde Produktion eines Meisterwerks bietet keinen gemütlichen Opernabend. Wer sich aber auf die dichten 90 Minuten einläßt, wird mit einem intensiven Musiktheatererlebnis belohnt.

Michael Demel, 14. März 2026


Written on Skin
Oper in drei Teilen mit Musik von George Benjamin und einem Text von Martin Crimp

Oper Frankfurt

Besuchte Premiere am 1. März 2026

Inszenierung: Tatjana Gürbaca
Musikalische Leitung: Erik Nielsen
Frankfurter Opern- und Museumsorchester

Weitere Vorstellungen am 21. und 29. März sowie am 5. April.

Trailer