Detmold: „The Wreckers“, Ethel Smyth (zweite Besprechung)

Lieber Opernfreund-Freund,

die Werke der britischen Komponistin Ethel Smyth (1858-1944) erfahren hierzulande in den vergangenen Jahren eine Renaissance. Nach Der Wald in Wuppertal 2024 und The Wreckers in Karlsruhe, Meiningen und Schwerin reiht sich nun auch das Landestheater Detmold in die Theater ein, die den Opern der Komponistin zu neuer Bekanntheit verhelfen wollen. Strandrecht, so der deutsche Titel, unter dem The Wreckers 1906 in Leipzig in deutscher Sprache uraufgeführt wurde, steht seit vergangenem Freitag auf dem Spielplan in Ostwestfalen und zeigt nicht nur, dass das Werk durchaus hörenswert ist, sondern stellt darüber hinaus die enorme Leistungsfähigkeit und das beachtliche Niveau an kleineren und mittleren deutschen Bühnen unter Beweis.

© Landestheater Detmold – Jochen Quast

Das bekannteste Musikwerk der als resolut bekannten Ethel Smyth ist bis heute The March of the Women, der in den 1910er Jahren zu einer Hymne der englischen Frauenbewegung wurde. Deshalb bot es sich geradezu an, dass ich mir am gestrigen Weltfrauentag die zweite Vorstellung der Neuproduktion in Detmold für Sie angesehen habe. Erzählt wird die Geschichte der Bewohner eines kleinen Dorfes an der Küste von Cornwell, die davon leben, gestrandete Schiffe zu plündern und deren Passagiere zu töten. Als bekannt wird, dass ein Verräter die Schiffe des nachts durch Leuchtfeuer vor den gefährlichen Klippen warnt, wird schnell der Dorfprediger Pasco als Schuldiger identifiziert. Doch stellen sich nicht der, sondern seine Frau Thirza zusammen mit ihrem Geliebten, dem Fischer Mark, als Hinweisgeber heraus. Beide werden von der Dorfgemeinschaft in einer Höhle der steigenden Flut ausgesetzt und damit dem sicheren Tod geweiht.

Dass Egoismus und Habgier einer Gemeinschaft unter dem Deckmantel, vermeintlichen Gotteswillen zu erfüllen, zum Leid anderer führt, ist also das Hauptthema des rund zweistündigen Werkes und Hauschefin Kirsten Uttendorf hätte im heutigen politischen Weltgeschehen unzählige Situationen für eine Aktualisierung finden können. Doch belässt sie es bei einer zeitlosen Schilderung ohne konkrete aktuelle Bezüge und erzählt die Geschichte so als allgemeingültige Parabel. Ihren Schwerpunkt setzt sie vielmehr auf der Befreiung der weiblichen Hauptfigur Thirza aus den gesellschaftlichen Zwängen und ihren Kampf gegen das Unrecht und für die eigene Liebe. Kostümbildner Claus Stump hat die Garderobe der ruchlosen Dorfbewohner recht farblos belassen, sie an Schlammgrau und verwaschenes Taubenblau und somit an die Farben der Nordsee angelehnt, die im Vergleich zu anderen Meeresregionen immer ein wenig schmutzig scheint. Die Bühnenaufbauten von Jule Dohrn-van Rossum, im Wesentlichen drei verschiebbare Rampen und eine stilisierte Hütte, wirken fast notdürftig zusammengezimmert, bieten aber einen wandelbaren Rahmen für die häufigen Massenszenen, die Kirsten Uttendorf bisweilen recht statisch inszeniert. Ihre Lesart kommt nüchtern daher und lässt auch dadurch das Geschehen auf der Bühne noch brutaler wirken. Zusätzliche Stimmungen bis zur Decke des Zuschauerraums hin schafft das ausgetüftelte Licht von Jonas Müller.

© Landestheater Detmold – Jochen Quast

Musikalisch ist The Wreckers äußerst reizvoll und eine wirkliche Entdeckung. Erinnern mich weite Passagen von Smyths Der Wald noch an Richard Wagner, ist The Wreckers eher ein Stilmix, in dem sich Wagner’sche Leitmotivik und spätromantische Klänge mit volkstümlich angehauchten Melodien und gebetsartig-hymnischen Chören (exquisit vorgetragen von den von Francesco Damiani betreuten Damen und Herren des Opernchors) abwechseln. Diese vielschichtige Partitur vereint GMD Per-Otto Johansson im Graben mit hörbarer Leidenschaft zu einer klangvollen Symbiose, in der sich die verschiedenen Stile gegenseitig zu befruchten scheinen und eine fast elegante Einheit bilden.

© Landestheater Detmold – Jochen Quast

Elegant und gentlemanlike ist auch der Tenor von Ji-Woon Kim zu nennen. Das aus Südkorea stammende Ensemblemitglied präsentiert die mit Höchstschwierigkeiten gespickte Partie des Mark unprätentiös und ohne merkliche Anstrengung, paart Volumen und Gefühl aufs Vortrefflichste. Seine Bühnen- und Ensemblekollegin Lotte Kortenhaus steht ihm diesbezüglich in nichts nach, spielt die Möglichkeiten ihres facettenreichen Mezzos voll aus, so dass die Duettszenen der beiden nach der Pause zu den musikalischen Höhepunkten des Abends werden. Die rivalisierende Denunziantin Avis, die die beiden als ehemalige Geliebte Marks nicht ohne Eigennutz verrät, findet in Johanna Nylund mit ihrem kraftvoll-glühenden Sopran, der schon fast hochdramatische Züge erkennen lässt, eine würdige und in allen Belangen überzeugende Gestalterin.

© Landestheater Detmold – Jochen Quast

Jonah Sprungin, Jaime Mondaca Galaz und Nikos Striezel trumpfen als Dorfbewohner mit ihren ausdrucksstarken Stimmen auf, während Franziska Pfalzgraf als Mitglied des Opernstudios in der Hosenrolle des Jack mit feinem Sopran überzeugt. Einziger Gast in dieser Produktion ist Marcel Brunner in der Rolle des Predigers Pascoe. Dass ausgerechnet der mich nicht so überzeugen kann wie die Ensemblemitglieder, ist schade, verfügt er doch über einen an sich klangschönen Bassbariton. Für die glaubwürdige Verkörperung der religiösen Instanz der Dorfgemeinschaft fehlt der Stimme des jungen Sängers allerdings noch etwas Ehrfurchtgebietendes, etwas Sonores.

Doch das ist Jammern auf höchstem Niveau und schmälert den positiven Gesamteindruck des Abends kaum. Nutzen Sie also gerne eine der wenigen verbliebenen Gelegenheiten, The Wreckers und Ethyl Smyth in Detmold kennenzulernen.

Ihr
Jochen Rüth

9. März 2026


The Wreckers
Oper von Ethel Smyth

Landestheater Detmold

Premiere: 6. März 2026
besuchte Vorstellung: 8. März 2026

Regie: Kirsten Uttendorf
Musikalische Leitung: Per-Otto Johansson
Symphonisches Orchester des Landestheaters Detmold

Trailer

weitere Vorstellungen: 13. und 27. März, 29. April sowie am 2. Mai 2026