Die schwedische Komponistin Elfrida Andrée (1841–1929) gehört zu den bemerkenswertesten, lange unterschätzten Gestalten der skandinavischen Musikgeschichte. Als Organistin, Dirigentin und Komponistin war sie eine Pionierin in mehrfacher Hinsicht: Sie gehörte zu den ersten Frauen in Schweden, die ein professionelles Musikstudium absolvieren durften, und setzte sich aktiv für die Öffnung kirchlicher und musikalischer Ämter für Frauen ein. Ihre Musik ist in jüngerer Zeit vermehrt zu hören, und so wagte sich das Essener Aalto-Theater auch an die szenische Erstaufführung von Andrées Oper Die Fritjof-Saga. Bisher waren nur konzertante Aufführungen und eine Bearbeitung als Kammeroper erlebbar.
Die einzige Oper der Komponistin entstand in einer Zeit, in der sich in Skandinavien ein ausgeprägtes Interesse an nationalen Mythen und historischen Stoffen entwickelte. Andrée griff einen Stoff auf, der bereits im 19. Jahrhundert enorme Popularität besaß und vielfach literarisch und musikalisch verarbeitet worden war. Niemand geringeres als Selma Lagerlöf schuf das Libretto zum Werk. Die Komponistin arbeitete mehrere Jahre an dem Werk und entwickelte eine Partitur, die sich nicht hinter den Werken prominenter Zeitgenossen verstecken muss. Obwohl die Oper zur Zeit ihrer Entstehung auf Interesse stieß, blieb ihr der dauerhafte Platz im Repertoire versagt – nicht zuletzt aufgrund der strukturellen Hindernisse, denen Komponistinnen im Musikleben des 19. Jahrhunderts ausgesetzt waren.

Die Handlung folgt der bekannten nordischen Legende um den Helden Fridtjof und seine geliebte Ingeborg. Fridtjof, ein mutiger und unabhängiger Krieger, liebt die Königsschwester, doch König Helge verweigert die Verbindung und schickt ihn auf gefährliche Fahrten ins Exil, um ihn aus dem Weg zu räumen. Ein Krieg tobt im Lande. König Ring geht aus diesem als Sieger hervor, und so verspricht König Helge ihm Ingeborg zur Frau. Helges Gemahlin, Guatemi, enthüllt jedoch, dass Ingeborg weiterhin an den ins Exil verbannten Fritjof denkt. Trotz diesem Wissen heiratet Ring die Prinzessin. Als Fritjof später aus der Verbannung zurückkehrt und Ingeborg nicht mehr vorfindet, eskaliert der Konflikt zwischen ihm und Helge – Verwüstung und Zerstörung sind die Folge. Getrieben von Sehnsucht kehrt Ingeborg schließlich in ihre inzwischen verwüstete Heimat zurück, wo Fritjof bereits auf sie wartet und mit ihr fliehen möchte. Doch Ingeborg entscheidet sich gegen ihn und bleibt an der Seite Rings. Bei einem Fest des Königs treffen Ring, Ingeborg, Fritjof und Guatemi schließlich aufeinander. Was zunächst wie der Beginn einer gefährlichen Eskalation wirkt, endet überraschend nicht in Gewalt, sondern in besonnenen und versöhnlichen Entscheidungen, die einen hoffnungsvollen Ausblick eröffnen.
Die Essener Produktion baut eine Rahmenhandlung um diesen folkloristischen Stoff, der uns zu Beginn des Abends nicht in den Baldur-Temple führt, sondern in einen heutigen Bunker. Im Bombenhagel zittern die anwesenden Frauen und fürchten um ihr Leben, bis eine von ihnen beginnt, die Fritjof-Saga vorzulesen, und so weitet sich auch die Enge des Bunkers und das Spiel nimmt seinen Lauf. Regisseurin Anika Rutkofsky schafft damit einen Überbau, der die Wikingeroper ein wenig ans Heute andockt – ansonsten bleibt die Inszenierung aber weitestgehend unauffällig und stellt sich mit solider Personenführung und einer nicht allzu sehr in die Tiefe gehenden Psychologie in den Dienst des Werkes. Zeitweise gerät alles ein bisschen statisch, ein bisschen blutarm.
Frank Philipp Schlössmann hat sich für einen wandelbaren Raum entschieden, der zwischen grauer, zeitloser Halle und der Weite eines Waldes wechselt und durchaus starke atmosphärische Bilder produziert. Absoluter Tiefpunkt des Abends sind die peinlichen Kostüme von Bente Rolandsdotter, die teilweise Wikinger-Parodie sind oder wie bei weiten Teilen des Chores an Einfallslosigkeit nicht zu überbieten sind – ein bisschen was aus dem Fundus, ein bisschen was Kariertes, das muss reichen. König Ring darf als Knallcharge kostümiert gegen Streifenleggings und Wikingerhelm anspielen – das macht den Abend kleiner als er ist.

Musikalisch offenbart die Aufführung die Qualitäten von Andrées Partitur: breite melodische Linien, farbige Orchestrierung und ein Sinn für dramatische Steigerungen, der an die spätromantische Operntradition erinnert, zugleich aber eine eigenständige nordische Klangfarbe bewahrt. Man meint, manchmal ein bisschen Mendelssohn zu hören, ein bisschen Grieg, aber doch bleibt es ein eigener Stil. Die Musik ist gefällig, stets tonal und zutiefst der Romantik verpflichtet. Die wirklich dramatischen Passagen sind leider etwas rar gesät. Was fehlt, sind Melodien, die im Ohr bleiben, es gibt kein großes Aha-Erlebnis. So plätschern die knapp drei Stunden dahin. Problematisch ist der oftmals sehr platte und flache Text – ob dies ein Problem des Werkes generell oder der deutschen Übersetzung ist, ist an dieser Stelle nicht zu klären
Dirigent Wolfram-Maria Märtig lotst die Essener Philharmoniker klangschön durch die Partitur und entfaltet üppigsten romantischen Sound – da fließt es, da glüht es, da blüht es. Gerade die Streicher breiten einen so samtweichen Teppich aus, dass es eine Freude ist.
Eine hervorragende Sängerriege nimmt sich des Werkes an, gleichwohl die Tücken der Partitur nicht jedem einen Gefallen tun. So muss Mirko Roschkowski als Fritjof aus dem Nichts in absurd hohe Lagen springen, und so wohl timbriert und schön die Mittellagen klingen, solche Sprünge kann vermutlich kaum ein Sänger so liefern, dass es gut klingt. So eben leider auch hier – in der Höhe wirkt es eng und angestrengt. Übrigens werden auch die Frauen immer mal wieder in Tiefen gejagt, die ein ähnliches Phänomen, nur eben am anderen Ende der Skala evozieren. Ann-Kathrin Niemczyk singt eine betörende Ingeborg und begeistert gerade in den lyrischen Passagen. Friedemann Röhlig als König Helge kleidet die Rolle mit viel Kraft und dennoch klangschön aus. Deidre Angenet vermag besonders szenisch zu überzeugen und lotet die psychologischen Tiefen ihrer Partie aber auch gesanglich akurat aus. Andreas Herrmann präsentiert einen klangschönen, strahlenden Tenor, der (aber auch hier wieder ein Problem des Werkes) nicht so recht zum dahinsiechenden König Ring passen will. Der Chor meistert seinen umfangreichen Part mit eine feinen, homogenen Klangbild.

Am Ende des Abends zeigt sich das Publikum durchaus angetan. Ob das Werk eine Aufnahme in den gängigen Kanon des Musiktheaters schaffen wird, darf aber fraglich bleiben. Die Partitur bietet zwar eine reizvolle Musik, hat aber eben ihre Tücken und wenig, was wirklich in Erinnerung bleibt. Dazu kommt ein sehr schwacher (deutscher) Text, und so sympathisch die große Versöhnung im dritten Akt ist, so kommt sie doch dramaturgisch aus dem Nichts auf die Bühne gestolpert, dass man sich schon fragt, wofür das Drama der ersten zwei Akte denn nun gut gewesen ist. Das Werk hat Klippen, die die Essener Produktion mal besser mal schlechter umschifft. So mag sich der Opernfreund über diese Ausgrabung freuen, und so sei sie auch jedem, der sich für Raritäten interessiert empfohlen.
Sebastian Jacobs, 10. März 2026
Die Fritjof-Saga
Elfrida Andrée
Aalto-Theater Essen
Premiere: 7. Februar 2026
Besuchte Vorstellung: 8. März 2026
Inszenierung: Anika Rutkofsky
Musikalische Leitung: Wolfram-Maria Märtig
Essener Philharmoniker