Valencia : „Salome“, Richard Strauss (zweite Besprechung)

Gelungene modernistische Interpretation

Oscar Wilde schrieb das biblische Drama Salome auf Französisch während seines Aufenthalts in Torquay, inspiriert von Gustave Moreaus Gemälde der hebräischen Prinzessin. Wilde wählte Französisch aus persönlichen und strategischen Gründen, da biblische Themen im viktorianischen Großbritannien nicht aufgeführt werden konnten.

Richard Strauss lernte das Drama bei seinen Uraufführungen in Deutschland in einer Übersetzung von Hedwig Lachmann kennen, einer Dramatikerin und der ursprünglichen Verfasserin des Librettos, das er später auf ein Drittel seiner ursprünglichen Länge kürzte. Der Komponist wollte den philosophischen Nihilismus beibehalten, der Nietzsche nahestand und den Wilde mit seiner dekadenten Kostbarkeit ausschmückte. Salome ist ein Wagnersches Neues Testament, die Läuterung von Wagners Parsifal, liest man im kleinen, aber äußerst interessanten Programmheft. Trotz Strauss’ Bestreben, den Wagnerschen Pfad zu verlassen, blieben Spuren seiner Strukturen in der Architektur dieser neurotischen symphonischen Dichtung erhalten, die mit einem blutigen Liebestod der Salome endet.

© Miguel Lorenzo- Mikel Ponce

Strauss’ sinnliche und perverse Salome kam nun in einer Originalinszenierung der Mailänder Scala in der Regie von Damiano Michieletto mit fünf Aufführungen an die Les Arts in Valencia. Es ist das Opernhaus, das man wegen seines futuristischen Aussehens in der Ästhetik des katalanischen Architekten Sebastian Calatrava Valls auch liebevoll „El huevo“, das Ei, nennt. Die Inszenierung des möglicherweise visionärsten italienischen Regisseurs unserer Tage ist durchaus eindrucksvoll. Sie kommt in einem modernen, zeitgenössischen Gewand daher, reich an Symbolik und mit einer visuellen Kraft, die der biblischen Figur der Salome ein zeitgemäßes Bild verleiht.

Paolo Fatin schuf ein spartanisches geometrisch-symmetrisches Bühnenbild in Schwarz und Weiß, einen bühnenweiten Raum, der in der Tiefe zusammenläuft und eine große Öffnung freigibt, die sich auch schließen kann. Sie nimmt den ganzen Abend über mit den entsprechenden Personen- und Szenenwechseln eine bedeutende dramaturgische Funktion ein. Seitlich gibt es Sitzbänke, auf denen gerade nicht beteiligte Akteure Platz nehmen können und wo auch die fünf Juden und Nazarener agieren. Die Juden lässt Michieletto einen regelrechten Hexentanz um ihre Weisheiten und Überzeugungen aufführen, beim dem sie alle im Unterhemd enden.

© Miguel Lorenzo- Mikel Ponce

Auch Herodes muss sich bei seinem verzweifelt vorgetragenen Kampf gegen die Tötung des Propheten bis auf die Unterwäsche entkleiden – allein es hilft bekanntlich nichts. Herodias lacht ihn obendrein noch aus. John Daszak verkörpert den Tetrarchen ungemein souverän und agil, eine Top-Besetzung mit zudem kraftvoller und facettenreicher Stimme. Michaela Schuster ist die bewährte Herodias mit all ihre bekannten Stärken.

Die Personenregie ist also dem Stück entsprechend intensiv und sieht auch eine ganz ungewohnte Rolle für Narraboth vor. Er ist alles andere als ein Hauptmann und irrt als junger verrückter Spund im Pullover, Fingernägel kauend, auf der Bühne herum, an nichts anderes denkend, als wie an Salome heranzukommen wäre. Am Ende nimmt er Tabletten zum Selbstmord. Der junge und wohl eine exzellente Karriere vor sich habende US-amerikanische Christopher Sokolowski setzt dieses ungewöhnliche Rollenkonzept beeindruckend um und überzeugt wieder voll mit seinem leicht abgedunkelten klangschönen Tenor. Erinnerungen an seinen Lohengrin in Budapest im November 2025 wurden wach.

© Miguel Lorenzo- Mikel Ponce

Auch der Hauptmann hatte ein anderes, durchaus zweifelhaftes Rollenprofil. Er ist ein Kellner, der die ganze Zeit reglos mit einem Tablett mit Sektgläsern herumsteht. Da passte dann natürlich einiges im Text und der Dramaturgie nicht zusammen. Sehr interessant waren jedoch mehrere männliche Engelgestalten, die immer wieder langsamst über die Bühne schritten und somit die Dimension der Wahrnehmung des Geschehens erhöhten und differenzierten – eben auch im Sinne seines biblischen Gehalts. Eine starke Idee des Regisseurs! Carla Teti war für die passenden Kostüme und Alessandro Carletti für das eher reduzierte Lichtdesign verantwortlich. Die allgemein gute Choreografie lag in den Händen von Thomas Wilhelm.

Die mittlerweile im Wagner- und Strauss-Fach bestens verankerte litauische Sopranistin Vida Miknevičiūtė, bekannt für ihr großes Gesangstalent und ihre Fähigkeit, emotionale Komplexität darzustellen, hat sich mit über 50 Aufführungen an den Opernhäusern Wien, München und Berlin sowie an der Mailänder Scala, wo sie in derselben Produktion zu sehen war, als eine der führenden Interpretinnen dieser umstrittenen Rolle etabliert. Auch an diesem Abend ist sie eine beeindruckende Salome, obwohl die Stimme für den letzten Schliff noch etwas mehr Volumen, auch in der Höhe, haben könnte. Darstellerisch ist Miknevičiūtė nahezu perfekt.

Nicholas Brownlee singt den völlig heruntergekommenen Jochanaan und kommt nicht ganz an die dunkel dräuende Düsterheit großer Kollegen in dieser Partie heran. Lioba Braun gibt als Page noch einmal eine gute Visitenkarte ihrer langen und so erfolgreichen Karriere als Wagner-Sängerin. Alle weiteren Nebenrollen waren dem Niveau von Les Arts entsprechend gut besetzt.

© Miguel Lorenzo- Mikel Ponce

James Gaffigan dirigierte das Orquestra de la Comunitat Valenciana mit hoher Intensität in der Zuspitzung der Höhepunkte, insbesondere bei dem sich ins Irrwitzige steigernden Crescendo des Herodes bei dem Versuch, Salome von ihrem schlimmen Wunch abzubringen. Auch die ungewohnte Rolle des Narraboth ließ er vom Orchester bestens ausspielen. Ein gutes und kompetentes Strauss-Dirigat! Les Arts kann auf diese Ko-Produktion stolz sein.

Klaus Billand, 4. Juni 2026


Salome
Richard Strauss

Palau de les arts Reina Sofía, Valencia

Besuchte Aufführung am 6. Mai 2026
Premiere: 25. April 2026

Inszenierung: Damiano Michieletto
Musikalische Leitung: James Gaffigan
Orquestra de la Comunitat Valenciana

Erste Besprechung