Prag, Konzert: „Messa da Requiem“, Giuseppe Verdi

Mit Daniele Gattis Interpretation von Giuseppe Verdis (1813-1901) Messe da Requiem erlebten wir am 4. Juni 2026 das Gastkonzert der Sächsischen Staatskapelle Dresden zum Abschluss des Prager Frühlings 2026 in der Smetana-Konzerthalle in Prag.

Der Konzertsaal befindet sich im Prager Gemeindehaus, dem Obecni dům, einem in den Jahren von 1906 bis 1912 im Jugendstil errichtetem Bau mit inzwischen reicher Geschichte. Der Smetana-Saal hat Platz für 1149 Besucher. Die Schuhschachtel-Form mit 12 000m³ und die Nachhallzeit von 2,3 Sekunden sicherten eine klare, warme Klangentfaltung des Orchesters, des Singvereins der Gesellschaft der Musikfreunde Wien unter Leitung von Johannes Prinz sowie der Sopranistin Eleonora Buratto, der Mezzosopranistin Elina Garanča, dem Tenor Benjamin Bernheim und dem Bassisten Riccardo Zanellato.

Als seinen Beitrag zu einem von Italiens Komponisten gemeinsam gestalteten Requiem für Gioachino Rossini (1792-1868) hatte Verdi im Jahre 1868 das abschließende Responsorium Libera me geschrieben. Aber das Projekt der dreizehn angesprochenen Komponisten scheiterte am Egoismus einiger der Beteiligten. Als im Jahre 1873 der von Verdi hochverehrte Schriftsteller und Humanist Alessandro Manzoni (1785-1873) verstarb, war für Verdi eine tiefe musikalische Ehrbezeugung für den Bewunderten auch patriotisch geboten. So nutzte der Komponist das Begonnene und gestaltete vor die Bitte der Lebenden ein Requiem für den Verehrten. Es war nicht das Werk eines Komponisten, der in der Tradition der geistlichen Musik gearbeitet hatte, sondern die Inspiration eines großen Künstlers aus einer anderen Welt, der sein ganzes Können in den Ausdruck von Todesangst und Trauer geformt hatte. Da gab es keine himmlische Heiterkeit, keinen tröstenden Jesus gegen die Angst vor dem Tode.

Die Erstaufführung der Verdi-Komposition am Jahrestag des Versterbens Manzonis in der Kirche San Marco in Mailand wurde zum Beitrag der liturgischen Zeremonie. Es entstand eine eigenartige Kombination von Teilen Verdis „römischer Ritus-Messe“, die sich mit dem Zelebrieren des „ambrosianisch-gregorianischem Ritus“ des bei San Marco üblichen abwechselten. Immerhin erlaubte der Erzbischof, dass Frauen singen durften, obwohl der Feierlichkeit Diskussionen im Bürgerrat wegen der ungewöhnlichen Lösung voran gegangen waren. Bereits kurze Zeit später folgten drei Aufführungen des Requiems in der Scala, die das Werk in der Folge dauerhaft aus dem liturgischen Zusammenhang herauslösten und die Tonschöpfung im Konzertsaal verankerte.

Daniele Gatti dirigierte offen und zügig, vermied jeden Anklang des opernhaften des Werkes. Sicher führte er die Sächsische Staatskapelle und den Singverein der Gesellschaft der Musikfreunde Wien sowohl bei den wuchtigen Entladungen als auch in den ruhevolleren Abschnitten zu einer perfekten Einheit zusammen und band die vier Solisten perfekt in das Klanggeschehen ein.

Das Orchester behauptete sich in der intelligenten Auslegung der Komposition als hochprofessionell musizierender Klangkörper mit hervorragenden stilistischen Fähigkeiten. Der Streicherklang entfaltete sich in der guten Akustik des Smetana-Saales besonders eindrucksvoll und wurde von den nuancierten Holzbläsern unterstützt. Wie selbstverständlich beherrschte der Singverein der Gesellschaft der Musikfreunde Wien souverän die breiten polyphonen Interaktionen und erreichte stets einen sicheren Zusammenklang mit dem Orchester.

Den Beginn des Requiems ließ Daniele Gatti kaum hörbar intonieren. Wie aus dem Nichts kamen die gedämpften Streicher mit ihrer dämmrigen Stimmung und das Gemurmel der Worte Requiem aeternam, ewiger Frieden, des Chores schienen am Beginn von Irgendwo des Saales zukommen, so dass man sich ihrer Wirkung nicht versagen konnte.

Nach und nach brachte Gatti die Sänger ins Geschehen. Alle vier aufgebotenen Solisten waren mit höchst charakteristischen und aufeinander abgestimmten, sich ergänzenden Stimmen ausgestattet. Konzentriert, mit Formgefühl und Stilempfinden statt mit auffallendem Pathos, waren die Solisten in ihren Aufgaben zu erleben. Die Sopranistin Eleonora Buretto phrasierte mit schlanker Klarheit und nutzte ihre hervorragenden technischen Mittel nach Belieben aus. Der dunkel und warm timbrierte Mezzosopran Elïna Garanča beeindruckte besonders in den voluminösen Tiefen. Benjamin Bernheim konnte mit hoher Spannkraft und tonoraler Stabilität aufwarten. Souverän mit würdevoll charismatischer Haltung setzte Riccardo Zanallato seine kernigen Bassakzente.

Der zweite, der sieben Teile des Messa da Requiem, das Dies irae, der Tag des Zorns, führte mit seinem musikalischen und sprachlichen Bilderreichtum zu einem großen dramatischen Bogen. Hammereinsätze der Blechbläser und wuchtige Schläge der großen Trommel eröffneten den von Gatti grandios beherrschten Wechsel des atemberaubenden Ineinander von Solisten und Chor. Herausragend waren die langen Kantilenen des Ingemisco von Benjamin Bernheim vorgetragen. Trotz der massiven Klangentfaltung wirkte der musikalische Satz nie intransparent und die Übergänge zwischen den klangbetonten und den polyphonen Stellen blieben stets fließend. Mit dem lösend-tränenreichen Lacrymosa schlossen Chor und Solisten die Tage der Rache.

Gattis reiche Requiem-Erfahrung sicherte, dass nach dem gewaltigen „Dies irae“ mit dem vom Solistenquartett prachtvoll gesungene Offertorio, dem Opfergang, das zu Hörende nicht zerfaserte, die Seelen der treuen abgeschiedenen von den Strafen der Höllen befreit werden konnten und auch die Segnung des gewaltigen Doppelchores des Sanctus die Möglichkeiten ihrer Entfaltung erhielten.

Wie eine Retardierung sangen mit sparsamster instrumentaler Unterstützung in beklemmender Harmonie Eleonora Buretto und Elïna Garanča zur Würdigung Jesu das Agnus Dei, das Opferlamm Gottes.

Ewiges Licht und ewige Ruhe erbaten die Mezzo-Sopranistin und die beiden Männerstimmen mit dem Lux aeterna für die Verstorbenen, die nun in das flirrende licht des Himmels eintauchen

Nirgendwo war der unkonventionelle Umgang mit der Liturgie so deutlich, wie im finalen Libera me, als die Sopranistin Eleonora Buratto nach einer rezitativartigen Passage ein flehendes Arioso folgen ließ und nach den donnernden fünf Basstrommelschlägen der Chor die Apokalypse ankündigte. Schaudern macht sich bei den Zurückbleibenden breit bei dem Gedanken, einmal selbst diesen Tag des Zorns, der Unheil und Elend offenbart, erleben zu müssen. Aber Daniele Gatti befiehlt dem Chor einen versöhnlichen Abschluss.

Daniele Gatti hatte mit seinem Dirigat nicht versucht, jene Worte der Liturgie zu glätten, die ihr die Komposition zugemessen hatte. Er verstärkte sogar den rohen Schrecken, den Verdi mit seinem Werk vermitteln wollte und erreichte damit eine grandiose Wirkung seiner Interpretation. Diesem Verdi-Requiem konnte man sich nicht entziehen, auch wenn das Respektlose des Werkes gegenüber der Religiosität betont war.

Ein würdiger Abschluss des Prager Festivals des Jahres 2026 mit der einfühlsamen, sehr persönlichen und äußerst differenzierten unter die Haut gehenden Auslegung des Verdi-Requiems durch Daniele Gatti.

Thomas Thielemann 6. Juni 2026


Messa da Reqiem
Giuseppe Verdi
Prag, Smetana-Saal im Gemeindehaus

4. Juli 2026

Daniele Gatti, Dirigent
Singverein der Gesellschaft der Musikfreunde Wien
Sächsische Staatskapelle Dresden