Das während des Vorspiels zu Giuseppe Verdis La Traviata auf einen Zwischenvorhang projizierte Video zeigt eine von Regisseurin Katharina Kastening hinzuerfundene Vorgeschichte: Violetta ist Mutter von zwei Kindern und aus einem Kriegsgebiet geflohen. Man sieht Bilder von zerbombten Häusern wie in der Ukraine. Das soll offenbar implizieren, dass Violetta aus Not und um ihre Kinder versorgen zu können in dem zweifelhaften Escort-Club gelandet ist. Zu Beginn sieht man sie auch in dem trostlosen Warteflur eines Krankenhaues sitzen, womit der Hinweis auf ihre tödliche Krankheit gegeben ist. Überhaupt der Tod – er ist in dieser Inszenierung fast allgegenwärtig und wird vom Chor in seinen schwarzen, unheimlichen Gewändern repräsentiert. Am Ende ist er es auch, der Violetta im Krankenhausflur in seine Mitte zieht und quasi „verschlingt“.

Die Regisseurin und ihr Ausstatter Matthias Kronfuss legen sich auf keinen genauen Zeitrahmen fest. Die Geschichte könnte heute oder auch vor zweihundert Jahren spielen. In der Textanlage treten zwar Begriffe wie „Auto“ oder „Euro“ auf (und sie springt willkürlich zwischen der Anrede „Du“ und „Sie“), aber deswegen von einer unangemessenen Aktualisierung zu sprechen, wäre übertrieben. Insgesamt wird Violetta Leidensweg durchgängig und schnörkellos erzählt.

Die Schauplätze werden mit herabgelassenen Wänden markiert. – plüschiges Rot im 1. Akt, dann ein heruntergekommenes Landhaus, ein düsteres Ambiente bei Floras Fest, auf dem die Gäste Drogen injiziert bekommen, sowie besagter Krankenhausflur am Schluss. Schließlich erblickt man wie bei einem Rückblick auf Violettas Stationen alle Schauplätze gleichzeitig, ebenso ein kurzes Traum-Video, das Violetta und Alfredo als glückliche Familie zeigt. Wenig erfreulich sind die Kostüme von Matthias Kronfuss, die insbesondere bei Violetta unvorteilhaft und hässlich sind.

Musikalisch kann das Bremerhavener Theater mit einer bemerkenswerten Ensembleleistung überzeugen. Die Vielseitigkeit von Victoria Kunze, die hier regelmäßig in Oper, Operette und Musical glänzt, ist bekannt. Die Violetta dürfte ihre bisher anspruchsvollste Partie sein, Sie erfüllt sie, darstellerisch und gesanglich, in berührender Weise. Die Koloraturen beherrscht sie ebenso wie die großen Gesangslinien. Die emotionale Tiefe, die sie der Partie verleiht, geht unmittelbar unter die Haut. Ihr zur Seite macht der chinesische Tenor Weilian Wang eine ausgezeichnete Figur. Bei ihm muss man vor keinem Ton bangen, auch wenn die Höhe mitunter scharf wie ein Messer klingt. Das Duett im letzten Akt phrasiert er aber mit berückender Zärtlichkeit und schönstem Piano. Für eine Überraschung sorgt auch Marcin Hutek als Giorgio Germont. Er ist zwar kein ausgesprochener Verdi-Bariton, aber er singt die Partie mit viel Noblesse und gibt ihr würdevolle Autorität. Die große Szene mit Violetta im 2. Akt lässt keine Wünsche offen. Aus dem weiteren Ensemble sei noch Boshana Milkov als sehr präsente Flora hervorgehoben. Eine gute Leistung ist auch dem Chor in der Einstudierung von Edward Mauritius Münch zu attestieren.
Marc Niemann am Pult des Philharmonischen Orchesters Bremerhaven gelingt eine sehr stimmige und differenzierte Wiedergabe. Das „Brindisi“ gerät vielleicht etwas „knallig“, aber ansonsten überzeugt die Wahl der Tempi und die dynamische Abstufung durchgängig.
Wolfgang Denker, 15. März 2026
La Traviata
Oper von Giuseppe Verdi
Stadttheater Bremerhaven
Premiere am 14. März 2026
Inszenierung: Katharina Kastening
Musikalische Leitung: Marc Niemann
Philharmonisches Orchester Bremerhaven
Weitere Vorstellungen: 19., 29. März, 4., 10., 16. April, 14., 23. Mai 2026