Rück- und Ausblick
Erst einmal enttäuscht sein wird der reine Opernfreund, wenn er sich das Inhaltsverzeichnis von Peter Gülkes neuem (letztem?) Buch mit dem Titel Menschen. Zeiten. Musik durchliest, obwohl der Titel ihn hätte warnen müssen. Erst als allerletztes von hundert Kapiteln, die dreihundert Seiten füllen, findet sich ein opernträchtiges mit dem Zitat der Marschallin aus Strauss‘ Rosenkavalier: „Versteht Er nicht, wenn eine Sach‘ ein End‘ hat“, in dem es aber weniger um die Musik, sondern eher um Hofmannstals Libretto geht, darum, dass eigentlich Opern-Schluss sein müsste mit dem Duett der jungen Liebenden, das der Oper ein so würdiges Ende beschert hätte, wie das Essay darüber nun dem Buch von Gülke zu einem würdigen Schluss verhilft.

In vielerlei Gestalt tritt uns der Verfasser entgegen. Da ist der Goethe-Kenner, der sich auf die Verwandtschaft mit dem Schwager Vulpius und Rinaldo-Autor, der sich eines ähnlichen Erfolgs erfreuen konnte wie der Dichter des Werther, berufen kann. Man erfährt erstaunt, hätte es eigentlich wissen müssen, dass der in Rom beerdigte Goethe-Sohn durchaus für Enkel des Dichterfürsten gesorgt hatte, und erfährt viel über deren recht trauriges Schicksal. Die Stadt Weimar, die man als aus dem Westen Anreisender zu DDR-Zeiten immer als letzte Bastion des Bildungsbürgertums in der DDR erfahren hatte, wird in den Schilderungen des dort Geborenen und ihr lange treu Gebliebenen noch einmal lebendig, Nähe und Distanz zugleich werden in dem köstlichen Kapitel über den Weimar-Besuch Thomas Manns wahrnehmbar, an vielen Stellen ein Einblick in diese Möglichkeiten gewährt, auf welche Weise man sich in einem totalitären Staat geistige Unabhängigkeit bewahren, aus dem Mangel an Reisemöglichkeiten die Fülle von Heimaterfahrung zaubern konnte, mit scheinbarer Willfährigkeit, so als Opern(!)dramaturg sich Freiheiten erkaufte. Die dem Osten fehlende Auseinandersetzung mit Adorno wird bedauert.
Den Leser berührend sind die vielen Nachrufe, die Wahrnehmung, dass der Kreis der toten Freunde und Weggefährten immer weiter, der der noch lebenden immer enger wird, was natürlich zu Auseinandersetzungen mit dem eigenen, inzwischen mit 91 Jahren beachtlichen Alter führt. Alfred Brendel, Wolfgang Rihm, Dietrich Fischer-Dieskau, Aribert Reimann sind nur einige, denen Nachrufe, wie man sie sich einfühlsamer nicht denken kann, gewidmet sind, und weil er sie besser kannte als wohl die meisten Leser, können diese sich um viel Wissen bereichert fühlen, zu besserem Verständnis geführt werden.
Revue passieren lässt Gülke viele Orchesterwerke, die ihn beschäftigt haben und noch beschäftigen. Neben vielen anderen gehören dazu die Goldberg-Variationen, Bergs Violinkonzert, Schönbergs Klavierstücke, Mozarts letztes Klavierkonzert, Ruzickas siebentes Quartett, Brahms‘ d-Moll Klavierkonzert, die Pathetique, Mahlers Zehnte. Aber Interesse und Wissen sind nicht auf die Musik beschränkt, die bildenden Künste sind mit Caspar David Friedrich oder Lyonel Feininger, mit Turner und Monet vertreten, Max Brod wird wegen seiner Bewahrung von Kafkas Werk gerühmt. Das Wissen um und das Verstehen von allem ist phänomenal und die Fähigkeit, den Leser dafür zu interessieren, enorm.
Auch zeitlich gibt es keine Grenzen für Peter Gühlke, ist ihm die griechische wie römische Klassik ebenso vertraut wie das europäische Mittelalter und die Kunstformen, die sie hervorbrachten, und es werden dem Leser tiefe Einblicke in diese Welten vermittelt. Da ist es dann ein weiter Sprung zum Gedenken, das eine zerbrochene grüne Kachel auslöst. Neben den bekannten Namen aus der Welt der Kultur ( aber auch Elizabeth II. und Gorbatschow ) tauchen auch Vornamen auf, geht es um Lieben, Freunde, Kollegen, mit denen der Leser bekannt gemacht wird oder die für ihn wieder zum Leben erweckt werden.
Geographisch hingegen spielt neben Weimar der Stechlin eine bedeutende Rolle, sind ihm zwei Kapitel gewidmet. Oft ist es ein Zitat, so „Soave sia il vento“ oder „Et lux eterna luceat eis“, das Reflexionen auslöst, das den Leser in die Gedankenwelt des Autors entführt. Dass diese auch oft um Alter und Tod kreist, ist nicht verwunderlich, aber nicht Schrecken erregend, sondern eher zum sich in das Unvermeidliche Fügen stimulierend.
Es gebe noch vieles an Inhaltlichem zu erwähnen, was in den mal wenige Zeilen, mal viele Seiten umfassenden, ohne Seitenwechsel aufeinander folgenden Kapiteln aufzuspüren ist, aber das würde bedeuten, dem Leser die Freude des Entdeckens vorzuenthalten. Erwähnt werden muss aber unbedingt die überaus reiche, bildhafte, farbige und Kommunikation anbietende Sprache, in der das Buch verfasst ist und die es nicht nur Würdigung von Kunstwerken jeder Art, sondern selbst und zwar sprachliches Kunstwerk sein lässt. Letztendlich fühlt sich so auch der nicht ganz und gar mit Scheuklappen geschlagene Opernfreund ungemein bereichert.
Ingrid Wanja, 16. März 2026
Peter Gülke: Menschen. Zeiten. Musik
Bärenreiter/Metzler 2026
300 Seiten
ISBN 978 3 7618 7327 4 (Bärenreiter)