Dortmund, Konzert: „Siegfried“, Richard Wagner

Konzertante Aufführungen gerade der Ringtetralogie erfreuen sich offensichtlich zunehmender Beliebtheit. Kent Naganos Wiedergabe von Wagners Monumentalwerk im Rahmen des Projekts „The Wagner Cycles“ mit abschließenden Aufführungen der Götterdämmerung u.a. in Köln (04. Juni 2026), Hamburg (26. Mai 2026) und Dresden (14. Mai 2026) oder Patrick Hahns großes Abschiedsgeschenk als GMD Wuppertal, nämlich die Präsentation der  kompletten Ringtetralogie in der Historischen Stadthalle Wuppertal, werden und wurden vom Publikum begeistert aufgenommen. So auch nun in Dortmund, wo Yannick Nézet-Séguin mit dem Rotterdam Philharmonic Orchestra nach triumphalen Aufführungen von Das Rheingold (2022) und Die Walküre (2024) mit dem Siegfried jetzt den dritten Teil von Wagners Monumentalwerk zur konzertanten Aufführung brachte. Offensichtlich zeigen sich viele Hörerinnen und Hörer mehr und mehr darüber erfreut, dass sie nicht abwegige Inszenierungen des modernen Regietheaters über sich ergehen lassen müssen, die noch im besten Fall die musikalische Darbietung nicht beschädigen. In Dortmund wollte man auf eine gewisse szenische Performance allerdings dennoch nicht verzichten und so mühte sich das großartige Ensemble in pantomimischen Übungen, die mitunter doch eher komisch wirkten. Gerne hätte man den Protagonisten zugerufen: Weniger ist mehr!

Im dritten Teil von Wagners Tetralogie Der Ring des Nibelungen begegnen einem in Anlehnung an das mittelalterliche Nibelungenlied verstärkt märchenhafte Elemente. Tatsächlich wollte Wagner ursprünglich eine Märchenoper in Anlehnung an Grimm über eine Märchenfigur schreiben, die auszog, das Fürchten zu lernen. Dieser Motivkomplex wird nun in Siegfried mit dem Mythos verbunden. Der ehemalige Goldschmied Mime, dem die sterbende Sieglinde ihren Sohn anvertraut, vermag die von Sieglinde erhaltenen Splitter von Siegmunds zerbrochenem Schwert Nothung nicht zusammenzufügen. Von dem Wanderer erfährt er in der Wissenswette des ersten Aktes die Antwort: „Nur wer das Fürchten nie erfuhr, schmiedet Nothung neu!“ Es ist der junge Held, der Spross aus der Liebe des Zwillingpaares Siegmund und Sieglinde, der das Fürchten nicht kennt, das Schwert Nothung schmiedet und  in diesem  psychoanalytisch überfrachteten Coming-of Age-Stück auszieht, ihm auferlegte Prüfungen zu bestehen und  das Fürchten zu lernen. Das Fürchten stellt sich  ihm weder im Kampf mit dem Lindwurm Fafner noch in der Begegnung mit Wotan ein, sondern es ist die Erfahrung der Liebe zu der aus ewigem Schlaf durch ihn wach geküssten Brünnhilde, die Siegfried schließlich das Fürchten lehrt.

Über die komplizierte Entstehungsgeschichte von Wagners Siegfried ist viel geschrieben worden. Zwölf Jahre ließ Wagner zwischen der Komposition der ersten beiden Akte und dem dritten Akt verstreichen, in denen er u.a. Tristan und Isolde und Die Meistersinger von Nürnberg komponierte. Immer wieder hat man darauf hingewiesen, dass der Gegensatz zwischen der Waldvogelszene im zweiten Akt mit ihrer an Weber gemahnenden romantischen Waldeinsamkeit, einem eher kammermusikalischen Orchestersatz,  und der tragisch-pathetischen Beschwörung Erdas zu Beginn des dritten Aktes einen scharfen Kontrast, den Wandel vom eher Lichten zum dunkel Dramatischen in der Tonsprache darstelle. Zusammenhang und Einheit garantiert indes Wagners grandiose Kunst der Verwendung von Leitmotiven, von denen es in der Tetralogie über zweihundert gibt. Sie malen nicht nur musikalisch ein Charakterbild der handelnden Personen, verdeutlichen Orte, Dinge und Stimmungen, sondern das Orchester wird auf diese Weise zum sinfonischen Erzähler, tritt gleichberechtigt neben die Personen, welche den Faden der Handlung z.B.  in Rückblenden immer wieder aufgreifen.

Der kanadische Dirigent  Yannick Nézet-Séguin spinnt mit dem fabelhaften Rotterdam Philharmonic Orchestra dieses filigrane Netz leitmotivischer Bedeutungsbezüge ganz wunderbar. Ein samtweicher Streicherklang  bei der musikalischen Umsetzung der Naturbilder, andererseits die Präzision, Farbenvielfalt und Durchschlagskraft der Bläser vor allem im dritten Akt zeigen, welch großartige Orchesterformation sich hier in der Zusammenarbeit mit dem Musikdirektor der New Yorker Metropolitan Opera präsentiert.

Aus dem insgesamt vorzüglichen Ensemble ragt der amerikanische Tenor Clay Hilley noch heraus. Ohne je die musikalische Linie zu verlieren, meistert er die mörderische Partie des Siegfried mit einer Bravour, die einen als Zuhörer nur in Erstaunen versetzt. Wie er in den berühmten Schmiedeliedern des 1. Aktes sich gegen das volle Orchester durchsetzt und auch in den durchweg hohen Lagen mit strahlendem Tenor brilliert, verdient grenzenlose Bewunderung. Dazu artikuliert er den alles andere als eingängigen Text Wagners mit einer Verständlichkeit, welche eine Übertitelung eigentlich überflüssig macht. In den jubelnden Aufschwüngen des Schlussduetts mit Brünnhilde, in das Wagner vor allem seine durch den Tristan neu gewonnene dramatische Tonsprache einfließen lässt, klingt Hilleys Stimme völlig unangestrengt, so als hätte er nicht über drei Stunden heldischer Deklamation hinter sich.

Der taiwanesische Tenor Ya-Chung Huang ist als Mime eine Idealbesetzung. Er singt und spielt Siegfrieds Ziehvater mit leuchtender Stimme, großer Präzision, klarer Diktion und Beweglichkeit und vermeidet dabei eine Überzeichnung dieser von Wagner sehr problematisch angelegten Rolle. Ganz wunderbar gestaltet der irisch-amerikanische Sänger Brian Mulligan die Partie des Wanderers. Mit seinem balsamischen Bariton verleiht er den resignativen Zügen Wotans beredten Ausdruck. Wotan ist eben im Siegfried nicht mehr die imponierende Herrschergestalt. Die Abwandlung des Walhall-Motivs zu vier gleichsam erstarrten Akkordsäulen zeigt eindrucksvoll, wie es um den Göttervater bestellt ist. Schade nur, dass Brian Mulligan im letzten Akt doch stimmlich sehr forcieren muss, um sich gegen die Klanggewalt des Orchesters zu behaupten. Die Reprise der Aufführung in Baden-Baden am 26. April 2026 bietet hier die Möglichkeit zu einer kleinen Korrektur im Zusammenspiel von Orchester und Sänger.

Der koreanische Bassbariton Samuel Youn, langjähriges und verehrtes Ensemblemitglied der Oper Köln und gefeierter Holländer in Bayreuth, singt und spielt den Alberich mit ungeheurem stimmlichem und körperlichem Einsatz und scheut sich nicht, den gealterten,  hasserfüllten und verzweifelten Gegenspieler Wotans mit grellen, „unschönen“ Tönen zu charakterisieren. In den kleineren Rollen überzeugen Wiebke Lehmkuhl als Erda und ganz besonders Soloman Howard als Fafner sowie Julie Roset als bezaubernder Waldvogel ganz ungemein. Auch die amerikanische Sopranistin Rebecca Nash  als Brünnhilde fügt sich in das formidable Sängerensemble wunderbar ein. Ihr Schlussduett mit Siegfried wird dank ihres leuchtenden, in den Höhenlagen geradezu triumphierenden Gesangs zu einem der ganz großen Höhepunkte dieses denkwürdigen Abends.

Das begeisterte Publikum feierte alle Beteiligten an dieser Aufführung mit enthusiastischem, nicht enden wollendem Beifall. Man darf sich jetzt schon auf die Götterdämmerung in zwei Jahren freuen, mit der Yannick Nézet-Séguin seine Interpretation der Ring-Tetralogie zu einem krönenden Abschluss bringen wird.

Norbert Pabelick, 25. April 2026


Siegfried
Richard Wagner
(konzertant)

Konzerthaus Dortmund

24. April 2026

Musikalische Leitung: Yannick Nézet-Séguin
Rotterdam Philharmonic Orchestra