Nach über dreißig Jahren hat sich das Staatstheater erneut der hierzulande selten gespielten Belcanto-Oper in einer Neuinszenierung angenommen und damit die wohl berühmteste Liebesgeschichte der Literatur auf die Bühne gebracht. Romeo und Julia (Giulietta) haben sich bei Bellini und seinem Librettisten Felice Romani schon längere Zeit vor Beginn der Handlung unsterblich ineinander verliebt, obwohl sich ihre Familien, die Capuleti unter Führung von Giuliettas Vater Capellio und die Montecchi, in einer Dauerfehde befinden. Warum diese Feindschaft zumindest verstärkt wurde, zeigten zur Ouvertüre Mitglieder der Kinderstatisterie: Romeo, hier konsequent als weiblich dargestellt, ist die Erbin der Montecchi, die in jugendlichem Alter bei einem tragischen Unfall den Sohn Capellios tötet. Wie es in neueren Inszenierungen inzwischen öfter geschieht, beispielsweise in Passau oder Magdeburg, werden auch in der Braunschweiger Neuinszenierung Romeo und Giulietta als lesbisches Paar angesehen, was konsequent bis zum deutschen Text der Untertitel durchgehalten wird.

Die beiden Frauen stehen in der Fassung des Regieteams unter der Leitung von Jan Eßinger den Männern in einer streng patriarchalen, geradezu mafiös geprägten Welt gegenüber. Das tragische Geschehen spielt sich in einem kargen Betonbau ab, der an den Brutalismus der 1970er-Jahre erinnert. Dahinter wird die prunkvolle Palast-Fassade der Capuleti angedeutet, vor der eine Luxus-Limousine von Capellio steht (Bühne: Marc Weeger). Die Bekleidung ist eher zeitlos; so tragen die mit Pistolen bewaffneten Capulets keine Uniformen, sondern moderne Alltagskleidung (Kostüme: Natascha Maraval); auffällig ist das übertrieben große, Giulietta fast völlig zudeckende rosa Tüllkleid. In der insgesamt doch reichlich trostlosen und düsteren Umgebung wurden die handelnden Personen während der weit ausladenden Arien und Ensembles Bellinis geschickt geführt, so dass bei der wunderschönen, eingängigen Musik die Spannung immer erhalten blieb. Als Beispiel für den starken darstellerischen Einsatz der Protagonisten sei der heftige Zweikampf von Tebaldo und Romeo genannt – das war „action“ pur. Der spektakuläre Schluss des 1. Aktes mit dem durch einen Pistolenschuss in den Auto-Tank ausgelöste Palastbrand beeindruckte. Befremdlich dagegen war der Regie-Einfall zum Ende der Oper, als Giulietta entgegen dem Libretto ihren Vater erschoss.

Die musikalische Verwirklichung hatte wieder beachtlich hohes Niveau, was ganz entscheidend an der souveränen Leitung des zum Bedauern Vieler scheidenden GMD Srba Dinić lag, der alle Beteiligten mit überaus präziser Zeichengebung und anfeuerndem Dirigat zu ausdrucksstarkem Musizieren animierte. Das Staatsorchester Braunschweig kostete auch mit ausgezeichneten Instrumental-Soli wie Horn, Harfe oder Klarinette die vielen lyrischen Szenen tonschön aus und zeigte in den Arien-Schlüssen und Finali den nötigen Elan. Von besonderer Klasse waren die Sängerinnen des Liebespaars, das durchweg intonationsreines Belcanto vom Allerfeinsten vorführte: Mit Romeos Partie hat sich die in Braunschweig sehr beliebte Milda Tubelytė eine weitere wichtige Partie ihres Repertoires erarbeitet. Vom ersten Ton an führte sie ihren charaktervollen Mezzosopran sicher von den tiefen volltimbrierten Passagen über die in bestem Legato geführte Mittellage bis in perfekte Höhen. Die junge Russin Nina Solodovnikova von der Deutschen Oper Berlin gab eine anrührende Giulietta und imponierte mit geradezu betörenden piani sogar in einigen Phasen in extremer Höhe.

Insgesamt solide Leistungen erbrachten die Männer: Philipp Kapeller verbreitete als Tebaldo manchen tenoralen Schmelz, wenn auch die Höhen nicht durchgehend sicher klangen. Lorenzo war Rainer Mesecke, der die zwischen den Fronten agierende Figur glaubhaft darstellte und seinen markigen Bass versiert einzusetzen wusste. Der mächtige Bass von Sungjun Cho passte gut zur Rolle des Capellio. Mit großer Spielfreude und mit wie immer ausgewogenem, zeitweise reichlich lautstarkem Klang gefiel der Herrenchor des Staatstheaters in der Einstudierung von Johanna Motter.
Das Premierenpublikum zeigte mit häufigem Zwischenbeifall und starkem, lang anhaltendem Schlussapplaus allen Beteiligten und dem Regieteam seine große Begeisterung.
Gerhard Eckels, 20. April 2026
I Capuleti e i Montecchi
Oper von Vincenzo Bellini
Staatstheater Braunschweig
Premiere am 19. April 2026
Musikalische Leitung: Srba Dinić
Inszenierung: Jan Eßinger
Staatsorchester Braunschweig
Weitere Vorstellungen: 26. April, 14., 16., 27. Mai und 7. Juni 2026