Das große Ganze
Er gehörte zum Typus „denkender Dirigent“. Oder anders ausgedrückt: Er war ein dirigierender Musikwissenschaftler, dessen Anspruch an die Hörer – im Ziel, die Werke ganzheitlich zu verstehen – wohl genauso groß war wie der, den er an sich selbst stellte. Als ideeller Schüler Theodor W. Adornos wusste er um die Kraft der Kritik – doch ohne Adornos Scheuklappen gegenüber der einstmals „alt“ genannten Musik zu besitzen. Anders als Adorno, der noch einen Schütz nicht ernst nahm und zu Bach ein seltsam gebrochenes Verhältnis hatte, kannte sich Gülke schon in der Ars nova des 13. Jahrhunderts glänzend aus. Sein Buch über die Musik des Mittelalters, 1975 erschienen, wurde aus guten Gründen immer wieder neu aufgelegt. Vielleicht stammte sein Interesse an den Strukturen der Musik aus jener frühen Beschäftigung mit einer Kunst, deren Sentiment sich weniger aus gefühlig sein wollenden Melodien und Akkorden als aus den Prinzipien einer Handwerkskunst ergab, die über eine Objektivität verfügte, wie sie in den Zeitaltern der Romantiken und Nach-Romantiken immer wieder neu erkämpft werden musste. Daher rührte vielleicht auch sein tiefes Interesse an Mozarts letzten drei Symphonien, die er unter der Perspektive eines Zyklus’ analysierte, dessen auf eine „neue Tonkunst“ zielende Logik sich aus dem Zusammenspiel verschiedenster Komponenten ergab: so wie Gülkes Denken dem so leicht wie streng scheinenden Verbund von Sozial- und Kulturgeschichte verhaftet war. Wenn er über Musik schrieb, schrieb er zugleich über den Menschen – und über Strukturen, die das sinnlose Wort vom bewusstlos schaffenden Künstlers scharf abwies. Das machte: seine genaue Kenntnis der Werke, die er sich als Theoretiker und Praktiker, als Musiker wie als Dramaturg, als Musikschriftsteller wie als Ensembleleiter erarbeitet hatte: immer mit dem Blick für das große Ganze. Welcher Generalmusikdirektor konnte schon von sich behaupten, zugleich GMD und Mitglied einer Akademie für Sprache und Dichtung zu sein? Gülkes Freiheitssinn machte nicht an der deutsch-deutschen Grenze Halt, die er 1983 überschritt, um seine Professionen von der DDR in die Bundesrepublik zu verlegen, wo das Klima für musikalische Deutungen, in denen das „Material“ auch mal „Material“ sein kann, wesentlich besser war als in der alten Heimat des geborenen Thüringers, deren Kulturlandschaft ihn tief geprägt hat. Doch verlor sich Gülke nie in l’art pour l’art-Betrachtungen einer von der Gesellschaft entkoppelten Kunst. Hörte man ihn über Wagner reden, schwang die Dresdner Revolution gleichsam mit. Nein, leicht gemacht hat er es seinen Lesern und Hörern nie. Dafür war er zu tief inspiriert worden von jener Musik, die man nicht ohne Grund „groß“ nennt, auch von der musikalischen Moderne, der er, neben seiner Vorliebe für scheinbar Abseitiges, in Wahrheit Bedeutendes – genannt seien nur Schuberts symphonische mahlernahe Fragmente, Udo Zimmermanns Oper vom Schuhu und der fliegenden Prinzessin und die Klassiker der Wiener Schule – in wichtigen Einspielungen und Uraufführungen Reverenz erwies. Ihm zuzuhören war immer lohnend, weil er sich auf die Kunst verstand, die Kunst durch das Wort lebendig zu machen. Wenn er, in Bayreuth oder Nürnberg, über Bruckner oder Wagner redete, bekam man einen Eindruck von den unverwechselbaren Persönlichkeiten, deren Wesen in Werk und Leben selbst dort eins war, wo es, wie bei Bruckner, scheinbar auseinander klaffte. Gülke hielt das alles zusammen, indem er seine tiefe Kenntnis der Formen und der Strukturen der Musik nicht dem Detaileismus oder irgendeinem anderen Ismus zum Opfer brachte, sondern die Bedeutung der Musik – ganz im Sinne seines Wahl-Landsmannes Goethes, der das Wort „Bedeutung“ sehr schätze – einem Publikum nahebrachte, das sich für wesentlich mehr als für die Oberfläche oder äußere historische Daten interessiert. Durchaus nicht nebenbei: Er war ein glänzender Stilist – doch ohne alle Eitelkeit, die eine reiche Stilistik gelegentlich auszeichnen mag.

Erst vor kurzem starben, als sollte es so sein, innerhalb von nur elf Tagen Jürgen Habermas und Alexander Kluge. Eng befreundet, einte sie die Lust am genauen Denken, die sich aus den Erfahrungen der NS-Diktatur verstand. Nun ist mit Peter Gülke, Jahrgang 1934, der jüngste der drei Repräsentanten einer kritischen Nachkriegskultur gestorben. Damit endet auch auf musikpublizistischem und -philosophischem Terrain die Nachkriegszeit, die mit Gülke einen ihrer sensibelsten Vertreter gefunden hat. Die „reiche Ernte“, die er Richard bei Wagner vorfand, muss nun posthum bei ihm gefunden werden.
Frank Piontek, 27. April 2026