Dresden, Konzert: „Camille Saint-Saëns, Claude Debussy, Richard Wagner“, Danielle Gatti & Staatskapelle Dresden – Gautier Capuçon

Das Konzert des 16. Mai 2026 war zugleich das Gastkonzert der Sächsischen Staatskapelle bei den 49. Dresdner Musikfestspielen und die Verabschiedung des Artist in Residence der Saison Gautier Capuçon.

Den Mittelpunkt des 10. Symphoniekonzertes der Dresdner bildete deshalb dessen Interpretation des Violoncello-Konzertes Nr. 1 a-Moll op. 33 von Camille Saint-Saēns mit dem Chefdirigenten Daniele Gatti.

Saint-Saēns (1835-1921) war eine der faszinierendsten Persönlichkeiten nicht nur der französischen Musikgeschichte. Neben einem reichen kompositorischem Schaffen hatte sich das Multitalent unter anderem intensiv  mit Astronomie, Archäologie, Geologie, Philosophie und Biologie beschäftigt. Neben für detaillierte Skizzen von Pflanzen und Tieren nutzte er seine Beobachtungsgabe sowie sein Zeichentalent auch als Karikaturist des gesellschaftlichen Umfelds. Saint-Saēnsʼ Kompositionen zeichnen sich durch ihre klare Strukturen, ihren melodischen Reichtum und meisterhafte Orchestrierung aus. Das Cellokonzert schrieb er in den Jahren 1872 bis 1873, um nach dem verlorenen Krieg französische Kompositionen dem überbordenden Einfluss deutscher Musik insbesondre der von Richard Wagener entgegen zu setzen. Das Werk gehört wegen seiner zwar ausgewiesenen Dreisätzigkeit, aber durchkomponierten Form, sowie der intensiven Solostimme als eines der wichtigsten Cellokonzerte des 19. Jahrhunderts. Es ist eine der wenigen von Saint-Saēns über 700 Kompositionen, die sich im Repertoire hat behaupten können.

© Oliver Killig

Überwältigt hielt man in den ersten Minuten des a-Moll-Konzertes den Atem an, als Gautier Capuçon das Spiel voller Kraft und Energie mit virtuellen Passagen eröffnete. Mit Vehemenz wirbelte sein Bogen über die Saiten und erzeugte eine Expressivität von faszinierender Dichte, die mit dem Orchester wechselte. Sowie sein Spiel nahtlos in die versonnen singende Kantilene überging, verbreitete Capuçon Momente der Ruhe, der Melancholie und Sehnsucht. Augenblicke der Tröstung und der vollkommenen Verzückung folgten. Besonders im fast kammermusikalisch anmutendem Intermezzo bewegte sich sein nuancenreiches Spiel zwischen Zartheit und innerer Spannung. Die Kadenz wirkte eher im Plauderton, als virtuos.

Daniele Gatti begleitete aufmerksam und ließ dem Solisten ausreichend Raum. Gemeinsam formten sie einen von gegenseitigem Respekt und feinem Gespür für Farben und Kontraste geprägten Dialog, den sie mit fulminanter Energie abschlossen.

Mit bewegenden Worten bedankte sich Capuçon beim Orchester und dem Dresdner Publikum für diese für ihn inspirierende Zeit in der Stadt und verabschiedete sich mit einer Bearbeitung des Ohrwurms aus Leo Delibes Lakmé, die er gemeinsam mit den Cellisten des Orchesters regelrecht interpretierte.

Wie eine Komplettierung der französischen Romantik dirigierte Daniele Gatti in der Folge die Staatskapelle das dreißig Jahre jüngere La Mer des Claude Debussy (1862-1918). Mit wunderbaren raffinierten und kunstvoll geschickten Reproduktionen hatte der Komponist in den Jahre 1903 bis 1905 drei seiner Erinnerungen an Erlebnisse in der Natur verarbeitet. Ohne eine herkömmliche Durchführungs- und Steigerungstechnik hatte er den Stimmgruppen und deren Solisten die Voraussetzungen gegeben, ihr virtuoses Können zu offenbaren. Daniele Gatti nutzte die Vielfalt der rhythmischen Struktur, um scheinbar unzusammenhängende Formteile magisch miteinander zu verbinden.

© Oliver Killig

Im Konzert waren die beiden französischen Romantiker von Beiträgen ihres deutschen Zeitgenossen Richard Wagner (1813-1883) eingeschlossen gewesen. Zu Beginn des Abend hatte Daniele Gatti das Vorspiel zum 3. Parsifal-Akt mit dem Karfreitagszauber dirigiert. Jene Melodie vom Ende der Irrfahrt Parsifals, als dieser spürte, wie die Natur erwachte und den Menschen Vergebung zuteil werde. Erst vor wenigen Wochen hatten wir die im Weihspiel eingebundenen Klänge von der gleichen Orchester-Dirigenten-Kombination, allerdings aus dem Graben, gehört. Was von Gatti damals beeindruckend dargeboten worden war, entwickelte sich auf dem Konzertpodium großartiger. Das Orchester klang mit dem etwas längeren Nachhall gefühlt lichter und leichter. So konnte Gatti das Karfreitagsmotiv vom Solo-Oboisten und Solo-Klarinettisten in voller Freiheit über den strahlenden Streicherklang schweben lassen.

Wenn es um die Aufführung konzertanter Wagner-Werke geht, ist Tristan und Isolde seltener in den Programmen der Konzerthäuser zu finden. So war es um so spannender, dass Daniele Gatti und sein Orchester die Tristan-Ausschnitte als Abschluss des Gastkonzertes bei den Dresdner Musikfestspielen 2026 gewählt hatten.

Wagner hatte nach Fertigstellung der Oper zunächst Probleme, das technisch anspruchsvolle Werk im Jahre 1859 auf die Bühne zu bringen. Deshalb stellte er das Tristan-Vorspiel zunächst bei Konzerten gesondert vor. Erstmals im Jahre 1863 verband er den Anfang des Tristans noch mit dem als Verklärung bezeichneten Schlusssatz. Erst nach Wagners Tod, als sich diese orchestrale Kurzform der Oper in den Konzertsälen etabliert hatte, erhielt sie die Bezeichnung Vorspiel und Liebestod. Entstanden war so nebenbei eine Komposition mit einer hohen Dichte und außergewöhnlicher erotischer Suggestivkraft.

© Oliver Killig

Da ich die Musik des Tristan im Laufe der Jahrzehnte nur aus dem Graben gehört hatte, entfaltete sie sich mir auf der Konzertbühne ob der direkten Konfrontation mit den Instrumenten deutlich symphonischer und voluminöser. Vor allem zeichnete sich die vielschichtige Betonung einzelner Instrumenten-Gruppen ab. Gattis Dirigat kam ohne Pathos aus, bot dafür umso mehr Präzision und Virtuosität. Die Staatskapelle musizierte, jeder kleinsten Geste ihres Chefdirigenten folgend, mit Hingabe und größter Perfektion. Der Abend wurde so zu einem weiteren Argument, dass man Wagners Musik besser konzertant spielen sollte.

Thomas Thielemann 17. Mai 2026


10. Symphoniekonzert als Gastkonzert der Staatskapelle bei den Dresdner Musikfestspielen


Richard Wagner: Vorspiel zum3. Aufzug und Karfreitagszauber aus Parsifal
Camille Saint-Saëns: Violoncello-Konzert Nr. 1 a-Moll op. 33
Claude Debussy: La Mer
Richard Wagner: Vorspiel und Isoldes Liebestod aus Tristan und Isolde

Semperoper Dresden
16. Mai 2026

Solist: Gautier Capuçon, Violoncello
Dirigent: Daniele Gatti
Sächsische Staatskapelle Dresden