Wien ist eine Wagner-Stadt. Hier versuchte Richard Wagner den Tristan an der Hofoper uraufführen zu lassen, hier wohnte er, ein wenig an den Meistersingern komponierend, ein Jahr lang, und hier fand er seine Bayreuther Brünnhilde Amalie Materna, auch, mit Antonie Amann, eine reizende „kleine“ Walküre (wohnhaft Papagenogasse 25) – und den Bayreuther Ring-Dirigenten Hans Richter. Man merkt’s in diesem Mai, rund um Wagners 213. Geburtstag, auf ganz besondere Weise: Dem Ring-Zyklus an der Staatsoper sind einige Abende im Musikverein beigesellt worden, so dass man zwischen dem ersten Walküre-Akt im Musikverein und der ganzen Walküre am Ring das Vergnügen hat, ein Konzert zu besuchen, das sich rund um Wagner dreht. Zusätzlich informiert das aktuelle Journal des Musikvereins über Richard Wagner im Musikverein (Titel: Kränze, Bouquets und ein Gewitter), darauf hinweisend, dass Wagner selbst, an just diesem Ort, bereits 1872 Auszüge aus seinen Opern und Musikdramen dirigiert hat: auch aus der Walküre. 1875 standen dann Ausschnitte aus der noch unaufgeführten Götterdämmerung auf dem Programm. Grund genug also, um ein wagnernahes Orchester in den Goldenen Saal einzuladen, das sein Konzert mit Wagner beginnt und, überraschenderweise, auch beendet.
Zwar ist nirgendwo bezeugt, dass Wagner die Sächsische Staatskapelle jemals als „Wunderharfe“ bezeichnet hat; eine authentische Quelle für diese quasi kostenlose Werbung hat sich trotz intensiver Suche bislang nicht gefunden, wird wohl auch nicht mehr gefunden werden, weil sie vermutlich nie existiert hat – aber Wagner hätte Recht gehabt. Die Dresdner verfügen seit Wagners Zeiten über eine Expertise in Sachen Wagner, die einen eigenen Originalitätswert beanspruchen kann. Der ist natürlich vom jeweiligen Dirigenten abhängig. Daniele Gatti, der einst in Bayreuth den Parsifal hinreißend pastos dirigierte und im Wagnerjahr 2013 in Salzburg mit den Wiener Philharmonikern die Meistersinger weniger glücklich zum Klingen brachte, hat einen anderen Stil als, beispielsweise, Christian Thielemann. Doch mit den ersten Takten des Vorspiels zu den Meistersingern von Nürnberg hat er bereits das Publikum erreicht. Sein Wagner und der des Orchesters zeichnet sich im heiter-festlichen Vorspiel auch im unmittelbar hinreißenden Schwung durch eine Delikatesse aus, die mit den Ausschnitten aus dem Parsifal zu eigener Güte gerät. Gatti ist ein Großmeister der Feinmalerei, daher harmoniert das gesamte Programm, so unterschiedlich auch die Werke der drei angesetzten Komponisten auf den ersten Blick anmuten mögen. Wie also klingen Wagner, Saint-Saëns und Debussy an diesem Abend?

Der Goldene Saal hört sich von jedem Platz aus anders an; die vielgerühmte „perfekte Akustik“ ist kein absoluter, sondern ein relativer Wert. Vom mittleren Parkett aus tönt das Vorspiel in forte zunächst ein wenig mulschig, die leisen Stellen aber klingen immer klar, während die dynamisch exponierten Passagen seltsamerweise – der Effekt ist faszinierend – wie aus weiter Ferne zu klingen scheinen. Nach ein paar Minuten aber hat sich das Ohr, genauer: das innere Ohr des Hörers an den leicht verschwommenen Ton der lauten Stellen gewöhnt.
Was aber macht die Zusammenstellung von Wagner mit Sains-Saëns und Debussy quasi logisch und dramaturgisch stringent? Zum einen sind es die biographischen Zusammenhänge: Saint-Saëns kannte Wagner, besuchte die Münchner Rheingold-Uraufführung und 1876 den Bayreuther Ring, schrieb kundige Berichte darüber, war auch in Wahnfried klavierspielend zu Gast und wusste, wer Wagner war. Debussy verehrte den Komponisten des Tristan und des Parsifal und ließ sich in Sachen Harmonie auch vom reifen Wagner inspirieren. Beiden Franzosen aber ist gemein, dass sie nie komponierende Wagnerianer waren, sondern ihren eigenen Stil kreierten. Hört man das erste Violoncello-Konzert von Saint-Saëns, befindet man sich zeitlich im Vollendungsjahr der Kompositionsskizze der Götterdämmerung. Dass in der 1870 uraufgeführten Walküre das Solovioloncello und die Violoncello-Gruppe immer wieder wichtige Partien übernehmen, mag ein zeitbedingter Zufall sein. Allen drei Komponisten aber ist die Abwendung vom Akademismus gemein, selbst im Falle Saint-Saëns’, dem vielleicht immer noch der Ruf anhängt, ein wenn auch großer Akademiker gewesen zu sein. Wenn allerdings Gautier Capuçon das 1. Violoncello-Konzert spielt und die Sächsische Staatskapelle den Orchesterpart übernimmt, werden alle schulmäßigen Festlegungen absurd. Am Abend hören wir ein lustvolles Konzert für einen glänzend aufgelegten Solisten und ein Corps von Musikern, die eine schlichtweg charmante Musik spielen, die innerhalb einer äußerlich einsätzigen Form die Themen so aufstellt und variiert, dass der Zweck des geistvollen Vergnügens vollkommen erfüllt wird (Wagner hätte ein derartiges Konzertwerk freilich überflüssig gefunden). Capuçon ist ein Meister im Herausspielen delikater Effekte und großer Linien, worin ihm die Kapelle willig folgt; die Zugabe, eine Bearbeitung des Blumenduetts aus Léo Delibes Lakmé für sieben Violoncelli, gespielt von Capuçon und den Violoncellisten der Staatskapelle, ist das, was man nobel nennt: ein seidiges Septett, womit die Zahl der rein konzertanten Sätze und der den Opern abgewonnenen Instrumentalsätze am Abend paritätisch ist.
Gatti hat in Bayreuth einen klangsensiblen Parsifal dirigiert; in Wien werden das sich langsam dynamisch steigernde Vorspiel zum 3. Aufzug und der Karfreitagszauber zeitweise zu einer Großstudie im doppelten pianissimo. Bayreuth-Kenner mögen den fast unvermeidbaren Spaltklang bei manch Blechblaseinwürfen bedauern, insgesamt aber klingt auch der Konzert-Parsifal nichts als betörend und so subtil, dass die Folge Wagner-Debussy völlig stimmig ist. Mit La Mer führt Gatti mit der Sächsischen Staatskapelle die Linie der Klang- und Farbausleuchtung fort, um im Finale, dann doppelt wirkungsvoll, bewusst aufzudrehen. Die Erinnerung an ein Konzert des Orchestre National de France, dem der Dirigent 2008 bis 2026 vorstand, 2013 im Cirque in Amiens, zeitigt die Erinnerung, dass Gatti mit jedem Orchester die selben höchst subtilen Klangwirkungen erspielt: bis in den leisesten Bereich, den man „impressionistisch“ nennen könnte. Die Folge Debussy-Wagner ist also ebenso logisch wie die umgekehrte: Vorspiel und Liebestod aus Tristan und Isolde kommen, als weitere noble Zugabe, am Ende so sensitiv in den Goldenen Saal, dass das Glück des Hörers und wohl nicht allein des Wagner-Liebhabers angesichts der stupenden Qualität des Dresdner Klangkörpers im Raumkunstwerk Goldener Saal zuletzt noch gesteigert wird: in der Stadt, die 1862 nach Dutzenden von Proben den Versuch abbrach, das als unspielbar geltende Stück auf die Bühne der Hofoper zu bringen.
Aber ja, Wien ist eine Wagner-Stadt – mit der Walküre und all den anderen, auch gastweisen Wagneriana und wagnernahen Komponierkollegen.
Frank Piontek, 28. Mai 2026
Richard Wagner: Vorspiel zu den Meistersingern von Nürnberg
Camille Saint-Saëns: 1. Violoncello-Konzert
Léo Delibes. Blumenduett aus Lakmé für 7 Violoncelli
Richard Wagner: Vorspiel zum 3. Aufzug und Karfreitagszauber aus Parsifal
Claude Debussy: La Mer
Richard Wagner: Vorspiel und Liebestod aus Tristan und Isolde
Wien, Musikverein
Konzert am 24. Mai 2026
Gautier Capuçon, Violoncello
Dirigent: Daniele Gatti
Sächsische Staatskapelle