Ja, Sie haben richtig gelesen – der gute alte Nabucco erhielt anlässlich seiner neuen kritischen Ausgabe den Originaltitel zurück, unter welchem das Werk des 29-jährigen Verdi 1842 an der Scala uraufgeführt worden war. Gewidmet war die Neuproduktion dem Dirigenten Gianandrea Gavazzeni anlässlich seines 30. Todestages und in Erinnerung an die von ihm 1966, also vor 60 Jahren, geleitete Eröffnungsvorstellung der Scalasaison.
Als Regisseur für die gesanglich luxuriös besetzte Oper war der Südafrikaner mit italienischen Wurzeln Alessandro Talevi verpflichtet worden. Er ließ sich von Gary McCann die Szene erfolgreich bebildern (im 1. Akt Felstrümmer unter einer geborstenen Kuppel, im 2. eine metallene Wendeltreppe, im 3. ein kleines Hoftheater für das Ballett/Divertissement (darüber wird noch zu berichten sein) und im 4. Gitterwände. Die Beleuchtung von Marco Giusti hatte bedeutenden Anteil an der überzeugenden Atmosphäre. McCann war auch für die nicht immer stilsicheren Kostüme verantwortlich, denn überzeugte Abigailles erster Auftritt in einer uniformähnlichen Montur, so trug sie später elegante Abendkleidung. Der Chor war anlassgemäß gekleidet in graue Lumpen für die Hebräer und Uniformen für die Assyrer (die im Laufe der Handlung allerdings an Kosaken gemahnende Kopfbedeckungen erhielten). Sehr elegant auch Fenena, trotz ihres kahlgeschorenen Hauptes. Eindrucksvoll Nabuccos erster Auftritt im von drei Pferden (aus transparenten Metallkonstruktionen) gezogenen Streitwagen.

Was machte laut dem scheidenden Musikdirektor Riccardo Chailly die Sache besonders interessant? Gemäß seiner Vorliebe für noch nie Gegebenes war zum ersten Mal die Balletteinlage zu hören, die Verdi 1848 für das Théâtre Royale de la Monnaie in Brüssel geschrieben hatte, und die seither nicht mehr zu hören, weil nicht auffindbar, war. Als 2019 endlich die digitalisierten unveröffentlichten Dokumente aus der Villa Verdi in Sant’Agata einsehbar wurden, war es möglich, diese Musik „Nabucco“ zuzuordnen. Ihre Dauer beträgt rund zehn Minuten, und bei einem ersten Hören hat man nicht den Eindruck einer epochalen Entdeckung. Talevi entschloss sich angesichts der kriegslüsternen Abigaille für eine der assyrischen, mächtigen Königin Semiramis gewidmete Erzählung in mehreren Bildern. Für die entsprechende Choreographie sorgte Danilo Rubeca, der auch Abigaille in Person in die Tanzgruppe einschloss.
Musikalisch ist von sehr hohem Niveau zu berichten. Chailly, der die Oper, die Verdi zum Durchbruch verholfen hatte, zum ersten Mal dirigierte, hatte sich hörbar intensivst damit auseinandergesetzt und spornte das Orchester des Hauses zu einem dichten Klang an, der nie nach dem verpönten Um-ta-ta-Klang. Wenn es möglich ist, dass sich der Chor des Hauses selbst übertreffen kann, dann tat er es diesmal. Kraftstärke, schwebender Ausdruck, szenische Beweglichkeit – alles war einfach mehr als perfekt.
Große Neugier und Vorfreude charakterisierten das Warten auf Anna Netrebko, an der Scala erstmals als Abigaille. Es ist staunenswert, wie sie ihrer im Kern lyrischen Stimme die dramatische Attacke und die in nahezu Alttiefen führenden Intervallsprünge abringt – wobei abringen nicht der richtige Ausdruck ist, denn die Stimme folgt den Intentionen der Künstlerin, ohne für das Publikum merkliche Anstrengung. Dazu die szenische Leistung als nach Macht strebende, durch ihre Herkunft als Sklavin tief verletzte Königstochter und schließlich ihre von Reue geprägte Todesszene, in der sie den dramatisch geprägten Kolleginnenstimmen die Süße ihres Soprans voraushat (umso entbehrlicher war ihr Tod in den Flammen). Luca Salsi sitzt der assyrische Machthaber vor allem in den aggressiven Momenten wie angegossen, sowohl stimmlich als szenisch. Als Gefangener schlägt er in seinem Wahn wie ein Raubtier um sich, um schließlich in einem expressiven „Dio di Giuda“, das man sich etwas weicher hätte vorstellen können, Jahwe um Vergebung zu bitten. Nach gut 35 Karrierejahren ist die Stimme von Michele Pertusi nicht mehr die durchschlagskräftigste und ein basso profondo war er nie. Aber welche Hoheit, welche im Glauben verankerte Sicherheit strahlt dieser bewundernswerte Zaccaria aus! Francesco Meli wertet die Wurzenrolle des Ismaele mit leuchtendem Tenor und kraftvoller Gestaltung auf. Diese Aufwertung gilt auch für die Fenena von Veronica Simeoni, deren Präsenz auch in Momenten, in denen sie nichts zu singen hat, magnetisch ist. Intensiv und nachdrücklich sowohl Simon Lim als Hohepriester des Baal und Haiyang Guo als Nabuccos treuer Begleiter Abdallo. Als höhensichere Anna ergänzte Laura Lolita Peresivana.
Beifallstürme, die vor allem von den Galerien ausgingen. Die Reaktion des Abonnement- wie Touristenpublikums fiel, wie üblich, verhaltener aus.
Eva Pleus, 21. Mai 2026
Nabucodonosor
Giuseppe Verdi
Teatro alla Scala
Besuchte Vorstellung am 19. Mai 2026
Premiere am 16. Mai 2026
Regie: Alessandro Talevi
Musikalische Leitung: Riccardo Chailly
Orchestra del Teatro alla Scala