Ballett in einem kleinen Studiotheater sieht man als Zuschauer eher selten, weshalb diese unmittelbare Nähe zu den Tänzerinnen und Tänzern eine besondere Atmosphäre schafft. In dieser Spielzeit ist dies in Mönchengladbach zu erleben. Leider mussten aufgrund der Schließung der Fabrik Heeder alle Studioproduktionen in der Krefelder Spielstätte abgesagt werden. Dies betrifft auch den Ballettabend KRMG.tanz 3, der mit zwei Uraufführungen aufwarten kann und nun exklusiv im Studio des Theaters Mönchengladbach zu sehen ist. Wenngleich die Premiere bereits im Dezember 2025 stattfand, sind die Aufführungen über die gesamte Spielzeit 2025/26 im Spielplan zu finden. Mit Black Sheep der jungen japanischen Choreographin Yuri Hamano und Sogni d’oro von Alessandro Borghesani, langjähriges Mitglied im Ballettensemble des Niederrheinischen Gemeinschaftstheaters, werden hierbei zwei sehr sehenswerte Choreographien aufgeführt, die unterschiedlicher nicht sein könnten.

Black Sheep ist ein tiefgründiges Werk über unsere Zeit, in der die Menschen zunehmend ihre inneren Sinne verlieren und in einer Welt voller Reizüberflutungen und Informationen in Hülle und Fülle leben. In der modernen Gesellschaft nimmt die KI eine immer größere Rolle ein. Yuri Hamano gibt jedoch zu bedenken: „Oberflächlich betrachtet sieht alles gut aus, hat aber keine Tiefe. Die Menschen sollen verstehen, welche Informationen für sie wichtig sind. Es ist eine persönliche Entscheidung, wie man lebt, ob man z. B. Sport macht, an die frische Luft geht usw. Von all dem hängt unsere physische und psychische Gesundheit ab. Technologie hat viele Vorteile und ist Teil unseres Lebens – aber nicht alles.“ Von diesen Gedanken inspiriert, schuf sie eine Choreographie, in der zwei Zwillinge einer Gruppe von Menschen gegenüberstehen, die wie automatisiert und gleichgeschaltet durchs Leben gehen. Unterlegt ist dies mit moderner Musik, die stellenweise eher einer Geräuschkulisse als komponierter Musik gleicht. Spannend ist hierbei, wie sich ein Zwilling immer wieder der Masse anschließt, während der zweite Zwilling wie ein schwarzes Schaf alleine dasteht. Neben mehreren Stühlen kommt immer wieder ein langes Tuch zum Einsatz, das effektvoll in die Choreographie einfließt – beispielsweise gleich zu Beginn, wenn sich die Zwillinge wie bei einer Geburt aus dem Tuch enthüllen.

Andrii Gavryshkiv und Alice Franchini tanzen als Zwillinge stark, aber auch die Gruppe mit Nozomi Kakita, Flavia Harada, Radoslaw Rusiecki und Duncan Anderson weiß mit großer Synchronität und intensivem Tanz zu überzeugen. Abgerundet wird das Ensemble von Victoria Hay als Mutter der Zwillinge. Mit einer immer wiederkehrenden Fokussierung auf die innere Wahrnehmung, quasi einem Moment des Innehaltens, zeigt Black Sheep im übertragenen Sinn, wie wichtig es ist, unsere Welt nicht nur durch die virtuelle Brille zu sehen. Während das Internet in früheren Jahren wegen der Verbreitung von Wissen und Bildung gefeiert wurde, besteht heute mehr denn je die Gefahr, von der unüberschaubaren Informationsflut – einschließlich Fake News – überrollt zu werden. Verunsicherung und Angst überschatten unsere Gefühle, sodass unsere Sinne und Emotionen nach und nach verkümmern. All dies wird zwar stellenweise sehr abstrakt, dennoch aber höchst sehenswert auf die Bühne gebracht.

Nach der Pause folgt mit Sogni d’oro eine deutlich klassischere Choreographie. Zu drei kurzen Werken von Sergej Rachmaninow wünscht uns Alessandro Borghesani eine gute Nacht. Der Titel lautet wörtlich übersetzt zwar „Träume von Gold”, allerdings ist es ein gebräuchlicher italienischer Ausdruck, um jemandem eine gute und erholsame Nachtruhe zu wünschen. Frei übertragen könnte man den Titel daher auch mit „Träume schön!” übersetzen, was der Idee der Choreographie sehr nahekommt. Die Idee dazu kam ihm während der Schwangerschaft seiner Frau, als er fasziniert feststellte, dass ein menschliches Wesen bereits vor seiner Geburt träumen kann. In diesem Zusammenhang stellte sich die Frage, was einen Traum beeinflussen kann. Diese Idee setzt er mit Sogni d’oro sehr poetisch um.

Hierbei gibt es keine festgelegten Rollen im herkömmlichen Sinne. Vielmehr sind die drei Tanzpaare Fragmente eines einzigen Wesens, verschiedene Stadien desselben Traums. Das klingt nun ebenfalls sehr abstrakt und stellt hierdurch auch den einzigen Bezug zum Werk vor der Pause her. Es sorgt aber für wunderschön anzuschauende Tanzdarbietungen von Alice Franchini, Victoria Hay, Teresa Levrini, Stefano Vangelista, Illya Gorobets und Emilio Cangá Diego. Letzterer ist derzeit noch Mitglied im Projekt Das junge Theater und zeigt an diesem Abend sein ganzes Können. Zu Recht wird er am Ende von den Zuschauern besonders lautstark bejubelt. Aber auch die anderen fünf Tänzerinnen und Tänzer werden vom Publikum gefeiert. Dass Alessandro Borghesani die Stärken seiner Kollegen und Kolleginnen als langjähriges Mitglied im Ballettensemble des Theaters Krefeld und Mönchengladbach besonders gut kennt, kommt ihm bei seiner Arbeit als Choreograph sicherlich zugute. Oftmals setzt er die sechs Tänzerinnen und Tänzer sehr synchron in Szene. Gleichzeitig setzt er aber auch immer wieder einige Lichtkugeln, die in unterschiedlicher Helligkeit und Farbe leuchten können, geschickt ein, so dass sich ein stimmiges Gesamtwerk ergibt. Ballettfreunden kann dieser Abend mit zwei sehr unterschiedlichen, aber gleichsam sehenswerten Uraufführungen durchaus ans Herz gelegt werden. Zudem hinterlässt er durch die eingangs erwähnte unmittelbare Nähe zwischen Publikum und Künstlern einen bleibenden Eindruck.
Markus Lamers, 4. Juni 2026
Black Sheep / Sogni d’oro
Ballettabend mit zwei Uraufführungen von Yuri Hamano und Alessandro Borghesani mit Musik von Holly Herndon, Trent Reznor – Atticus Ross, CoH – Cosey Fanni Tutti, Antwood, Hatis Noit – William Basinski, Max Cooper und Christof Littmann (Black Sheep) und Sergej Rachmaninow (Sogni d’doro)
Theater Mönchengladbach – Studiobühne
Uraufführung: 7. Dezember 2025
besuchte Vorstellung: 2. Juni 2026
Choreographie: Yuri Hamano / Alessandro Borghesani
Interview und Probenbesuch zu Black Sheep
Interview und Probenbesuch zu Sogni d’oro
Weitere Aufführungen: 17. Juni und 9. Juli 2026 im Theater Mönchengladbach