Oftmals wird Ruggero Leoncavallos Oper Pagliacci im Rahmen eines Doppelabends mit Pietro Mascagnis Cavalleria rusticana aufgeführt. Das Theater Krefeld-Mönchengladbach hat sich jedoch bewusst dafür entschieden, die Oper, die hierzulande auch als Der Bajazzo bekannt ist, für sich allein stehen zu lassen. Mit einer Aufführungsdauer von rund 85 Minuten ohne Pause sollen auf diesem Wege auch neue Zuschauer und Zuschauerinnen für die Oper gewonnen werden. Zu den Aufführungen wurde deswegen auch ein wechselndes Begleitprogramm zusammengestellt: musikalische Einführungen, Nachgespräche mit den beteiligten Künstlern und Künstlerinnen oder eine thematisch passende Krimilesung nach der Vorstellung auf der benachbarten Studiobühne. Durch diese Art der Aufführung wird zudem die musikalische Stärke des Stücks noch stärker hervorgehoben, denn die Musik der Oper ist nicht nur sehr emotional, sie geht mit vielen verschiedenen Leitmotiven auch sofort ins Ohr und ist äußerst eindringlich. Dass das Werk mit Vesti la giubba zudem eine der bekanntesten Arien der Operngeschichte enthält, ist dann fast nur noch „Beiwerk”.

Die musikalische Qualität der Oper ist es dann auch, die das Theater Krefeld-Mönchengladbach besonders eindrucksvoll unter Beweis stellt. Wie der Opernfreund-Herausgeber Peter Bilsing in seiner Premierenkritik bereits festgestellt hat, verdient diese Produktion „volle fünf Sterne für die musikalische Seite”. Der äußerst sympathische Giovanni Conti, der seit der Spielzeit 2022/23 Kapellmeister der Niederrheinischen Sinfoniker ist, durfte bei seiner letzten Premiere am Gemeinschaftstheater am Niederrhein noch einmal zeigen, was er zusammen mit einem hervorragenden Orchester wie den Niederrheinischen Sinfonikern zu leisten vermag, bevor er in der kommenden Spielzeit an die Deutsche Oper Berlin wechseln wird. Opernmusik auf höchstem Niveau erklingt hier aus dem Orchestergraben. Hinzu kommen fünf erstklassige Solisten, von denen vier aus dem eigenen Ensemble stammen. Als Gast wurde lediglich der australische Tenor Aldo Di Toro verpflichtet, der die Rolle des Canio u. a. schon an der Oper Graz, am Theater Ulm und am Åbo Svenska Teater im finnischen Turku verkörperte. Und auch am Niederrhein weiß Di Toro mit seinem wuchtigen, aber dennoch stets klaren Tenor zu überzeugen. Gleichzeitig bringt er die inneren Gefühle des Canio passend auf die Bühne. An seiner Seite steht mit Sofia Poulopoulou eine Sängerin, die mit ihrem lyrischen Sopran die Rolle der Nedda nahezu perfekt ausfüllt. Johannes Schwärsky und Rafael Bruck haben bislang in jeder Rolle überzeugt, sodass auch die Rollen des hinterhältigen Tonio und des jungen Liebhabers Silvio erneut perfekt besetzt sind. Die Solopartien werden abgerundet durch Ramon Mundin aus dem Opernstudio Niederrhein in der Rolle des Beppo. Es ist immer wieder schön zu sehen, wie erfolgreich die Nachwuchsarbeit hier umgesetzt wird, indem die Mitglieder des Opernstudios regelmäßig in allen großen Musiktheater-Produktionen kleinere bis mittelgroße, oftmals auch sehr wichtige Rollen übernehmen dürfen. Hinzu kommt der von Michael Preiser hervorragend einstudierte Opernchor, der in Pagliacci eine sehr große Rolle einnimmt und am Ende wie ein sechster Hauptdarsteller vom Publikum gefeiert wird. Großer Applaus und lautstarke „Bravo“-Rufe zeugen am Ende des Abends davon, dass dem Theater hier einmal mehr ein großer Wurf gelungen ist.

Für die Inszenierung der Oper konnte erneut das Team um François De Carpentries (Regie und Konzeption), Karine Van Hercke (Kostüme & Konzeption) und Siegfried E. Mayer (Bühnenbild) gewonnen werden. Die drei haben am Niederrhein bereits mehrfach erfolgreich zusammengearbeitet und hier zuletzt mit dem Musical Sunset Boulevard überzeugt. Auch dieses Mal sind die Kostüme und das Bühnenbild mit viel Liebe zum Detail gestaltet. Die Inszenierung orientiert sich an einem Krimi und wurde durch den fiktiven Kriminalfall Blutiger Ferragosto aus Dieter Zöchlings 1986 veröffentlichtem Buch Freispruch für Tosca, Jago soll hängen inspiriert, in dem der Autor seinerzeit bereits Leoncavallos Oper aufgegriffen und zu einem großen Kriminalfall ausgeschmückt hat. Aus diesem Grund haben De Carpentries und Van Hercke der Oper einen Prolog vorangestellt, der in einem Gerichtssaal spielt. In diesem äußert sich Canio zu dem von ihm begangenen Doppelmord. Eine Idee, die durchaus Sinn macht, die in diesem Fall aber einen kleinen, aber doch entscheidenden Schönheitsfehler aufweist: Leider wird diese zusätzliche Eröffnungsszene am Ende nämlich nicht wie eine Klammer um die eigentliche Oper aufgelöst. Dabei hätte man lediglich den berühmten Schlussworten der Oper „Die Komödie ist zu Ende.” das kleine Wort „Schuldig!” voranstellen müssen. So hätten diese Worte, gesprochen vom Richter, den Abend passend mit einem Hammerschlag abrunden können. Zudem bleibt das handwerklich sehr gut gemachte Richterpult leider während der gesamten Vorstellung auf der Bühne. Schade, dass man dies nicht nach dem Prolog hat verschwinden lassen, damit das wunderbare Bühnenbild von Siegfried E. Mayer noch besser wirken kann. So verschwanden lediglich zwei der drei Statisten-Richter, da diese in der Folgeszene als Musiker benötigt wurden. Warum sind zwei Richter plötzlich weg und einer bleibt erst einmal sitzen? Erst nach einer kurzen Tatort-Besichtigung, bei der die drei Richter wieder vereint auftraten, verschwanden diese für den Rest des Abends komplett. Am Ende steht das Gefühl, dass man einen durchaus gelungenen Ansatz leider nicht konsequent zu Ende gedacht hat, sondern stattdessen im Verlauf des Abends weitere literarische Fremdzitate in die Geschichte eingeflochten hat, die mehr oder weniger verzichtbar erscheinen. Abgesehen davon gelingt es De Carpentries aber zusammen mit den jeweiligen Darstellerinnen und Darstellern sehr gut, dem Publikum neben der eigentlichen Handlung auch einen Einblick in die emotionale Gefühlswelt der Figuren zu ermöglichen.

Trotz der genannten Kritikpunkte bleibt am Ende somit ein höchst erfreulicher Opernbesuch festzuhalten, der jedem Opernliebhaber sehr ans Herz gelegt werden kann. Leider ist die Auslastung der Folgevorstellungen derzeit noch verbesserungsfähig. Für einen sehr erschwinglichen Eintrittspreis ab 25 bzw. 26 Euro je nach Wochentag erlebt man mit dieser Produktion auf jeden Fall eine Oper von musikalisch allerhöchster Qualität, die auch optisch in vielen Bereichen punkten kann.
Markus Lamers, 15. Juni 2026
Der Bajazzo (Pagliacci)
Oper in einem Prolog und zwei Akten von Ruggero Leoncavallo
Theater Mönchengladbach
Premiere: 14. Juni 2026
Inszenierung und Bühne: François De Carpentries
Musikalische Leitung: Giovanni Conti
Niederrheinische Sinfoniker
Weitere Aufführungen: 19. Juni, 21. Juni, 23. Juni, 25. Juni, 4. Juli, 15. Juli, 17. Juli und ab dem 24. Januar 2027 im Theater Krefeld