Kassel: „Eine Deutsche Symphonie“, Hanns Eisler

Mit seiner 1959 uraufgeführten Deutschen Symphonie, einem antifaschistischen Vokalsinfonie nach Texten von Bert Brecht („Lieder, Gedichte und Chöre“ von 1933, erschienen im Verlag Carrefour zu Paris) wollte Hanns Eisler (1898-1962) im amerikanischen Exil klar machen, „dass eben das bessere Deutschland in den KZs, in den Konzentrationslagern sitzt“, so der Eisler-Forscher Albrecht Dümling. Dazu versuchte der Schüler von Schönberg, die linke Volksfront mit ihren Kampfliedern und avantgardistische bürgerliche Zwölftonmusik zu kombinieren. Musikalisch mischen sich bei Hanns Eisler Bach, Jazz, Kampflieder und Atonalität. Beeindruckt vom dem riesigen Erfolg des Liedes der Moorsoldaten wollte Hanns Eisler mit seiner USA-Tournee gegen den deutschen Faschismus mit zahlreichen eigenen Kompositionen aufrütteln, mit der Symphonie Bürger, Arbeiter und Antifaschisten musikalisch wie kämpferisch einen. Agitation mit Zwölftonmusik? Das war kein Selbstläufer!

© Anja Pawliczek

Das Staatstheater Kassel führte dieses vokalsinfonische, bedeutende Werk erstmalig szenisch auf, kündigt sie an als „Musiktheater nach Hanns Eisler“ und hofft, die Geister der Vergangenheit als Warnung für unser heutiges Deutschland nutzen zu können. Die denkwürdige Inszenierung fand im INTERIM auf dem Gelände der ehemaligen Jägerkaserne statt, wo 1947 bis 49 ein Lager für Displaced Persons bestand, an welches das Mahnmal vor dem Theater erinnert.

In der großen dunklen Halle des Theaters – das Orchester sitzt dem Publikum gegenüber im Parkett – versammelt sich bei offenem Beginn zu diffuser elektronischer Musik von Christoph Scheuer der uniform gekleidete Chor nach und nach auf der Bühne. Orangefarbene Kleider und Haare, blaue Jacketts leisten einen Zeitbezug zu Trump und den USA. In vier Räumen auf drei Bühnenstockwerken einschließlich des kaum einsehbaren Untergeschosses wird sich alles abspielen. Das überreiche Bühnenbild (Pia Maria Mackert) wird während der Aufführung durch wechselnde Lichtprojektionen ergänzt werden.

Den eigentlichen Beginn markiert endlich ein von der Solo-Bratsche piano intoniertes und sofort ins forte aufbrausendes Präludium mit dem berühmten Kriegsgebet Bert Brechts. „O Deutschland, bleiche Mutter, / Wie bist du besudelt / Mit dem Blut deiner besten Söhne“. Dass die Mütter dann das Blut von ihren Händen nicht abwaschen können, macht den Ernst des Werkes erstmalig deutlich.

Bei dem als große Oper aufwendig inszenierten Stück nach der ursprünglich konzertanten Symphonie kann das Publikum die Übersicht über das komplexe Geschehen kaum behalten. Durch projizierte Videoeinspielungen gedoppelt, spielen sich die höchst komplexen Szenen entsprechend den ursprünglichen Sätzen der Symphonie in den verschiedenen Bühnenräumen ab. Die oft dramatische Gestik und Mimik der Darstellerinnen kann infolge dieser Videos intensiv verfolgt werden. Zeitweise erscheinen zusätzlich noch Zeitungstexte hinter dem Publikum auf den Wänden der Interims-Spielstätte, die heute bei tropischen Temperaturen draußen vor allem auch wegen ihrer gut funktionierenden Klimaanlagen geschätzt wurde.

© Anja Pawliczek

Das ursprüngliche „Oratorium“ Eislers wurde in Kassel szenisch dadurch erweitert, dass der Komponist als Figur eingeführt wird (schauspielerisch glänzend Clemens Dönicke), nahezu durchgehend auf der Bühne agiert und das Verhältnis von Volksfront, Arbeiterwiderstand, bürgerlicher Avantgarde und Kunstmusik sprachlich unter Verwendung von Briefen und Texten reflektiert. Textquellen sind dem dünnen Programmheft nicht zu entnehmen. Aber Hanns Eisler hat sich ja immer wieder zu den gesellschaftlichen Grundlagen bürgerlicher Kunstmusik geäußert.

Das Bild einer Apotheke mit Judensternen und Drangsalieren von Passanten ist insofern irreführend, als es Eisler in diesem Werk um den politischen Widerstand gegen Hitler ging, nicht um Judenverfolgung. Die Gedichte Bertolt Brechts werden in elf  Sätzen der Symphonie, unterbrochen von orchestralen Zwischenspielen, dargestellt, u.a. „Zu Potsdam unter den Eichen…“ (Ballade vom Kriegerheim), „KZ Sonnenburg“ (KZ 1933-34 für politische Gefangene. Programmheft hier missverständlich), „Bauernkantate“, das „Lied vom Klassenfeind“ oder auch das „Begräbnis des Hetzers im Zinksarg“. Die laut Programm dafür angegebene inszenatorische Satire erschließt sich bei all dem, was da auf der Bühne passiert, nicht jedem.

Besonders bleibt das Bild in Erinnerung, in welchem Starkregen auf einen weißen Steinway herunter regnet, bis der Flügeldeckel aus Plastikfolie reißt, sich der ratlose Komponist unter ihm in die Pfützen bettet und man versteht „wieso und weswegen da ein Riss geht durch die Welt …weil der Regen von oben nach unten fällt“.

Hanns Eislers Biographie spiegelt die Brüche des 20. Jahrhunderts. Zwölftonmusik in Wien, Flucht nach Dänemark, später in die USA, Rückkehr nach Europa in die DDR, Komposition von deren Nationalhymne. Da ist der Auftritt des Angelus novus von Paul Klee plausibel, der ja nach den Katastrophen des Jahrhunderts Weltangst und Hoffnung symbolisiert. Dem Engel der Verzweiflung (Marta Kristin Friôriksdòtir nicht nur stimmlich außerordentlich präsent auf der Bühne) werden am Ende von den Chortrumpisten die Flügel zerstört. Die ehemalige Volksfront der dreißiger Jahre hat die Seiten gewechselt und wählt heute Trump.

Wenn zuletzt orangefarben bezopfte kleine Mädchen mit Play- und Wohnmobil spielen, lässt sich für die Zukunft nichts Gutes erahnen.

Zwischen den umfangreichen, gesprochenen Texten und der oft lauten elektronischen Musik kommt die originale, höchst durchsichtige Musik Hanns Eislers unter dem präzisen Dirigat von Kiril Stankow kaum zur Geltung, wird durch die umfangreichen Texte, zahllose Bühneneinfälle und die oft bestimmende elektronische Musik phasenweise marginalisiert. Differenziertes, analytisches Hören seiner Musik ist da kaum möglich. Solisten und Chor zeigen alle das hohe Niveau der Kasseler Oper, wobei generell mit Verstärkung gesungen wird.

Fazit: Pralle, aufwendige Veroperung einer historisch wichtigen Chorsinfonie, von der man nur hoffen kann, dass sie Wirkung gegen Rechtsextremismus, Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit entfaltet. Am Ende etwas ratloser, sich aber steigernder Applaus.

Johannes Vesper, 26. Juni 2026


Eine Deutsche Symphonie
Musiktheater nach Hanns Eisler

Staatstheater Kassel

Besuchte Aufführung: 23. Juni 2026
Premiere: 30. Mai 2026

Regie: Paul-Georg Dittrich
Bühne: Pia Maria Mackert
Musikalische Leitung: Kiril Stankow
Staatsorchester Kassel